glückliches Naturell aber wußte ihn immer wieder zu entwaffnen, ja, fo sehr, daß er sich mit dem Anspruch, den er erhob, säst pedantisch vorkam.
Lene mit ihrer Einfachheit, Wahrheit und Unredensartlichkeit stand ihm öfters vor der Seele, fchwand aber ebenso rasch wieder hin, und nur wenn Zufälligreiten einen ganz bestimmten Vorfall in aller Lebendigkeit wieder in ihm wachriefen, kam ihm mit dieser größeren Lebendigkeit des Bildes auch wohl ein stärkeres Gefühl und mitunter selbst eine Verlegenheit.
Eine solche Zufälligkeit ereignete sich gleich im ersten Sommer, als das junge Paar, von einem Diner bei Graf Alten zuruckgekehrt, aus dem Balkon saß und seinen Tee nahm. Käthe lag zurückgelehnt in ihrem Sessel und ließ sich aus der Zeitung einen mit Zahlenangaben reich gespickten Artikel über Psarr- und Stolgebühren vorlesen. Eigentlich verstand sie wenig davon, um so weniger, als die vielen Zahlen sie störten, aber sie hörte doch ziemlich aufmerksam zu, weil alle märkischen Frölens ihre halbe Jugend „bei Predigers" zubringen und so den Pfarrhausinteressen ihre Teilnahme bewahren. So war es auch heut. Endlich brach der Abend herein, und im selben Augenblicke, wo's dunkelte, begann drüben im „Zoologischen" das Konzert, und ein entzückender Straußscher Walzer klang herüber.
„Höre nur, Botho", sagte Käthe, sich ausrichtend, während sie voll Uebermut hinzusetzte: „Komm, laß uns tanzer." Und ohne seine Zustimmung abzuwarten, zog sie ihn aus seinem Stuhl in die Höhe und walzte mit ihm in das große Balkonzimmer hinein und in diesem noch ein paarmal herum. Dann gab sie ihm einen Kuh und sagte, während sie sich an ihn schmiegte: „Weißt du, Botho, so wundervoll hab ich noch nie getanzt, auch nicht auf meinem ersten Ball, den ich noch bei der Zülow mitmachte, ja, daß ich's nur gestehe, noch eh ich eingesegnet war. Onkel Ostennahm mich auf seine Verantwortung mit, und die Mama weiß es bis diesen Tag nicht. Aber selbst da war es nicht so schön wie heut. Und doch ist die verbotene Frucht die schönste. Nicht wahr? Aber du sagst ja nichts, du bist ja verlegen, Botho. Sieh, so ertapp ich dich mal wieder."
Er wollte, so gut es ging, etwas sagen, aber sie ließ ihn nicht dazu kommen. „Ich glaube wirklich, Botho, meine Schwester Ine hat es dir angetan, und du darfst mich nicht damit trösten wollen, sie sei noch ein halber Backfisch oder nicht weit darüber hinaus. Das sind immer die gefährlichsten. Ist es nicht so? Nun, ich will nichts gesehen haben, und ich gönn es ihr und dir. Aber auf alte, ganz alte Geschichten bin ich eifersüchtig, viel, viel eifersüchtiger als auf neue."
„Sonderbar", sagte Botho und versuchte zu lachen.
„Und doch am Ende nicht so sonderbar wie's aussieht", fuhr Käthe fort. „Sieh, neue Geschichten hat man doch immer halb unter Augen, und es muß schon schlimm kommen und ein wirklicher Meisterverräter sein, wenn man gar nichts merken und so reinweg betrogen werden soll. Aber alte Geschichten, da hört alle Kontrolle auf, da kann es tausend und drei geben, und man weiß es kaum."
„Und was man nicht weih .. "
„Kann einen doch heiß machen. Aber lassen roir’s und lies mir lieber weiter aus deiner Zeitung vor. Ich habe beständig an unsere Kluckhuhns denken müssen, und die gute Frau versteht es nicht. Und der Aelteste soll jetzt gerade studieren "
Solche Geschichten ereigneten sich häufiger und beschworen in Bothos Seele mit den alten Zeiten auch Lenens Bild herauf, aber sie selbst sah er nicht, was ihm aufsiel, weil er ja wußte, daß sie halbe Nachbarn waren.
Es fiel ihm aus und wär ihm doch leicht erklärlich gewesen, wenn er rechtzeitig in Erfahrung gebracht hätte, daß Frau Nimptsch und Lene gar nicht mehr an alter Stelle zu finden seien. Und doch war es so. Von dem Tag an, wo Lene dem jungen Paar in der Lützowstraße begegnet war, hatte sie der Alten erklärt, in der Dörrschen Wohnung nicht mehr bleiben zu können, und als Mutter Nimptsch, die sonst nie widersprach, den Kopf geschüttelt und geroeimert und in einem fort aus den Herd hingewiesen hatte, hatte Lene gesagt: „Mutter, du kennst mich doch! Ich werde dir doch deinen Herd und dein Feuer nicht nehmen; du sollst alles wieder haben; ich habe das Geld dazu gespart, und wenn ich's nicht hätte, so wollt ich arbeiten, bis es beisammen wär. Aber hier müssen wir fort. Ich muß jeden Tag da vorbei, das halt ich nicht aus, Mutter. Ich gönn ihm sein Glück, ja mehr noch, ich freue mich, daß er's hat. Gott ist mein Zeuge, denn er war ein guter, lieber Mensch und hat mir zuliebe gelebt» und kein Hochmut und keine Haberei. Und daß ich's rundheraus sage, trotzdem ich die feinen Herren nicht leiden kann, ein richtiger Edelmann, so recht einer, der das Herz auf dem rechten Flecke hat. Ja, mein einziger Botho, du sollst glücklich sein, so glücklich, wie du's verdienst. Aber ich kann es nicht sehn, Mutter, ich muß weg hier, denn sowie ich zehn Schritte gebe, denk ich, er steht vor mir. Und da bin ich in einem ewigen Zittern. Nein, nein, das geht nicht. Ader deine Herdstelle sollst du haben. Das versprech ich dir, ich, deine Lene."
Nach diesem Gespärche war seitens der Alten aller Widerstand aus- gegeben worden, und auch Frau Dorr hatte gesagt: „Versteht sich, ihr müßt ausziehen. Und dem alten Geizkragen, dem Dörr, dem gönn ich's. Immer hat er mir was vorgebrummt, daß ihr zu billig einsäßt, und daß nid) die Steuer ttn die Reparatur dabei rauskäme. Nu mag er sich freuen, wenn ihm alles leer steht. Und fo roirb’s kommen. Denn wer zieht denn in solchen Puppenkasten, wo jeder Kater ins Fenster guckt un kein Gas nid) un keine Wasserleitung. I, versteht sich; ihr habt ja vierteljährliche Kündigung, und Ostern könnt ihr raus, da helfen ihm keine Sperenzchen. Und ich freue mich ordentlich; ja, Lene, so schlecht bin ich. Aber ich muß auch gleich für meine Schadenfreude bezahlen. Denn wenn du weg bift, Kind, und die gute Frau Nimptfch mit ihrem Feuer und ihrem Teekessel und immer kochend Wasser, ja. Lene, was hab ich denn noch? Doch bloß ihn un Sultan und den dummen Jungen» der immer dummer wird. Un sonst keinen Menschen nid). Und roenn’s denn kalt wird und Schnee fällt,
is es mitunter zum katfolfch werden vor lauter Stillfitzen und Ein- jamteit."
Das waren fo die ersten Verhandlungen gewesen, als der Umzugsplan in Lene feststand; und als Ostern herankam, war wirklich ein Möbelwagen vorgesahren, um aufzuladen, was an Habseligkeiten da war. Der alte Dörr hatte sich bis zuletzt überraschend gut benommen, und nach erfolgtem feierlichen Abschiede war Frau Nimptsch in eine Droschke gepackt und mit ihrem Eichkätzchen und Stieglitz bis an das Luisenuser gefahren worden, wo Lene, drei Treppen hoch, eine kleine Prachtwohnung gemietet und nicht nur ein paar neue Möbel angeschasft, sondern, in Erinnerung an ihr Versprechen, vor allem auch für einen an den großen Vorder- zirnmerofen angebauten Karnin gesorgt hatte. Seitens des Wirts waren anfänglich allerlei Schwierigkeiten gemacht worden, „weil solch Vorbau den Ofen ruiniere". Lene hatte jedoch unter Angabe der Gründe daraus bestanden, was dem Wirt, einem alten, braven Tischlermeister, dem fo was gefiel, einen großen Eindruck gemacht und ihn zum Nachgeben bestimmt hatte. ,
Beide wohnten nun ziemlich ebenso, wie sie vordem im Dörrschen Gartenhause gewohnt hatten, nur mit dem Unterschiede, daß sie jetzt drei Treppen hoch saßen, und statt auf die phantastischen Türme des Elefanlen- hauses auf die hübsche Kuppel der Michaeliskirche sahen. Ja, der Blick, dessen sie sich erfreuten, war entzückend und so schon und frei, daß er selbst auf die Lebensgewohnheiten der alten Nimptfch einen Einfluß gewann und sie bestimmte, nicht mehr bloß auf der Fußbank am Feuer, sondern, wem, die Sonne schien, auch am offenen Fenster zu sitzen, wo Lene für einen Tritt gesorgt hatte. Das alles tat der alten Frau Nimptfch ungemein wohl und half ihr auch gesundheitlich auf, so daß sie seit dem Wohnungs- wechsel weniger an Reißen litt als draußen in dem Dörrschen Gartenhause, das, fo poetisch es lag, nicht viel besser als ein Keller gewesen war.
Im übrigen verging keine Woche, wo picht, trotz des endlos weiten Weges, Frau Dörr vom „Zoologischen" her am Luisenuser erschienen wäre, bloß „um zu sehen, roie’s stehe". Sie sprach bann, nach Art aller Berliner Ehefrauen, ausschließlick) von ihrem Manne, babei regelmäßig einen Ton anschlagend, als ob die Verheiratung mit ihm eine der schwersten 'Mesalliancen und eigentlich etwas halb Unerklärliches gewesen wäre. In Wahrheit aber stand es fo, daß-sie sich nicht nur äußerst behaglich und zufrieden fühlte, sondern sich auch freute, daß Dörr geradeso war, wie er war. Denn sie hatte nur Vorteile davon, einmal den, beständig reicher zu werden, und nebenher den zweiten, ihr ebenso wichtigen, ohne jede Gefahr vor Aenderung und Vermogenseinbuhe sich unausgesetzt über den alten Geizkragen erheben und ihm Vorhaltungen über seine niedrige Gesinnung machen zu können. Ja, Dorr war das Hauptthema bei diesen Gesprächen, und Lene, wenn sie nicht bei Goldsteins oder sonstwo in der Stadt war, lachte jedesmal herzlich mit, und um so herzlicher, als sie sich, ebenso wie die Nimptsch, seit dem Umzüge sichtlich erholt hatte. Das Einrichten, Anschaffen und Jnstandfetzen hatte sie, wie sich denken läßt, von Anfang an von ihren Betrachtungen abgezogen, und was noch wichtiger und für ihre Gesundheit und Erholung erst recht von Vorteil gewesen war, war das, daß sie nun keine Furcht mehr vor einer Begegnung mit Botho zu Haden brauchte. Wer kam nach dem Luisenuser? Botho gewiß nicht. All das vereinigte sich, sie vergleichsweise wieder srisch und inunter erscheinen zu lassen, und nur eines war geblieben, das auch äußerlich an zurückliegende Kämpfe gemahnte: mitten durch ihr Scheitel- Haar zog sich eine weiße Strähne. Mutter Nimptsch hatte kein Auge bofür oder machte nicht viel baoon, die Dörr aber, die nach ihrer Art mit der Mode ging und vor allem ungemein stolz auf ihren echten Zopf war, sah die weiße Strähne gleich und sagte zu Lene: „Jott, Lene. Un grabe links. Aber natürlich — da sitzt es ja — links muh es ja sein."
Es war bald nach dem Umzüge, daß dies Gespräch geführt wurde. Sonst geschah im allgemeinen weder Bothos noch der alten Zeiten Erwähnung, was einfach darin feinen Grund hatte, daß Lene, wenn die Plauderei speziell diesem Thema sich zuwandte, jedesmal rasch abbrach ober auch wohl aus dem Zimmer ging. Das hatte sich die Dörr, als es Mal auf Mal wiederkehrte, gemerkt, und fo schwieg sie denn über Dinge, von denen man ganz ersichtlich weder reden noch hören wollte. So ging es ein Jahr lang, und als das Jahr um war, war noch ein anderer Grund da, der es nicht rötlich erscheinen ließ, auf die alten Geschichten zurück- zukommen. Nebenan nämlich war, Wand an Wand mit der Nimptsch, ein Mieter eingezogen, der, von Anfang an auf gute Nachbarschaft haltend, bald noch mehr als ein guter Nachbar zu werden versprach. Er kam jeden Abend und plauderte, so daß es mitunter an die Zeiten erinnerte, wo Dorr auf seinem Schemel gesessen und seine Pfeife geraucht hatte, nur daß der neue Nachbar in vielen Stücken doch anders war: ein ordentlicher und gebildeter Mann, von nicht gerade feinen, aber sehr anständigen Manieren, dabei guter Unterhalter, der, wenn Lene mit zugegen war, von allerlei städtischen Angelegenheiten, von Schulen, Gasanstalten und Kanalisation und mitunter auch von seinen Reisen zu sprechen wußte. Traf es sich, daß er mit der Alten allein war, fo verdroß ihn aud) das nicht, und er spielte bann Tob unb Leben mit ihr ober Dam- brett ober half ihr auch wohl eine Patience legen, obwohl er eigentlich alle Karten verabscheute. Denn er war ein Konventikler unb hatte, nach- bem er erst bei ben Mennoniten und dann später bei den Jrvingianern eine Rolle gespielt hatte, neuerdings eine selbständige Sekte geffiftet.
Wie sich denken läßt, erregte dies alles die höchste Neugier der Frau Dörr, die denn aud) nicht müde wurde, Fragen zu stellen und Anspielungen zu machen, aber immer nur, wenn Lene wirtschaftlich zu tun ober in der Stadt allerlei Besorgungen hatte. „Sagen Sie, liebe Fra» Nimptsch, was is er denn eigentlich? Ick; habe nachgeschlagen, aber er steht noch nid; drin; Dorr hat bloß immer den vorjährigen. Frauke heißt er?"
„Ja, Franke." . ®
/ (Fortsetzung folgt.)


