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Ur. M viertes Blatt

Giehener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)

Samstag, 5. Mai 1934

Wandern und Reisen Bäder und Sommerfrischen.

Wanderfahrten

Grünberg Homberg Amöneburg Kirchhain.

Wir fahren! Wir fahren! Wir sitzen im Zug!

helfen der Aecker der ruhende Pol, weil wir

fv so nah! Wieviel Menschen ich begegnete auf Unsen: nie kam das Nächste mir so reizend fremd, b?5 Fremdeste so traulich nah wie jenes andere Ich bis angetrauten Weibes. Nie mündete so Abschied h Willkomm, als da gewinktes Lebewohl sich in

nen sich beim Wandern und Schauen aus der Gegenwart die Fäden in die Vergangenheit zurück und wirken im Nachsinnen an dem Bilde, in dem

ir Ziel!"

Dies Erlebnis der Erlebnisse nenne ich mein irriges und schönstes.

i Luftendes Eden. DerObstwald", Zehntausende von ! Blütensträuhen, bietet unter rheinischem Frühlings-

fudtbrandung von Paris stieß. Ich begegnete üen Hebin in der Wüste. Kemal Paschas

uii) -gewißheit:Wir reisen, wir kreisen, wir sind oiijf der Fahrt, wir sind auf dem Wege, wir haben

Erste Frühlingsfreude schwingt wie taufend hal­lende Glocken über dem rheinischen Blütengau.

nommen hat wie in dem Baumriesen, an dem viel­leicht Jahrhunderte oorbeigegangen sind. Nichts, was grünt und blüht und Früchte bringt, feien sie auch unscheinbar und ungenießbar, steht ohne Zweck in der Scholle, die den Wurzeln Nährboden ist. Der Wille, der die Pflanze schuf, der das Antlitz der Landschaft formte, der dem Wurm seinen Weg weist, ist der Odem Gottes, dessen Raunen im Rau­schen der Blätter weht und den die leuchtenden Ge­stirne durch die Stille der Nächte flüstern. Ihn in seiner unendlichen Größe ahnend zu erleben, ist höchstes Wanderglück. Jeden Pfad, auf dem wir schreiten, haben vor uns schon Unzählige begangen. Hier sind Heere marschiert, deren Tritt noch heute durch die Geschichte der Heimat dröhnt. Dort weiß zerbröckelndes Gemäuer von ahnenreichen Geschlech­tern zu erzählen. In den Giebeln und Torbögen der Dorfgassen sprechen verwitterte Zahlen in Holz

Durch den blühenden Rheingau

Don Wiesbaden bis Rüdesheim.

Von J. Silling-Wiesner.

'liehen und fliegen! ____________

Nie empfand ich das Gefühl der Reiselust so nahe hj^mel ein'" entzückendes Bild aus 'dem^Märchen- der Daseinslust verwandt, der Lebensfreude ^nd.

Diese Wanderung ist, da sie 7 Stunden umfaßt, nur für rüstige Wunderer geeignet. Von unserem Ausgangspunkt Grünberg gehen wir in nördlicher Richtung blauen liegenden Kreuzen nach über

Gießen Kinzenbach Schwalbenbachtal Gr. Rothenberg Bieber.

Wir beginnen unsere Wanderung an der Lahn« brücke und folgen schwarzen Dreiecken, die uns die Rodheimer Straße entlang, hierauf an der Heuchel­heimer Mühle vorbei nach Kinzenbach bringen. Dom Ausgang des schmucken Dorfes führen uns die Zeichen ein großes Stück über freies Feld hinauf zum Wald, an dessen Rand wir einen prachtvollen Rückblick haben. Nach Durchschreiten des Waldes gelangen wir, nachdem wir die ehemalige Grube Morgenstern passiert haben, in das anmutige Schwalbenbachtal, an dessen Ende wir, unterhalb Bubenrod auf die von Wetzlar kommenden gelben Striche stoßen, denen wir nunmehr folgen. Wir übersteigen den Gr. Rothenberg und erreichen bei der Obermühle, nachdem wir unterwegs reizvolle Ausblicke, namentlich auf Königsberg und den Düns- berg genossen haben, das Biebertal, in dem wir bis zum Endziel Bieber weiterwandern. Marfchzeit VA Stunden.

teine Freundin stieg als erste Türkin, noch Der» llleiert, in mein Flugzeug. Dafür ftieg ich, auf der jiife von Heilbronn nach München, in Gedanken, d eimal in den falschen Zug. Sprachlos Erlebtes xitert nach von einer Jugendreife durch Tirol und (chweiz. Auf der Heimfahrt von Bulgarien durch 1 rfchneile Tannenwälder ging mir plötzlich Deutfch- lmd auf: deutsches Land und deutsche Landschaft!

1!üe vergeß ich St. Gudule zu Brüssel, nie den Augenblick, da ich unter dem Portal des Xantener Items, von der Pracht betroffen, schier zurückwich. ------- --<»-----

?fi) sah den andern Fusijama, schneeglitzernd, aus I Stangenrod nach Weitershain, wo wir gute Unter» dir Konjater Steppe tauchen als ein Wunder! tunft finden. Die Zeichen führen uns weiter über Siarat. Durch die Säulen Baalbeks grüßte mich Schadenbach, am Goldborn vorbei, hinauf nach dem rr Apfelblüte-Zeit das Silberfiligran des Libanon, auf einer Bergkuppe reizvoll gelegenen Homberg l«ber Gletscher trug mein Ski, durch Oasen trug mit mancherlei Sehenswürdigkeiten. Schön ist von rid) mein Hedschin. Ich flog im Freiballon. Ich oben der Blick auf das Ohmtal und den hohen Do» f: uerte das Auto durch die Alpen. Ich ritt in gelsberg. (Gute Gasthäuser.) Nunmehr wandern Serbien und Flandern. Ich kreuzte nächtlich auf 1 wir, blauen Dreiecken folgend,^das liebliche Ohmtal dir Zuidersee. Ich sah die Felsen Istriens brennen. I abwärts, erreichen in einer Stunde Schweinsberg 5 as wehte mich nicht an!? War es nicht die eigent- ' mit schöner Burg und hübschen Fachwerksbauten, Uhe Großmut meines Lebens, daß es immer wieder und bald darauf die historische Brückenmühle am S eg und Mittel fand, mich, den unbegütert Seß- Fuße der auf steilem Basaltkegel gelegenen Simone» h ften, mit Ferne zu begnaden, mit Erlebnissen zu bürg, die wir ersteigen. Oben angelangt, bietet sich Den. ! uns eine herrliche Rundsicht auf das Ohmtal, Vo-

'<5o verbietet mir schon Dankbarkeit, irgendeine gelsberg, Rhön, Taunus, Westerwald und die Gie- ( nzelheit anekdotisch als die einzige und schönste ßener Gegend. Von hier folgen wir blauen Punkten L.f- und auszuzeichnen. Vielmehr suche ich den nach unserem Endziel Kirchhain.

!'z1allosen Fall, die Stunde, die nicht irgendein i 6 lebnis auf der Reise, sondern das Erlebnis eise" schlechthin schenkte. Und ich finde sie im!

eiften Viertelstündchen meiner Hochzeitsreise; einer seichten Schnellzuqsfahrt ins eigene Heim.

'Sie war die Reise aller Reisen, ihr Erlebnis war b: s schönste. Schöneres kann keine Reise schenken os dies wunderbare Hochgefühl, alles hinter sich z. lassen, alles nun vor sich zu haben; dies typische ^isehochgefühl jenes Augenblicks, da die Räder an- teigen zu rollen. Nie so wie damals fand ich mich eiüfrücft, losgelöst aus dem Gewohnten, fortgetragen in t) zugleich geborgen. Jede Reise endete mit Rück- kir; diese startete ins Uferlose. Wie Colombo zog id aus, eine neue Welt zu entdecken. Und ich wußte

Wandern und Schauen.

Mit dem Grün des Frühlings lockt die Nähe und Düte wieder zu neuem Wandern. Doch das Wan- kn darf nicht bloßer Selbstzweck oder eine Kilo- mtterangelegenheit sein. Denn dann wäre es noch tirjt einmal ein gesunder Sport, sondern Rekord- fiKDt. Das Wandern, dem ein wirklicher Sinn und inr erer Wert zukommt, ist das Erwandern der Hei- mdt und ihrer miüionenfältigen Schönheit. Das Ländern muß eine Wanderschau, ein Einfuhlen ; inui (Einleben, ein Sichversenken in das All sem, dessen («-le in der kleinsten Blume genau so Gesicht ange-

bm ersten Kuß Grüßgott der endlich Einsamen er» lirte. Nie teilte ich mit lieberem Gefährten mein Supee nie stand das Abenteuer lackender vor Ginn 12,l|lululll ucl),luutu.u

ir.b Seele, und bürgerlich gesitteter zugleich. Nie [, Q e n ( ^as schöne großstädtische Heilbad zwischen !i»t ich eine Reise an so froh, so ernst. Nie packte $aunU5 und Rhein, und Bingen begrenzen die- die Soffer fo mit Liebe. Nie empfand ich fo [e5 grüi)ling51Qnb am Rhein.

m 6mn des Reisens, durch Entfremdung zu sich ura,[f grauverwittert liegt Geisenheim mit» W zu kommen. Nie empfand ich Gottes Welt t . ber schweigen Kirschblüte. Wer ahnt, daß es sc wunderbar wie damals mit den Augen der Ge- - - -"

ein Volk in seinem Volkstum sich über die Zeiten hinweg unvergängliche und beredte Denk» und Ehrenmale setzte.

Und dann will das Wandern wieder den Blick weiten aus den engeren Bezirken, in denen sich unser Alltag bewegte. Will die Gedanken frei ma­chen von den Strängen, in die jede Aufgabe den einzelnen einschirrt, wenn sie mit vollem und ver­pflichtendem Einsatz erfüllt wird. Das Gefühl des Losgelöstseins gibt eine innere Befriedigung, die sich 'naturnotwendig auch körperlich auswirken wird. In diesem Wechselstrom zwischen Körper und Geist findet das Wandern seine eigentliche Erfüllung.

Es gibt keinen wertvolleren Besitz und keinen größeren Verlust als die Heimat. Sie ist voller Wunder. Man muß sie nur suchen, nur sehen wollen und können. Wer die Heimat liebt und sie wachen Auges und empfänglichen Herzens durchwandert und sie in sich aufnimmt, der wird stets den Boden unter seinen Füßen haben, in dem die festen Wur­zeln seiner Kraft sind. Gewinne sie dir zurück, oder erobere sie dir, wenn du sie vielleicht schon ver­loren hattest. Kig.

Min schönstes Reiseerlebnis.

Von Richard Euringer, GDS.

Richard Euringer erhielt soeben den Stefan-George-Preis in Höhe von 12 000 Mark für jein BuchDeutsche Passion 1933".

Stromauf, stromab steht das Land geschmückt wie zu einem einzigen Fest, und im jilbrig-flimmernben Licht, das der Landschaft schon südlichere Töne, un­endlich heitere Nüancen gibt wie dem rheini­schen Menschen einen rascheren Lebensrhythmus; in diesem Licht scheint aller Reichtum deutschen Frühlings um uns ausgebreitet. Diese Fülle strah- lenber Silber sich zu erwandern, bas gehört zum Köstlichsten, was man vom Frühling sich träumt. Gehen wir, abseits von Allerweltsstraßen, solch einen rheinischen Frühlingsweg, ben bie Vielfalt ber Einbrücke besonbers beglückend macht. Wies-

Unser Weg führt aus dem Gewinkel all der Winzernestchen am sonnigen Stromlauf mitten durchs Rebenreich in die Forsten des westlichen Taunus. Der vielaewundene Weg von Hattenheim zur schönsten Klostersieblung des Rheingaus, E b e r d a ch , bildet den lieber gang in eine neue Welt. Unabsehbar strahlen bie grünen Fächer der Rebzeilen bergan. Westlich krönt Schloß Johan­nisberg eine aussichtberühmte Bergterrasse, die eine ber ebelsten Wein la gen trägt, seit mehr als hundert Jahren im Fürstlich Metternichschen Be­sitz. Der freundliche Kellermeister zeigt gern die ur­alten Kellereien ber ehemaligen Benebiktinerabtei unb den riesigen Saal, in dem die berühmten Wein­versteigerungen ftattfinben.

Mit hundertfach wechselnder Schau über Berge, Strom und blühende Gefilde steigt der Weg mählich in die ersten, lichten Baumschatten hinauf. Hohe Pappelreihen, blinkende Teiche, unb bann, in grünen Frieben gebettet, malerisch unter hoch­gestellten Wäldern, Kloster Eberbach! Es wurde schon 1116 als erste Niederlassung der Zisterzienser in Deutschland gegründet, 1131 erhob es 'der heilige Bernhard von Clairvaux zur Abtei; durch Anbau und treffliche Kultur einer der feinsten Weinlagen, erlangte es eine besondere Berühmtheit. Das ist ein echter Klosterwein, der bereits im 12. Jahrhundert gepflanzt wurde und noch heute im Eberbacher Keller ebenso wie Marcobrunner und Hattenheirner verarbeitet wird.

Aus den südlich üppigen ^laftergärten und Obst- tulturen gehts dem Gebirge zu, das mit breiten Kämmen unb dichten Forsten bas Rebenlanb als Rheingaugebirae säumt. Herrliche Buchen- und Tannenhochwälder umkränzen die Ha ll gar ter Zange, in 580 Meter Höhe, die man in ändert- halbstündiger Wanderung von Kloster Eberbach er­reicht. Der Rundblick vom Aussichtsturm ist der umfassendste des ganzen Gebirges, geht fast über ben ganzen Rheingau unb Taunus, Mittelrhein, Rheinhessen bis zum pfälzischen Donnersberg: ein Blick weit hinaus ins Blütenlanb, der allein eine Frühlingsfahrt lohnt! Anmutige Dörfer sind ins weite, grüne Wälbermeer eingestreut, Hallgarten auf felsiger Terrasse, Stephanshausen auf unserer Höhenstraße zwischenZange" unb dem K a m -

Wir kehren aus bem Blütenmeer zu grünen Ufer» pfaben zurück unb fallen ins Nachbarftäbtchen Winkel ein, wo in Stille unb Verborgenheit ein Frühlingsidyll anderer Art träumt: das Goethe- gärtlein am alten Brentanohaus. Goethe bewohnte hier als Gast ber Familie Brentano im Jahre 1816 zum letzten Male seine beibenKabinette" mit bem reizenden Ausblick über Blumen unb Rebenlauben zum Rhein. Ein paar Gassen weiter steht man vor dem primitiven Gemäuer bes ältesten steinernen Profanbaues im beutschen Land, demGrauen Haus". Es ist überhaupt eine kunstgeschichtlich in­teressante Gegend. Auf bem Friebhos von St. Wal­purgis finben wir bas Grab ber Dichterin Karo- line von Oünberobe, im angrenzenben Mittelrhein winzig und unbekannt eines der ältesten deut­schen Kirchlein, St. Egidius, um 1100 auf karolingi­schen Fundamenten gebaut und noch heute in rein romanischem Stil erhalten.

hier einen Wundergarten gibt?Das ist unsere Pommlochie!" sagt stolz ein Bäuerlein, als wir den

- 1-,..... - ...^ . , - Weg zurStaatlichen Lehr- und Forschungsanstalt

Rin hält uns nichts mehr! Nun sind wir so fern für Obst- und Gartenbau" suchen, kurzPo- ul» nahe! Nun sind wir der ruhende Pol, im 1 uw logisch es Institut" genannt. Es ist ein blühendes,

Nicht die Fahrt durch die lodernden Mohn-Meere hr tieinasiatischen Haschisch-Gegend, nicht bas kecke heine Abenteuer mit ber Ungarin auf Lussinpiccolo, licht den ersten Alpenflug möchte ich so nennen, od) jenen anderen, der mich als ersten Menschen ii die Himmel zwischen totem Meer und Mitkl­äger emportrug. Einmal hob ich ein Kind, das nie us seinem Dorf herausgekommen, auf meinen Soziussitz und raste es in drei geschlagenen ©tun« I n an die See, blieb stehen, wo die letzte Düne tüt einem letzten Pinselstrich die silbernen 23er» ....... _ . .

pfungen verzögert, und genoß die hilflose Be° und Stein von ber zähen Liebe, bie Haus unb Hof j irzuna bes Knaben, ber sich mit bem Meere maß; in hartem Tagewerk erhielt, um sie als Erbe ben x noß sie in Erinnerung an einen Tag, ber mich, Enkeln in treue Obhut zu überantworten. So spm- dn Fünfzehnjährigen, hochwogenb in bie Welt- c""

m e r f 0 r ft, einem ber üppigsten, heut noch ur­wüchsigen Waldgebiete über dem Niederwald. Auf unb ab ziehen die Pfade, streifen uralte Wallfahrts- ftätten Kloster Marienthal unb bas verwunschene Noth-Gottes"-Helligtum, unb erreichen Forsthaus Kammerforst unb den weltfernenTeufels- k ä b r i ch" mit phantastisch schönem Tiefblick zum Rhein, ben ber senkrecht abstürzende Fels ge­währt. Vom Forsthaus steigt man entweder nach Aßmannshausen oder zum Niederwald ab. Wie in goldener Muschel präsentiert sich von hier aus das reizende Rüdesheim in seiner Rebenfülle, mit dem grüngoldenen Strom, den drü­ben die Binger Höhen mit duftigen Konturen be­grenzen. ..

Krühlingsfahrt ins Maintal.

Von (Smit Baader.

Ein flinker Wagen kam angefahren und nahm mich mit. Trug mich über viele Hügel. Durch manche Dorfschaften, durch Marktflecken und kleine Städtchen ins Taubertal und dann ins Maintal. Irgendwo habe ich den kleinen Wagen verlassen und bin zu Fuß weitergetippelt durch den fränki­schen Frühling. Unb wenn Regen übers Lanb kam, linber, zarter Frühlingsregen, bann habe ich mich in ein Dorfwirtshaus gesetzt zu einem Glas Apfel­most, in eine Fischerkneipe zu Wertheim ober in einen Bummelzug zu fränkischen Bauern und Bäuerinnen. Ueberall aber war ich im feierlich schönen walb- unb bergumrahmten Maintal. Jener Teil bes Maintals roars, darin zu wandern ans Herz greift, weil man selbst so klein ist in diesem Tal. Es fahren Floße im Strom, gelassen unb traumhaft. Dann kommen Schleppzüge, schwerbe- laben. Sie fahren stromaufwärts. Sie lassen sich Zeit. Es kommen Dörfer. Sie haben nur eine ein­zige Straße: zwischen Wasser unb Bergen. In ben schmalen Gärtchen blühen rosarot bie Aprikosen. Em bleigrauer Himmel hängt überm Dorf, überm Strom. Es ist Frühling. Das Lanb duftet stark. Aber ber Frühling ist sehr verhalten. Die Sonne hält sich hinter bicken Wolken verborgen. Bach­stelzen sitzen auf bem Gelänber ber Haslocher Main­brücke. Hoch in ber Luft fliegt ein Fischreiher. In biefer Lanbschaft, diesem Mainfrühling zu man» bem, bas ist etwas Eigenes. Kilometerweit gewahrt man nichts als bie Wasserfläche bes Stromes unb barüber bie noch roten winterharten Wälber.

*

Jenseits des Stromes fahren auf gutgepflegter Lanbftraße in roilber Jagb bie Autos aus den großen Stäbten. Aus Frankfurt kommen sie unb aus Aschaffenburg, nach Würzburg fahren sie, nach Bamberg unb Nürnberg. Die Wagen fahren burch bas große Tal bes erwachenben Frühlings. Aber bie Insassen atmen ben Duft bes Laubes nicht. Sie atmen ben Duft bes Maines unb ber frisch­gepflügten Aecker nicht. Sie mögen nur ahnen, wie schön unb groß bas weltferne Walbtal ist zwischen Spessart unb Obenwalb!

Manchmal kommt es mich an, abzuzweigen vom Wcmberweg im Tal. Jrgenb einen Weg zu begehen, ber in bie roten Wälber am Hang führt, zu den roten großen Steinbrüchen, oder hinauf auf das Plateau, wo menschliche Siedlungen liegen; von wo man weit hinaüsschauen kann in das große Walbtal. Aber mit magischer Gewalt zieht es den Wanderer wieder hinunter an Den Strom, hinunter in bie Dörfer im Tal. *

Wenn man nach langer Wanberschaft irgenbroo Herberge gefunben in einer alten, kleinen Stabt, wenn am Morgen ber Frühlingsregen leis unb ein wenig schwermütig niebergeht, wenn ber Strom zart verschleiert liegt, wenn bie Glocken gebämpft vom Turm erklingen, wenn man feinen Wcmber- schritt sachte wieber auf bas Pflaster setzt, wenn man in bie ach so rührenb bunten Fenster ber Kleinstabtläben schaut, bann überkommt es uns plötzlich: Ach, wer nun eine Weile fahren könnte mitten im Strom, mit einem Floß, mit einem Boot. Unb wenn bas nun gelingt, wenn man Glück hat, wenn ber Flößer näher ans Ufer fährt, unb wir springen auf bas Floß unb fahren mit zu Tal, einen Tag, zwei Tage. Wie schon! Die Nebelschleier verlieren sich. Die Sonne bricht sich Bahn. Ein blauer Frühlingstag steht plötzlich über uns: gel­ben ... Lerchen jubeln fern über ben Aeckern ber Ebene. Drosseln jubeln an ben Uferwälbern. Schle­henbüsche stehen auf einmal in blenbenbem Weiß fern an ben Hügeln. Aus bem Lanb bes schwer- mütlgen Walbfrühlings sinb wir sachte gekommen in bas Lanb bes heiteren Wiesen- unb Matten- frühlings, in bas Lanb ber Fröhlichkeit.

Man verläßt irgenbroo bas Floß, biefes gelassene Fahrzeug bes Traumes. Irgenbroo steht ein kleiner Bahnhof, wo wir auf ein Züglein warten, bas uns geschwätzig unb pustenb fortträgt aus dem weiten Mainland in die große Stadt, bie nichts weiß um bie Wunber bes Walbfrühlings, um ben Zauber ber Traumfahrt auf ben alten Wassern bes guten Stromes ...

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