SletzenerZamilienblätter

Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger

Zahrgang 1939

Freitag, den 25. August

Nummer 65

Herz, wo liegst du

Quartier?

Ein heiterer Roman von Kurt Heynicke

Copyright by Deutsche Verlags-Anstalt Stuttgart

vesen wäre. , .

pf in den Nacken gelegt, in den Himmel j eit_fs. »nnn Vinn iTiiQ

Line kleine weihe Wolke erschien an einen, strahlend blauen Himmel, siegelte sich in der Themse und verhielt sich so, dah sie von Gilbert Mington gesehen werden muhte.

Der junge Engländer sah am Wasser und angelt«, er hatte die Angel- rute festgemacht und drehte ihr mit Verachtung den Rücken.

Es war eine nachdenkliche Stunde. Gilberts Lippen, von einem dünnen Bärtchen mehr belästigt als geziert, bogen sich melancholisch nach unten und stützten sich auf ein müdes Kinn.

Die Augen, halb geschlossen, sammelten gerade noch soviel Licht, dah istlbert einen Streif Wasser und in ihm die erwähnte Woike sah.

Der Koder hatte sich längst vom Angelhacken gelöst. Um die Wahr­heit zu sagen: es war nie ein Köder am Haken gewesen, weder eine icke Fliege noch ein fetter Regenwurm, denn Gilbert angelte nicht zum «erderben der Fische, sondern zu seiner und der Weit Täuschung.

Er lieble es, am Flusse zu sitzen und zu träumen. Da er aber solche kntrllcktheit für verwerflich hielt, täuschte er die Welt und sein Gewissen durch «ine Angelrute. m

Jllington war bei Anthony Moreland zu Gast: der Platz, auf dem er sch, war Morelandscher Grund und Boden, und wenn Gilbert Jllington acht zu faul gewesen wäre, sich umzudrehen, Hütte er hinter den Weiden Moreland Castle liegen sehen, dunkelrot, alt und sehr düster.

So schickte er zunächst einen vorwurfsvollen Blick gen Himmel, weil i|m die Wolke den Genuß seiner Melancholie verdarb.

Denn als sie dahinschwamm, hell und glänzend und auf Flügeln der Sonn«, huschte eine Melodie durch Gilberts Gedächtnis.

Ein Lied ist ein Versuch, etwas verstiegen auszudrücken, was die Keiften Menschen einfach sagen. Manche Lieder sind nicht einmal von dr Zeit, dieser gefühllosen Fliegenklatsche, umzubringen. Es ist ein Geheimnis wie so vieles in der Welt.

Gilbert kannte kein« Poesie. Er las nur in denTimes und dort die Familiennachrichten. Er liebte das Lied nicht.

Die Melodie hatte einst Ann Moreland, Sir Anthony Moreland» Tochter, gesungen. Die Erinnerung an Ann Moreland war mit dem £ ebe verbunden wie die Rose mit den Dornen.

Denn Gilbert Jllington liebte Ann Moreland. Und wenn er auch nur im Geiste das Lied hörte, muhte er doch an einen bestimmten -üor= siiihlingstag denken.

Als wohlhabender junger Engländer wünschte Gilbert nach einem ^gemessenen Einsatz jugendlicher Torheiten zu heiraten.

Er deutete dieses Verlangen zunächst Sir Anthony DJlorelonb, be Bitroer war, an, denn er schätzte die Ueberlieferung und ehrte den iueg üb er bie Eltern.

, Darnach erst versuchte er, der ahnungslosen Ann ihr Glück zu oer- tinben:Wenn wir uns als Verlobte empfehlen, Ann, wird es Old ~ng- l<nb mächtig überraschen!" ,

Es war ein schöner Tag im April. Em Tag wie ein Frühling "archenbild, gestochen und koloriert. Die Sonne war versessen auf Ann kerelands Haar und warf goldene Blitze hinein. Eine Amsel übte hart- nickig das Lied an die Freude. , . . _. ..... hi.

Ann kniff die Augen ein. Gilbert sah es und dachte: Sie halt d £ ebe doch nicht etwa für eine schwierige Aufgabe

Und ob es sich wundern würde", zwitscherte Ann vergnügt,so eine Dummheit würde mir niemand zutrauen!" . . & M

, Die Worte, die er auf das erwartete Ja wohlvorbereitet in der Kehle Kckte, vertrockneten. Er würgte nur noch heraus:Also nein

Sie werden nicht viel darunter zu leiden haben", trösMe sie mutter- .$ Ihre Stimme war wie eine Hand, die ihm sanft "b«rs s>aar s r,ch Albert aber hätte am liebsten vor Wut in die Hand gebissen, wenn sie Ochers als seelisch zu spüren gewesen

Unb dann hatte Ann den Kops in veu »cün twis

Wehen und eine kleine weihe Wolke entdeckt. Bald darauf sang Ann das tied, das nie mehr aus seinem Kopf verschwinden sollte:

Meine Liebe ist wie eine kleine weiße Wolke, Und die Wolken liebt der Wind so sehr. Alle Wolken reisen mit dem Winde, Mit den Wolken reift die Liebe übers Meer..."

Schade", sagte Sir Anthony Moreland später,daß Ann Sie nicht will! Wirklich schade! Denn Sie, glaube ich, könnten ihre Launen auf sich nehmen! Sie haben Selbstbewußtsein. Und das ist für eine gleichmäßige Wetterlage in der Ehe die beste Voraussetzung."

Jllington wehrte das Lob bitter ab. Denn es herrschte Ueberschwem- mutig in seinem Gemütsleben, weil die Wasser der Selbsterkenntnis die Wurzeln seiner Eigenliebe umspülten.

Vielleicht bin ich nicht so klug, wie ich glaube und weniger begehrens­wert, als ich mir einbildel Entsetzlich, wenn Ann es gemerkt haben sollte!

Der Antrag geschah, als die ersten Knospen sich in der Sonne ent­falteten und die Vögel ihre Nester bauten, also in einer der Liebe geneigten Jahreszeit.

Aber da der Menschen Herzen selten blind dem Zuge der Natur folgen, reifte Ann im Mai übers Meer.

Sie benutzte keinemit dem Winde reisende Wolken" und auch kein den Wolken ähnliches Gefährt, denn das Flugzeug war damals noch nicht erfunden. Ann Moreland fuhr zu Schiff bei stürmischem Wetter über den Kanal und zu Tante Vivian nach Paris.

Vivian Moreland, Sir Anthonys Schwester, war zwar ein Weib von Ansehen und im Herzen, aber jedermann glaubte, daß sie eine männliche Natur sei.

Sie konnte sich schneuzen wie ein Seemann. Wenn sie in ein Zim­mer trat, zitterten die Wände, denn ihr Schritt war fest wie der eines Kanoniers.

Sie sagte allen Leuten die Wahrheit, am liebsten dann, wenn sie keiner hören wollte.

Das machte sie in ihrer Jugend so berühmt, daß Einladungen oft mit den Worten ergingen:Kommen Sie bestimmt. Vivian Moreland ist da. Sie werden sich köstlich vergnügen." Darnach blieben alle Leute mit schlechtem Gewissen weg. Aber selbst denen, die glaubten, reinen Herzens zu fein, fegte Vivian die Spinnweben schuldlosen Dünkels von der Seele.

Aber es liegt in der menschlichen Natur begründet, dah das Herz dem Verstände etwas vormachen will. *

Auch die Siebe lebt in Stunden, in denen sie ihren ersten Zauber ent­faltet, von Märchen, die jeder in dem geliebten Wesen entdeckt.

Vivian hatte von allen Dingen eine nüchterne Auffassung und war ein Mürchenfeind. Solcher Charakterzug kam jener Romantik, die das männliche Geschlecht in gewissen Augenblicken entwickelt, nicht entgegen. Kein Wunder, daß ihr nie ein Mann so tief in die Augen sah, um darin am Ende doch eine liebende Seele zu entdecken.

Die Männer wollen in einem schönen Körper auch eine schöne Seele. Aber die Natur gewährt meist nur das eine oder das andere. Nicht nur das Glück, auch das Pech ist launisch.

Vivian überwand die Zeit ihrer Heiratsfähigkeit und ging gelassen auf Reisen. Sie sagte auch nicht mehr so oftdie Wahrheit", well sie ertannc hatte, daß sich die Menschen nicht ändern. (Und wenn sie sich ändern, heucheln sie.)

Seit einigen Jahren lebte sie in Paris, erfüllt von der heiteren Me­lodie dieser Stadt. Aber sie schrieb doch eines Tages an ihren Bruder Anthony, daß sie sich ein wenig nach England sehne, ob er ihr nicht einen echten Londoner Nebel oder wenigstens Ann schicken wolle.

Moreland tröstet« Gilbert:Lassen Sie Ann reisen, und seien Sie in ihrer Abwesenheit mein Gast! Moreland Castle birgt lauter Erinnerungen an meine Tochter! Sie brauchen keine Phantasie, um sich in ihre Welt zu versetzen." ,

Sir Anthony, Paris wimmelt von Männern, die junge, unerfahrene Mädchen verführen!" ttagte Gilbert.

Und wenn sie ein paar Männer kennenlernt! "Glauben Sie mir, nichts bringt eine Frau einem Mann fo nahe, als wenn sie erkennt, daß die andern auch nicht besser sind!"

Es war eine weiße Wolke und ein klarer Septembertag des Jahres Achtzehnhunderiundsiebenzig, als Gilbert Jllington an der Themse faß und sich auf solche Art an den verflossenen Frühling erinnerte. Und jetzt stand die Wolke über Moreland Castle. Sie wurde dünner und dünner. Bald glich sie nur noch einem Federwölkchen, dann sah sie immer zarter aus, und auf einmal war sie nicht mehr da!

Der Himmel hatte sie an sein Herz gedrückt. Im blauen Herzen des Himmels war sie verschwunden.

Sir Anthony Moreland kam den schmalen Wiesenpfad, der vom Schlosse zum Ufer führte, herunter. Dann blieb er stehen und atmete tief er schmeckte die Luft wie ein HeilmitttZ, denn ihm war unbehaglich