SiesjenerZamilimblätter
Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger
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Jahrgang 1959 Montag, den 8. Mai Nummer 35
DER HEILIGE
Novelle von Conrad Kerdinanü JTleyct
3. Fortsetzung.
Ihr sehet nun, Herr, denn ich habe es in meiner Ehrlichkeit an den 5ag gelegt, daß der. Kanzler, als er die Hexe besuchte, mich als einen prlählichen Mann hatte mitreiten lassen."
Der Chorherr blickte den Armbruster prüfend an. „Du bist es, frans", rief er, „der das arge Weib geflüchtet hat!"
„Meint Ähr wirklich, Herr?" versetzte Hans, und es war, als ob er unter seinem Barte den Mund verzöge. Dann lenkte er seitwärts: „Sine schlimmere Hexe, die zu jener Zeit in Engelland lebte, konnte mch nicht verbrannt werden, und aus triftigen Gründen.
Mein Herr und König war mit ihr verheiratet.
Warum Herr Heinrich mit Frau Ellenor in die Ehe getreten war, t«m geschiedenen Weibe des Königs von Frankreich, das offenbart sich (dem, der die Weltkarte betrachtet und darauf die Länder zählt, die sie i-m zubrachte; das ist Gascogne, Saintonge und Poitou mit unzähligen Bürgen und Städten. Sie soll in ihrer Jugend lieblich und bescheiden «-wesen sein. Ich will ihr diese Märzblume nicht aus der Krone nehmen. Zur Zeit, da ich das Knie vor ihr bog, hatte sie einen schwarzen Helm ton üppigen Haaren, unstete, beschäftigte Augen und stets gejagte Füße. Sudj hielt sie Herr Heinrich beiseits, bald in einer Abtei, denn sie war fr'iiweife andächtig, bald in einer abgelegenen Burg mit wenig Gesinde, tos zuweilen ein ehrgeiziger nachgeborener Sohn oder ein eitler Fahrender, der mit einer Vornehmen zu tun haben wollte, vergrößerte.
Der Kanzler begegnete ihr, wo er ihr nicht ausweichen konnte, mit i'efer Ehrerbietung, während ich glaube, daß sie ihm zuwider war; denn (r liebte an Frauen das Zarte und Anständige. So vergnügte er fein finge — wenngleich der große falsche Prophet den ©einigen diese bild- Ichen Ergötzungen untersagt hat — oft an den weißen und ruhigen kliedmaLen der keuschen Marmorweiber, die er in seinen Palästen auf- ^stellt hatte. Ihr habet wohl noch keine gesehen. Sie werden aus dem Schutte zerstörter Griechentempel hervorgezogen, und der Herr von fiyzanz hatte dem Kanzler für eine politische Gefälligkeit deren einige zigeschickt. Es sind tote Steine ohne Blick und Kraft der Augen, aber betrachtet man sie länger, so fangen sie an zu leben, und nicht selten bin auch ich vor diesen kalten Geschöpfen stehengeblieben, um zu erfunden, ob sie heitern oder traurigen Gemütes sind.
An Frau Ellenor dagegen, die nicht von Marmor war, hatte der Kanzler kein Wohlgefallen, und ihrerseits haßte sie ihn von Herzen. Möglich, daß er ihr einmal, wie der unschuldige Joseph der Aegypterin, ((inen Purpurmantel in den Händen zurückließ; denn sie hatte, obschon sie eine Rechtgläubige war — in diesem Punkte hab' ich ihr nie etwas nichreden hören —, eine Anmutung zu den Heiden; wie sie es denn <Ud) vorzeiten mit einem sarazenischen Flaumbarte gehalten hatte, da sie ihren gottesfürchtigen ersten Gemahl auf einer Kreuzfahrt nach dem Gelobten Lande begleitete.
Cs kann Euch das nicht unbekannt fein, denn es ist über den Erd- b eis erschollen.
Oder sie haßte ihn auch nur, weil er sie auf allen ihren Wegen im rüge behielt als eine Gefahr und drohende Verwirrung des Königreiches. 5 ebentet wohl, lieber Herr, daß ihre drei Länder den Herren Heinrich, Gottfried, Richard und Hans, des Königs vier Söhnen, als Muttererde zigehörten. So bemühte sich die Weisheit des Kanzlers, Frau Ellenor in erträglicher Gangart und mäßiger Zügelung zu halten, nicht zu locker, dimit sie nicht durch die Launen ihres heißen Blutes Schande über den Sonig und Engelland bringe, nicht zu hart, damit sie sich nicht bäume lr jähem Unmut und sich losreiße mit ihren Ländern und Söhnen.
Diese Söhne aber ließ Herr Thomas nicht von seiner Seite und war tunen ein zärtlicher Vater und stündlicher Lehrer. Wenn die Natur der Lucht nicht öfter spottete, als ihr gehorchte, die vier Kinder von Engel- Gnd hätten nicht ihresgleichen gefunden, eine so große Siebe und herr- Iunje Weisheit hat der Kanzler an sie gewendet. Ader Junker Heinrich sirätzte an ihm nur den Wurf seines Kleides und die edle Beredsamkeit Hiner Gebärde; denn er war ein Geck und ein Schauspieler. Junker Gott- s-ied dagegen vergaß über Nacht, was er gestern geliebt ober geschworen Witte, und konnte, von unsteter Art, keine Ergötzung und keinen Ernst V- Ende führen.
Den dritten des Königs, Richard, das Löwenherz, hatte Herr Thomas o (anders lieb, und auch mir war er ins Herz gewachsen. Das Spiel seiner Eur n>ar ehrlich wie ein Stoß ins Hifthorn und überquoll wie der Schaum am Gebiß eines jungen Renners. Da blieb kein Widerstand, man Mw ihm gut fein — aber Klugheit war nicht in ihm, nicht eines Pfen
nigs wert; wie er denn auch zu dieser laufenden Stunde für eine Tat seines jähen Blutes unten in Oesterreich eingetürmt liegt.
Junker Hans, der vierte — Gott behüte meine Zunge, gegen ihn zu reden, denn er steht jetzt zunächst dem Throne! —, aber einen nichtsnutzigem, bösem Buben trug die Erde nicht; und diese meine Hand hat mir oft gegen ihn gezuckt, wenn er an mir oder einem andern Gottes- geschöpf feine Tücke ausließ — wenn er mir eine kunstreiche Armbrust mutwillig schändete ober stumme Tiere marterte.
Wie er lachte! Ich t)abe Tag meines Gebens, auch in Schenken und auf Märkten, nicht gemeiner lachen hören.
Wißt, der Kanzler sah zuweilen nach, wann ich die viere schießen lehrte, und erzählte ihnen bann wohl während einer Rast, zu Lust und Warnung, Tierfabeln, die mich, als einen Weibmann, besonders ergötzten. Da rebeten und handelten Geflügelte und Vierfüßige, je nach ihrer Natur, ober wenigstens nach ber Art, wie ihnen von ben Menschen beigelegt wird. Auch dieses kluge Spiel haben die Araber erfunden, um ungestraft die Fehler ihrer Machthaber unter der Tiermaske zu tadeln und zu verspotten.
Kam nun eines dieser Fabelgeschöpfe zu Schande und Schaden im Munde des Kanzlers, plumpte Braun, der Bär, in die Grube, hing Isegrim in der Falle und dergleichen, so schlug der kleine Hans unversehens eine gellende, teuflische Lache auf, daß ich, obwohl mit feinem Wesen vertraut, zusammenschrak, und der Kanzler, der doch ein Freund der Klugheit war, das Kind mit traurigen Augen betrachtete. Aber er gab seinen Ekel dem innerlich Mißschafsenen nicht zu fühlen, sondern ließ sich mehr zu -ihm herunter und bedachte ihn mehr als die andern. Ich habe ihn auch wohl seufzen hören, was sonst nicht seine Art war, wenn ich ihm eine frische Missetat Herrn Hansens zu berichten hatte.
In Wahrheit, der Reichskanzler liebte die Königskinder wie seine eigenen, und übel ward ihm vergolten.
Jetzt komme ich zu reden auf ein Geheimnis der Ungerechtigkeit, das zwar in keiner Chronik wird verzeichnet stehen, aber doch die Grab- fchaufel ist, die Herrn Thomas und Herrn Heinrich, einem nach dem andern, seine Grube gemacht hat."
Hans der Armbruster faltete mechanisch die starken, alten Hände, als hätten auch sie mit dieser Schaufel gegraben.
Fünftes Kapitel.
„Jetzt, da Ihr einen Einblick habt in Herrn Heinrichs Haushalt", fuhr Hans der Armbruster fort, „erkennt Ihr von weitem, daß er bei Frau Ellenor keine Ruhe und kein Vergnügen fand, und daß er auf feinen Kriegs- und Königsfahrten häufige Umschau hielt unter den Töchtern seiner Länder diesseits und jenseits des Meeres.
Ich will es Euch nicht verhalten, daß ich ihn auf manchem Ritte begleitet habe, ben ich als ein anfänglich unter geistlicher Zucht Gewachsener lieber unterlassen hätte, und welcher mir zeitweittg die Beichte erschwerte. Aber wollet bedenken, daß der König wenig sichere Leute um sich hatte und ich durch meine Treue auf geraden und krummen Straßen Hauszwist, ja Meucheltat und Giftmord verhütete.
Denn Frau Ellenor war ein eifersüchtiger Teufel, ob sie auch selber tijrem Eheherrn keine Treue hielt. Sie bestach von Herrn Heinrichs Leibknechten, was sich bestechen ließ, dermaßen, daß ihr seine Absprünge alle bekannt wurden und sie ihre Nebenbuhlen in feindseliger, mörderischer Weise verfolgen konnte. Mehr als eine fand ber König tot, ober sie verwelkte plötzlich in seinen Armen.
Sv war es ihm billig zu gönnen, baß er an mir einen verläßlichen Knecht gefunben hatte.
Eines Tages begab es sich, daß der König mit wenig (Befolge eine Pirsch anstellte in einem entlegenen Forste, wo er, meines Wissens, sonst nicht zu jagen pflegte. Gegen Abend überfiel uns ein flammendes Wetter und trieb die Herren auseinander. Ich aber hielt mich bei dem König und fand für ihn Schutz unter einem ausgehöhlten Felsen, wo er den Wolkenbruch vorübergehen ließ. Als die Donner verrollt hatten und der Regen taum noch durch das Laub ber Eichen schlug, suchte ich ben Weg, den wir hergekommen waren, fand ihn aber versperrt durch einen Wirrsal abgerissener Aefte und bloßgewaschener Wurzeln, worüber die gelben Wasser eines ausgetretenen Baches sich wälzten. Ich ließ mein Hifthorn schmettern, doch von keiner Seite kam Antwort. Da befahl mir der König, nach derjenigen vorzuschreiten, wo ber Walb sich lichte. Ich tat es und bahnte für ihn Pfad mit dem Jagdschwert. Bald sah ich die Glut ber sinkenden Sonne purpurn vor mir auf ben Stämmen blinken. Ich wandte mich um nach dem Könige, er aber drang ungeduldig an mir vorüber, der rötlichen Helle entgegen, so heftig, daß ich Mühe hatte, ihm auf den Fersen zu bleiben.
Da sah ich ihn plötzlich verwundert den Schritt hemmen. Am Wald- saume stand er unter den tröpfelnden Zweigen und lugte, die Augen mit


