Jahrgang 1940

Mittwoch, -en 24. Ianuar

Nummer 7

Erstes Kapitel.

der Sägerei und Holzhandlung der Gebrüder

unter Verwandten und Knechten keinen Feind.

1. 1967

Das .Loch", wie di« Gegend der Säg« hieß, gewährt« einen öden Anblick. Das Ufer blinkte hier weiß von Steinen und Sand. Nur em Restlein Kiefernwald wehrt« sich noch gegen den Schwenrmsturz der Baches.

Ewige so im

Die tausenöjährige Maße

Roman von Ernst Jahn

Copyright 6y Deutsche Verlags-Anstalt Ätuttgact-Verlin

SietzenerZamllieMMer

Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger

Man wechselte gern mit ihm ein freundliches Wort. Em Eindruck sck)öner menschlicher Gelassenheit ging von chm aus, leuchtete aus seinem glatten, fast zarten Gesicht mit dem Hellen, s«hr blonden Haar, in dem man die grauen Fäden nicht bemerkte, und gewann ihm überall Freunde. Kein Mensch trug mehr ein Troddelkäppchen, wie es auf seinem Kopfe sah, aber Tobias hatte nicht den Ehrgeiz, zur neuen Zeit zu gehören, und Otwin, der Knecht, sagt«, die Kappe sei Walkers Kennzeichen: sein Wesen sei geradezu samtig.

Der Knecht Otwin Dorta muß vor allem Gesinde auf der Staldener Säge zuerst genannt werden. Er kam aus der Südschweiz. Sein Vater war em Liviner, seine Mutter «ine Urnerin gewesen. Schwarzes Haar und em runder schwarzer Bart, ein« braune Hautfarbe und unter starken schwarzen Brauen hervor finster und streng blickende Augen verrieten sein welsches Blut: aber sein Wuchs, der lange, hagere, zähe Körper gemahnten an das Kargland oben am Gotthard. Vater Tobias hatte den düsteren Mann, das Kind einer Schwester, die mit ihm hn Hause Zuflucht gesucht, vor Jahren, und nachdem er herangewachß-n, als Säger emgestellt und an ihm bald Eigenschaften entdeckt, die ihn veranlaßten, ihn zu einer Art Aufseher zu befördern. Er verstand fein Handwerk wie nicht gleich einer, kannte das einheimische Holz bis in jede Faser und diente seinem Arbeitgeber mit einer verlassenen Treue, die ein Teil seines Wesens, aber auch der Ausfluß einer verhehlten Dankbarkeit war. Es schien manchmal, als habe er sich den Walkers und ihren In­teressen mit Leib und Seele verschrieben. Tobias war Witwer. Seine vier Kinder schloßen sich an den schutzhaften Knecht an, und weil er von eigenen Leuten und eigenem Land nicht wußte und spürte, wie jene sich gleichsam in den sicheren Schatten seiner Kraft begaben, nahm sein Herz sie als eigen an, und gelangte er nach und nach zu einer Art Pflege­vater amt. "

Bei seinem Mitgesinde galt Otwin als ein Ausbund. Sie liebten ihn "icht: aber sie anerkannten feine geistige und körperliche Ueberlegenheit An Kraft und Wuchs allen voran, übertraf er sie auch an Gefchicklich- keit in Handhabung der Werkzeuge und der Maschinen, wußte Bescheid

da» Material und die Ansprüche der Kundschaft und besaß eine solche Einsicht <n den ganzen Geschäftsgang, daß er zu einer Art Mittel­punkt des Betnebs wurde. Manchem Fremden und manchem Kunden fiel der lange, stämmige Mensch auf, der am Morgen als der erst« auf Cem Werkplatz erschien und am Wend als der letzte Feierabend machte «einer wagte sich recht an ihn heran; denn fern Gesicht trug einen harten Ausdruck. Auch die Walkerkinder sahen ihn festen nur lachen- aber er besaß die Gabe, sie arbeiten zu lehren, ihnen dabei an die Hand zu gehen und sie mit fortzureißen. Es ging wie ein dunkler Zwang

'h^aus. Man mußte ihm nacheifern, ihn irgendwie bestaunen und suhlte sich zugleich sonderbar sicher in seiner Hut. Er verstand aber nicht nur, jeden unwilligen Arbeiter mit einem Blick und einem Wort, die beide tm« Schlag und Stich waren, zum Gehorsam zu zwingen, sondern er hatte auch eine sonderbar« Gewalt über di« Tiere, ein widerspenstiges Jimb, «m wildes Pferd oder einen bissigen Hund. Die Kinder meinten, er Zahle mindestens fünfzig Jahr«; aber zuweilen, wenn über sein tod- ernftes Gesicht ein seltener Schimmer von Freude glitt, konnte man V - ur einen späten Zwanziger halten, so glatt und gespannt war die H stmer bleichen Wangen. Dieses Aufleuchten trat manchmal in £>J< M>ene, wenn ihm die blonde Candida Gesellschaft leistet«. Sie tri, »u>» last ein Kind, erst der Schule enltonnen; aber sie war ein fturesi?*»^ -if

d)en mit breiten Hüften, vollen Armen, schlanken und doch stäE »«tnen unb mit einem Kopf, der eite Ausstellung von lieblichen ffls bedeutete blondem Haar, einem roten, kleinen Mund und blauen untti*k öen starken Brauen wie Veilchen hervvrleuchtenden Augen Die Augen waren das Wesentliche. Ein frühreifer Ernst, der leicht in Bitterkeit umschlug, erfüllte sie; ober sie konnten auch in rascher Freude oder Begeisterung auchsitzen und verklärten dann das Antlitz mit ihrem jugendlichen Glanz

Wenn in den Ställen ein Jungtier, Kalv, Lamm oder Füllen zur Welt kam, fuhrt«. Otwin Candida hin. ,.Du mußt wißen, wie schwer Mutter es hab«! sagte er. Manchmal brachte er ihr auch aus den Bergen seltene Bilanzen oder Kristalle mit. Und dazu sprach er: Lern d-.e Natur kennen! An der ist mehr als am Menschen, der meint" dar- uber hinausgervacksen zu jein." Gern hörte Candida ihn erzählen. Aus i^r Schweizer Geschichte, aber auch aus dem Leben der Walkers ihrer einstigen Armut unb bem späteren Aufstieg. Er mußte sich viel mit diesen Dingen beseitigt haben, denn er kannte alle Einzelheiten. In feiner geräumigen Kammer stand ein Regal mit Büchern, in denen er las wenn er Muße hatte, lieber die Familiengeschichte aber mußt« e. wohl von Pater Tobias, der ihm schrankenloses Zutrauen schenkte, manches gehört haben. Er war ein langsamer, gründlicher, grübelnder. Erzähler und sagt«, es gebe für den Menschen nichts Wichtigeres als die ' Ireue jur Heimat und zum angestammten Geschlecht. Manchmal ging Eandida ganz benommen und erschüttert von ihm. So als er eimnÄ

Allen, die auf dem Weg« sind, wünsche ich glückliche Fahrt. Ob uns die Füße noch rege sind, ob sie schon müde und trage sind. Wandern ist Pflicht uns und Art.

Tausendjährig bCe Straße liegt zwischen Verwelken und Blühn, wo wir allein und zu zwei'n geschmiegt, diese geschlagen, die unbesiegt, uns um «in Ziel bemuhn.

Hofsnungstrunken braust einer her, einer voll Stolz und Zorn, der ein Sünder, ein Kerner der, aber im Grunde ist keiner mehr als nur im Sturme ein Korn.

Die großen Gebäude der Sägerei und Holzhandlung der Gebrüder Walker standen am stach abfallenden Seeufer, bort, wo durch ein Kies­belta ein wasserreicher Bach sich in den See ergießt. Der kleine inner- schweizerische, zwischen sanft ansteigende grüne, wenig bewaldete Wiesen gebettet« und gleich einem ruhigen schönen blauen Auge aus friedlichem Angesicht zum Himmel schauende See spiegelt an feinem Subende die weißen ansehnlichen Häuser des Fleckens Stalden und im Norden das um seiner vielen wetterbraunen Hütten willen viel dunklere Dorf Ros- wil. An den übrigen Ufern wächst viel gelbes Schilf vor schwarzgrünem Buschwerk.

Wer da ein Mensch ist, jauchzt und büßt, daß er die Welt darf lehn.

3i)r, die ihr mit mir schreiten müßt, Wanderer, seid gegrüßt Dorübergehnl

M. An den gelben Holzbauten, der Säge selbst, den Bretterschuppen bem großen kahlen Wohnhaus war nichts Airsehnliches. Ein paar ^Wttsisi'n. di« von einzelnen Gesimsen des letztem hingen, mühten sich, wie^Änunchmuck am Half« einer häßlichen verdroßenen Frau, umsonst, chm Womie unb Anmut zu geben. Das Wahrzeichen des ganzen An- wesens wdr. Arbeit. Ringsum unb bis bicht an den See hinunter sah man rohe und behauene Stämme, schwere Eichen unb Buchen und schlanke weiße, für Telegraphenstangen bestimmte laimen liegen. Haufen von Spänen unb Rindenltücken unterbrachen die geradlinigen Schichten der Balken unb Bäume. Welßgelbes Holzmehl lag und dort über den nttt spärlichem Unkraut bewachsenen Boden gestreut. Dom Morgen zum Abend zischten, schnarrten und schrien die Sägen, unb hämmerten, zersplitterten unb entrindeten die Beile. Dam Morgen zum Abend waren die Holzknechte unb bie Fuhrleute geschäftig. Schwere Fuhrwerke rollten ein unb aus. Frachtkrastwagen unb Traktore schnauf- tm unb keuchten. Das Geschäft der Gebrüder Walker hatte einen weiten Ruf. Wie sehr es gewachsen und aus kleinen Anfängen sich zum Groß­betrieb gestaltet, das bedachte manchmal sttll für sich Vater Tobias, der «eine alte Mann, mit der abgetragenen Quastenmütze auf dem kahlen Kopf, der, ohne sich noch groß einzumischen, durch die Räume der Säge trippelte und auf den Deckplätzen herumstrich, unb er verhehlte süh nwht, daß der Zug ins Große, der in den Betrieb gekommen, seinen Söhnen zu verdanken war. Er selbst war eher ein langsamer, vorsich­tiger Mensch gewesen, der dem Gluck mehr zu danken hatte als dem eigenen Unternehmungsgeist, und bem es auch nicht schwer gefallen war das Regiment aus der Hand zu geben, als Me Söhne sich als tüchtia und selbständig erwiesen.