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Gitter quer durch den Strom.
Langsam saugt sich, von mächtigen Gasrohren gespeist, der Ballon voll.
Rascher und höher schlägt Gilberts Herz. Seine eigene Jugend, die doch, ach, noch gar nicht dahin ist, lacht ihn voll Erinnerung an.
In Wahrheit: aus einmal hat er die alte ewig junge Freude an der Gesahr.
Weshalb auch nicht? Hat er nicht erst sechsundzwanzig Frühling erlebt? Aber benimmt er sich nicht in den letzten Jahren gesetzt und gelassen wie ein Greis, der zweiundsiebzigmal dem Herbst angehört hat, mit verdicktem Blut und einer aufgepfropften Scheinweisheit, die sich aus einem Dutzend Gemeinplätze zusammensetzt?
Oh, vielleicht hätte Gilbert diese Fahrten nie aufgeben sollen!
Mein Herz hat gewiß Mut, denkt er jetzt, aber es liebt die Ruhe zu sehr.
Es vergehen mehr als zwei Stunden, bis der Ballon gefüllt ist. Dann wird der Korb in den Hos gefahren, Taue werden geknüpft, bald find auch Ballast und Anker befestigt.
Gilbert kennt alle Hantierungen, sie beglücken ihn.
Daß er aus einer belagerten Festung aufsteigt, vergißt er beinahe aus Freude am Sport.
Jetzt aber trifft der Wagen mit den Depeschen und den Brieftauben ein.
Herr Prince hat es offenbar geahnt, denn auf einmal steht «r im | Hofraum.
Postdirektor Rampont schüttelt Prince heftig die Hand und übergibt die Depeschen und die Tauben.
Prince macht ein Gesicht wie ein Träumer, er scheint feinen eigenen Willen verloren zu haben, er handelt nicht, er läßt geschehen.
Doch ist es keine Furcht, sondern die Gewalt des Außerordentlichen, die ihn befangen macht.
Jllington bleibt im Hintergrund. Der Hof und der Bahnhof haben viele Schatten zwischen dem mageren Licht, von daher kann er alles beobachten. Godard hat ihm eine gewisse Zurückhaltung empfohlen.
Run hängen die Matrosen den Korb an die Gondel. Eugen Godard nähert sich Gilbert: „Es ist Zeit."
Dann zählt er ihm hastig, wie der Lehrer dem Schüler Examenswinke gibt, Griffe und Handhaben auf, die bei der Landung notwendig fein könnten, wohl wissend, daß Erfahrung nicht soviel wert ist, wie die Gegenwart des Geistes im Augenblick der Gefahr.
„Ich verlasse mich auf mein Fischblut, lieber Godard! Sehen Sie, meine Hand zittert nicht!"
„Ein wenig doch?" neckt Godard und hat recht.
„Vor Freude, mein Lieber!"
„Mögen Sie Ihre Braut finden, mein Freund!"
„Ich danke Jlmen", erwidert Gilbert. Er schämt sich, bas Wort „Braut" donnert in seinem Gewissen. Ueberbies hat er in ben letzten Stunben nicht an bie verlorene Geliebte (an bie geliebte Verlorene) gebacht!
Wie rasch brennt bas Feuer der Liebe herunter, wenn es nur vom Stroh der Einbildung ober vom grünen Holze ber Täuschung genährt wirb!
Der Direktor Rampont umarmt unterbes Herrn Prince.
Rampont lernt Gilbert als einen Mitarbeiter Gobarbs kennen. Er umarmt auch Gilbert. Es ist alles sehr seierlich, finbet er.
Jllington, sonst voller Zurückhaltung, möchte mit einem groben Wort die gefühlsübersättigte Stimmung zerschlagen. Aber ihm fällt kein grobes Wort ein. Es ist ein Mangel, daß er eine zu gute Erziehung genoffen Hal.
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Inzwischen nimmt die Gondel die Poftsäcke mH den Depeschen auf.
Der Käsig mit ben Brieftauben hängt am Takelwerk.
Herr Prince hat ben Schottenschal um feinen Hals gelegt. Der ent- scheibenbe Augenblick findet ihn in königlicher Haltung. Bürde verleiht ^Twch wartet er, bis Gilbert in die Gondel steigt. Dann folgt er ihm. „Ist es soweit?" fragt er. Seine Stimme ist dünn. „Wir wollen nicht mehr zögern, dieses Warten ist schrecklich"
Gilbert gibt das Kommando. Die Matrosen bassen die Halteseile los. Der Ballon schwankt hin und her, ungefüg und ungestüm, bann steigt er ter 3n?egle%en Augenblick erhebt sich die Sonne über den Honö°nt und beginnt bie Verfolgung ber Nacht. Die Dächer von Pans glühen auf.
Als der Ballon steigt, wird bas Land geöffnet wie ein Buch, und von Minute zu Minute blättert eine neue Seite auf
Jetzt packt ein Luftstrom bie riesige Kugel und bläst sie an. Sie dreht sich um sich selbst. Der Ballon tanzt. Dann fliegt er langsam in sudwest-
Aber 'noch^schwebt er über Paris. Als eine Kette aus starken Knoten legen sich die Festungswerke um bie Stabt
Kein Laut stößt bie Erde in bas Schweigen des Aethers hinauf.
Doch: Rauchwölkchen ballen sich über einem ber Forts. Bald erreicht ber Donner eines abgefeuerten Kanonenschusses bas Ohr ber üuftfrt)rffer-
Gilbert versucht mit Neugier ben Aufschlag ber Granate festzuftellen, aber er hat wohl die Sekunde verfehlt, es gelingt ihm nicht.
Herr Prince hat auf einem seiner Postsäcke Platz genommen. Er sitzt wie in einem Eisenbahnabteil, bas Kinn auf die Hand gestutzt, mit schläfrigen Augen. Am liebsten, fo scheint es, hätte er sich in bie Erbe verkrochen, statt in bie Luft zu steigen. "... , m
Gilbert meint, Herr Prince möge Jemen Blick einmal von Ballast unb Postsäcken unb von ber Korbwand' wegnehmen und bie unter ihnen fliehende Landschaft betrachten. Diese Fahrt sei, mag ihr auch einige Gefahr innewohnen, ein zaubrifches Vergnügen. Ein solches wurde nicht noch einmal den Lebenslauf des Herrn Prince unterbrechen. Ja gerade die Gefahr fei es, bie für einen Mann ein solches Unternehmen in den Himmel höbe, buchstäblich, sozusagen. ..
„Die Verantwortung, Herr!" singt Prince bte Melodie, bie er schon auf Erben angeschlagen hat. , t»
, Die muß man, zum Donner, freudig und mcht mit Seufzen tragen! Gilbert ärgert sich. Da sitzt eine Unke und unkt Mißmut. Mißmut ist der
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Wo auch von Paris aus er marschiert ober fährt, Immer wird kk auf ben Ring ber Deutschen stoßen.
Wann auch immer er sich ber Lust anvertraut, nicht lern Wille lenkt das leichte Gefährt, sondern ber Wind, ungewiß unb unberechenbar.
Godard macht Gilbert mit Herrn Prince bekannt. Herr Prince sitzt in einem ber Nebenräume des Bahnhoss. Ein unbewegtes Gesicht über einem hochgeschlossenen Mantel. Der Mann verharrt in einer starren Haltung wie eine Statue. ,, _, , , . . _
Aus seinen Knien liegt ein dicker schottischer Schal, oben tn ber Luft wird er ihn um feinen Hals schlingen wie ber Sdjlangenbanbiger eine Schlange. ... .. ,
Herr Prince lächelt krampfhaft: „Ich bin sehr nervös, mein Herr!
„Es ist bie ungefährlichste Sache von der WeU!" verkündet Gilbert prophetisch und fügt heiter hinzu: „Wenn wir Glück haben!"
„Glück ...", sagt Herr Prince. lieber seine starren Züge huscht eine Wolke ber Verträumtheit. „
„Das Glück hat Flügel! Es ist allem Fliegenben gutgesinnt, also auch unfern Ballon!" versetzt Gilbert mit Feuer.
„Darum trägt er auch ben Namen des Glucks , lächelt Godard, „wir haben ihn ,La Fortune' genannt."
Plötzlich wird Herr Prince lebhaft: „Denken Sie nichts Schlechtes von mir. Ich bin nicht etwa nervös aus Furcht! Ich bin erregt wegen der Verantwortung, die auf mir ruht! Bedenken Sie! Ich erwarte zweihundert Pfund Depeschen! Dazu vier Brieftauben! Ist der Wagen der Postverwaltung noch nicht da?" wendet er sich an Godard.
„Es ist noch viel Zeit", beruhigt der Luftschiffer. Er lädt ihn em: „Wenn Sie ein wenig umhergehen wollen?"
Herr Prince winkt ab und nimmt feine vorige Haltung wieder ein.
Er sitzt da wie eine ägyptische Sphinx, der man einen Schnurrbart unter die Nase geklebt hat.
Die Nacht herrscht noch königlich und voller Sterne, als Godard bie Richtung des Windes feststellt: „Nordostwind", sagt er.
„Treibt nach Südwest!" Gilbert ist zufrieden: er wird aufsteigen!
Der Luftschiffer prüft das Wetterglas. Dann stößt er in ein Signalhorn, um feine Helfer zu rufen.
Die Füllung des Ballons beginnt in der der Seine zugewandten Seite des Hofes. Man könnte Paris auch unter Wasser verlassen, wenn ein solches Geführt erfunden märe.
In der Tat hat die Postoerwaltung kleine Glasgefäße mit Nachrichten, Flaschenposten gleich, in die Seine geworfen, um so Depeschen aus ber Festung in die Freiheit des Landes zu schicken.
Die Deutschen kommen jedoch bald hinter diese Versuche und ziehen
Geselle des Unheils. • .. . .
, Gewiß, gewiß! Allein —" sagt die Unke. „Daß ich es Ihnen gestehe! Ich habe mich nicht ohne Egoismus zu dieser Reise gemeldet! .
Der Ballon treibt rasch dahin. Der Wind knarrt, singt und rauscht im Tauwerk. Die Strahlen der Sonne wärmen und dehnen das Gas in dem
J3cb Mn1 Beamter der Postinspektion, müssen Sie wissen! Bei Kriegs- beginn reifte meine Frau nach Tours. Dort ist sie noch Und sie ist krank! Da habe ich mich zu dieser Fahrt gedrängt!! Ich dachte, ich komme so auf gute Art aus Paris und nach Tours! Ich biene bem Baterlans und erreiche noch ein zweites Ziel, übrigens mit voller Billigung meines 23°r@iibertnfinbet es zum Lachen, daß zwei Beweggründe brüderlich nebeneinander fliegen, der feine und der des Herrn Prince.
„Sie müssen glauben, daß ich meine Pflicht tun werde, mein Herr, aber der Ernst ist kein Vergnügen!" schließt ber Beamte ber Postmspek- tion belehrend. , „ „ ... . M
„Ich kann als Ziel Tours nicht versprechen, Luftballons sind nicht lenkbar", bedauert Gilbert lächelnd.
Der Ballon ist jetzt offenbar in eine windstille Zone geraten, et bewegt sich mit so geringer Schnelligkeit, daß Prince, ber sich endlich doch entschlossen hat, aufzustehen, erschrocken mutmaßt, der Ballon schwere an einer Stelle und werde sich auch in alle Ewigkeit so verhalten.
Felder und Fluren liegen, ein riesiges Gefüge, ohne Regelmaß unb voller Farben fünfzehnhundert Meter tiefer. .
Die Farben Gelb unb Braun beherrschen ben Boben, aber wo Gebchlh ober Park buntel blitzen, kämpft sommerliches Vollgrün mit dem ersten Pinselstrich bes Herbstes, ber die Baumkronen betupft.
Ein dünner Nebel, der sich hier unb ba vom nachtfeuchten Boben lop und in Fetzen zusammenzieht, verwischt bie Flurgrenzen.
Batb steigt er höher. Aber bie Strahlenhände ber Sonne zerdruaen bas milchige Gewebe, bevor es als Wolke bie Luftschiffer erreicht hat.
„Sind wir aus dem Bereich ber Deutschen?" fragt ber Beamte oer Postinspektion voll Hoffnung.
Gilbert hat die ganze Zeit bas Glas vor den Augen. Jetzt zeiK » stumm nach unten. t , , , ,
Am Raub eines Waldes ist ein kahler Heidestrich durch HolzsaM erweitert.
Es sieht aus, als dränge Meer in Land, (o ausgemeitet ist die imi heil ber Ebene plötzlich, fo gewaltsam frißt sich eine blosse Zunge tn dunkelgrüne Laubrevier. . .
I Auf biefem Platz, der von drei Seiten vom Wald wie von em schützend natürlichen Mauer eingeschloffen ist, stechen Reihen feltsamc ausgerichteter Punkte ins Auge der Luftwanderer.
„Das Glas", sagt Prirzce neugierig und blickt durch das Royr, w
Gilbert ihm reicht. , . „
Er sieht, es sind Zelte. Der freie Plan dort unten ist ein Lager.
Plötzlich, ohne Zweifel auf ein Kommando — eilen Soldaten tn Gaffen zwischen den Zelten. Sie erscheinen ameisenklein. Sie machen Bewegung, als richteten sie ihre Gewehre in den Himmel. Das -tum der Läuse verrät es. ___ ^-ihr
Die Luftschiffer nehmen ein vielfaches dünnes Aufflammen ) gleich darauf zischen die Gewehrkugeln unter der Gondel, uno Knattern ber Abschüsse bringt ins Ohr der beiben.
I (Fortsetzung folgt.)
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