SichenerAmilieiiblötter

Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger

)ahrgang 1939 " Freitag, den 15. Januar Nummer q

Der kerZtlmacher von Sankt Stephan

Ein heiterer Liebesroman von Alfons o. EZibuika

«lopytigljf by I. G. Äotta'lche Buchhandlung Nachfolger, Stuttgart

14. Fortsetzung.

Als sie nach Haufe kam, trat gerade das Pförtnerweib des kleinen Palais zwischen der Domkantorei und dem Wachszieherladen aus der Ladentüre.

Wo warst denn?" fragte die Vielgratterin und setzte sich ächzend in ihrem Schmerzenstuhl zurecht.

Die Lisl'sah sie an. Was es wohl jetzt wieder geben würde?In der Stephanskirchen halt", gab sie leise zur Antwort.

Aber die Alte nickte nur:Is recht, Lisi. Geh, richt mir einmal den Polster! ... Du, Liesl, hast du übrigens die große Opferkerzen g'nommen, die da g'hängt is?" Sie zeigte mit dem Stock, mit dessen Hilfe sie sich erhob, wenn Befucher kamen, gegen die Decke.

Ja, ich hab sie der Muttergottes gestiftet, Frau Tant", antwortete Elisabeth Brand verlegen und wurde rot.

Brauchst nicht rot werden, Lisi! Hast schon recht g'habt. Gar nicht oft genug kann man die himmlischen Heerscharen um ihren Beistand bitten. Gar nicht oft g'nug. Weil die Welt gar so schlecht is, Nix wie Zünd und Schänd is ,in der Welt ... Hab i nit wieder einmal recht l'ijabt? Kannst dich noch an den Leutnant erinnern, der allweil vor der Domkantorei g'standen is und die Fenster von der Hartenberg an'gafst hat? Kannst dich erinnern? Sogar eine Rosen hats ihm nunter« Pwarfen, das Mistvieh! .. Was haft denn, Lifl? Ich hab dir doch /sagt, daß du nicht rot werden brauchst wegen der Kerzen ... Und seit Montag steht der Offizier nimmer dort. Weißt, warum?"

Das hätte die Lisi ihr schon sagen können. Sie war neugierig, was Me Alte wußte. Sie lachte und fragte:Na, warum denn, Frau Tant?"

Weil er am Dienstag mit der Hartenberg nach Schlesien ab« fl'reift ist

Dienstag und Schlesien? Das hatte doch auch der Hufar gesagt. Um kljsabeth Brand begann sich der Laden zu drehen. Es wurde ihr schwarz m den Augen. Sie mußte sich setzen.

Aber die Alte merkte es gar nicht. Sie lieh ihre Zunge gehen und terichtete mit phantasievoller Verbrämung, was ihr die Pförtnersfrau irzählt hatte:Auf das Schloß von ihrem Vater sind die zwei g'fahren. ('3rat> hat's mir die Brandlmeier g'fagt. Und die muß doch wissen. Der ihr Mann hat doch selber die Koffer aus die Postchaisen g'laden. Die Hartenberg ist zwar schon um zwölf g'fahren und er ist erst auf 1' Nacht gritten. Wahrscheinlich wegen dem Dekorum, wie man so sagt, über das merkt ja der Dümmste, daß die zwei miteinand reifen ... üto, hab ich recht g'habt ober nicht, daß ein Luder is? Wann sich eine euch schon beleuchten laßt! .. Aber jetzt heiratens wenigstens, weils doch nach ein bißl an Anstand haben ... Na, was sagst dazu, Lisl?"

Was soll ich denn sagen, Frau Tant?" Langsam ging Elisabeth Prand in ihre Stube hinauf. Das also war der Grund, warum er nicht gekommen war! Die Worte des Matthias Wimmer fielen ihr ein:Und dann hat er halt doch eine andere g'heirat." In ihr waren alles Glück unb jeder Glaube zerstört.

So sinnlos schien ihr das Leben und leer, daß sie kaum hinhörte, als am nächsten Abend der Vater nun doch mit ihr zu reden begann, weil wieder der Kirndorfer bei ihm gewesen war. Teilnahmslos starrte |1e auf den Tisch, als nach dem Abendessen Aloisius Brand ihre Hand ergriff, sie eine Weile nachdenklich streichelte und bann mit gespielter ssrohlichkeit fragte:Sag einmal, Lisl, hast bu eigentlich darüber nach- dacht, warum wir am Sonntag in Nußdorf waren?"

Die Lisl schüttelte kaum merklich den Kopf.

Brand lachte:Geh! Hast denn bu gar nix gmertt? Der Franzi o»m Kirndorfer will dich doch heiraten." . Sie seufzte.

No, no! Das ist doch noch kein Grund zum Seufzen. Der Kirn- b»rfer Franz!! Das Schlechteste wär das noch nicht ... Und mit dem heiraten wird's bei dir jetzt Zeit. Bist ja wieder ganz burcheinand seit a paar Wochen ... Na. schau mich an! Wie wär's mit dem Franzl?"

Sie hob den Kopf. Sie war zu müde, sich zu wehren. Es war ja kd) alles gleich. Sie versuchte ein Lächeln:Zeit müssens mir halt taffen, Herr Vatter!"

Aloisius Brand atmete auf. Es war leichter gewesen, als er sich's ß.'dacht hatte. Wenigstens war es ihm erspart gebtieben, der Lisl zu tagen, daß er für sie schon das Jawort gegeben. Zeit lassen wollte er ihr gern. Da würde der Kirndorfer eben warten müssen. So einfach wie ein Roßhandel war halt das Heiraten nicht.

An diesem Abend hat Elisabeth Brand ihre große Liebe begraben.

Um acht Uhr morgens wollte sich Rabenau beim Festungskomman« bauten von Olmütz melden. Nach dem Hartenbergschen Schloß in Schlesien war es noch weit Er wollte heute noch drei Viertel des Weges zurücklegen, um morgen noch am Vormittag nach Groß-Jaunitz zu kommen. Der General von Hadik mutzte schon unterwegs sein.

Als er aber mit seinen Reitern vor dem Kommando hielt, hörte er, datz der Feldzeugmeister von Marschall seit sechs Uhr morgens im Vorfeld fei.- In der Nacht wären Meldungen gekommen, daß preu­ßische Eskadrons herwärts der Grenze streiften. Patrouillen war man gewöhnt. Das war nichts Besonderes. Auch die leichten Reiter der Kaiserin schwärmten drüben im Preußischen. Aber ganze Schwadronen? Das war seltsam. Herr von Marschall ritt die Außenwerke ab Vor elf würde er nicht zurück fein. Er hatte den ausdrücklichen Befehl hinter­lassen, daß der Leutnant auf ihn zu warten habe. Da war nichts zu machen. Vielleicht hing das mit dem Kurier zusammen, der gestern abend in denRömischen Kaiser" gekommen war. Rabenau befahl: Gurten Nachlassen!" Dann fetzte er sich vor bas gelbbraune Kommanbo- gebäude auf eine sonnige Bank unter einem noch kahlen Kastanien- baum und wartete.

Unterhaltsam war das Warten nicht. Man tarn dabei nur auf dumme Gedanken. Er konnte ja schließlich nicht mit der Torwache schwätzen wie feine Dragoner, die aufgereiht auf einem Schlagbaum sahen, die Zügel ihrer Gäule hielten und ihre Späße trieben. Nach­denklich sah er vor sich hin, beklopfte seine Stiefel mit dem Reitftock oder zeichnete Figuren und Buchstaben in den noch feuchten Sand. Daß das mit dem Mädel so enden mußte!

Wenn es -ihnr zu langweilig wurde, ging er die Straße hundert Schritte hinauf und hinunter.

Um halb zehn rumpelte eine Postkutsche vorüber, gegen das There- fientor in der Richtung nach Schlesien. Der Postillon blies. Der Vor- reiter ließ die kurze Peitsche knallen.'Rabenau war es, als hätte er hinter den Scheiben die Kleine von gestern erkannt. Da fiel ihm ein, daß er heute morgen den Wirt hatte fragen wollen, wer sie fei. Viel­leicht war es eine Dummheit gewesen, daß er gestern nicht galanter war. Er sah der Postkutsche nach, bis sie hinter einem Hause verschwand, unter dessen Erker der heilige Georg einen steinernen Drachen spießte.

Endlich kam der Feldzeugmeister von Marschall mit seinem kleinen Stab und saß ab. Als er den Leutnant bemerkte, winkte er ihn heran, nahm ihn unterm Arm und führte ihn durch die Torfahrt in den Garten, in dem die Marschallin, wie man sie nannte, ihre Gemüse pflanzte. Sie hatte nichts dagegen, daß man sie die Marschallin hieß. Es klang nach Feldmarschall. Und im übrigen wußte sie, daß sie nach einmal mit Fug und Recht so genannt werden würde. Wenn sie mit dem Feldzeug­meister auch manchmal herumkommandierte, wie dieser mit der Festungs­besatzung: sie liebte und bewunderte ihn und war von seinen Fähig­keiten überzeugt. Wie übrigens auch Daun und die Kaiserin.

Als er mit dem Leutnant den Garten betrat, stand sie gerade in Schürze und Morgenhaube am Küchenfenster. Der Feldzeugmeister gern und gut. Darum kochte sie selber. Er winkte ihr zu und bot bann dem Leutnant eine Prise an.

Rabenau dankte. Er schnupfe nicht.

Schade! Schnupfen reinigt das Hirn." Der General klappte die Dose zu, nahm den Offizier an einem Knopf seines Waffenrocks, zog ihn zu sich heran und sagte:Na, schon gehört, daß die Preußen über die Grenze sind? Seid wieder einmal zu spät gekommen in Wien, fürchte ich. Will Ihn nicht lange aufhalten, Leutnant. Und reiten muß Er ja wohl. Obgleich das Alarmieren der Regimenter inzwischen schon der König von Preußen besorgt haben wird. Aber das wollt' ich Ihn bitten und darum habe ich Ihn warten lassen: schick Er mir gleich Meldung, wenn Er was vom Feinde sieht. Fürchte nämlich, daß ich hier auf den Wällen von Olmütz werde einrenken müssen, was die Perücken in Wien verschlafen haben."

Er begleitete den Leutnant noch bis zum Tore. Dort blieb er noch einmal stehen und sprach weiter:Nach den Meldungen, die ich habe, sind feindliche Eskadrons schon auf sechs Stunden von hier gesehen wor­ben. Seh Er zu, daß sie Ihn nicht fangen! Seine Kutiertasche wäre für die Preußen ein Fressey."

Rabenau lachte und saß auf:Mich kriegen sie nicht so leicht, Jhro Exzellenz!"

Verschrei Er's nicht, Er Grasteufel! Mit den Preußen ist nicht zu spaßen." Er zog ein Stück Zucker aus seiner Hosentasche, hielt es dem Fuchsen des Leutnants hin. Dann klopfte er dem Tier den seidigen Hals: Brillanter Gaul! ... Na, reit Er jetzt! Und mach Er die Augen auf in den Schluchten zwischen Domstadtl unb den schlesischen Bergen!"

Rabenau ritt heute scharf. Er mußte sich eilen, wollte er das Dorf Rautzenberg, sein Nachtquartier, noch erreichen. In der Landschaft, die nördlich von Olmütz noch in sanften, flachen Hügelwellen wogt, ehe sie