Herzerrskiimpse«
Roman von Helene Schütky, geb. von Gersdorff« {.Copyright 1915 by C. Ackermann-Stuttgart.) te) Nachdruck verboten»
„Hilde, verstehst du das? Ich wollte kein Mitgiftjäger sein, oder auch nur scheinen, in meinen Augen das erbärmlichste, rot* derwärligste, verächtlichste Geschöpf aus Gottes Erdboden! Hilde, kannst du das wohl verstehen?"
„Ja, Reinhard, ich kann es verstehen," sagte sie, ihn glücklich onlächelnd, „er paßt ja so zu dir. dein edler Mannesstolz, ich mochte dich gar nicht ohne ihn haben. Das wäre es ja, was mich gleich zuerst so sehr frappierte, daß du mir nicht sofort hul. diaend zu Fußen lagst, wie leider fast alle andern heiratsfähigen Männer, die in meine Nähe kommen."
Er war aufgesprungen und stand vor ihr, ihre beiden Hände in den seinen, und sah sie an wie trunken.
„Und so ist es denn wahr, wirklich wahr? Du bist mein, Hilde? Willst ganz mein sein und immer bleiben?"
„Ja, Neinhold, es ist wahr", flüsterte sie erglühend, „ich bin dein auf immer und ewig."
Da riß er sie an sich und küßte ihren Mund, ihre' Wangen, ibre Augen, ihre Stirn, ihre Hände, in einem Paroxysmus von Glückseligkeit. Sie ließ es still geschehen. „Wäre es nicht am schönsten, jetzt zu sterben?" schoß es ihr durch den Kopf „Konnte man nach solchem Paradiefesgl-ück -wieder in die Alltagswelt zurück?"
. „Verzeih mein Ungestüm, du Einzige!" sagte er dann fast ängstlich, „mein Glück kam zu unerwartet, es hat mich aller Besonnenheit beraubt. Hilde, Hilde, ich kann es immer noch nicht fasten? Auch an das Glück muß man sich erst gewöhnen."
„O. mir geht es gerade so. mich ich muß mich erst daran gewöhnen?" lächelte sie. „Aus dem tiefsten Dunkel von Gram und Kummer plötzlich in die höchste Wonne versetzt zu sein, das muß ein armes, des Glücks ungewohntes Wesen wie mich blenden. Aber nun wollen wir leben, Reinbold, zusammen, für einander leben, kannst du begreifen, wie köstlich dieser Gedanke für mich ist, für mich, die immer einsam, im tiefsten Herzen einsam mar?"
„Das sollst du nun niemals mehr sein Hilde, mein Lieb?" sagte er, indem er sanft ihre beiden Hände streichelte. „Ich will
dir alles sein, was Du bisher entbehrt hast. rrichk nur Gatte unb Liebhaber, sondern zugleich Bruder, Freund. Vater, Heim, Alles, Alles!"
„Du bist mir schon längst alles Reinhold, und wirst es immer bleiben! Dom ersten Augenblick an fühlte ich Vertrauen zu dtr, wie zu keinem anderen Menschen auf der Welt. Habe ich dtr doch auch schon mehr'von meinem innersten Seelenleben offenbart, als irgend jemand sonst! Daher auch mein Schmerz, als ich dachte, unsere Trennung stände bevor."
„Aber wie wird es nun zunächst mit uns werden?" fragte er. dem plötzlich die Wirklichkeit mit ihren Anforderungen ins Gedächtnis kam.
„Wie soll es werden?" fragte sie erstaunt dagegen. „Nu«, du mußt bei meinem Vater um meine Hand anhallen, dann folgt die öffentliche Verlobung und darauf die Heirat. Und dann, dann", sagte sie hochaufatinend, „dann gehören wir zusammen vor Gott und Menschen für diese Welt und, so Gott will, auch im Jenseits."
„Glaubst du. daß alles so ganz glatt abgehen wird?" fragte er zweifelnd. „Du hast mir doch so oft von deines Vaters Eigenheiten erzählt. Sollte er wirklich mit einem ganz blutarmen Schwiegersöhne wie mir einverstanden sein? Sollte er keine andern, stolzeren Pläne für sein schönes, einziges Kind haben?"
Sie', sah ihn stolz und bewundernd an.
„Ich glaube, weim er dich sieht und kennt, kann er dir auch nicht widerstehen, so sonderbar er auch ist", behauptete sie. „Alles kommt bei ihm darauf an, daß er kein Vorurteil faßt. Deshalb mllsien wir die Sache klug anfasien. Sein Starrsinn ist nämlich das schlimmste an ihm. Hat er einmal Ja oder Nein gesagt, so bleibt er dabei, und wenn die Welt darüber in Stücke geht, wenn es auch gegen den gesunden Menschenverstand, sogar gegen Nutzen und Vorteil ist. Aber nun komm, wir wollen das alles mit Tante Ella und Onkel Bernhard beraten? Weißt du, ich glaube, die werden sich sehr über unser Glück freuen." Neinhold sah auf die Uhr und war erschrocken über die späte Sturrde.
„Kannst du cs glauben. Liebste, daß wir schon über zwei Stunden den Johann mit den Pferden warten ließen? Ja, dem Glücklichen schlägt wahrlich keine Stunde!"
„Dann komm nur schnell, schnell!" rief sie erschrocken. „Sie werden sonst noch glauben, uns sei ein Unglück passiert. Und
der Lunch! Was wnd Onkel Vernhrd sagen? Das ist fast! seine einzige Schwäche, daß er überaus viel auf pünktliche Mahlzeiten hält. Nnd alle im Hang sind» ängstlich bemüht, ihm da^ rin zu Willen zu fein."
„Nun, in Anbetracht des wichtigen Ereignisses wird er uns großmütig Verzeihung angedeihen lasten!" tröstete Reinhold, während sie schon beide möglichst schnell den Berg hinunter hasteten.
Als sie bei den Pferden anlangten, drückte Neinhold beist» Aufsteigen dem Reitknecht ein Dreimarkstück in die Hand,' es mußte in seinen, Glllcksgefühl einem andern eine Freude macheir.
„Da, fürs Warten, Johann? War wohl etwas lanaweiliaf wie?"
„Zu Befehl, ja, Herr Leutnant!" antwortete Johann i« strammer dienstlicher Haltung, während leine kleinen Auge« vor Vergnügen funkelten. Was fiir ein Herr war doch sek« Leutnant! Er wäre, wie alle seine Untergebenen, gern für ih« durchs Feuer gegangen.
12. Kapitel.
Auf dem Heimritt, den sie möglichst eilig ausführten, sagte Neinhold:
„Eigentlich bin ich nicht ganz salonfähig, aber ich möchte zu gern dabei fein, wenn Onkel und Tante unsere große Reuig, keit hören und ihre erstaunten Gesichter sehen. Für alle übrigen muß es natürlich noch Geheimnis bleiben, bis dein Vater Stellung dazu genommen hat."
„Selbstverständlich kommst du mit?" bestimmte Hilde. Sie werden Reitstiefel usw. sicher entschuldigen, besonders da du vo« beute an, nicht nur nominell, sondern positiv zur Familie He- hörst." (Fortsetzung folgt.)
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