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Montag, den 18. September
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Nummer 72
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Ei« heiterer Roman von Kurt Heyntckr
Copyright by Deutsche Verlags-Anstalt Stuttgart
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Die Ulmen zu beiden Seiten der Landstraße standen noi ! sommerlich, aber die Felder waren abgeerntet und lagen «chig, unterbrochen von grünen Krautstrecken.
Eine Abteilung preußischer Ulanen ritt die Landstraße entlang. Aus- mbte Streifen hatten gemeldet, daß weit und breit keine französischen ippen zu sehen waren, so konnte Premierleutnant Kelling, der Führer Abteilung, die Vorsicht ein wenig laufen lassen.
Alle, die auf dem Platz der Neugier frönten, stimmten in das Hoch Es war ein erhabener Augenblick. Aber Labatut hatte sich bereits in
। Mairie zurückgezogen.
Er litt. Unerwiderte Liebe ist. schlimmer als gar keine. Er erkannte
Der Käsehändler Mauxpas, sonst ein stiller Mann, rief: „Es lebe isgnon! Es lebe Frankreich!" Mauxpas hatte jüngst von dem Stations- rsteher dreihundert Frank geliehen und stellte sich, da er sie noch nicht rückgezahlt hatte und um einen Zinsnachlah rang, auf dessen Seite.
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Die Stimmung war heiter und fähnchensroh. Die Erde schien ruhig i voller Frieden. Die Ulanen sangen. Sie sangen das Lied von der ibill, die von der ganzen Kompanie keck für Marie gehalten wird. Die ütger waren zwar Kavalleristen und somit Angehörige einer Schwa- aber da Marie sich nur aus Kompanie und nicht auf Schwadron mt, drückten die Reiter beide Augen zu und machten dem Reim 5 Zugeständnis und sangen, wenn auch mit ^gewisser Ueberwindung itnpanie":
„Sie heißt Marie,
Marie heißt sie, Die ganze Kompanie Nennt sie Marie!" llnd jetzt schwiegen alle bis auf einen, der sogleich singend fragte: „Warum heißt sie Marie?"
Da erwiderte ein dritter spottend:
„Sie heißt doch nicht Marie!"
Wun fielen alle ein:
„Nein, Jlsebill heißt sie.
Die,ganze Kompanie
Hurra, die weiß es nicht!"
’.rrb dann behauptete ein einzelner:
„Weil sie mich leiden kann, Vertraute sie mir's an
. Die Jlsebill!"
Sine Gruppe tiefer Stimmen spottete:
„Soll ein Geheimnis sein Schrieb mir ins Herz hinein
. oie sangen die Worte so laut, daß das Geheimnis etn öffentliches w®4- Jetzt donnerten alle Reiter noch einmal:
„Die Jlsebill!"
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Der Wechselgesang sprang launisch umher: „Die Jlsebill Heißt nicht Marie!
Und das weiß keiner von der Kompanie!
Ja, hieße sie Marie, Wer weiß, es liebte sie Die ganze Kompanie! Doch sie heißt Jlsebill, Die was Vesondres will, Es muß ein Reiter sein..." (Es war also doch ein Lied für Kavalleristenkehlenl) „Und darum wird sie mein. Die Jlsebill!" sang jetzt eine einzige Stimme.
Die Jlsebill schien aber zwei Bewerber zu haben, denn nun sang ein anderer:
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7. Fortsetzung.
Es war strll. Da müßten schon die Steine reden, dachte der Maire. Er jlb >ie Schultern. Ich habe das meine getan, sagte die Geste zu Ann.
Da aber geschah das Unerwartete. Bregnon ries: „Niemand? Dann
Bevor Labatut zu Ann Moreland sagen konnte: Wollen Sie sich dem ■Uninen Kerl anvertrauen? gab Ann Bregnon die Hand und dankte ihm.
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® Lj « Wenn Ann Moreland ihn liebte, wäre sie geblieben.
Jlr J Eine Viertelstunde später war Ann bereits auf der Landstraße, die ■ Mereville nach Nordosten führte. Herr Bregnon kutschierte. Mögen die Schienen verrosten, ein Menschenherz läuft eben nicht auf ienen. Das Herz gibt den Mut, der Kopf den Einfall: und Herr Breg- pit ersetzte die Eisenbahn durch die Stute Louison und einen Fourage- en. Die Eisenbahn war ein Gaul geworden — auf jeden Fall brauchte Bregnon nicht,zu feiern. Er hatte eine Aufgabe. Sie machte nicht ten Geldbeutel, aber seine Seele reich.
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Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger
„Sie will mich ganz allein, Schlöss' mich am liebsten ein, . Die Jlsebill!"
Die Jlsebill, zu ihrer Ehre sei es gesagt, war jedoch ein braves Mädchen. Es hatte nur dem Dichter des Liedes, dem Wachtmeister Krätke, gefallen, die Stimmen eigenwillig zu verteilen, nicht nach dem Sinn oder Un-sinn der Verse, sondern nach dem Vorrat an Gesangsstimmen.
Krätke war Gymnasiallehrer in einem stillen pommerschen Städtchen. Seit seiner Primanerzeit reimte er. Er hatte jede geschriebene Zeile verborgen, denn er war ein bescheidener Mensch. Er hielt sein Tun für vermessen und bat täglich die Klassiker um Verzeihung, daß er sein Laster nicht lassen konnte.
Da kam der Krieg. Kampf war Leben, ein gesteigertes, gewaltiges Leben. Es geschah aber, daß mitten in diesem Ausichwung die alte Heiterkeit stand und die Musen anstieß. Und die Muse hob ihr Füllhorn. Und wieder fielen Verse heraus, so, verschwenderisch, daß sie nicht mehr zu verbergen waren. Da ließ Krätke die Strophen strömen und bettete sie in Melodien:
„Ach, ob Marie, Ob Jlsebill, Wenn mich nur eine herzlich lieben will! Ich schwöre auf Marie, Auf Anna und Sofie, Und eine ist noch da. Die heißt Cäcilia, Sie hat in dunkler Nacht Gar viel an mich gedacht.
Doch nur die Jlsebill Weiß, was sie will! Ich glaub', in einem Jahr *
Geh ich zum Traualtar Mit Jlsebill!"
Noch einmal kletterten alle Stimmen in lärmendem Wettbewerb in die Höhe:
„Mit Jlsebill!"
„Das Lied kannte ich noch nicht", sagte Kelling.
„Es ist auch neu", erwiderte der Wachtmeister lustig.
„Bleiben Sie an meiner Seite, Krätke", sagte der Premierleutnant.
Die Mannschaft plauderte, oft rauschte ein' Gelächter auf. Dann hatte einer zum derben Vergnügen der anderen einen Witz erzäylt, einen von jenen, über die nur Manner lachen.
„Wann siel Ihnen Ihr erstes Gedicht ein, Krätke", wollte Kelling wissen.
„Als ich verliebt war!"
„Glückliches Mädchen!" lachte der Premierleutnant. Er stellte sich einen Laubwald mit Mondschein, eine weiße Statue, in der Ferne Flöten- spiei und in solcher romantischen Landschaft Krätke mit seinem Mädchen vor.
Vergeblich! Denn Krätke glich keinem Jüngling, der ätherischen Him- meleien nachhängt. Er sah aus wie einer der später durch das Wort eines großen Staatsmannes sprichwörtlich gewordenen pommerschen Grenadiere.
„Das Mädchen war ein Märchen!" lachte Krätke.. „Ich schuf mir ein Traumbild, ein Wesen engelrein und engelschön, wie es nicht einmal im Reiche der Feen eins geben würde! Nach dieser Phantasiegestalt sehnte ich mich! Das Bild dichtete ich an! Ich war aber, offen gestanden, kreuzunglücklich dabei! Aber dann eines Tages — —"
„— wurde es Wirklichkeit!" sagte Kelling vergnügt.
„— kam Elisabeth. Da ftrief) das Traumschiff die Segel. Sie war ganz anders als mein Märchen."
Damals dichtete der Dichter Krätke nicht, denn die Tage durchwogten fein Gemüt süß und wild, und er fühlte sich mit der Geliebten selbst als ein Gedicht des unbändigen Daseins.


