Oer Gänger.
Von I. W. v o n Goethe.
„Was hör ich draußen vor dem Tor, Was auf der Brücke schallen? Laß den Gesang vor unscrm Ohr Im Saale widerhallen!" Der König spracht, der Page lies; Der Knabe kam, der König ries: „Laßt mir herein den Alten!" —
„Gegrüßet seid mir, edle Herrn, Gegrüßt ihr, schöne Damen! Welch reicher Himmel! Stern bei Stern! Wer kennet ihre Namen?
Im Saal voll Pracht und Herrlichkeit Schließt, Augen, euch, hier ist nicht Zeit, Sich staunend zu ergötzen."
Der Sänger drückt die Augen ein Und schlug in vollen Tönen; Die Ritter schauten mutig drein, Und in den Schoß die Schönen. Der König, dem das Lied gefiel, Ließ, ihn zu ehren für sein Spiel, Eine goldne Kette reichen.
„Die goldne Kette gib mir nicht, Die Kette gib den Rittern, Vor deren kühnem Angesicht Der Feinde Lanzen splittern; Gib sie dem Kanzler, den du hast, Und laß ihn noch die goldne Last Zu andern Lasten tragen.
Ich singe, wie der Vogel singt, Der in den Zweigen wohnet;
Das Lied, dos aus der Kehle dringt, Ist Lohn, der reichlich lohnet.
Doch darf ich bitten, bitt' ich eins: Laß mir den besten Becher Weins In purem Golde reichen."
Er setzt chn an, er trank ihn aus: ,,O Trank voll süßer Labe!
O wohl dem hoch beglückten Haus, Wo das ist kleine Gabe!
Craeht's euch wohl, so denkt an mich, Und danket Gott so warm, als ich Für diesen Trunk euch danke."
Ein rheinisches Gchelmenftück.
Von Wilhelm Schäfer.
Wilhelm Schäfer, der Meister deutscher Erzählkunst und besonders der Anekdote, als Siebzigjähriger vor nicht langer Zeit mit dem Rheinischen Dichterpreis ausgezeichnet, wird in Gießen aus seinen Werken lesen. Wir bringen aus diesem Anlaß eine heitere Szene aus der schönen Novelle „Die unterbrochene Rheinfahrt", di« kürzlich in neuer vorbildlicher Ausstattung im Verlage Albert Langen/Georg Müller in München erschienen ist.
Als Johannes — der sich nun Müller nannte, in Woll- und Strumpfwaren, auch Trikotagen — an dem Sonntagnachmittag den Felsweg zur Martinskapelle hinaufging, um von da über den zackigen Felsrand an die Bleyburg zu kommen, war er doch wieder der seinem Hauslehrer entlaufene Student aus Basel; denn die grauen Eidechsen zu beobachten, wie sie aus den Spalten der Weinbergsmauern lüstern an die Sonne kamen, um blitzschnell in ihr kühles Dunkel zu verschwinden, oder den Schlepppkähnen nachzuträumen, wie sie leer zu Paaren oder Vieren aneinandergekoppelt von geschwinden Dampfern abwärts gezogen wurden und so von oben gesehen und an einem Weinstockblatt gemessen, kaum größer als die Eidechsen waren: dazu hat ein Geschäftsreisender auch am Sonntag keine Zeit, weil er mit seinen Spesen handgreiflichere Vergnügungen zu finden weih.
Er wollte, als er nach einer reichlichen Stunde versonnener Zeit endlich bei der Kapelle und dem kleinen Kirchhof war — wo sich unvermutet hinter einem Hohlweg überm Rhein ein wiesengrüner Bachgrund öffnete und bis in die blauen Höhen mit Waldhängen hinaus- zog — nach links über den Felsrand zu einem Pavillon hinauf, von dem er sich einen Blick auf die Burg und zugleich über den Ort erhoffte, fand sich aber durch einen Stacheldraht gehindert; und als er den auf einer Schutthalde steil und mühsam umgangen hatte, sah er den Platz gerade von einer Schar lärmender Burschen gestürmt. Er zog sich, wie er glaubte, unbemerkt zurück, kam jedoch ins Rutschen, wollte sich an einem Strauch halten, siel hin und kollerte bis auf den Weg hinunter, wo er unbeschädigt aufstand und sich an dem kleinen Mißgeschick belustigt hatte, wenn nicht wieder das Gelächter vom vergangenen Abend über ihn gekommen wäre. Es verdroß ihn, Zuschauer gehabt zu haben, so ging er rasch um die Ecke den Fahrweg hinauf, der von hier aus ziemlich gerade an dem langen Bergrücken vorbei und zuletzt steil zur Burg
hinaufführte. Unterwegs nahm er wahr, daß nach dieser Seite ein gepflegter Weg von dem Pavillon herunter kam, jein« Klclterkünste also unnütz gewesen waren; als er höher war, sah er die Burschen schon wieder lärmend hinunterstürmcn und war froh, daß sie — di« augenscheinlich den Ort durch laute Streiche im Aerger hielten — nach der Kapelle hin abbogen.
Die Burg war nicht zugänglich und in einem bösen Geschmack mit Erkern und Zinnen ausgebaut; nur die Wirtschaft im alten Torbau stand offen und die äußere Terrasse, wo man durch Brombeersträucher fast senkrecht auf die engen Höfe und Schieferdächer des alten Ortes und in das abgeschlossene Stück Rheintal wie in einen Krater sieht. Er stand da lange und mußte denken, wie seltsam dies doch mit der Heimat und den Jugendeindrücken wäre: obwohl er nur bls zum siebenten Jahr im Elsaß gewesen und gleich vor dem Krieg nach Basel gekommen war, stand das Bild der blauen Vogesenmauer hinter grünen Gebreiten mit schlanken Pappelruten, hölzernen Kanalbrücken und schwarzrot bedachten Häusern so lebhaft in ihm, daß sein Gefühl unwillkürlich jede Landschaft daran maß und sie je nach der Verwandtschaft als vertraut oder fremd empfand. Hier zwischen diesen Felshängen und Steildächern, deren Schiefergrau selbst in den Grashängen und dem Laub der Bäume noch durchzukommen, das den dunstigen Himmel wie den Wasserspiegel zu färben schien, so daß der helle bl au grün« Rhein seiner Heimat nun ein graues Gewässer war, darauf die Schleppkähne wie Kellerasseln lagen: hier hätte er Jahre lang wohnen können, und alles würde ihm doch fremd und unheimlich bleiben. Dies« Unheimlichkeit der Rheinlandschaft, die er nach allen Schilderungen nicht erwartet hatte, machte, daß ihn die Stille des Sonntagnachmittags auf dem alten Burggemäuer spukhaft berührte.
So schrak er auf, als unvermutet Schritte kamen und sich jemand — — den Hut in der Hand, wie es Kleinbürgersleute machen — zu ihm stellte: ein handfester Kerl mit rotgesprenkelten Backen, der ihn um irgend etwas anjprach. Es dauerte lange, bis er mehr als ein paar Worte verstand und auch dann erst aus seinen Handbewegungen erriet, daß der Bursche etwas verloren hatte, was er gefunden haben sollte. Während er ihn noch abwehrte, sah er sich auch schon von einem Trupp junger Leute eingeschlossen, die alle sehr höflich waren, ihn aber unzweifelhaft beschuldigten, eine Geldtasche von dem Menschen gesunden zu haben, den sie Anton nannten und der nun schon handgreiflicher neben ihm stand: Weil er als einziger nach ihnen den Burgweg hinauf- gekomMen wäre, könnte es niemand anders gewesen sein! — So zwischen den hohen Burgmauern und dem senkrechten Abhang nicht Übel gestellt, macht« sich Johannes schon die sonderbarsten Gedanken Über die Gesellschaft und Überschlug in der Erinnerungsfolge phantastischer Räubergeschichten, ob es nicht klüger wäre, diese Freibeuter irgendwie mit einem Lösegeld abzufinden: als die sich nach einem Mann umwandten, der anscheinend als Sonntagsspaziergänger zufällig durch den Torweg kam; nach seiner reichlich verbrauchten Kleidung ein Hand- werksmann wie die andern, aber mit seinem Knebclbart, dem Künstlerschlips und dem Gehrock aus blauem Tuch augenscheinlich bemüht, etwas besseres vorzustellen.
Der fragte gleich — die Stimme war heiser und Johannes sah auch den rotgeränderten Augen an, daß er ein Trinker war — was es da gäbe? Und als ihm einer ,den er mit Heinrich anredete, ein bläßlicher Jüngling, schüchtern aber mit theaterhaften Reden den Fall erklärte, während die andern wie Statisten auf der Bühne schweigend abwarteten, wandte er sich als der Heldenspieler der Bande Johannes zu, den die Komödie zu sehr überraschte, als daß sein Aerger gleich Luft bekam: Wenn es der junge Herr erlaube, wäre es am einfachsten, seine Taschen zu visitieren! Obwohl er weder als Johannes Müller, in Woll- und Strumpfwaren auch Trikotagen, noch sonst bereit war, das zu erlauben und die Komödie länger mitzumachen, hatte ihm der Mensch mit einem Griff von merkwürdiger Gewandtheit einen ledernen Geldsack aus der Rocktasche geholt, bevor er sich wehren konnte. Der, den sie Anton nannten, und der jetzt erst wieder seinen Hut aussetzte, erhielt sein reklamiertes Eigentum zurück, die andern machten noch eine höhnische Verbeugung, dann gingen sie stillschweigend wie Statisten fort.
Johannes war so verdutzt, daß er sie gehen lieh, dankbar, sie mit der Komödie wieder los zu lein: sie waren aber noch nicht im Tor, als der Knebelbart dem Anton eine Börse hinhielt: dann gehöre ihm die wohl nicht? Und während der Bursche trotzdem gleich danach griff: So gib dem jungen Herrn sein Eigentum zurück.
Als Johannes den Menschen schon wieder mit dem Hut in der Hand auf sich zukommen sah, wurde ihm der Spaß zu plump, der hier am hellen Tage mit ihm getrieben wurde; er ging im raschen Zorn an ihnen vorbei dem Ausgang zu, um endlich von den Kerlen loszukommen. Warum denn sein Vermögen so verschwenden? hörte er die heisere Stimme des Knebelbartes hinter sich her spotten, und wie er sich doch noch einmal umwandte, wurde es ihm für einen Augenblick kurios im Kopf; denn was der Anton hinter ihm herbrachte In feiner höhnischen Demut, war wirklich seine altmodische grüne Börse, die er in den hinterlassenen Dingen seines Vaters gefunden hatte und seitdem als eine Art Andenken trug. Indem er, von aller Haltung verlassen, nach seiner Hosentasche griff und endlich das verblüfft« Gesicht machte, worauf die Spaßvögel nur gewartet hatten, brach auch schon wieder ihr Gelächter los, das er nun kannte.
Er sah jetzt, daß alles nur ein verabredetes Taschenspielerkunflstück gewesen war, aber als ihm der mit dem Knebelbart ruhmredig ausem- andersetzte, wie sie die Börse unten bei der Martinskapelle gefunden — wo er sie augenscheinlich mit dem Taschentuch herausgezoaen hatte, als er durch ihr Gelächter verwirrt, die Erde von seinen Hosen abklopfen wollte — und daraufhin diesen Spaß verabredet hatten: mußte er ihnen wohl oder übel dankbar sein, fein Eigentum wieder zu haben ohne daß er weder im „Herzog von Nassau" seine Zeche bezahlen, noch


