Siegener Zamilienblätter

Unterhaltungsbeilage zum Giehener Anzeiger

Jahrgang 1939

Hreitag, den 2\. November

Nummer 91

Die Hochzeitsreise

Roman von Charles de Coster Deutsche Übertragung von Arthur Seiffhart

15.

Vierzehn Tage später rieb sich Roosje nicht mehr die Hände, und P^^rieste

i-em ein starkes Feuer brannte. Alle drei sprachen sehr ebhaft^ .^hre Frau," sagte Roosje zu Paul,das werde ich niemals er

lauben."

Warum?"

Darum!"

4. Fortsetzung.

Erst um neun Uhr wagte er, die Tür zum Hause desKaiserlichen Wappen" zu öffnen. Roosje stand hinter ihrem Schanktisch, Siska schälte Kartoffeln in einen tleinen Napf; Grietje war nicht da.

Paul wurde unruhig; es erschien ihm sonderbar, daß sie noch nicht aufgestanden war und ihn am Schanktisch erwartete; wußte er doch, daß sie sonst immer zeitig aufstand.

Siska lächelte mit ihrem süßesten und dankbarsten Lächeln, als sie Paul erblickte; bei Roosje war nichts dergleichen wahrzunehmen, im Gegenteil, der kampfbereite Ausdruck ihres Gesichtes fragte ganz klar, was diese unerwünschte Person bei ihr wolle. Paul hörte das leichte Geräusch eines Stuhles, der im Zimmer des ersten ,Stockes mit dem Fuß angestoßen wurde. Dann wandte er sich an Roosje mit dem wehmuts­schweren Ton, der Verliebte in den Augen Gleichgültiger so ergötzlich macht:Ist Fräulein Margarete nicht wohl, da ich sie hier nicht sehe?"

.Sie hat schlecht geschlafen, Herr Doktor."

In der Art, wie Roosje das sagte, lag eine Spur eifersüchtiger Wildheit.

Sie ist sehr blaß", fügte sie hinzu.

Blaß , wiederholte der Doktor mit einem Ausdruck, der ein« un­günstige Wendung im Befinden Grietjes befürchten ließ.

Jetzt wurde Roosje zusehends unruhig. m ,

Gewiß, Herr Doktor, blaß. Ja. Und was ist dann? Ist eine Gefahr vorhanden?"

\lDas ist sonderbar, das Blut hätte besser in Bewegung kommen -Müssen." . . . _ ,

Mir schien gestern, als ob..." sagte Roos,e, ohne den Satz zu vollenden, der ihr verletzend für ihre Tochter zu sein schien.

,^Ich wünsche sie zu sehenI"

Gehen Sie hinauf", sagte Roosje entsagungsvollSie will dieses große Zimmer nicht verlassen, seit sie beinahe darin gestorben wäre. Ich werde Ihnen vorangehen/'

Roosje ging vor ihm her in das Zimmer aus dem 14. Jahrhundert, in dem Grietje wie eine Schloßherrin des Mittelalters nachdenklich, ge« sammelt, fast streng vor dem Fenster unter dem Bogen der Uesen: Nische ein Handtuch aus grober Leinwand säumte und dabei die weißen Wiefen- flächen betrachtete, die sich weichin dehnten, und den Frauen Himmeh von dem unaufhörlich Schnee in großen Flocken fiel. Sie war wirklich . ein wenig blaß, weil sie etwas fror.

Als sie ihn eintreten sah, stand sie halb auf, legte die Naharbeit bei­seite und wurde ganz rot.

Guten Tag", sagte sie verwirrt.

, (Buten Taa". antwortete er ebenso verwirrt wie sie

.Margarete^, sagte er dieser Name schien ihm würdiger zu klingen als die Verkleinerung GrietjeMargarete, w e sehtesIhnenheute?

In der schmeichelnden Art der Aussprache dieser alltäglichen Frage lag lauter Liebe. Das fühlte auch Grietje, denn Jie errötete noch mehr und antwortete:Mr geht es gut, Herr Doktor."»Meinen-

Ihre außerordentliche Verwirrung ließ sie beinahe Hari^scheinen, genau so stand es mit Paul, der nicht ein Wort zu sagen fand. Da der sfrveck seines Besuches erfüllt war, gmg er mit traurigem Gruß an ^Mosst'°brachte^ihn bis zur Tür und rieb sichfreudisdie Hande. -.Ein Stein weniger auf meinem Wege , Höhnte sie, Siskaaufd ' (er klopfend, die weder ja noch nein sagte, sondern gleichgültig sorksuyr, ihre Kartoffeln zu schälen.

Aber, Frau Roosje, geben Sie mir doch einen Grund an, einen einzigen Grund. Warum wollen Sie Ihre Tochter hindern, eine gute Partie zu machen?"

Sie hat es nicht nötig, sich zu verheiraten! Antworte, Grietje, mein Kind! Hast du Lust, deine alte Mutter zu verlassen? Sie antwortet Nicht, sie will es auch nicht tun. Sage, daß du es nicht willst!"

Das kann ich nicht sagen", antwortete Grietje.

Warum?"

Weil es nicht wahr ist."

Grietje, hast du den Kopf verloren? Komm auf meine Knie."

Grietje gehorchte.

Böses Mädchen. Warum möchtest du deiner alten Mutter solche.. Kummer machen und einen Mann heiraten, den du zum erstenmal vor vierzehn Tagen gesehen hast? Und der ebensogut lügen als die Wahrheit sagen kann, wenn er behauptet, er sei reich."

Der Doktor lächelte.

Lachen Sie nicht!" ermahnte Roosje,ein Lächeln ist noch keine Banknote." Dann flüsterte sie ihrer Tochter ins Ohr:Höre zu, ich will dir ganz leise etwas sagen: Wenn du nicht heiratest, gebe ich dir alle drei Monate ein seidenes Kleid und Ohrringe und Reifröcke und Ringe und Schuhe und Hüte mit Straußenfedern. Sage nein!"

Ich brauche das alles nicht. Ich weiß nicht, warum du nicht willst, daß ich heirate; du hast doch auch geheiratet."

Mein Kind, das ist etwas ganz anderes."

Nein, das ist nichts anderes. Das ist genau dasselbe. Im übrigen heiraten alle jungen Mädchen, und ich will auch heiraten."

Mein Gott", sagte Roosje,warum verlangst du gerade das einzige, was ich dir nicht geben kann? Grietje, mein Lämmchen, mein Kind, ich werde so einsam im Hause sein, wenn du fortgehst. Ach bleibe doch! Ich werde nicht mehr lange leben! Bleib' bei mir wie eine brave Tochter, bis man vier Fuß Erde auf meine alten Knochen geschaufelt hat."

Grietje weinte.

Ach", sagte Roosje,weine nicht mehr, du weißt, es ist das erstemal, daß ich daran schuld bin. Glaube mir, du bildest dir nur ein, ihn zu lieben, und wirst ihn sehr leicht vergessen."

Grietje schüttelte den Kopf.

Du wirst ihn vergessen, sage ich dir, wenn er nicht mehr wieder- kommt, und er wird nicht mehr wiederkommen, wenn du es ihm sagst."

Das werde ich nicht tun."

Die beiden Frauen schwiegen. Roosje wurde immer trauriger. Der Doktor sprach achtungsvoll und sonst wie zu einer Mutter:Warum machen Sie sich solchen Kummer? Darf ich, der ich Grietje, Ihre gute, brave, schöne Tochter, so liebe, nicht wünschen, auch etwas dazu beitragen zu können, um Grietje und damit auch Sie glücklich zu machen? Würde es nicht für Sie eine Freude (ein, ein Kind mehr im Haufe zu haben? Einen Sohn, der nicht ganz mittellos ist, der arbeitet, der feinen und Ihrer Tochter Lebensunterhalt verdient und Ihren dazu, liebe Frau, die ich so gern Mutter nennen möchte?"

Nein", sagte Roosje, die Lippen zusammengepreßt, mit erschreckender Festigkeit.

Paul fuhr fort:Ich verstehe den Schmerz, den Sie bei dem Ge­danken, sich von Ihrem Kinde zu trennen, empfinden. Aber ich darf Ihnen nicht vorenthalten, daß Sie zu sehr an sich und zu wenig an Grietje denken. Wenn Ihnen Gott eine so begabte Tochter, die ich so sehr liebe, gegeben hat, so geschah dies, um eine Frau, eine Mutter aus ihr zu machen und nicht eine reizende und launische Puppe, die Sie lieben, verhätscheln und verwöhnen und die eines schönen Tages Ihrer Liebkosungen müde fein wird..

Sie sind ein böser Mensch", entgegnete Roosje.

Ich bin nicht böse, ich achte Sie, beklage und verstehe Sie. Ich kann Ihnen verraten, daß es nur an Ihnen liegt, selbst glücklich zu sein und Ihre Tochter glücklich zu sehen. Eines Tages wird sie doch jemanden lieben, mich oder einen andern. Wenn Sie das zarte, aber doch schon recht starke Band zerreißen, das fett kurzem unsere Herzen umschließt, so werden Sie ein Unheil, vielleicht ein Unglück herbeiführen. Grietje ist weder kalt noch schwach; und wenn sie eines Tages einen andern liebt als mich...?"

Nein", murmelte Grietje blaß und nachdenklich

.Wenn sie eines Tages einen andern liebt und wenn dieser andere nicht so ist wie ich, sondern ein Unzuverlässiger, ein oberflächlicher Ver­führer dann wird Grietje ihm doch vertrauen und sich ihm in ihrer edlen Art ganz bingeben. Und wenn der Schuft, der sie verführt hat, davongeht, wird Grietje ihn töten und sich bann selbst das Leben nehmen."

Das ist nicht wahr!" rief Roosje. r , t

Doch", sagte Grietje weinend.Genau so wird es sein, bas weiß ich, Mutter."

, Und wenn bas Wahrscheinliche wirklich nicht geschehen sollte, was soll aus diesem armen, guten Herzen werben, dem bie Liebe noch fremd