Nummer 48
Donnerstag, den 80. Februar 1914.
7. Jahrgang
Ueue Tageszeitun
Die »Ne«« Tages,eitri.g« erlcheint jeden Werltag. Regelmäßige Beilagen „Der Sauer an» Hessen", „?ie Spinassube". üezugapreio: «ei den Postanstaltcn orerleliäürli-t, üJif H, bei den Agenten m ona lllct) 50Psg. Hinzu tri tt P ostgebühr -der Träger,ahn. Ln,eigen: Srimdzeile 20 Psg., lokale 15 Psg, An,eigen vo» auswärts weiden durch P-jtnachnahme eri,oi>'en Erfüllungsort Friedberg. Kchriflleilung und Verlag Fnedberg (Hessen), Hanauerftrahe 12. Fernsprecher 48. Postscheck.Lonto Nr. 48,9. Amt Frankfurt o. SR.
Debrrsicht.
— Die Zahl der an Pocken Erkrankten beträgt jetzt sechs. Aus sanitären Gründen wurden wegen Pockenverdachts drei Personen in das Julius-Spital eingcliefert.
— Tie französische Regierung hat gestern im Senat während der Debatte über das Stcuerprojekt eine schivere, wenn auch nicht entscheidende Rirderlagc erlitten. 'Die Ne- gierung unterstützte den Antrag des Senators Pcrchot, der direkte Kontributionseinkonnnensteucr eingeführt wissen wollte, sowie eine weitere Zusatzsteuer auf das Einkomnien jedes Familienoberhauptes. Stach lebhafter Debatte wurde der RegierungSantrag mit 140 gegen 134 Stimmen abgc- lehnt. Da die Regierung die Vertrauensfrage nicht gestellt hat, so liegt zu einem Rücktritt keine Veranlssung vor. Noch hat sich die Lage in der Stcuersrage sehr schwierig gestaltet.
— Der Aviatiker Garraix hat gestern auf seinem Zwei- decker mit vier Passagieren eine Höhe von 3150 Meter erreicht und damit den bisherigen deutschen Rekord geschlagen.
— Wie ein Telegramm des Admirals Bouä de Laper,- rdre nieldet, ist es gestern morgen gelungen, den gestrandeten Panzerkreuzer „Waldcck Rousseau» um 30 Meter vorwärts zu bewegen. Die Abschleppungsversuche werden fortgesetzt, ebenso nimmt die Ausschiffung der Kohlen- und Munitions- Vorräte ihren Fortgang.
— Bei einer Anfahrt des in Toulon weilenden Torpedogeschwaders geriet das Torpedoboot „Rcnnndin" in Brand. Verschiedene Matrosen wurden dabei schwer verletzt. Nur nüt großer Mühe gelang es, einer Katastrophe vorzubeugcn. Das Schiff mußte mit schweren Havarien ins Dock geschleppt werden.
— Der furchtbare Sturm im mittcländischen Meere hält an. In der Nähe von Casablanca sind zwei Dampfer, ein östereichischer und ein englischer, an die Küste geworfen worden und befinden sich in gefährlicher Situation. Die Namen der Schiffe sind noch unbekannt. Hilfsdampfer sind >nr llnterstiibnng abgegangeu.
Der Neichslaysaby. Hestermann
antwortet in der „Hessischen LandeSzeitung" nochmals ans die Versuche der Baucrnbundsleitung, seine niedlichen Enthüllungen in ihrer Wirkung abzuschwächen. Auf rein per- sönliche Dinge gehen wir unsererseits nicht ein, da »ns die beteiligten Persönlichkeiten nur soweit interessieren, als ihre Auseinandersetzungen politisch interessante Streiflichter auf fachliche Verhältnisse werfen. Herr Hestermann schreibt:
„Wenn man einen Gegner nicht widerlegen kann, dann schiebt nian ihm Aeußerungen unter, die er nicht getan bat, und widerlegt dann diese. So ist es unwahr, ich hätte geschrieben, Herr Wachhorst hätte mir versprochen, ich würde von der nationalliberalen Partei Aufsichtsratsposten und eine glänzende Stellung erhalten. Ebenso habe ich nicht behauptet, daß die Präsidenten des Bauernbundes Au.ssichtsratsposten inne hätten. Meine Behauptung, daß Herr Wachhorst mir glaubte Aussichtsratsposten in Aussicht stellen zu können, halte ich vollkommen aufrecht. Sic ist ja auch nicht bestritten. Wenn ich Herrn Wachhorst jetzt angeben würde, was er und Herrn Dr. Böhme bei dieser Gelegenheit über ein andere? nationalliberales Fraktionsmitglied betreffs Auf- sichtsratsstellungen gesagt haben, dann würde sich Herr Wachhorst dieses Falles wohl genau erinnern. Ferner ist es unwahr, daß ich behauptet habe, Herr Wachhorst habe Herrn Dr. Bölune und mir eine bindende Instruktion erteilt, wir müßten unseren Antisemitismus fürs erste ablcgen. Meine Behauptung aber, daß Herr Wachhorst uns solche Hinweise, die freilich keine bindende Kraft haben konnten, gemacht hat, ist durch das Banernbunds- Präsidium nickü widerlegt.
Wenn der Bauernbund darauf hinweist, daß ich vom Verein zur Abwehr des Antisemitismus 1000 M zwischen Haupt- und Stichwahl erhalten habe, so bemerke ich dazu, daß ich niemals, weder vor noch nach nicincr Wahl nüt dieseni Verein oder seinen Mitgliedern irgend etwas zu tun gehabt habe. Die 1000 Mark sind mir nur mit der Benierkung übersandt, daß ich eine Empfangsbestätigung cinscnden möchte. Erst in letzter Zeit ist miv klar geworden, daß der Verein zur Abwehr des Antffe- mitismus die 1000 Mark mir wegen der indirekten Beziehungen, die er zum Deutschen Bauernbund hat, ge- sandt hat.
Ferner ist unrichtig, daß ich geschrieben habe, Herr Wachhorst habe gesagt, wir müßten nüt Rücksicht auf die Bauern für einen Abbau des Gerstenzollcs eintretcn. Ich habe vielmehr behauptet, daß Herr Wachhorst auf die Rücksichtuahme aus die Linke hiugewiesen hat. Dabei beioute er noch besonders-, daß man bei den Handelsverträgen nicht umhin könne, der Linken Zugeständnisse zu machen. Dies würden wir auch bei den kleinen Bauern vertrete» können "
Die Leitung des jungliberalen Bauernbundes hatte die letzten Mitteilungen Hesternianns vor allem dadnrch zn entkräften gesucht, daß sie ihn in eineni Einzelfalle einer Hand- greiflichen Unwahrheit überführen zu können glaubte: wie wir bereits kurz nütgeteilt haben, hatte Herr Hestermann geschrieben, er sei in der Fraktionssitzung, in welcher iibcr eine Rede des Abg. Di'. Böhme verhandelt wurde, nicht anwesend gewesen. Die Bauernbundsleitung erklärte das in schärfster Weise für unwahr und fügte hinzu, daß sie vier Zeugen für die Anwesenheit Hesternianns in der fraglichen Sitzung stellen könne. Der Abgeordnete Hestermann bleibt nun, unter Berufung auf das Zeugnis des Abgeordneten Kerschbaum und des Fraktionsdieners, dabei, daß er erst nach Schluß dieser Fraktionssitzung im Reichstage erschienen sei: er macht aber darauf anfmerksam, daß er allerdings einer Fraktions- jitzung beigewohnt habe, in welcher Herr Dr. Böhme hervor- gehobcn habe, daß der Bauernbund im gegenwärtigen Augenblicke (!) unter keinen Umständen für die Beseitigung der Einfuhrscheine eintreten dürfe, weil dies bei dem Tiefstände der Roggenpreise im Lande „gewaltig schaden" würde; anscheinend liege eine Verwechselung zweier Fraktionssitzun- gen vor.
Herr Hestermann schließt seine neuen Darlegungen mit folgenden Worten:
„Der Bauernbund selbst hat bis zn der Zeit, wo ich energisch Front machte gegen seine Linksentwickelung und sein Paktieren mit den Gegnern der Landwirtschaft, mir in seinem Organ immer die größte Zustimmung bekundet. Ebenso haben mir die Leute, die jetzt so gehässig gegen niich Vorgehen, durch Briefe, die noch in meinem Besitz sind, ihre größte Anerkennung ausgesprochen. Bis in die allerjüngste Zeit hat sich das Prä- fidiuin des Bauernbundes und besonders Herr Dr. Böhnic die größte Mühe gegeben, niich zu halten. Da ich aber nicht der Landwirtschaft in de» Rücken fallen wollte, mußte ich meinen Austritt erklären, als ich erkannt hatte, daß der Bauernbund in feiner jetzigen Gestalt weiter nichts ist als eine Aoiiationsfiliale des Liuksliberalis- n>us, der ihm auch seine sinnnzielle Unterstützung gewahrt, mit der er steht oder fällt, wie mir Herr Wachhorst selbst erklärt hat."
Victor v. Dodbielslri.
Z» seinem 70. Geburtstage <26. Februar)
Wenn jemals einer das siebzigjährige Geburtstagskind, das heute seinen Ehrentag feiert, in seinem Wesen und Wirken gut charakterisiert hat, war es der Kominandeur des 10. Armeekorps, General v. Voigts-Rhetz, der im Jahre 1870 von dem damaligen Premierleutuant schrieb:
„Er ist immer vergnügt und bei Tag und Nacht voll unverwüstlicher Tätigkeit." Es gibt nicht viel Männer, die so viclgcwandt, so tüchtig in den verschiedensten Fächern sich bewährt haben, in Krieg und Frieden, im Sattel und am Schreibtisch, als Vcrwaltungsbcamter und ini Parlament, als Landwirt und als Kaufmann und nicht zuletzt in fröhlicher Jagd- und Skatrunde. Schon als blutjunger, kaum dein Kadettenkorps entronnener Ulaucnleütnant der Perle- berger Elfer hat er gezeigt, was in ihm steckte. Eine Attacke auf die Dänen in Flensburg brachte ihm den Roten Adlerorden 4. Klasse mit Schwertern, damals noch am orangefarbenen Bande z» tragen, ein. Ilnd 1870 war ec es, der ton Pout-d-Mousson nach Verdun vorgeschickt, nicht nur glänzend und »nisichtig rekognoszierte, sondern auch gleichzeitig, als er sah, daß es dem 10. Korps auf dein Marsche an Wasser fehlen würde, dafür sorgte, daß die notwendige Labung herbeigeschafft wurde. Sein eminent praktischer Blick bewährte sich hier wie später. Sein General hatte es sich in den Kopf gesetzt, jedem seiner Leute einen Weihnachtsstollen zu verschaffen: er setzte es durch mit Hilfe des „Genies und der Energie" des Gencralstabsoff'zierS v. Podbielski. Ter tüchtige Offizier avancierte rasch, aber als Generalmajor uohm er den Abschied, nicht jedoch, um der Ruhe zu pflegen, sondern um sich in eine Fülle von Geschäften zu stürzen. Bald spielte er eine Rolle in dem wirtschaftlichen Betriebe des Osfiziersvereins »nd des Ilnioncklubs, war er an der bekannten Firma v. Tippclskirch & Eo. beteiligt, wurde er Versitzender des Aufsichtsrats der Transvaalausstellnng, ließ er sich in den Reichstag wählen und förderte die Deutsche Landwirtschastsgesellschast. Mittlerweile wurde er zum Generalleutnant ernannt, zur Disposition gestellt, aber die tüchtige, in ihm ruhende Kraft wurde nicht für das Heer, sondern für die Verwaltung ausgeuutzt. Als Staatssekretäc des Reichspostanits und später — viel befehdet — als preußischer Landwirtschafts-Minister, hat er dem Staate große Dienste geleistet. Er verstand es. den „Krieg mit den Assi- stenten" ohne Schädigung der Disziplin beizulegen, er erhöhte die Gewichtsgrenze einfacher Briefe auf £0 Gramm, ermäßigte das Ortsporto auf 5 Pfennig, schuf große Kabellinien, kurzum, er bewährte sich als ein glänzender Organisator, der sich auch die Achtung und Wertschätzung seiner poli-
tifrfjcu Gegner erwarb. Weniger gelang ihm dies natnegc- mätz als Landwirtschaftsminister, als der er das Wort „die Fleischuvt ist eine vorübergehende Erscheinung" prägte. Sie würde allerdings ganz sicher nie sich zeigen, wenn alle eine so glückliche Hand in der Landwirtschaft Hütten, wie Herr v. Podbielski. Seine Molkerei und seine Schweinezucht auf feinen Gütern Talmin und Karstadt genießen einen wohl- verdienten hohen Ruf. Als er seinen Abschied nahm, geschah cs nicht wegen der „TippelSki'ch-Afsäre", aus der er rein hei vorgegangen war, sondern weil er die neue Kursänderung nicht mitmachen wollte. Ein Kleber war er nicht, „nach der Heuernte verduft' ick", hatte er in feiner derb-hinuoristischea Art selber gesagt; er liebte solche Wendlingen überhanvt, wenn auch die von dem „Lausekanal, mit dem er sich nicht vor den Bauch stoßen lassen wolle", nicht ganz sicher bezeugt ist. Seitdem widmet sich „Pod", wie er von Freunden und Gegnern — Feinde hat er kaum — genannt wird, eifrig finanziellen Transaktionen, der Förderung des Pferdesports nnd der Jugendbewegung. Er ist vielfacher AnssichtSrat. einer der Schöpfer der Grunewaldrennbahn und des Stadions und steht an der Spitze des Ausschusses für die Olympischen Spiele. Dem klugen, energisckicn, wohlverdienten Manne werden an seinem heutigen Ehrentage Huldigungen in und aus allen Lagern bereitet werden. O. K.
Deutscher Deichslag.
22l. Sitzung, 25. Februar, 2 Uhr.
Am Tische des Bundesrats: Wackrrzapp.
Zunächst steht ans der Tagesordnung eine zurückgcstellte- Position aus dem Etat des Reichsamts des Innern, die 145 800 <M als erste Rate für ein in Verbindung mit dem preußischen Archiv zu errichtendes Rcichsarchiv fordert. Dir Forderung wurde ohne Aussprache abgelehnt.
Es folgen Petitionen zum Reichsanit des Inner».
Eine Petition der Richard-Wagner-Stipendienstistung in München fordert aus Anlaß des 100. Geburtstages Wagners für sich cinnial den Betrag von 500 000 oder in jedem Bayreuther Bühnensestspieljahr die Zinsen dieses Betrages, aus Reichsmitteln. lieber die Petition wird ohne Aussprache zur Tagesordnung übcrgegangen.
Eine Petition, die die Bereitstellung größerer Mittel für den Ankauf von Radium und Mesothorium zur Abgabe an öffentliche Krankenhäuser fordert, wird als Material überwiesen.
Die Petitionen des Arbeitsausschusses der Ausstellung, „Das deutsche Handwerk" in Dresden und des Deutschen Handwerks- und Gewerbekammertages in Hannover »ml Gewährung einer Beihilfe zu dieser Ausstellung werden nach den Regierungserklärungen in der Kommission für erledigt erklärt.
Der Etat für das Reichs-Eiscnbahnamt,
Abg. Prinz Schönaich Carolath (natl.): Eine Besserstellung der Werksührer bei den Reichseiscnbahnen ist wünschenswert.
Abg. Hascnzahl (Soz.): Dem Durcheinander der verschiedenen Verwaltungen muß ein Ende gemacht werden durch Uebernahnie der Eisenbahnen durch das Reich.
Abg. Schwabach (natl.): Das Reichseijenbahnamt ist deshalb eine durchaus zu lobende Einrichtung, weil sie nicht ans die finanzielle Seite der Verwaltungen Rücksicht zu nehmen braucht, sondern lediglich zuin Wähle des gesamten deutschen Eisenbahnwesens arbeitet. Die Kritik des Herrn Vorredners war also unangebracht. Die Rechtsverhältnisse der in den Rcichs- und Staatsbetrieben beschäftigten Arbeiter, die Benmtendienste tun, bedürfen einer baldigen Regelung. Tic in Aussicht gestellte Denkschrift darf nicht ab> halten, die Dienst- nnd Lohnverhältnisse einheitlich zn regeln. Zu wünsechn wäre, daß die Erleichterungen, die die neue Verkehrsordnnng gebracht hat, auch Anwendung im Verkehr mit den, Anslande fände. Mehr Nachdruck sollte ans das Bestreben gelegt werden, das Eisenbahnwesen zn vereinheitlichen. Die Einzelstaaten klagen über Preußens Wettbewerb.
Abg. v. Boehni lkons.): Die Verfügung, das aus den Bahnen beförderte Vieh zum Tränken nnd Füttern anszu» laden, führt zu schweren Mißstände». Eine Schädigung bei Handelsstandes und der Konsumenten ist dadnrch unausbleiblich. Ein Tierarzt hat üch scharf gegen das Umlade» ausgesprochen. Das Fleisch der Tiere leidet darunter Häufig kommen die »ach dein Süden verschickten Tiere viel zu spät ans den Markt. Hinter dieser Verfügung steht der Ticrschutzverein. Ich Via durchaus ei» Tierfreund, aber Theorie „nd Praxis ist zweierlei. Ost komme,, die Tiere zcrschnnden und mit gebrochenen Knochen am Bestimm»»«? crt an. Jedes Kind ans den, Lande weiß, daß ein Tice ain dem Transport weder Futter noch Wasser anzunehme, pflegt. Ich hoffe, daß der Herr Präsident Wandel schaff-, wird.
Abg. Dr. Hans (Fortschr.): Zn beklagen ist, daß zw h " der preußisch bcssischen und badischen Eisenbahnverwaltiin recht ose iniangcnehme Reibungen entstellen. Wir sind vo!


