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Schriften der Ludwigs-Universität zu Gießen
 
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In diesem für das deutsche Volk schicksalhaften Jahr 1940 sind gerade hundert Jahre seit dem Erscheinen eines Buches vergangen, dessen Inhalt so folgenschwer war, daß ohne die darin aufgestellten Lehren und deren prak⸗ tische Anwendung nicht die nötigen Voraussetzungen gegeben wären, unsere Ernährung auch in Kriegszeiten aus eigener Scholle decken zu können. Des⸗ halb verpflichtet uns die heutige Zeit besonders dazu, uns der großen Um⸗ wälzungen zu erinnern, die letzten Endes von diesem Buche ausgegangen sind, und seines Verfassers in Dankbarkeit zu gedenken. Es handelt sich um das im Jahr 1840 in erster Auflage erschienene Buch von Justus Liebig:Die Chemie in ihrer Anwendung auf Agrikultur und Physiologie.

um die ungeheure Wirkung dieses Buches auf die zeitgenössische Welt entsprechend würdigen zu können, müssen wir uns Rechenschaft darüber ab⸗ legen, wie es in der Zeit vor dessen Erscheinen mit der Agrikulturchemie und der praktischen Landwirtschaft bestellt war.

Das Rätsel des pflanzlichen Lebens und seiner Ernährung hat zwar schon seit alters her die denkende Menschheit beschäftigt und wie fast kein anderes Problem in Atem gehalten. Eine Erforschung von wissenschaftlicher Bedeutung konnte aber erst in Frage kommen, als Chemie und Pflanzen⸗ physiologie auf einer gewissen Stufe der Entwicklung angelangt waren. Erst durch eine logisch aufgebaute Versuchsanstellung und durch sachgemäßes Befragen der in Betracht kommenden Faktoren, nämlich des Bodens und der Pflanze, konnten die Erkenntnisse über die Lebensvorgänge und das Wachs⸗ tum der Kulturpflanzen zunehmen und damit Fortschritte auf dem Gebiete der Pflanzenernährung erzielt werden, wie überhaupt die Geschichte der Agrikulturchemie mit schlagender Deutlichkeit zeigt, daß das Experiment un⸗ entbehrlich ist und mit der Entwicklung des Versuchswesens die wissenschaft⸗ liche Forschung ganz erhebliche Erfolge zu verzeichnen hatte.

Der bedeutendste Naturforscher des klassischen Altertums, Aristote⸗ les(1), erkannte zwar, daß die Nahrung der Pflanzen nicht aus einem einzigen Bestandteil, sondern aus verschiedenen Stoffen bestehe, folgerte aber fälschlicherweise weiter, daß die Pflanzennahrung im Boden von der Natur schon so zusammengesetzt und zubereitet sei, wie es für den Aufbau und das Wachstum der Pflanzen notwendig wäre, demzufolge auch keine Ausscheidungen stattfänden. Die praktische Landwirtschaft und besonders die hochentwickelte Gärtnerei des Altertums, vor allem Italiens, hatten trotz der Unklarheit der Ansichten ihrer zeitgenössischen Naturforscher viel Gutes und Brauchbares gefunden, allerdings lediglich auf Grund von Beobachtung und Erfahrung. So war die gute Wirkung der tierischen Exkremente, be sonders des Vogelmistes, die Brauchbarkeit von Gips, Kalk, Mergel, Asche und Kochsalz bekannt, welche somit als die ersten mineralischen Düngemittel ange⸗ sprochen werden können(2); eine gewisse Rolle spielte auch die Gründüngung.

Man nimmt heute an, daß die botanischen und chemischen Kenntnisse der Araber ihren Ursprung in Agypten gehabt haben(3).