Herzenskampfe.
Noinan von Helene SchÜtky, geb. von Gersdorff.
Nachdruck verboten
1. Kapitel.
In dem luxuriös, mit wirklichem Geschmack eingerichteten Salon der Kommerzienrätin Antelmann war eine kleine vornehme Gesellschaft vereinigt, welche nach dem soeben genossene« reichen Diner sich mit leichter Unterhaltung bei aromatischem Kaffee und feinsten Zigaretten vergnügte.
Die Dame des Hauses war eine hübsche Vierzigerin, deren lebhaftes Temperament, verbunden mit einer liebenswürdigen Gutmütigkeit, sehr anziehend wirkte. Sie war offenbar ein durch äußere Elücksumstände verwöhntes Menschenkind, dessen natürliche Heiterkeit und Lebensfreude noch durch keine ernsten Kampfe und Entsagungen auf die Probe gestellt worden war. Ihr Hauptstreben bestand in dem Bemühen, nicht nur in die Finanzwelt, zu der sie gehörte, sondern auch in den aristokratischen Hof- und Militärkreisen eine Rolle zu spielen. Durch den großen Reichtum ihres Gatten, den Inhaber einer alten bedeutenden Vankfirma, war sie in der Lage gewesen, bei Wohl- tätigkeitsveranstaltungen sich der Landesmutter sehr angenehm bemerkbar zu machen, die an der munteren gebildeten Frau Gefallen fand und sie seitdem durch persönliche Huld und Freund, schaft auszeichnete. Es war sogar schon mehrmals vorgekommen. daß Ihre Majestät sich mit ihrer Palastdame, Gräfin Pleffen. bei Frau Kommerzienrat Antelmann zu einem intimen Tee ansagen ließ.
Kürzlich war ihr ehrgeiziges Bestreben noch durch ein ftohcs Ereignis gekrönt worden, das ihre Stellung für immer zu befestigen geeignet war: ihr einziger 25jahriger Sohn hatte sich mit einem zwar armen, aber hochgeborenen Mädchen verlobt, das von väterlicher und mütterlicher Seite auf eine vollkommen reine adelige Abstammung zurückblicken konnte und sogar Patenkind des Königs war. Der Kommerzienrat, ein Mann von Geist und Gemüt. liebte seine anmutige Frau zu sehr, um sie in ihren sie beglückenden Bemühungen zu hindern, wenn er auch ihr Tun mit leisem, etwas mitleidigem Lächeln verfolgte, ^m Innern seines Herzens empfand er doch eine gewisse Befriedigung über die gesellschaftlichen Erfolge seiner Lebensgefährtin. Denn Eitelkeit in allen Schattierungen ist ja gar oft ntcht bloß eine ausgesprochene weibliche Eigenschaft!
Unter den heute anwesenden Gästen ftel als besonders sympathische Persönlichkeit ein junger schöner Artillerieleutnant auf sehr in Gnaden zu sein schien. Seine ^^/raftige elegante Gestalt, sein regelmäßig geschnittenes Gesicht imt ten treuherzigen dunkelblauen Augen, sein sonniges frohes Lachen und seine volle wohltönende Cttmme wa-
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Ich bringe hierdurch zur öffentlichen Kenntnis, daß der Verkauf von Rind- und Kalbfleisch, sowie Wurst für diese Woche am Frei, tag. den 27. September 1918. von nachmittags 1 bi» 6 Uhr in den sämtlichen hiesigen Metzgerläden stattfindet.
Die Verkaufszeit ist genau einzuhalten.
Friedberg, den 26. Sept. 1918.
Gunst der Kommerzienrätin errungen hatten, sondern die Tatsache, daß er der erklärte Liebling Ihrer Majestät war, wohl auch das ihrige dazu beitrug.
Leutnant Reinhold von Germshoff war mit Leib und Seels Soldat und als schneidiger Offizier bei seinen Vorgesetzten ebenso beliebt wie als liebenswürdiger Mensch bei seinen Kameraden. als humaner Vorgesetzter bei seinen Untergebenen. Etne glanzend« Karriere konnte ihm, der auch mit Intelligenz und Strebsamkeit ausgerüstet war, nicht fehlen. Ueberhaupt hatte ihm eine güttge Fee soviel Vorzüge in die Wiege gelegt, daß er beinahe den Neid anderer Cchicksalsmächte zu fürchten Ursache gehabt hätte, wenn nicht durch schwere Lebensumstände dafür gesorgt worden wäre, daß auch bei diesem bevorzugten Liebling der Götter die Bäume nicht in den Himmel wachsen sollten. Er stammte aus einer vornehmen, aber ganz verarmten Familie und kannte daher das, was man ..glänzendes Elend" nennt, sehr genau. Wahrend er als bevorzugtes Mitglied der höchsten Kreise fast täglich in blitzender Uniform in licht- und juwelensunkelnden Sälen tanzte und scherzte, ging er oft beinahe hungrig zu Bett, da seine kleine Gage jede nicht ganz unabwendbare Ausgabe, so z. B. auch das Rauchen, zu vermeiden gebot. Glücklicherweise hatte er aber einen so sonnigen Humor und eine so kernfeste Gesundheit, daß solche Entbehrungen weder dem einen, noch dem andern etwas anhaben konnten. Ja. er war immer so heiter und wohlgemut, daß seine nächsten Freunde nicht einmal ahnten, wie schlimm seine pekuniäre Lage war. wenu sie auch natürlich wußten, daß ihm keine Reichtümer zu Gebote standen: als durchaus wahrhaftiger Mensch hatte er in der Hinsicht niemals falsche Vorstellungen hervorzurufen versucht. Uebrigens hätte seine Geldnot keineswegs so schlimm zu sein brauchen, wenn sein Vater, ein höherer Zivilbamter. nicht ein krasser Egoist gewesen wäre, der sogar eine illoyale Handlungsweise nicht scheute, um seinen selbstsüchtigen Zwecken zu frönen. Er hatte sich seinerzeit verpflichten müsien. seinem Sohn einen bestimmten Zuschuß monatlich zu zahlen, fand es aber schon nach kurzer Zeit gänzlich unnötig, dieser Verpflichtung nachzukommen, obgleich er es bei einiger Einschränkung seiner eigenen Liebhabereien sehr gut hätte tun können, da er. wenn auch vermögenslos. doch eine auskömmliche feste Staatsstellung einnahm. Reinhold, dem sonst alle Herzen zuflogen, hatte niemals vermocht, seines Vaters Liebe zu erringen. Cie waren zu verschieden in ihrem innersten Sein und Wesen. Der Vater, ein strupelloser Lebemann, der sich mir wohl ftihlte in gesellschaftlich und moralisch nicht hoch stehender Umgebung, wo seine stark ausgeprägte Eitelkeit al§ der Vornehmste und Witzigste ohne Mühe Triumphe feierte, der ohne raffiniertes und kostspieliges Esten und Trinken nicht zu leben vermochte, der einem jähzornigen Temperament oft die Zügel so wett schießen ließ, daß es zu wahrer Roheit ausartete, der mit Vorliebe prahlte und der Wahrheit nicht immer die Ehre gab. wie hätte dieser Mann seinen Sohn lieben können, der in seiner wahren, echten
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inneren Vornehmheit das gerade Gegenteil repräsentierte mtti sozusagen ein stillschweigender Vorwurf war? ReinhoL artete in Allem feiner edlen, liebenswürdigen Mutter nach der ^^flichster Liebe ergeben war. Daß sie und seine til* S 1 ' begabten Schwestern durch die beschränklen Der. ha niste. mehr aber noch durch den eigentümlichen Charakter des D-ter- unendlich nie, zu leiden Hutten, war ihm ein b» ständiger, drückender Kummer, der nur non seinem natürliche» Frohmut und seiner gesunden Iugendüberzeugung. daß Alles einmal anders und bester kommen müste, überwunden werde» konnte.
..Run, Herr von Germshoff, über welches tiefsinnige Pro. blem denken Sre so angestrengt nach?" rief die Hausfrau dem in einem entfernten Sestel schweigend dasitzenden jungen Offi, zier zu. "
W*®* 1 gnädigste Frau?" entgegnete Reinhold, tab sachlich aus schwerem Sinnen auffahrend.
„Ach. köstlich!" lachte die Kommerzienrätin. „ich wette Si< haben in Gedanken alle Ihre Verehrerinnen Revue passiere, ^sten. _unt zu entscheiden, welche von ihnen Sie mit Ihre Gegenliebe, mit Herz und Hand beglücken sollen. Das ist aller drngs ein schwieriger Fall, und es ist begreiflich, daß ein junge Leutnant darüber tieffinnig und worttarg wird."
„Verzeihung, aber diesmal haben gnädige Frau falsch g«. raten Meine Gedanken nahmen eine ganz andere Richtung Auch ist mir von den vielen Verehrerinnen nichts bekannt."
„O hört, höttk Welche reizende Bescheidenheit! Er weis nichts davon!" neckt« Frau Antelmann. „Und doch, wollte « Me für ihn schwärmenden jungen Damen an den Fingern her zählen, so würden die zehn an seinen Händen bei weitem nich genügen."
Ein allgemeines Lachen und zustimmender Beifall der üb- rigen Gesellschaft begleitete diese ebenso harmlosen, wie schwel chelhaften Neckereien.
Nur einer beteiligte sich nicht daran, d. h. er fand nur mtt ^^k^nige Worte, die als Zustimmung gelten sollten! De, Attache Marquis Louis von Reymond. ein der französischer Botschast angehöriger Diplomat, im Alter von ungefähr il Dohren, dunkelhaarig und dunkeläugig. desten elegante Erschei. nung. desten prononzierte Züge und lebhaftes Mienenspiel den echten Typ der temperamentvollen südftanzäsischen Raste darstellte. Er galt für sehr reich, und stammte aus altem, vorneh. men Hause. Ihm, dem verwöhnten Liebling der Frauenwelt, war augenscheinlich der Kultus, der hier mit einem andern ge. trieben wurde, der seiner Meinung nach neben ihm ganz nn. bedeutend war. keineswegs angenehm. Vielleicht war ibm der glanzende junge blonde Offizier gewistermallen auch als Vertreter seiner, der deutschen Nation unsympathisch. Mochte dem fein, wie chm wollte, jedenfalls fiel ihm die Verherrlichung d-e- fes Jüngling«, der diese nicht einmal zu würdaen sch en stark auf die Nerven. lFortietzimg folgt.?
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