Verfemt.
Noman von Anny W o t h k. ^
B) Nachdruck verboten
Er nahm die Finger des ihm gegenüberliegenden Mädchens in seine beiden Hände und sah ihr warm in die Augen' -und seltsam, unter diesem Fieundesblick wurde es ruhiger in Agas Seele.. Es war, als ginge von seinem beruhigendem Blick und Händedruck ein warmer Stiem neuer Hoffnung und neuen Lebens aus, der sich wie ein kräftender Gedanke in Agas bekümmerte Beult schlich. -£~-*
G ; : ’■ Freund wenigstens hatte sie, Holger Thoresen, d.r
konnte sic ruhig fein.
„Sie wissen, Holger, ich habe Ihnen ja früher davon erzählt/' sagte sie, Thoresen langsam ihre Hände entziehend, „wie still und glücklich wir alle einst in unserer stillen Heide gelebt haben Unler kleines Dorf. Schloß Berghausen, der Müggelsee, das war meine engumfriedete Welt. Aber ich war glücklich in dieser Einsamkeit, in unserer stillen Pfarrei, wo die rauschenden Wogen des Müggelsees uns in den Schlaf sangen, und wo der .Heideduft uns Märchen vor die Seele zauberte, süße, bestrickende Märchen. Sie stad ja ein Dichter, Holger, und wenn Sie auch nicht verstehen können, was alles in einer jungen, weichen, sehnsüchtigen Mädchenseeke ringt, so können Sie doch vielleicht begreifen, daß für mich damals das Leben ein einziger Zaubertaz schien, als die Liebe zu mir kam. Ja, Holger. schauen Sie mich doch nicht so ungläubig an. Sie können gewiß nicht glauben, daß ich auch einst ein junges, rosiges Ding war mit wehenden Locken, das die Liebe stürmisch ans Herz nahm?"
„O, doch," nickte der große, breitschulterige Mann eifrig und sah Aga mit einem kindlich treuherzigen Blick in das blaffe Gesicht, „ich glaube wohl, daß Sie ein herziges Mädel gewesen sind, aber die Li?be. Aga, so. was wtr wirklich unter Liebe vergehen, die — bitte nehmen Cie es mir nicht übel — habe ich Ihnen nie zugetraut."
„Warum nicht?" Wie rauh und klanglos Agas Stimme schien. —
„Warum? Du lieber Gott. Wer so ruhig, so seeleicheiter durchs Leben geht, wie Sie, der ist gefeit gegen alle Stürme der Leidenschaft, ohne die es keine Liebe gibt. Sie, Aga. das weiß ich. lächeln über die Torheiten der Liebe, und vielleicht — vielleicht tun Sie recht daran.-
/I *
Eln-en Augenblick glM AM AM MffenV Wer Sät itnjkr Antlitz des blonden Riefen, mit dem sie oft versucht hatte, in kiesen Gesprächen das Wesen der Liebe zu zergliedern, und wieder war es ihr. wie schon so oft, als wäre Holger Thoresen mit seinen vierzig Jahren ein Mann, der die Liebe, die wahrhafte Liebe me gekannt.
„Wer sagt Ihnen denn, bester Freund, daß ich über die Liebe lächele? Ich halte sie für eine alles zerstörende, alles vernichtende Macht. Sie kennt weder Gesetz noch Recht. Sie durchbricht die Feffeln der Pflicht, und wie sie imstande ist, zu allem Guten zu führen, so erweckt sie auch alle Lösen Leidenschaften im Menschen." ,r~»
„Sie haben das an sich selbst erfahren?" *
„Ici. ich war ein Kind, ein glücklich vertrauendes Kind, und ich liebte den Grafen Nordkirch. der mit seinem Freunde Berghausen täglich in unser stilles Pfarrhaus kam. mit der ganzen Hingebung und Zärtlichkeit der vertrauenden Jugend.
Was wußte ich, die sechzehnjährige, damals von den Gesetzen der Gesellschaft, die einem Grafen Nordkirch verbieten würden, ein armes Pfarrerstöchtcrlein heim zu führen. Ich wandelte so glücklich mit ihm dahin unter dem leise erschauernden Gezweig? sichtgrüner Birken, die mein Vaterhaus umhegten, und ich lachte und jubelte zu den Zweigen empor: Ihr grüßt eine Braut, eine Braut!
Wie muß er über das einfältige, törichte Kind gelacht haben, der glänzende stolze Kavalier, dem in der Residenz die schönsten Damen zu Füßen lagem, daß das simple Dorfkind mehr begehrte, als seine Geliebte zu sein.
Nordkirch hatte mich zu überreden gesucht, unsere Liebe vorläufig geh-rim zu halten, aber ich war so überselig in meinem Glücke, tch mußte hinein in des Vaters Studierstube, wo er still arbeitend saß. Es war an einem Frühlingsabende. Die Fenster waren offen, und der Flieder duftete herein. Es war so still, so eigen in der großen Stube, und doch war mein Herz so voll Lebensjubel und Lebensglück.
Der Vater hörte mich still an. Rur war es mir. als ob sich sein Gesicht immer tiefer färbte. Fast wie vor Zorn. Doch nein, wie sollte er wohl zornig sein über mein großes, einziges, mein überwältigendes Gluck.
Dann flog es wie Schmerz über sein Antlitz, wie ein unendliches Erbarmen, und als er mir. wie ich glaubte, zum Segen die Hand aufs Haupt legte, war sie bleischwer.
Heute morgen 8 Uhr entschlief sanft nach kurzem Leiden unsere
liebe Mutter und Großmutter
Frau Marie Lang Wwe.
im Alter von 78 Jahren.
Wohnbach, Darm ft ad t, den 14. August 1918.
Die Hinterbliebenen: /
Karl Lung und Familie,
Dr. Gustav Lung und Familie
(Großh. Ldw.-Lehrer).
Die Beerdigung findet am Freitag, den 16. August, nachmittags 4 Uhr statt.
(Merverßeigerililg.
Durch den Unterzeichneten Notar werden Montag, den J9. August l Is.. vorm-ltags 1 jß Ulft. in dem Nathaussaale in Affenheim die in in der Gemarkung Asfenheim gelegenen
Crundstücke des verstorbenen Kammerdirektors Dr. Ernst Wilhelm Georg Eeyger
"M zweiten- und voraussichtlich letztenmal versteigert. Die Ver- .eigLrnn^ -bedin^ungen können bei mir eingesehen oder abschriftlich von m>r bezogen werden.
Friedberg, den 12. August 1918.
Der Erohh. Notar:'
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^ »Vater," bat ich, „ein Wort, daß ich glücklich sein darf, ein ebizig Wort."
„Nein, ries er, und es war, als sei seine sonst so warme Stimme grollender Donner. ..Wo ist der gemeine Bube, der das Glück dieses ahnungslosen Kindes vergiftet hat. wo ist er. daß ich Genugtuung von ihm fordere."
In demselben Augenblick wurde an die Tür gepocht, und ehe wir herein rufen konnten, stand Nordkirch im Zimmer.
„Verzeihen Sie mein Eindringen noch zu so später Stunde, aber ein Telegramm zwingt mich, noch heute nach Berlin zu fahren, und das wollte ich doch nicht tun, ohnen Ihnen, Adieu zu sagen. Dörte hat mich hierher gewiesen."
Ich stand wie erstarrt. Im ersten Augenblick hatte ich Nordkirch an den Hals fliegen wollen, bei ihm Schutz gegen des Vaters Zorn zu suchen, aber irgend etwas hielt mich zurück^
Mein Vater war ihm langsam entgegengegangcn, jetzt stand er dicht vor Ihm.
• Äs Haben Sie mir zu sagen, Eraf NurdkirS," herrschte er ihn an.
„Nichts, mein Herr Pfarrer, als Lebewohl," gab Nordkirch zurück.
^ „Und dieser da," antwortete mein Vater, aus mich zeigend.
" „Daß ich hoffe, Fräulein Aga bald wiederzusehen."
„Elender, Schurke." brauste mein Vater auf. „Sie wagen es auch hier in meiner Gegenwart noch, die elende Komödie weiter zu spielen, mit der Sie sich in das Herz eines unerfahrenen Kindes geschlichen haben?"
„Ich habe Ihnen nichts zu sagen, Herr Pfarrer," sagte er mit tiefer Verbeugung. „Sie werden weiter von mir hören."
„Halt, nicht von der Stelle," ries mein Vater im höchsten Zorne „Wenn Sie glauben, daß ich beabsichtige, mich mit ^>hnen zu schlagen, so sind Sie im Irrtum. Ich verlange aber von Ihnen eine Erklärung, die ich berechtigt bin als Vater dieses armen, betrogenen Geschöpfes zu fordern. Ist es wahr, daß Cie die Absicht haben. Aga zu heiraten, wie Sie es dem Kinde vorgefpiegelt? Ist es wahr, daß Sie der Verführer der Müllerliese sind, die man heute früh aus dem Mühlteiche ge- zogen, und ist es wahr, daß die Prima-Ballerina der Hofoper seit Jahren Ihre Geliebte ist?"
„Sieh dir diesen Mann an. mein Kind," sagte mein Vater sanft zu mir, „und lies die Antwort selbst in seinen verzerrten Zügen. Er ist ein Elender und deiner Liebe nicht wert."
Fortsetzung folgt.
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