taten es, so stark sie konnten; denn fetzt ward der wunderbare Duft offen« bar, der diesen hohlen Zwergen entquoll.

Die Räucherkerzen hielten lange, und ich gewann viel Zeit. Die Stube hüllte sich in Nebel, un# der zauberhafte Duft wurde so stark, baff man einen Hustenreiz spürte Ich öffnete die Lustscheibe. Diesen Augenblick benutzten die vier und liefen hinaus. Ich Härte sie über den Flur rennen. Die Stubentür warfen sie hinter sich zu und waren mir also entwischt.

Nun, ich mutzte ihnen nach! Rasch verlöschte ich die Räucherkerzen und stellte die Zwerge aufs Bord zurück. Dann eilte ich auf den Flur hinaus. Hier waren sie nicht. Ich lauschte ins Treppenhaus hinauf. Alles blieb still Bon der Haustür klang das Geplauder der beiden Frauen.

Mir fiel die Aschengrube ein ... die Werkstatt... der Glasschuppen .. mein Schiff. Ich sah sie schon vor mir, wie sie in aschebesiäubten Stiefeln, in verschmierten Anzügen, mit blutig zerritzten Fingerchen den Mast mei­nes Schiffes abbrachen ... und ich rannte auf den Hof. Aber auf dem Hofe waren sie nicht und nicht in der Werkstatt. Ich atmete auf und kehrte ins Haus zurück. In der Küche waren sie auch nicht. In der Speisekam­mer? Nein. Im Bügelzimmer? Nein. Im Schlafzimmer? Nein. Im Tapetenladen? Nein.

Sie mutzten nach oben entkommen sein. Ick) sprang die Treppe hinauf. Das Wohnzimmer meiner Mutter war leer, die beste Stube und die Küche ebenfalls. Zum Glück entdeckte ich sie dann im Schlafzimmer meiner Schwester. Sie hatten das Nachtschränkchen umgekippt und mit der Tür nach oben auf den Fußboden gelegt. Sie sahen auf der Tür das Schränk­chens und stützten die Köpfe in die Hände, als führten sie ein Spiel auf. Ich merkte rechtzeitig, daß es nm drei von ihnen waren, die dort sahen. Der vierte, vermutlich der kleine Sibo, fehlte. Schon ängstigte ich mich um ihn und fragte:

Wo ist Sibo?"

.Pschtl"Pscht!"Pschtl", winkten die drei ab. Pscht, du! Wir sind doch die Zwerge!" Nun wurde mir alles klar: sie spieltenSchneewitt­chen und die Zwerge", und sie waren die Zwerge und sahen trauernd auf dem gläsernen Sarg. Ich muhte auch sogleich, wo der Kleine stecken mutzte... Schon hörte ich ein leises Winseln, das in Weinen überging... Sofort befreite ich den Sibo. Er lag wirklich im Nachtschränkchen. Zum Glück war bei diesem Spiel die Rückwand zerbrochen, so datz er hatte Luft bekommen können. Ich tröstete ihn, und das nette Spiel war beendet Ich wäre der Königssohn gewesen, erklärte ich ihm, und ich hätte das Schnee­wittchen wieder lebendig gemacht. Weinen dürste er jetzt nicht mehr. Das leuchtete Sibo und auch den anderen ein, und dankten mir, datz ich ge­kommen war. Ich setzte die zerbrochenen Bretter der Rückwand, so gut es ging, wieder in den Rahmen und stellte das Schränkchen an seinen Platz zurück. Natürlich tat mir meine Schwester leid. Ich begann ärgerlich zu werden; meine Freunde würden mich am Hasen erwarten; sie liehen dort ihre Schiffe segeln; ich aber besah wohl das beste Schiss, das es hier gab. Als ich der Spielschar nacheilte, war sie bereits im Schlafzimmer meiner Mutter tätig. Sie hatten Sibo aufs Bett gelegt, ihm die Hose heruntergezogen und arbeiteten heftig mit dem Fieberthermometer: sie spieltenArzt". Sibo lieh es ruhig mit sich geschehen. Ick) entrist ihnen das Thermometer. Sie mochten kein gutes Gewissen haben; denn sie ent­wischten unvermittelt, Sibo als letzter, mit hängender Hose. Als ich das Thermometer ansah, kam es heraus: Der Knops mit dem Quecksilber war abgebrochen! Wo war er geblieben? Ich suchte umher, sand ihn aber nicht ,o rasch. Wenn er nun bei Sibo steckengeblieben war? Ein schrecklicher Gedanke! Ich muhte ihnen wieder nach, lieh das zerbrochene Thermo­meter liegen und eilte auf den Flur.

Waren sie ins dritte Stockwerk hinaufgerannt? Ober nach unten und auf den Hof? ... Der Hof ... mein Schiff ... dort drohte die größte Gefahr. Ich lief in den Hos. Aber hier war die Lust sauber. Mein Segler lag ruhig auf dem «spiegel der Wassertonne, von Mückenlarven um­schnalzt. Ich blieb stehen und begann zu spielen. Am liebsten wäre ich mit ihm fortgerannt. Doch die schwere Berantwortung übermannte mich von neuem. Ich versteckte bas Schiff im dichten Heu und kehrte voll böser Ahnungen ins Haus zurück.

Das ruhige Geplauder der Frauen ging weiter. Im Erdgeschoss waren sie nicht. Ich klomm leise eine Treppe höher, auch hier keine Spur von ihnen. Ich erreichte den dritten Stock. Ich vermutete sie so halb auf dem finsteren Torfboden, trat also ein und wühlte im Torf herum. Kein Laut war zu hören, auher dem Gepolter der Torfstücke. Schliehlich erstieg ich die letzte Treppe, die zum Bodenraum hinaufführte. Hier lag eine ruhige Helle auf all dem Gerümpel und den vielerlei Kisten. Ich umschritt sie, schaute hinter die ausgestapelten Tapetenproben, hinter die Oelbottiche, in Truhen und in Soffer. Ich fand sie nicht.

Halt, jetzt wußte ich, das; sie dagewesen waren: sie hatten versucht, die Fahne aus dem vorderen Fenster zu schieben; denn sie war von der Stange abgerollt. Das Zwanzigpsundstiich das am Ende der Stange be- feftigt war, mochte ihnen zu schwer gewesen sein, und sie hatten es auf* gegeben. Jetzt hieß cs weitersuchen. Noch ein Anhaltspunkt: die Schorn- stewklappe war von so einer kleinen Hand geöffnet worden. Ich schob sie wieder zu.

Sonst war keine Spur von ihnen zu entdecken. Eben wollte ich den Bodenraum wieder verlassen, als von irgendwo in der Nähe ihre Stim­men laut wurden. Sie jauchzten ... Wo jauchzten sie? Das Jauch;en fth' aus der Luft zu kommen! Vom Gebälk? Es war leer! lind im Schornstein bei den Dohlen formten sie doch nicht stecken!

Plötzlich fiel mir etwas ein, und eine eisige Kälte drang mir ins Herz. 3rt) lief auf die Leiter zu. Diese Leiter gehörte dem Telegraphen-Amt, sie filhrte zum Dach hinauf und an ein im Sommer immer ossenstehendes Dachfenster. Da unser Haus das höchste der Strotze war, so besaß es einen «lernen Mast, über den die zwanzig blitzenden Drähte, die von der Post berfqmen, hmliefen. Die Leiter war für den Beamten bestimmt, der die Drahte zu kontrollieren hatte; damit er auf dem schrägen Dach Fuß fassen konnte, war da draußen neben dem Fensterchen ein Brett angebracht Auf

dlesem Brett hatte Ich schon einfgemafe gesessen und In die große Tich hinuntergeschaut. Aus diesem Brett ... >

Ich erstieg die Leiter, steckte den Kops aus dem Dachfenster, und ... d, saßen sie fröhlich mit blitzenden Stehhaaren auf dem Brett über bet schwindelnden liefe und hatten die Rohrdegen eines Reifenfpiels, die sj, auf dem Bodenraum aüfgeftöbert hatten, wie Solbatenfäbel über bc- Schultern gelegt, diese Hanswurste von Kletterern ...

Atelrie!", jauchzten sie, undHüh!" und ließen die Beine baumeln. Und auch diesmal merkte ich sofort, daß es nur drei waren, und ich riei ihnen zu, wo der Sibo wäre?

AtelrieI", jauchzten die drei und deuteten mit den Degen das (ang.t Dach hinunter, als ob der Sibo soeben dorthin abgerutscht wäre.

Grausiger Gedanke! Ich schlug ihn mir aus dem Kops und hatte vor­erst alle Mühe, sie einen nach dem andern von ihrem Hochsitz herunter­zuziehen. Sie wollten durchaus nicht, sträubten fidj. und kitzelten mich niet den Degen. Erst als ich ihnen in meiner höchsten Not versprach, datz (1« mein Schiff sehen dürften, folgten sie.

Ich atmete cuf, als ich sie die Leiter hinuntergefördert hatte. Plötzlich fiel mir wieder der Sibo ein. Ich nahm sie am Kragen und fragte nach ihm. Sie rissen sich los und jauchztenAtelrie!" Jauchzend und die Degen schwingend eilten sie die Treppe hinunter.

Ich wagte nicht, ihnen zu folgen. Wenn nun der Sibo im Seitengang gefunden wurde! Mein Herz tat mir weh vor Angst. Ick) trat ans Vorder- fenfter, setzte mich auf die Fahnenstange und spähte nach unten. In den Seitengang konnte man von hier nicht schauen. Unsere Straße breitete sitz leer und grell in der Sonne. Bielleicht würden meine Großmutter und bi» Mutter der Spielschar sogleich erscheinen und den Sibo von mir fordern. Mir zitterten die Hände.

Im Norden hoben sich die Masten und Rahen der großen Segler übet die roten Ziegeldächer empor. Dort waren jetzt meine Freunde. Ich abet ... die schwere Berantwortung lastete auf mir. Nie wieder würde sie vom meinem Herzen fortzurücken fein. Ich war dieser Ausgabe nicht gewachsen gewesen, und ich nahm den Kopf in die Hände und meinte. Solch einet schweren Pflicht war wohl nur eine Mutter gewachsen.

Wie lange ich auf der großen Fahne gesessen habe, weiß ick) nicht. Ich hätte alles seinen Gang gehen lassen. Der Laus der Welt war mir gleich­gültig geworden. Plötzlich hörte ich ihre leisen Tritte. Sie näherten sich au| Zehen. Ich hob den Kops, wischte mir die Augen und starrte zur Treppe hinüber. Und da wisperte eine Stimme:

Wir haben dein Schisf gefunden, ätsch!"

Eine zweite Stimme sagte dasselbe, eine dritte ... und eine vierte. Daraus erschienen ihre Köpfe, kleine Köpfe mit Stehhaaren ... vier Köpfe! Bier! Und ich rannte zu ihnen hinüber, mit neuem Mut; dem» der Sibo war heilgeblieben, und noch sah ich mein Schiff nicht in ihrem Händen! Sie jubelten, und jubelnd ging es alle drei Treppen hinunter und auf den Hof hinaus. Plötzlich, da sie mich umstanden, bemerkte ich« die Beränderung, die mit ihnen vorgegangen war: der Sibo hatte einem zinnoberroten Farbfleck auf der Brust, größer als fünf Tomaten er war also in der Werkstatt gewesen; der zweitjüngste hatte der Aschen-- guibe einen Besuch abgeftattet, die Asche reichte ihm bis an den Leib; der drittjüngste leckte an seinen Fingern; er leckte Blut, und zwei ftiUe Tränen hingen an feinen borstigen Wimpern er hatte sich im Glas- schuppen zu tun gemacht. Beschmutzt oder beschädigt waren sie alle, außer­dem ältesten; diese Tatsache erregte sofort meinen Verdacht. War er auf der Suche nach meinem Schiff gewesen? ,Wie gut, daß ich es aus der ; Tonne genommen und imjjeu versteckt hatte! Uebrigens würden sie es setzt sehen wollen. Ick; hatte ihnen ja mein Wort gegeben. Gewagtes Unternehmen! Ich zögerte. Vielleicht setzten sie es sofort in die Regen­tonne und tauchten es unter Wasser; vielleicht zerbrachen sie es mir. Be­stimmt würde es Schaden erleiden, mein geliebtes Schisf. Es war näm­lich kein Süßwasserschiff aus einem Laden, sondern eine Handarbeit, ein Kutter mit Bleikiel, echter Takelage und hohlem Rumpf, ein Meistersegler, eine richtige Jacht war es, die überhaupt nicht in Kinderhände gehörte.

Zeigen würde ich es wohl müssen Die vier umstanden mich so wach und nachdenklich. Sie warteten. Als ich immer noch nicht Miene machte, mein Verlprechen einzulösen, wisperte der älteste:

Im Heu ist dein «schiss nicht mehr, ätsch!"

Die andern sprachen es »ach. Alle marleten mit nachdenklichen Augen Darauf, was ich jetzt tun würde. Mir schlug das Herz los. Ick) trat ans Herwersteck: mein Schiff war fort! Bier grübelnde Blicke folgten mir. Der Zweitälteste lutschte laut auf feinen zerschnittenen Fingern. Wieder umstanden sie mich mit ihren unschuldigen steilen Haaren. Ich hätte sie verprügeln mögen! War mein Kutter entzwei, so mochte die Welt ein- stürzen. Sollte ich sie nehmen und verprügeln? Nein, erstens waren sie schon reichlich übel zugerichtete Gäste unseres Hauses, und zweitens würden sie nur losbrüllen.

In diesem wahnwitzigen Augenblick kam mir ein guter Gedanke; ich rief:

Holt das Schiff, schnell, wir laufen an den Hafen und wollen es fegeln lassen!"

Sie rannten zum Glasschuppen, zwängten sich hinter die Stiften ins Stroh und brachten das Sd)iff. Es war heil. Ich nahm es und hob es über meinem Stopfe empor. Ich war dieser Ausgabe jetzt überdrüssig, ich wollte der Verantwortung los und ledig sein. Und ich sagte ihnen:

Nach dem Hosen dürft ihr Kleinen nicht. Eure Mutter hat es verboten."

Aüe vier stießen ein Wutgeheul aus und stoben durch den Seitengang Zu« Straße, um ihre Mutter zu fragen und zu bestürmen. Die Frau Baurat wurde über ihr Aussehen staunen ...

... V wartete das nicht ab, sprang mit dem Schiff im Arm hinter der Werkstatt aber den Zaun, bückte mich unter die Holunderbüsche und eilte bürd, die hintere Straße zum Hasen. Bei jedem Schritt und bei jedem Sprung fiel eine Last von mir ab.

Verantwortlich: Dr. Han« Thyrtot. - Druck und Verlag: Brühlsche Univerf itStSdruckerei N, Lange, Dießen.