Oie Nacht.
Von Wilhelm Lobslen.
Mit leichten Schritten kommt die Nacht gegangen Durch dunkle Heide, meilenweit gedehnt, Und lehnt nun aus vor meinem stillen Hause, Lässig an meine Fensterbank gelehnt.
Aus abgrundtiefen, sammetweichen Augen Schaut sie mich an. Dann hebt sie ihre Hand Und weist hinaus in unbekannte Fernen, hinaus in fernes, fremdes, dunkles Land.
Ist es das Land, daraus mein Sein gestiegen? Das Land, drin meine ferne Zukunft steht? ... Doch eh die Lippen sich zum Fragen formen, Winkt sie mir scheuverfchwiegen zu und geht.
allen
Ich bin allein. Das ferne Jnselfeuer Huscht geisterhaft durch meinen stillen Raum Und gleitet weiter durch die dunkle Heide, Ein schattenleiser, blasser Sonnentraum — ...
— Wo blüht mein Tag mit bunten Sommerrosen? Wo meines letzten Friedens weiche Nacht? ...
Allein! Auf einsamer Wacht im Südeis.
Ein neues Buch von Admiral Richard E. Byrd.
Schon Fridtjof Nansen hat auf seiner „Fram"-Expedition mit erdenklichen Mitteln gegen die Langeweile, den tödlichsten Feind des Polarforschers, gekämpft. Dabei war der Norweger von einem großen Mitarbeiterstab begleitet. Wie Richard E. Byrd zumute gewesen ist, als tr viele Monate ganz allein auf dem vom Standquartier feiner Expedition weit südwärts gelegten „Borposten" lebte, schildert er in seinem soeben im Verlag F. Brockhaus, Leipzig, erscheinenden Buch „Allein! Auf einsamer Wacht im Südeis. (Mit 42 Abbildungen, Preis »eb. 6,50 RM.) Im Titel schon ist alles enthalten, was dann der Inhalt bestätigt: Einsamkeit, Erwartung geistiger Vertiefung durch vollkommene Ruhe, unsägliche Kälte, Hölle der Mutterseelenverlassenheit, Verlorenheit bei Krankheit und Nervenzusammenbruch. Der Grad dieser Leiden -rschließt sich dem Leser aber erst beim langsamen Vordringen in die per- sönlichen Bekenntnisse Byrds. Vier Schritt nach einer Richtung, drei nach der anderen betrug die geographische Welt des antarktischen Robinsons. Wenn er diesen Raum verließ, um seine Instrumente abzulesen, dann n.e «eiter als 60 Meter. Im Schneetreiben hätte er sonst unweigerlich die Orientierung zum rettenden Hasen zurück verloren. Einem Schneesturm itn Südeis haftet nach den Worten des Admirals „etwas Wahnsinniges, en. Er fei „kein Wind, sondern ein Bergsturz, ein Wall, eine Lawine . Die Verzweiflung ritt den Einsiedler, als er eines Tages in die Hütte zurück wollte und die Klappe zum Hausdach durch Eis verkeilt vorfand. Rachdem ihm im Bett mehrere Finger beim Lesen erfroren waren, obwohl ir das Buch abwechselnd von einer Hand in die andere genommen hatte, mußte er nun unter freiem Himmel die dicken Pelzhandschuhe abstreften und in der furchtbaren Kälte von 55 Grad oder mehr mit bloßer Hand arbeiten Die Rettung kam keine Minute zu früh. Hätte auch nur ein sanfter Ostwind geherrscht, wäre Byrd wohl umgekommen. Denn Ostwind erhöbt die zermalmende Wirkung der Kälte; er lähmt nach einiger Zeit die Luftröhre, so daß Erstickungsanfälle eintreten, die dann zum Tode
^Dieben Monate lang litt der Eingeschlossene schwer an einer Kohlen- rasvergiftunq. Seinen Gefährten im Quartier „Klein-Amerika allerdings, mit denen er Funkverbindung hatte, verheimlichte er feine Krankheit, um lie nicht zu einer Rettungsexpedition zu veranlaßen, die in der em halbes tzahr dauernden Polarnacht das Leben der Retter selbst gefährdet hatte. Allen Beschwerden zum Trotz, zuletzt mit den Füßen, bediente Byrd seine Geräte, die ihm zuzuflüstern schienen: „Wenn du aufhorst, Horen wir auf" Eines Tages versagte der Empfänger; nun war er ganz „21 klein"! Von Norden keine Antwort. Während die argwöhnisch zewordenen Gefährten zum Aufbruch rüsteten, werkte ihr Führer weiter, ein „minderwertiges Strandgut", wie er sich in jemer elenden Ver assung nannte. Wichtig war ihm nur der Ruf des wissenschaftlichen Unternehmens. Lehrreich für den Leser ist der Blick w die Seele des Forschers, der weit draußen im ewigen Südeis für lue Menschheit arbeitet. Uni den Segnungen der Zivilisation verlernt der Mensch viel, in diesem Buch iann er die rechte Würdigung des einfachen Lebens und feiner befchei- »enften Freuden neu entdecken, den Frieden der Seele nachsuhlen der -inen leidenden, bei allem Ungemach am Dafew Hangenden Menschen erfüllt. „Weise", sagt Byrd, „wird der Mensch erst mit der Erkenntnis, däh er nicht länger unentbehrlich ist." .
Im folgenden bringen wir einen besonders fesselnden Abschnitt aus dem Buch, Byrd schildert seine Arbeit am Hch'dmorseapparat, den er mit eiserner Energie in Tätigkeit hält, um seine Kameraden nicht zu einer fjilfs-erpebition zu veranlassen. Er schreibt:
KaM Kalt! Die rote Linie sinkt und sinktz Sollten km Freunde au-- «erechnet die kälteste Zeit getroffen haben? Dyer tyatte mir die Hellen iängen des Schleppers mitgeteilt, mit dem er stündliche {Mlung Unterwelt. Ich versuchte mitzuhören, vernahm aber nur den Gespradjslarm -enn das Morsen ging viel zu schnell für mich. ®°0en M'tiernacht flüft rte der Wind wieder aus dem Norden, nachdem er vorübergehend im West n Umhergelungert war. Der Luftdruck stieg noch, aber d,e Kalte-hatte .nner- halb der letzten Stunde auf -59,4 Grad.zugenommen Diese kaUeste Ablesung des Jahres übertraf die kälteste m Klemamercka um 1 Grad obgleich die Scblepperleute es nicht ganz so kalt haben wurden o tneb 's mir doch den Schweiß auf die Stirn wenn ich an dn Frostgefahr, ins Versagen der Motoren und an die andern Muhsale dachte.
Um Mitternacht klang es, als sei Murphy etwas enttäuscht. Er sagt« „Wir hören soeben von Poulter, daß sich der Schlepper 27 Kilometer südlich von uns befindet. Man dringt noch vorwärts, aber langsamer."
Ich buchstabelte: „Alles IO?"
Die Stimme im Kopfhörer schien aus unendlich weiter Ferne zu kommen, als Murphy langsam betonte: „Scheinbar nicht. Bei ihnen chneit es fest, obgleich wir hier Helles Wetter haben. Poulter meldet sehr chlecht« Sicht. Viele Fähnchen sind verschneit. An der Oberfläche zeigen ich nur fünf Zentimeter Fahnentuch. Daher fährt man nach dem Kompaß von Flagge zu Flagge. Verfehlt man eine, so fährt man im Kreise, bis man sie gefunden hat. Daher das langsame Fortschreiten."
Infolge der Mangelhaftigkeit meines Empfängers mußte ich Murphy mehrmals wiederholen lassen, woraus sich obiges verdichtete. Eigentlich war ich ja zu feiner Hoffnung berechtigt, denn ich kannte die Reifebedingungen in der Polwüste nur zu gut. Ich konnte mir lebhaft vorstellen, wie Poulter rittlings auf der Haube faß und den Scheinwerfer handhabte, um handgroße Tuchfetzen auszumachen, die rund 300 Meter zwischen sich hatten. Natürlich bediente er sich der Karte, die Jnnes- Taylors Reifeweg beschrieb. Hundeschlitten bewegen sich aber im Zickzack, so daß der nächste Wimpel 20 Meter links oder rechts von der Kompaß- geraden stehen kann. Infolgedessen muhte man die Umgebung absuchen, wenn man dem Kilometerzähler zufolge den erforderlichen geraden Abstand zurückgelegt hatte, ohne auf ein Zeichen zu stoßen.
„Dick, es hat keinen Zweck, die ganze Nacht auszubleiben", riet Murphy. „Wir bleiben mit Poulter in Fühlung und werden Sie um 8 Uhr anrufen."
Ich entwarf eine Nachricht für Poulter, wonach er bald bessere Verhältnisse antreffen und die Flaggen leichter finden würde. Zu weiteren Ratschlägen kam es nicht mehr, weil die Arme versagten. Das war schon vorgekommen und würde auch wieder eintreten; trotzdem hat mir nichts im Leben ein derartiges Gefühl vollständiger Unzulänglichkeit gegeben.
Als ich die Tagesarbeit abschloß und in den Bunker kroch, machte ich mir klar, daß alles Weitere von jetzt ab meiner Einwirkung entzogen sei. Schmerz und Alpdrücken quälten mich wieder. Am Samstagmorgen schwebte ich abermals im Grenzland zwischen Besinnung und Bewußtlosigkeit. Mit knapper Not entwand ich mich dem Bett. Im Lichte der Taschenlampe sah ich, daß die rote Linie des Wärmeschreibers um 3 Uhr früh bis auf —62 Grad hinuntergegangen und seitdem dort geblieben war. Das Borwasser für die Augen war gefroren und hatte die Flasche gesprengt. Sogar die Milch in der Thermosflasche war zu Eis erstarrt, und die Eistapete reichte jetzt sogar beim Ofen bis an die Decke. Das Eisen des Ofens riß mir die Haut von den Fingern. Zu schwach, um auf den Füßen zu stehen, legte ich mich wieder hin. Kurz vor Mittag wachte ich auf; ich hatte also die erste Funkverbindung verpaßt.
Die Funkversuche um 12 und 14 Uhr ergaben nur Störungsgeknatter. Die rote Linie verharrte auf — 62 Grad. Wachsende Besorgnis quälte mich Als ich um 16 Uhr wieder nichts hörte, fünfte ich blind in die Weite: „Poulter soll nach Kleinamerika zurück und wärmeres Wetter abwarten." Diese Nachricht hat niemanden erreicht, wie ich später erfuhr.
Der Magen behielt nur etwas heiße Milch bei sich. Zumeist lag ich jufammengefnäult im Schtofsack. Trotz der andauernd betriebenen Heizung blieb es in der Hütte unerträglich falt. Abends tarn ich wieder zu mir. Aber die Augen brannten und tränten, Kops und Rücken schmerzten. Also mußte die Stube wieder einmal gründlich vergast fein. Daher zwang ich mich aus dem Bett, um nach dem Rechten zu sehen. Den Luftauslaß versperrte ein harter Eispfropf, den ich mit dem Stachelstock ausbohrte. Der obere Teil des Ofenrohrs war ebenfalls verstopft, denn er fühlte sich falt an Vielleicht haft es etwas, wenn ich den aus dem Dach ragenden Teil des Ofenrohrs gegen die Kälte abdämmte. Ich holte ein Stück Asbest und Bindfaden aus der Vorhalle und flieg an Deck. Die Kälte war so grimmig (—63,3 Grad), daß es mir den Atem verschlug, als ich den Kopk aus der Klappe streckte. Schnell tauchte ich wieder ins Zimmer zurück und legte die Gesichtsmasfe an, die es mir ermöglichte, ins Freie zu gelangen. Die Lüftung puffte wie ein schadhaftes Dampfrohr.
Um feine Enttäufchung zu erleben, hielt ich den Blick vom Norden abgewandt. Schließlich drehte ich mich aber doch um, für den Fall, daß die Lampen des Schleppers über einer Bodenwelle aufblitzten. Ein Lichtfunken überm Kimm gab mir heftiges Herzklopfen; es war jedoch nur ein Stern. Im Nordostviertel des vollkommen klaren Himmels schimmerte ein blasses Südlicht. Die Schlepperleute genossen zumindest gute Sicht, was mich beruhigte und freute. Aber wie lange vermochten es sterblich« Wesen in dieser fürchterlichen Kälte auszuhalten? Meine Lungen schienen bei jedem Atemzug zu verdorren. Die ausgestoßene Lust bildet« eine knatternde Wolke.
Dann stieß mir etwas Merkwürdiges zu. Ich kroch auf den Kmen, mit der Taschenlampe in der Hand und dem Asbest auf dem Rücken. Plötzlich wurde es stockfinster. Zuerst dacht« ich an ein Versagen der Taschenlampe. Als ich aber aufblickend kein Südlicht sah, schloß ich auf EMindung. Auf der Suche nach der Falltür stieß ich gegen einen Stützdraht des Windmastes. Hier hielt ich an, um nachzudenken. Ich zog die Handschuhe aus und knetete die Augen. Die Wimpern und Lider waren mit Eis verklebt. Sie tauten in der Handwärme auf, wofür ich dann erfrorene Finger eintauschte.
(Js dauerte lange, bis ich die Ofenrohre umwickelt hatte, denn mit Pelzfäustlingen ist man recht ungeschickt. Das Rohr war bis auf ein baumenbreites Loch verstopft. Inzwischen verklebten sich die Augenwimpern wieder; und zur Abwechslung erstarrten zwei Finger der linken Hand Eilends rutschte ich die Leiter hinunter, um der grausamen Kälte zu entrinnen Beim Abnehmen der Maske ging die Haut über den Backenknochen mit. Erst nach einer halben Stunde geduldigen Knetens verkündeten wilde Schmerzen das Wiedererwachen des Blutkreislaufes in benz'röh9mneiner Mattigkeit wagte ich nicht, schlafen zu gehen, ehe der Ofen richtig zog. Ich hielt ein Gefäß mit brennendem Meta ans Rohr, um das Eis aufzutauen. Als das Schmelzwaffer zu rinnen begann, genügte die Ofenhitze, um den Rest zu besorgen. Der Zapfhahn im


