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Die österreichische Krise.

Einberufung des Neichsrats. Ablehnung der Demission des Kabinetts.

Wien, 28. Juni. (WTV. Nichtamtlich.) DieWiener Kettung" bringt nachstehende allerhöchstes Handschreiben:

Lieber Ritter Dr. v. Seidler!

Wiewohl der in meinem Handschreiben vom 23. Juni k. I. vorbehaltene Versuch, die Schwierigkeiten zu über- brücken, welche mein österreichisches Ministerium zu seiner Demission veranlaßt haben, bisher noch nicht zu dem ge­wünschten Erfolg geführt hat, finde ich mich dennoch be- stimmt, die Demission nicht anzunehmen, und hat das Mi­nisterium demnach weiter im Amte zu verbleiben. Da es aber anderseits mein fester Wille ist, keine Unterbrechung in der parlamentarischen Regierungsform eintreten zu lassen, finde ich mich bestimmt, den Neichsrat zur Wieder­aufnahme seiner Tätigkeit für den 16. Juli d. I. einzube­rufen. Karl m. p.

Die ailierikanilchl'tl #rira6Ußrbfrntungc« in Frankreich.

Rotterdam, 28. Jrmi. (WB.) Die amerikanischen Behörden luden die neutralen Zeitungsberichterstatter ein, sich persönlich von den umfassenden Kriegsvorbereitungen der Amerikaner in Frankreich zu überzeugen. Der Be- riOerstatter desNieuwe Rotterdamsche Courant" meldet nun seinem Blatte aus Frankreich, er sei nach dem, was er bisher in Frankreich sah, davon überzeugt, daß jetzt die amerikanische Periode des Krieges begonnen' habe. Frank­reich fei mit Amerikanern und amerikanischem Einfluß durchsetzt. Dies bilde einen Unterschied gegenüber den Engländern, die nirr die nordwestlichen Ecken besetzt hiel­ten. Ihre Besetzung sei Zwar intensiver, aber weniger ausgedehnt. Es sei das erste Mal. daß Amerika und das alte Europa in eine so nahe Berührung miteinander ge. kommen seren. Es seren mehr Anzeichen für eine wirkliche Entente zwischen den Amerikanern und den Franzosen vor- Händen, als zwischen den Engländern und Franzosen. Ein Franzose sagte dem Berichterstatter, daß die Amerikaner die Franzosen besser verständen als die Engländer. Die Franzosen seren ganz begeistert von den Amerikanern und ihren militärischen Eigenschaften. Der Berichterstatter scWdert *dann die ausgedehnten amerikanischen Kriegsam lagen hinter der Front.

Die Kampfe i» Sibirien.

London, 30. Juni. (WB.) Reuter meldet aus Char- fftn: Die österreichisch-deutschen Kriegsgefangenen besetzten Irkutsk. Die Tschecho-Slowaken zogen sich in der Richtung auf Krasnojarsk zurück.

Die Engländer iw Murmangebiet.

Stockholm, 80. Juni. (WB.) Nach einer Meldung der Petersburger Telegraphen-Agerttur erhob das russische Kom­missariat der answärttgen Angelegenheiten durch eine Note bei der englischen Regierrmg gegen die Anwesenheit eng­lischer Truppen im Murmangebiet Einspruch. In der Note wird betont, daß das arbeitende russische Volk keine andere Sorge habe, als in Frieden und Freundschaft mtt allen anderen Völkern zu leben. Es bedrohe niemand mit Krieg, keine Gefahr könne England von seiner Seite drohen. Der Einfall der bewaffneten englischen Abteilung sei durch keinerlei aggressiv« Unternehmung russischerseits veranlaßt. Die Note drückt die sichere Erwartung aus, daß die englische Regierung die der internationalen Lage widersprechende Maßregel rückgängig machen werde und daß das russische arbeitende Volk, das innigst wünsche, in ungestörten freund­schaftlichen Beziehungen zu England zu bleiben, nicht gegen seinen Willen in eine Lage versetzt werde, die seinen auf- richttgsten Bestrebungen nicht entspreche.

Keine Ermordung des Ermren.

Berlin, 29. Juni. Die Berliner Vertretung der russi­schen Regierung hat die amtliche Nachricht erhalten, daß die Gerüchte von der Ermordung des Erzo-ren jeder Be? gründung entbehren.

Moskau, 28. Juni. (WB.) Ein von dem Vorsitzenden des Exkuttvkomitees unterschriebenes Telegramm aus Jekaterinburg bezeichnet die Gerüchte über die Ermordung des fticheren Zaren als eine Provokationslüge.

Keren?kij.

Eine der ekelhaftesten Erscheinungen des Weltkrieges ist wieder an die Oberfläche geschwemmt worden. Der Entente­söldling Kerenski, von dem man dreiviertel Jahr nichts ge­hört, ist in London aufgetaucht, er hat sofort seinen Beruf wie­der aufgrgrrssen und Deutschland in der schmutzigsten Weise verleumdet. Gegen eine wehrlose Bevölkerung sei der Krieg organi -?tt worden, aber Rußland werde dereinst wieder Seite an Seite mit der Entente kämpfen. Die Horden der Bolsche- wiker könne er keine Demokraten nennen. Der Bluthund ver­gißt, dag er am 1. Juni v. I. die armen russischen Soldaten, die sich nach Frieden sehnten, zur höheren Ehre der Demokratte zu eine, neuen Offensive hal vorpeitschen lassen. Bei den eng. lischen Arbitern hat der Schurke, der sich erst da« nötige Klein, geld aus den Tagen seiner Regierungsherrluhkett gesichert hat. übrrs"n 2 kein Glück gehabt. Sie fragen ihn, iu wessen Auftrag n spreche und wiesen chm die Türe.

Leiden dentjcher Kriegsgefangene in Rumänien.

Im Hauptausschuß des Reichstags bestätigte Mini- sterialdirektor Dr. Kriege die Leiden deutscher Kriegsge- fangener in Rumänien. Soweit die Gefangenen verstorben seren, gehe chren Hinterbliebenen ein Anspruch auf volle Entschädigung zu. Selbstverständlich sei aber mit einem solchen Sck)adenersatz das geschehene Unrecht nid# aus der Welt gesck)afft. Es müsse vielmehr für strenge Bestrafung der Schuldigen gesorgt werden. Dieser Standpuntt werde von der rumänischen Regierung durchaus geteilt. Sie habe eine Anzahl schuldiger Beamten und Offiziere schon früher chres Amtes entsetzt. Gegen andere Schuldige sei ein Strafverfahren eing-eleitet und durchgeführt worden, auch wolle die rulnänrsck)e Regierrmg in allen anderen ihr mitge­teilten Fällen strafrechtlich einschreiten und habe zu diesem Zweck eine besondere Kommission eingesetzt. Im übrigen seien die Zahlen unserer Kriegsgefangenen, die teilweise in der Oeffentluhkeit genannt würden, erheblich übertrieben. Insgesamt seien Mischen 4000 und 4500 deutsche Soldaten in rumänische Gefangenschaft geraten, von denen etwa 1000 gestorben und etwa 1500 in ihrer Gesundheit geschädigt worden seien. Viele Todesfälle seien auf ansteckende Krank­heiten zurückzuführen, denen auch die rumänische Bevöl­kerung in der Moldau und die Angehörigen der rumänischen Armee in großer Zahl zum Opfer gefallen seien. Im Ver­lauf der Aussprache betonte Oberst v. Fransecki ausdrück- lich, daß Fälle vorgekommen seien, wo Grausamkeit und schlechte Behandlung die Todesursache der Gefangenen gewesen sei.

Weber die Dauer des Krieges

und über die Kühlmannsrede sagt Graf Reventlow in der Deutschen Tageszeitung:

Wie lange der Krieg dauern werde, vermag niemand zu sagen. Daß Großbritannien und Amerika verkündet haben, sie würden den Krieg auf der See weiterführen, wenn er auf dem Festlande nicht mehr geführt werden könnte ist bekannt. Umso notwendiger ist es aber, den Willen zum Siege im deutschen Volke nicht nur anzuregen, sondern seine Unerläßlichkeit zu begründen. Herr von Kühlmann hat das Gegenteil getan; denn er will nach denpolittschen Mottven" zur sogenannten Verständigungausspähen", weil er an die Wirkung der Siege-nicht glaubt. Dabei ist es logisch und genau ebenso im Lichte der Erfahrungen r^nd des Wesens dieses Krieges ohne weiteres klar, daß unsere Femde durch Zähigkeit den militärischen und den inneren Zusammenbruch Deutschlands erreichen wollen, und daß die Deutschen auch deswegen umsomehr Sieg und Siegeszuver­sicht gebrauchen. Jede andere Einwirkung auf die Stim­mung des deutschen Volkes wie des Auslandes wirkt als Kriegsverlängerung. Don Beginn des Krieges an sind deutscherseits Dutzende von Friedensangeboten direkt und indirekt, ausdrücklich und unausdrücklich gemacht worden. Sie haben nur zur. Knochenerweichung im Innern und zur Zuversicht unserer Feinde beigetragen und nicht zuletzt zur Verlängerung des Krieges. Bethmann Hollweg war un­ausgesetzt beschäftigt, nach jenenpolitischen Mottven aus- zu spähen", wenn möglich auf Kosten der Kriegführung. Die Verzichtresolutton des Reichstages hat in gleicher Be­ziehung wie eine Pest gewirkt und tut es noch

Illusionen im Hinblick auf einen baldigen Frieden zu erwecken, ist immer zu mißbilligen. Dem Volke aber das Vertrauen auf die Wirkung des Krieges nehmen zu wollen, bedeutet einen Akt, den wir nicht ausdrücklich charakteri­sieren möchten, außerdem aber einen auffallenden Mangel an Einsicht.

Der frühere KngiandsnerMem!"

DieN. Züricher Nachrichten" beurteilen die Kühlmnnn- rede sehr herb. Sie nennt sie keine glückliche, die die Situation in Deutschland bedeutend verfahren habe. Sie habe ihn in Gegensatz gebracht zu seinem Herrscher, zu seinem Chef, dem Reichskanzler und zur Heeresleitung. In seiner Stellung habe Kühlmann dies nicht tun dürfen, selbst Denn er gleichzeitig seine Demission gegeben hätte. Das schweizerische Blatt fahrt dann fort'

Amh KühlmannsEntlastungsoffensive zu gunsten Eng­lands"' wie ein Redner im Reichstage es nannte war alles eher als ein diplomatischer Feinzns. Es bleibe dahinge­stellt, ob die Zensuren in der Kühlmannrede richttg waren, da er Rußland den Hauptschuldigen am Weltkriege nannte, Frank, reich den Zweitmeist-Schuldigen und England den am Wenig­sten Schuldigen, bleibe dahingestellt, obwohl es eine bloße ABC-Weftheit ist. daß ohne England es überhaupt nie zum Welt".Krieg Höfte kommen könnenl Aber derart hätte der frühere Englandvergötterer das war ja Kühl- mann bis znm Kriegsausbruch und darin vielleicht dem Fürsten Llchnowski noch über mit ihm doch nicht durchbrennen dür­fen, um darüber den Leiter der auswärtigen Politik des deut­schen Reiches so völlig zu verleugnen, daß er einen Satz auf­stellte, der zur Stunde ein öffentlicher Canoffagang über den Kanal und gleichzeitig ein Peitschenschlag an Frankreich war und dabei erst noch einen Strich durch die polittsche Pointe der Antwortrede des Kaisers auf den Hindenburgtoast machte. War jene unglückliche Pointe l nt sonderlich fr reden sMtrag- lich, so der Epilog, den ihr Kühlmann gab. noch weniger. Die Rede des Herrn v. KühUnarm hat dem Berständigungsfriede» im günfttgsten Falle nichts genützt; in Deutschland kann sie sehr leicht der Ausgangspuntt eines schweren inneren Konfliktes werden vnd Herrn v. Kühlmmm hat sie sehr geschadet. Et« schlechte Bilanz."

Dieses vernichtende Urteil wiegt um so schwerer, weil di« mSfl. Züricher Nachrichten" bisher gute Beziehungen zu Erzber­

ger gepflogen hatte, der erst jetzt wieder in derGernEia" seinen Freund Kühlmann eine Lanze bricht.

Niedriger hange».

DerVorwatts" leistet sich unter der Spihmarke ..Die all. deutschen Senegalesen gegen Kühlmann" folgenden Retard g» schmackvoller Kampfesweise:

Die Alldeutschen haben Generalmobilmachung gegen Kühlmann angeordnet und setzen zu diesem Zweck auch ihr, erotsichen Hilfsvotter in Bewegung. Auf der einen Seit, nahm mit geschwungenem Regenschirm Prof. Dietrich Schü. fer und die Herren vomUnabhängigen Ausschuß für eine» deutschen Frieden", auf der anderen, das Halsabschneid» Messer zwischen den Zahnen, die wilden Männer der Bäte» landspartei."

Zum Besten des Staatssekretärs wird mit eigenartige» Mitteln gefachten.

Nie Beerdigung Peter Wojeggers.

Krieglach, 28. Juni. (WB.) In größter Einfachheit und Stille ist Freitag nachmittag Peter Rosegger zu Grabe getragen worden. Die Bewohner des ganzen Mürz- Tales erwiesen dem treuen Landsmann und Dichter die letzte Ehre. Bauern aus Alpl, dem Geburtsort Roseggers trugen den einfachen Sarg. Nach der Einsegnung der Leiche wurde er auf dem Ortsfriedhof vSn Krieglach beigesetzt Grabreden unterblieben auf ausdrücklichen Wunsch dei Familie. Ebenso waren amtliche Persönlichkeiten von aus- wärts auf die Bitte der Familie hin nicht erschienen.

Ein bkiiittlikiislvtttkg Weil über den Pürlrmk^ansmg.

Der Unterstaatssekretär Dr. August Müller, Mitglied der sozialdemokratischen Partei, und vor seiner Berufung ins Reichs ernährungsamt Leiter der Hamburger sozialdemo- krattschen genossenschaftlichen BetriebeProduktion", hat in Januar d. Js. in der Deutschen Gesellschaft einen Vortrag über das parlamentarische System gehalten, den di» Vossische Zeitung" auszugsweise veröffentlicht Au^ gehend von den Derhälttnssen in England stellt er fest, daß nicht, wie fälschlich angenommen wird die Machtttellung des Jnselreiches die Frucht des Parlamentarischen Regimes ist. daß vielmehr dort ein« kleine Gruppe von Grundbesitzer- und Kapitalistenfamilien durch eine Kabmettsregieiung das Parlament beherrscht und auch auf seine Zusammenwirkung den bestimmenden Einfluß ausübt, einen Einfluß, der auch unter dem ausgedehnteren Wablreckst, das bekanntlich noch jungen Datums ist, weiter fortbesteht. Die wirkliche Machi lag und liegt dort bei der Herrenkaste, der engumgrenzte» regierenden Schickst-

Müller geht dann zur Betrachtung der Verhältnisse r» Frankreich, Italien und anderen Ländern mit parlamew tarischem Regime über und ftndet dort eine Situatton,» keineswegs zur Nachahmung verlockt.Hier herrscht in Parlament meistens eine mehr oder minder verhüllt, kapitalisttfche Jnteressenklrque."Die ganze Wut, ds. ganze Haß und Ingrimm, der sich gegen Caiüaux in Frank reich aufgespeichert hat, ist nicht auf seine angebliche Deutsch freundlichkeit, sondern darauf zurückzuführen, daß er d Mann war, der die Einkommensteuer zuerst durchfühtte.^

Nirgendwo findet er positive Leistungen parlamen­tarischen Regimes.Nahezu überall ist mit ihm bu> Couloirintrige und ein widriges Geschäftspolittkettum ve^ Kunden, dem das Mandat ein Mittel zur persönlichen Be reicherung ist. Wenn nicht, wie in England, die kapital, stischen Interessenten die Herrschst dadurch ausüben, daß, sie selbst im Kabinett sitzen, dann kaufen sie sich die Par­lamentarier." Müller ist der Meinung, daß es die Auf­gabe des Parlaments verkennen heißt, wenn es zu dem Organ gemacht werden soll,in welchem sich alle Mack» kristallisiert". Nach ihm soll das Parlament nicht weniger, aber auch nicht mehr sein als ein ganz ausgezeichnetes un­unentbehrliches Mittel der Kontrolle der Verwaltung. Seine weitere Ausgestaltung zum maßgebenden Mackstfaktor wäreim höchsten Maße bedauerlich".' Eine Auffassung, die man insbesondere den Herren der derzeitigen Mehrheit dringend zur Beherzigung empfehlen kann.

Müller führt dann aus, weslnlb das -Parlament zu solcher Rolle nicht geeignet ist. Es ist da vor allen Dingen seine Abhängigkeit von den Wählermassen. Die Erstarrung der die Parteien als solche mitz. ihrer Organisation und ihrer Maschinerie anheimfallen, hindett die rechtzeitige Ein­stellung auch des Parlaments auf neue Aufgaben und not­wendige Reformen. Seine Starrheit die aus der der Wäh- lerschaft resulttert, führt zur Sterilität. Und die Starr­heit der Wählerschaft wird nach Müllers Meinung um s» größer sein, je unbeschränkter das Wahlrecht ist.Dest» schwieriger ist es, die Wählerschaft auf neue Erfordernisse polittscher, sozialer und wirtschaftlicher Art einzustellen, weÜ über den polittschen Grundsätzen die Anforderungen poli­tischer Taktik immer zu kurz kommen". Tritt nun die nächst» Konsequenz, die Erstarrung des Parlaments entsprechen- der der Wählermassen nickst ein, ignoriert es die innere Un­fruchtbarkeit der Wählerschaft, fo fällt damit der Charakter des parlamentarischen Regimes, der in der Uebereinstin* mung zwischen Regierungsmaßncchmen und Mchrheits- willen des Volkes bestehen soll.

Auch unter dem Gesichtspunkt des wirtschaftliche» Lebens erscheint Müller das parlamentarische Regime alH gefährlich. Vor allen Dingen wegen der inneren Ver­wandschaft zwischen Parlamentarismus «rd Manchestertum, Der Einfluß der parteipolitische» Doktrin und des Partei.