Graue Gefahren.
Roman aus der Gegenwart von M. Gontard - Schuck. )8) Nachdruck verboten.
Und er, der Berlin nicht ausstehen konnte, hielt sich diesmal volle drei Tage in dem ungeheuren Ameisenhaufen auf. Und widerwillig nur entschloß er sich endlich zur Heimfahrt. —
„Hoffentlich hat sie die Folgerungen aus dem Vorfall gezogen und ist nach Kiel gefahren," dachte er, als er sich dein Heimatstädtchen näherte.
Der telegraphisch beorderte Wagen wartete am Bahnhof. Kurz und wortkarg, wie es sonst nicht seine Art war, begrüßte er den alten Johann. Aber obgleich ihm die Worte auf den Lippen lagen, fragte er doch nicht, wie es zu Hanse aussah.
Johann bastelte ein wenig lange am Schntzleder dernm, als der Herr eingestiegen war. Es schien, als wenn er etwas sagen wollte. Aber ungeduldig rief der Baron: „Los, Johann! Los! Worauf warten wir denn noch?"
^a kletterte der Alte, ohne ein Wort zu sagen auf den Bock und fuhr ab. —
Im Arbeitszimmer des Barons hatte sich die Post ge- häirft. Flüchtig sah er sie durch, während Friedrich ihm einige Erfrischungen zurechtstellte.
„In einer halben Stunde will ich den Verwalter sehen, Friedrich."
Er konnte nun doch nicht umhin, einen Blick auf den Alten zu werfen, der noch immer keine Anstalten machte, das Zimmer zu verlassen.
„Was ist los, Friedrich? Was hast Du auf dem Herren?"
„Ich wollte dem gnädigen Herrn mrr sagen, daß unsere junge gnädige Frau krank ist," sagte Friedrich, und milder Vorwurf klang durch seine Stimme.
Friedrich konnte sich schon einmal ein Wort erlauben. Er war älter als sein Herr. Halte ihn anfwachsen sehen, hatte ihn begleitet, wenn er aus Reisen ging. Kurz nnd gut d wenn einer sich etwas erlauben durste, so .var es Friedrich.
„Krank? 's wird nicht so schlimm sein! Deshalb brauchst Du nicht gleich ein Gesicht zu machen wie ein Regen- p!eisen! 'n bißchen Kopfschmerz!"
„Es ist schlimm, Herr Baron!"
Friedrich sagte es mit allem Naö^rnck. der ihm zu Gebote stand.
rr Herr von Werkheim stutzte. „Schlimm? Wer sagt Las? Die Bestie wohl?"
„Nein, Bessie hat es nicht gesagt. Aber der Herr Medizinalrat war schon dreimal hier und wird auch heute wieder kommen. Dann können der Herr Baron ja selbst mit ihm sprechen."
„Der Medizinalrat?" Mit abwesendein Gesichtsausdruck wiederholte es der Baron. „Der Medizinalrat? Jawohl, jawohl, ich werde ihn fragen."
Gedankenlos sagte er es vor sich hin. Mas war denn das nun wieder? War das etwa auch Komödie?
Aber nein! Der Medizinalrat kam nicht um einer Laune willen znm dritten Male.
Sollte er ihr doch unrecht getan haben?
Ach lvas! Bon ein paar harten Worten wird man nicht gleick krank.
Friedrich machte sich noch immer im Zimmer zu schaffen. Augenscheinlich hatte er noch etwas auf dem Herzen.
„Na, was ist's denn noch Alter? Hast Du mir noch nicht Unangenehmes genug gesagt?"
Ueber das faltige Gesicht des Alten huschte ein schattenhaftes Lächeln.
„Herr Baron verzeihen, ich wollte nur sagen, daß die Bestie erzählte, die gnädige Frau sei am Morgen, als der Herr Baron so rasch abreisten, mit ganz verstörtem Gesicht nach oben gekommen und habe befohlen, Bessie solle sofort Packen. Ganz aufgeregt sei sie hin und her gelaufen nnd habe nur immer gerufen: „Rasch, rasch, Bessie! Wir müssen fort! Wir müssen mit dem nächsten Zuge fort." Und da habe sie. die Bessie, auch alles zusammengetragen und wollte gerade Auftrag wegen der Koffer geben, habe aber erst noch zur gnädigen Frau gesagt, wohin gnädige Frau denn reisen wollte und welche Koffer mitgenommen werden sollten. Ta habe die gnädige Frau sie, die Bessie, so merkwürdig angesehen, als ob sie sie gar nicht kenne und gesagt: „Wohin? Ja, wohin fahren wir denn, Bessie?" Und dann habe sie sich Plötzlich mit der Hand nach dem Herzen gegriffen und sei zusammengebrochen. —
Ja. und die Bessie rief nun das ganze Schloß zusammen, und als nach einer Stunde die gnädige Frau immer noch nicht zu sich kam. da Hab' ich den Reitknecht in die Stadt geschickt znm Herrn Rat."
„Nach einer Stunde erst, Friedrich?. Ja, um Gottes- willen, warum denn nicht sofort?"
Aufgeregt schritt Werkheim durchs Zimmer.
„Nach einer vollen Stunde! Bedenke dochl^-
War er doch zu hart gewesen? Hart gegen eine Frau!' Mußte er sich auf seine alten Tage noch diesen Vorwurf machen? Waren die Werkheims nicht immer ritterlich Herren gewesen?
„Wann wollte der Medizinalrat wiederkommen?"
„Gestern war er um fünf Uhr hier."
„Es ist gut, Friedrich. Laß mich jetzt allein. Und wenn der Medizinalrat kommt, führe ihn sofort zu mir."
„Jawohl, Herr Baron!"
„Den Verwalter will ich jetzt nicht sehen."
„Jawohl, Herr Baron!"
Als der Alte das Zimmer verlassen hatte, trat der Baron ans Fenster und sah über die Felder nach dem schmalen Band der sich durchwindenden Landstraße. Ungeduldig wartete er auf die Ankunft des Arztes. Er suhlte sich bedrückt. Krankl Lag darin ein Vorwurf für ihn?
„Achwas!" sagte er laut. „Was kenn ich dafür? Hatte ich nicht recht, ungehalten zu sein? Und schließlich, was habe ick denn viel gesagt? Der Kuckuck soll bei einer solchen Gemeinheit nicht aus seiner Ruhe kommen!"
Aber trotz aller Selbstbeschwichtigungsversnche wurde er die Unruhe nicht los, und mit einem Seufzer der Erleichterung sah er endlich den leichten Wagen des Medizinalrates den Banmweg heraufkommen. —
„Nun sagen Sie mir um alles in der Welt, Herr Rat, was sind denn das für Sachen? Ich hatte ja keine Ahnung, daß meine SckMegertochter krank geworden ist. Es ist doch hoffentlich nichts Ernstliches?"
Der Medizinalrat zog langsam die Sckultern hoch. „Ich wünschte, ich könnte nein sagen, aber so wie.—"
„Um Gotteswillen, Doktor, tvas aber? Mas wollen Sie damit sagen? Steht es denn wirklich scklimm?"
„Sehr ernst sieht es aus. Ich fürchte sehr, es wird ein Nervenfieber, mein lieber Herr Baron. Alle Anzeichen dafür sind vorhanden."
„Nervenfieber?" Verständnislos schüttelte Werkheim den Kops. „Und was könnte die Ursache sein? Ich meine, was sind gewöhnlich die Ursachen zu einer derartigen Erkrankung?"
Der Medizinalrat hob die Schultern. „Darüber kann ick nichts Bestimmtes sagen. Im allgemeinen heftige Gemütsbewegungen, seelische Erschütterungen und dergleichen« Es gibt aber anck noch andere Grundunachen genug. Aber nun möckte ich doch erst mal nach der gnädigen Frau sehen. Es ist ja möglich, daß eine Welldung zum Besseren eingetreten ist."
Fortsetzung solat.
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