Herzogin Hadwig von Schwaben, die als sunge Witwe auf dem Hohentwiel lebte, war eine Frau mit großen Geistesgaben. Sie war in ihrer Jugend dem griechischen König Konstantin verlobt gewesen und hatte mit großem Eifer griechische Studien betrieben. Die byzantinische Hochzeit zerschlug sich zwar wegen der heftigen Abneigung des eigenwilligen Mäd­chens, jedoch die Liebe für den Geist Griechenlands brachte sie mit in ihre Heimat. In der Ehronik von St. Gallen wird berichtet, wie Hadwig, die mit großer Strenge ihr schwäbisches Herzogtum regierte, den jungen gelehrten Mönch Ekkehard auf den Hohentwiel befahl, damit er ihr den Vergil erkläre eine Begebenheit, die Scheffel in seinem bekannten Ekkehardroman mit sehr großer, dichterischer Freiheit romantisch aus­gesponnen hat. Eine schöne Frau aus dem Mittelalter ist auch die heute allen noch so bekannte Uta, eine der Stifterinnen des Naumburger Domes. Wir wissen nicht viel mehr von ihrem äußeren Dasein, als daß sie Askanierin war, Tochter Esikos V. von Ballenstedt und Gemahlin des Markgrafen Ekkehartz II., aber ihr Antlitz, weich und verschlossen zugleich, ihr träumender Blick, der in die Ferne schweift, die Gebärde, mit der sie scheu den Mantel zur Wange hebt, die Hand, die mit edler Ruhe und fraulicher Grazie das Tuch unter der Brust zusammenrafft, sind Aus­druck einer herben Lieblichkeit, durch die des Bildhauers Seele und Hand ein schönes Frauentum beredt gemacht haben, wobei es gleichgültig ist, was Wahrheit, was Dichtung ist an diesem Bilde.

Mehrere Jahrhunderte später finden wir das Gesicht der deutschen Frau stark verändert, es ist die Zeit des ausgehenden Mittelalters. Die Pracht der äußeren Aufmachung hat zugenommen, die durch das Christen­tum ursprünglich geprägte und betonte Schlichtheit ist durch den Reichtum der neuen Städte und Kaufleute verdrängt. Zwar trägt man diesen Reich­tum mit Würde und Geschmack, doch man trägt ihn auf Kosten des Volkes. Bilder wie die der Elsbeth und Felicitas Tücher, von Dürer gemalt, und die seiner Frau und seiner Mutter sind beredt im Hinblick auf die sozialen Zustände jener Zeit. Während auf den Gesichtern der Tucher-Frauen behäbige Wohlhabenheit, Stolz und Sicherheit liegen, zeugen die der Dürer-Frauen von Armut und Entbehrungen, von Angst und Enge. Dürers Mutter, die ihrem Mann achtzehn Kinder schenkte, trug ein schweres Schicksal. Von den Epidemien, Hungersnöten und Wirtschafts­krisen in einer mittelalterlichen Stadt lebenslang bedroht, verzehrt von Sorge um die Ihren, weiß ihr Gesicht an ihrem Lebensabend nur von Leid. Auch Agnes Dürer, des Meisters Gattin, hat diesen fest­geschlossenen, harten Mund. Man weiß, daß sie auf den Messeständen Dürers Handzeichnungen zum Verkauf bieten mußte und von der Mengs des Marktes verlacht, verhöhnt und verspottet wurde.

Wie strahlend steht daneben die Frau Rat, Goethes Mutter. Wenn man ihre Briefe gelesen hat, ist es nicht schwer, zu raten, von wem Goethe das Feuer seines Temperaments, den heiter-prüfenden Blick und die Be­weglichkeit seines Geistes geerbt hat. Eine Frau mit frohem Herzen war sie, eine Frau, deren Erkenntnisfähigkeit keine vorgefaßten Meinungen entgegenstanden. Zu ihren Füßen ist eine anmutige, geistreiche, kleine Person nicht wegzudenken Bettina Brentano. Was.man über dieses Mädchen und ihre überschwengliche Liebe zu Goethe auch sagen mag, eines ist sicher die Frau Rat hat dieses tolle Mädchen geliebt. Entzückend ist der Briefwechsel dieser beiden.Liebe Frau Rat", schreibt Bettina,eine Schachtel wird Ihr mit dem Postwagen zukommen, beste Frau Mutter, darin sich eine Tasse befindet. Tun Sie mir den Gefallen, Ihren Tee frühmorgens drauß zu trinken, und denk' Sie meiner dabei. Den Wolfgang hab' ich endlich gesehen; aber ach, was hilst's? Mein Herz ist geschwellt wie das volle Segel eines- Schiffes, das fest vom Anker ge­halten ilt am fremden Boden und doch so gern ins Vaterland zurück möchte. Ad'-" meine liebe, gute Frau Mutter, halt' Sie mich lieb."

D'-s, lo scheint es, behagte der Frau nur wenig, denn sie schreibt daraus:Was läßt Du Deine Flügel hängen? Nach einer so schönen Reise schreibst Du einen so kurzen Bries und schreibst nichts von meinem Sohn, als daß du ihn gesehen hast; das hab' ich auch schon gewußt. Was hab' ich von deinem geankerten Schiff? Da weiß ich soviel wie nichts. Schreib doch, was vassiert ist. Hab' ich nicht Deine albernen Geschichten hundert­mal angehört, die ich auswendig weiß, und nun, wo Du etwas Neues erfahren hast, etwas Einziges, wo Du weißt, daß Du mir die größte Freud' machen könntest, da schreibst Du nichts. Bist Du traurig? Liebe, liebe Tochter, mein Sohn soll Dein Freund sein, Dein Bruder, der Dich gewiß liebt, und Du sollst mich Mutter heißen in Zukunft--" Man

Kt aus diesen wenigen Zeilen schon, daß sie dies Kind liebte und ihm itter war, und sie. Bettina, einmal in das Kielwasser des großen Goethe' geraten, hat wobl nicht anders können, als ihr Leben lang diesen leuchtenden Spuren nachzuschwimmen.

Auch im vorigen Jahrhundert ist die Frau in der selbständigen Stel­lung noch eine Seltenheit, sie ist, was sie immer war, Gefährtin ihres Mannes und Mutter seiner Kinder. Ihr Antlitz und Wesen sind geprägt von den herrschenden Gesetzen der Kirche und des Staates, ihre Kraft wird in der Stille verbraucht. Dennoch liegt Größe auch in solchen Frauenleben Wenn man das Dasein Johanna v. Bismarcks bedenkt, die mit ihrem Mann kreuz und quer durch Europa ziehen und am Ende Sorge tragen mußte, auf daß dem schweraekränkten und verbitterten Gatten noch ein freundlicher Lebensabend beschieden wurde, so kann man dieser Frau Bewunderung nicht versagen.

Das Puppenspiel.

Von Otto Anthes.

Es war in seinen ersten Weimarer Jahren, als der junge Goethe mit dem noch jüngeren Herzog Karl August in wildem Jugendübermut das Ländchen durchtobte. Dem Dichter selbst fing der überstürzte Trunk aus dem Becher der Lust schon an ein wenig schal zu werden, indes der Herzog noch immer nicht genug davon kriegen konnte. So fielen sie einmal gegen

Abend, nach einer tollen Fahrt die Kreuz und die Quer, bei dem Forst meister von Kinzrode ein, nicht gerade zufällig, indem der Forstmeister eit mehreren Jahren Witwer, eine um vieles jüngere Schwester seiner > verstorbenen Frau bei sich hatte, die ihm den Haushalt führte. Aus dies«, die eine Schönheit sein sollte, war es abgesehen. Und sie erwies sich auch in der Tat als ein feines Weibswesen mit hintergründig dunklen Augen, das den beiden jungen Männern genug zu gucken und zu denken gab. Der Forstmeister seinerseits war hocherfreut ob der Ehre solchen Besuche, und machte sich auch keine Gedanken darüber, wie er die Gäste ziemlich bewirten solle. Denn seine Küche war, wenn auch mit ländlich einfacher und derber Kost, doch immer wohl bestellt, und auch sein Keller enthielt so viel guten Wein, daß er sich wohl getrauen konnte, die Herren über den Durst hinwegzubringen. Nur darum war er überflüssigerweise - in Verlegenheit, was er an geistiger Speise bieten solle. Und so fiel ei ihm bei zu fragen, ob es wohl genehm sein würde, wenn seine beide« Buben Otto und Max, der eine dreizehn-, der andere elfjährig, eine Bov stellung auf ihrem Puppentheater gäben.

Dem Herzog war alles recht, weil er nur daran dachte, daß er bani im Schummern neben der schönen Schwägerin sitzen werde. Goethe aber machte seltsam große Augen, als er vom Puppenspiel härte, nahm sich auch gleich die Buben vor, trat mit ihnen vor die Haustür in den langsam sinkenden Abend und befragte sie über ihre Kunst: ob sie das Theater selbst gebaut hätten, was als selbstverständlich bejaht wurde; und was fier Stücke sie spielten. Da kam denn zuerst heraus, daß Max, der jüngere, ein ausgesprochener Humorist und Kaspar war, der selbst ein Stück ge- schrieben hatte.Die Katzen" betitelt, in dem zwei Nachbarn, durch ncichb liches Katzengeschrei geweckt, miteinander in Streit gerieten, weil jeder dem andern vorwarf, daß es dessen Katze wäre, die den heiligen Fried»: der Nacht störe. Darüber kamen sie jeder aus seinem Haus und eröffnetem die gewaltige Prügelei, die den Höhepunkt des Stückes ausmacht. Währens dessen aber drangen die Spitzbuben, die in Wahrheit das Katzengeschwi nachgeahmt hatten, in die verlassenen Häuser ein und räumten sie gründ' lich aus.

Diesen Bericht nahm Goethe mit halbem Anteil hin. Als er sich banm aber zu dem älteren Jungen wandte, gestand der nach einigem Zögem und mit einem leichten Erröten, daß er am liebsten nach einem vorhtt festgelegten Plan aus dem Stegreif spiele. Und Goethe bestimmte, er wolllr solch ein Stegreifspiel hören.

Inzwischen hatte der Herzog in feiner gewaltsam kecken Art der Schwägerin des Forstmeisters heftig zugesetzt, so daß diese in ihrer Not auf den Einfall kam, sich dumm zu stellen. Sie tat, als ob sie nichts von den verliebten Andeutungen ihres Hofmachers verstünde, und steckte z« allem, was er vorbrachte, nur ein töricht leeres Lächeln auf. Das belustigt!! den Herzog ein Weile, weil er so immer deutlicher werden konnte. M man aber nach dem Nachtessen vor dem Theaterchen saß, das in der Tier zwischen zwei Zimmern aufgebaut war, und er in der Dämmerung }ii einem zärtlichen Händedruck vorfchritt, sagte die Jungfer laut:Wir befehlen Hoheit?" Und als er danach es wagte, feinen Arm um ihre HW zu legen, da tat sie fast erschrocken:Hoheit sitzen zu eng", und rürfti ein Stückchen von ihm weg. Das schien dem Herzog denn doch der Dumm1 beit zu viel, und er ließ ärgerlich von ihr ab als auch schon der Sott hang sich hob und das Spiel begann. /

Da wurde es nun offenbar, weshalb Otto das Stegreifspiel bevorzugt» Was da vor sich ging, war ein Stück von lauter Liebe, wie sie sich beim eben erwachten Dreizehnjährigen darstellte, und zu der er in keinem her vorhandenen Stücke die rechte Unterlage sand. Er selbst sprach den Lied«' Haber Floridol und leitete ihn an seinem Draht; die angebetete Amintm war Max anvertraut. Dies letztere ging auch fo lange gut, als di« 2li»' gebetete nur stumm aus dem Fenster oder vom Balkon zu winken hott» Als es aber nun zum Stelldichein gekommen war und geredet roerbm mußte, da nahte das Verhängnis. Otto schüttelte seinen Floridol gewastiz in den Schultern und sagte mit gramsüßer Stimme:Ich liebe dicht" M! aber, in dessen tumbes Bubenherz die Liebe noch nicht den ersten Blitz geschleudert hatte, wußte darauf schlechterdings nichts zu erwidern und bliö. stumm. Abermals schüttelte sich Floridol in der Brust und wiederholter Ich liebe dich!" Und wieder blieb er ohne Widerhall. Wohl aber mk? nahmen die Zuhörer ein scharfes Zischeln aus dem Hintergrund be* Theaters. Zum drittenmal versicherte Floridol, nun schon Liebeszorn tn Ton:Ich liebe dich!" Und als wiederum eine bange Pause eintrat, wurde das Theater von einem gelinden Ruck erschüttert, der unzweifelhaft vorn einem Rippenstoß herrührte. Da aber sprach Max, unendlich erstaunt un.) gedehnt:Sooo?" Und nichts weiter.

Nun war es aus. Die Zuhörer platzten los, der Vorhang fiel schall und deckte eine kleine brüderliche Rauferei. Der Herzog wollte sich fall'- ausschütten vor Lachen, einesteils weil er sroh war, daß er das Stuck' schnell überstanden hatte, für das er nun bei der Torheit der Schwäger i keinen Sinn mehr hatte; aber auch weil ihm die unglückliche WenbuiU der theatralischen Begebenheit fein eigenes mißglücktes Abenteuer kost!« darzustellen schien. Er schenkte jedem der Buben einen Taler.

Goethe aber nahm den unsäglich traurig dreinschauenden Otto um: Schultern und führte ihn wieder vor die Haustür. Da lag jetzt der -Bore wald drüben in silbrigem Mondlicht wie lauter Versöhnung, und per * vor der Tür rauschte daher wie tröstliches Vergessen. Goethe druckte o. Kopf des Jungen an seine Brust und sagte:Siehst du, mein yunga) _ nun hast du bas schwerste und schmerzlichste Erlebnis, das uns Dich.er- (euten wird, schon hinter dir. Wo unser Herz Überschäumt vor «gen Wonne und Leid.und vor Drang der Mitteilung, da bleibt die 2ßejt |m - und träge und zum günstigen erstaunt. Aber sei ruhig! Unser Gluck i nicht bei der Welt, sondern in uns selbst und tn dem, daß wir jubeln leiden." ___

Verantwortlich: vr. Fr. W. Lange. Druck und Verlag: Brüh Ische Unioersitätsdruckere i, R. Lange, Gießen.