Kummer 53
MMmoiy, den 4. Wlim 1914,
7 Jaljrgan^
Li- ,L1rue e-grs,«,tuuv- cilcheint jeden Werktag. Regetmäßlgc Beilagen „Der Sauer au» fteNen". ..yir x-umuNnbe". -!e,ua-prc,»l Ke, den ^oitnuitaitcn uicrteliiiljiUilj Ml ~ bei den Agenten monatlich 5V Psg. Hinzu tritt Postgebühr oder Trägerlohn. An,eigen: Erundzeile 2» Plg., totale 15 Pig, Anzeige» vo„ auswärts werden durh vostnachnajme üic \ '■ Erfüllungsort Friedberg. Kchriftleitung und Verlag Friedberg (Hetzen), Hanauerstratze 12. Femiprccher Postscheck-Lonto Re. 4*in, Amt Front»,,, »|.
Ked erficht.
Troppau, dcn 4. März. Kardinal Kapp ist heute nacht 1,35 Uhr gestorben, ohne das Bewußtsein wiedererlangt zu haben. Weihbischof Angustin ist au» Breslau hier eingetroffen, um die nötigen Anordnungen für das Leichenbegängnis zu treffen. _
In der heutigen Nacht starb Bischof Dr. Hubertus Botz von Osnabrück, Apostalischcr Profikar der nord. Mission Deutschlands» nach dem er seit längerer Zeit schwer erkrankt war.
— Tie Strafkammer in Metz dcrnrtcilte gestern Len Landwirt Piccaut wegen Landesverrats zu zwei Jahre» Ge- sängnis und 500 Jt Geldstrafe. Zu der Verhandlung, die unter Ausschluß der Oefsentlichkeit stattsand. waren etwa .!(“ Zeuge» und Sachverständige geladen,
— Tie sächsische Gesellschaft der Wissenschaften vlant eine wissenschasiliche Expedition nach Deutsch Ostafrika, deren Leitung der Privatdozent für Altertumsforschung an der Universität zu Leipzig, Or. Erich Krerikel, übernimmt. Tie Abreise erfolgt Mitte Mürz.
— Tie Baumwollspinnerei Bigano in Easiclsranco (Italien) ist gestern durch ausständige Arbeiter in Brand gesteckt worden. TaI Gebäude brannte nieder. Der Schaden beträgt etwa eine halbe Million Mark.
— Ein schwerer Betriebsunfall hat sich in eineni Stein, leuch bei Sprimont (Belgien) zugetragen. Bei Sprengungs-
ebeitrn ging eine Pulvermine zu früh los. Die sich los- lösenden Felsniasse» begruben dcn Direktor des Stciu- brnches und eine« Arbeiter, die beide getötet wurden. Pier andere Arbeiter wurden schwer verletzt.
— In Konstantinopcl wurden drei Soldaten standrechtlich erschossen. Sie hatten am Samstag die beiden Töchter des Marschalls Lima» von Sanders bei einem Spaziergang an, Bosporus in räuberischer Weise überfallen.
— Tie Zahl der Opfer des Schnresturmcs ist setzt in Gros, Rcwyvrk aus 35 gestiegen. 23 Mann, die sich ans .(lohnen und Schleppern befanden, werden als vermißt ge-
icldet, Ter Materialschaden wird aus nichr als 10 Millio- neu geschaht. Ter Post- und Telegraphendienst beginnt wieder normal zu funktionieren. Die Derkchrsvcrhältnisse spotten jeder Beschreibung, zumal daS Feueralarm-System noch in Unordnung ist.
Der Mckgnng der Anksbemcgimg.
Nr. Julius Bachem schreibt im „Tag":
Das Gesamtbild, welches sich bei der Würdigung aller in Betracht kommenden Momente ergibt, läßt das Zurück- fluten der radikalen Strömung bczw. das Wachstum der rechts gerichteten Parteien deutlich in die Erscheinung treten. Man tut dabei gut, auch ganze Lä>,dcr oder Land- strickjc unter diesem Gesichtspunkte rückblickend ins Auge ,» fassen. Hier kommen zunächst nach dcn unverkeniibar einen Zug nach links aufweisenden Reichstagswahle» die in Württemberg und Baden stattgehabtcn Landtagswahlcn in Betracht.
Die württembergischen Laildtagswohlen im November 1012 brachen die bisherige Mehrheit der Linken, welche allerdings durch eine inzwischen vollzogene Ersatzwahl mit einen. Plus von einem einzigen Mandat wiederhcrgestellt worden ist. Die badischen Landlagswahle» vom 21. Oktober 1913 brachten der Rechten einen bedeutenden Stiin- menznwachs und den Gewinn von sechs Mandaten: während früljcr 44 Mandate der Liberale» und der Sozialdemokraten nur 29 Mandate des Zentrums »nd der Rechten g'genllbcrstanden, verfügt die taktisch verbundene Linke jetzt nur noch über 38, die Rechte über 35 Sitze.
In derselben Richtung wie diese Landtogswahlen, bewegten sich die im vorigen Herbst für einen großen Teil Teutschlands, besonders Preußens, vollzogenen Gemeinde- ratswohlen. Bei diese» erlitt namentlich die Sozialdemokratie starke Einbußen, vor allen, im rheinisch-westsälische» Industriegebiet, sowie i» dcn Jndnstrieorten Thüringen?. Auch bei den im vorige» Jahre crsolgten Wahlen für die Gcwerbegerichtc »nd die Ortskrankenkalsc wurde die So- paldcnwkratie weithin zurückgedrängt.
Schon bei einer ganzer Reihe von Rcichstagswahlen, nicht bloß bei de» in den letzten Wochen vollzogenen, zeigte >s sich, daß die Linksbewegimg am Ziirückslutcu ist. Scheidet na» diejenigen Krcila a»S. i» welche» von einem ernst-
lichen Kampfe zwischen links und rechts nicht die Rede sein konnte, so ergibt sich folgendes Bild:
In Grcisfcnbcrg-Kainin stieg d:r Prozentsatz der ko»- scrvativcn Stimmen in der Ersatzwahl vom 25. November
1912 von 65,8 auf 71,7 v. H., während die Stimmen der Linken von 34,2 auf 28,3 v. H. sielen. In Stolp-Laucnbnrg stiegen am 31. Dezember 1912 die konservativen Stimme» von 54,4 ans 62,5 v. H., während die der Linken von 45,6 aus 37,5 v. H. sanken. Selbst bei der Ersatzwahl in Dresden- Neustadt am 11. Oktober 1913 erzielte die Rechte ein kleines Mehr (von 24,4 aus 25,3 v. H.), während die der Linken von 75,6 auf 74,7 v. H. znrückgingen.
Ganz besonders hat die Zentrnmspartei bei v-rschic- dcnen Ersatzwahlen sehr gut abgeschnitten. Sie bat kein einziges Mandat cingebiißt. In Bamberg stieg der Prozentsatz der Zcntrumsstimmen in der Ersatzwahl am 22. April
1913 von 60,8 ans 65,5 v. H., während die Stimmen der Linken von 39,5 ans 34,2 herabgingcu. Bei der schon erwähnten Ersatzwahl in dem badische» Wahlkreise Ossendiirg Kehl barchte die Zentrnmspartei in der Stichwahl nicht nur die nach dem Ergebnis der Hanptwahl noch fehlenden 389, sondern 878 Stimmen mehr ans gegen 402 des Rotblocks.
Bei der Würdigung der Ersatzwahl in Köln 2 (tiöln- Land) muß man die Struktur dieses Wahlkreise? besonders in Betracht ziehen. Schon 1912 zählte der Wahlkreis 82 000 Wahlberechtigte, deren Zahl inzwischen auf nahezu 9000t! angewachsen ist. Ter Wahlkreis lst trotz seiner Bezeichnung ein ausgesprochener industrieller: schon 1912 gehörten über 78 v. H. der Wahlbercchtigteli den eingrnieindeten Kölner Vororten »nd der Kölner Neustadt an. dir 90 Wahlbezirke bildeten. In diesem Jahre ist die ZM'l der städtische!, Wahlbezirke ans 93 gestiegen. Rechnet man dazu noch die ländlichen Gemeinden mit starker industrieller Arbeiter- bevölkernng, so weist der Landkreis Köln heute kaum noch 10 v. H. rein ländliche Wähler ans. TaL Ergebnis der Wahl Ivur die Wiedcrtvahl des ZentrumSkandidaten mit einer Mehrheit von fast 5000 Stimmen. Zentrum 35 662, Sozialdemokraten 24 400 Liberale 6534 Stimme». Tie ent sprechenden Zahlen der Wahl von 1912 lvarcn: 33 331, 24 203, 850(1; alia rin starker Fortschritt der ZeutrulNs- partei, StiUltand der Sozialdemokratie, starke, Rückgang der Nationalliberalen.
Die Einzelheiten der Ersatzwahl in Köln Land müssen »in deswillen festgehalten lvcrdeu, weil ein großer Teil der liberalen Presse auch der zisferiiliiätzigen Bedeutung dieser Wahl in keiner Weise gerecht wird, namentlich hervorzubeben vergißt, daß int Jahre 1912 die Wahl des Zentrumskandidaten nur niit 33 Stimmen Mehrheit erfolgt war.
Uebcr die Wahl in Jerichow schreibt 9r. Bachem:
Inzwischen hat nun die Ersatzwahl in Jerichow neue. Anhaltspunkte für das Zurllckebbcn der Linksbcwcgung beziehungsweise das Erstarken der Rechtsströuinng geliefert und zwar schon die Hanptwahl. in welcher die Noiiscrvati- ven 12 098 gegen 9870 Stimmen im Jahre 1912 ausbrachten. Auch bei der Stichwahl haben sic zwciscllos noch be- liäckstliche Reserven heranholc» können, wen» auch die Entscheidung zugunsten des konservativen Kandidaten durch das nicht geschlosiene Auftreten der liberalen Parteien herbei- gesübrt worden ist.
Soweit Oe. Bachem. Als ein Zeichen der Zeit verdient weiter benierkt zu werden, daß die Nene Bayerische Landcs- zcitung, der-» Herausgeber, bei Gebr. Memminger, seiner Zeit mit fliegenden Fahnen in das Lager dos iiberaken Bauernbundes und daniit zu der Linke» übergegangcn waren, seit den Tagen der Zabern-Angelegeiiheit recht hörbar von der Reichstogsniehrbeit der Linken abgcrückt sind. Erst gestern lasen wir in dicker Zeitung einen Aussatz, der unter der Ileberschrist: „Die Verschiebung nach Rechts" recht bcinerlenswertc AuSfühclingcn enthält. Es heißt da:
Die Gelehrten mühen sich ab, die Gründe der linksparteilichen Niederlagen bei den letzten Rcichstagswahlen zu erforschen, infolge deren die kleine Mehrheit der Linken im Reichstage aus Null zusamniengeschwunde» ist und daS bis- berige Präsidium alsbald abtrcten wird. Auch die linksseitigen Zeitungen verwundern sich ob solcher Wandlung der Volksseele — ein Zeichen, daß sie keine onfinerksamen Beobachter sind. Das aber war von jeher der größte Fehler in der Politik, die Wirklichkeit nicht sehr und die W-ihrhcit nicht hören zu wollen, lind die Wirklichkeit und Wahrheit ist, daß unser Volk i» wichtigen und , aliu-eidenden Tagen immer deutsch, kerndeutsch, national g<si:.->! ist. Diese Gesinnung bricht durch und laß! sich nicht durch kosmopolitische und deniagvgische Phrasen verkümmern.
Wer mitte» im und mit deni Volke lebt, der konnte gerade wieder in den letzten Monaten erleben, lvie die VolkS- mcinung infolge der Zaberncr Vorkommnisse sich verschob. Ans dem Lande und in der Stadt erhoben besonders die Kriegs-Veteranen wie die gedienten Soldaten ihre Bedenken gegen die Art und Weise, wie viele Zeitungen süe die Wackcs gegen das Militär Partei nabnien Als da»» bei- Reichstag
den, Kanzler ein Mißtrauensvotum anssprach, koniile mu im Volke allenthalben laute Proteste in einer »rdciiticl' » Sprache boren. die einer schiuählickvn Verdonnerung !>,■ Reichstages glcichkame». Das männliche Auftreten de: Obersten von Reuter und das Ergebnis der Gerichtsverhand lung schlug vollends den, Faß der nationalen Entrüstung den Beedn ans, „nd der Reichstag beeilte sich, fein Miß trauenbvotum zu verschonen. Wäre dmmls de, Re'chsla, allsgelöst worden, hätten die Linksparteien — rteimcnlii." ans dem Lande — die schwierigste Stellung gehabt, ic schwierig, wie kaum jemals Und der Niederschlag dies., Vclksstiliiiiliing machte sich schon bei den ReickStagön Wahlen bemcrklich. Daher die Verschiebung nach Rechts. Wer das nicht einsicht. der spielt Voeglstrautz.
pif bad. üntimirtllüirrnlfii ar^ni dci!
Die Debatte der Zweiten Kar,„»er über dcn Antraa de,
WahlPrüfungSkomulissioii, die Wahl des konservativen Aag Schöpsle für ungültig zu erklären, endigte nach 2'ästündigei- Dauer niit dem überraschenden Ergebnis, daß die Wabs Schöpslcs mit den Stimmen de? Zentrimrs, der Rechlen uul» der Rationallibcralen Partei gegen die Sozialdemokraten »nd Demokraten für gültig erklärt wurde.
Die WahlprüfungSkoliimission hatte hernuLgercchnct daß van 5226 gültigen Stimmen genau die Hälfte an Schöpfte und die andere Hälfte ans die beiden Gegenkandi Laten gefallen fei, so daß Schöpsle eine Stimme zur abso luten Majorität fehlte. Es wurden indessen mehrere Zettel, die Lurch Flecken, Knüllungen »nd Riisc gekennz» ichnet waren, teils sür güliig, teils für ungültig eiklärt: »nd darum drehte sich-die ganze Debatte. Schließlich wurde durcl die Stinilliabgabe der Nationalliberalen nur ein Zettel für ungültig erklärt, so daß sür Schöpse 2614 und sür die veiden Gegenkandidaten nur 2613 Siiiiimcn gezählt wurden.
Ob bie Haltung der Nationallibcrnlen, die in biel.r Abstiniiniing zum ersten Male deutlich voni Großolock ad gerückt sind, eine Nenorientieuing ihrer Politik zur Folge bähen wird, bleibt abznwnrt.u.
Denticher Reichstag.
226. Sitzung. Dienstag, 3. März 1914, l llhe.
Kleine Anfragen.
Aus eine Anfrage des Aba. Keil (Soz.) erklärt der
Württembergische Generalmajor v. Grauens!,: Die Er krankuilgrn im württembergischen Trainbataillon Nr. 13 In Ludwigsbnrg sind günstig verlaufe,i, und sämtliibc Mannschaften sind genesen. Die Ursockjc des ParatyphnS. der infolge des Genusses von Wurst entstanden ist, hat sich nicht seststcllcn lassen.
Ans die Anfrage des Abg. Brey (Soz.) erwidert
Ministerialdirektor Easpar: Der Reichskanzler bat das Reichsan,t des Inner» sofort beauftragt, die Ursachen des Explosionsunglückes in der Anilinfabrik in Rummeleblirg festziistelle». Sobald die Ursache seststeht, wird die Reichs, rcgierung nicht zögern, Maßnahmen zu treffen.
Der Postetat.
Abg. Kiel (Vp.): Man hätte den Etat noch günstiger gestalten können, aber man fürchtet >vohl die Begehrlichkeit der Bcaniteil, wenn die Einnahmen zu hoch veranschlagt werden. Tie Massen von Petitionen beweisen, daß de» Bc- ainte» noch vieles fehlt. Sie haben das Recht, in weitgehendem Maße sich an Abgeordneten z» Ivende».
Abg. Martin (Rp.): Schon vor 2 Jahren habe ich denr Staatssekretär die Postagente» an feile warmes Herz gelegt. ES ist aber leider nichts gesck>ehen. Weibliche Beamten sollen mit einer gewissen Vorsicht und Zurückhaltung eingestellt lverdcn. Im Tclephondienst leisten sie allerdings anerkennenswertes. Erfreulich ist die Ankündigung der Post kreditbriefe. Die großen Berliner Zeitungsfirmen Ullstein. Masse, Scherl, der Vorlvärts, machen von den amtlichen Zcitungsverteililiigsstell«» gewisser Aeinter Gebrauch. Jetzt wollen sic solckje Stelle» siir alle Acniter haben. Angesicht, der Vertrustung und Monopolisicrnng der Berliner Pre'se ist daran wohl nicht zu denken.
Staatssekretär Kraetkc: I» der Art, wie wir unsere Gehilfinnen in das Amt einsuhren und auf die Prüfung vorbereiten, glauben wir, ans dem richtigen Wege zu scin. Tie Fernsprechgcbührenordnnng wollte die Telephon,,e- bühre» auf dem platten Lande verringern. Tic Frage der Tclephonverbindniig mit England beschäftigt uns seit Jahren. Tie Telephonverbindnng mit England wird aber sehr teuer sein und siir jedes Gespräch von drei Minuten 10 oder 12 oder 15 Jt betrogcp.
Abg. Brandys (Pole) klagt über schikanöse Behandlung der polnisch adressierten Briese.
Staatssekretär (irartkc: J,y bin niit dem Ostmvrkc»- perei» nie in Verbindung getreten, und habe niemals von ihni eine Liste polnischer Beamte» tefonime», um deren Versetzung zu bewirke». Bei Versetzung wird auf die Wünsch« und di? Bedürfnisse der Beamte» Rücklicht aenommen.


