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Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger

Montag, den 5. Juni

Nummer 42

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Als ich aber nach einer guten Weile langsam mich von den Knien iti ob, richtete der Kanzler, ohne mich anzublicken oder eine Miene zu «eiZiehen, die Frage an mich: ,Wie befindet sich mein Herr uni) König?" - Ganz in dem Tone, wie er vormals zu fragen pflegte, wann er mich in Windsor vor der Schwelle der königlichen Kammer traf. Da schossen * die belften Tränen in die Augen,

Er aber bewegte sich leise die Stufen Herunter, winkte mir mit der Ijiub, ihm zu folgen, und schwebte mir voraus in den Klostergarten, ein feiges, grünes Geviert mit blühenden Rosenbüschen in der Mitte eines testvollen Kreuzganges von neuester Bauart. Obwohl draußen schon *ii Blätter fielen, hatte das Welken und Sterben der Natur noch keinen iiolaß gesunden in diesen von den sorgfältigen Mönchen gepflegten linen Raum.

Der Primas ließ sich zwischen dem üppigen Gesträuch auf eine Stein- tert nieder und wiederholte seine Frage: .Wie steht es um meinen tem und König?" _

Herr Thomas", sagte ich, ,es steht mit ihm nach gemeinem Men- W'irschicksal und erbärmlicher noch. Er ist nicht mehr.zu kennen. Sähet ?r ihn, es jammerte Euch seiner, und Euer Eingeweide würde sich ter ihn erbarmen!" Dann schilderte ich ihm mit beweglichen Worten « Verfall und die Verstörung des einst so majestätischen Fürsten.

Er hätte mich lange reden lassen.

, Herr, er hörte mich an ohne Schadenlust, auch ohne sichtbares Mit- Lte auch nicht fremd und gleichgültig, sondern wie man wohl vernimmt, ein Unheil eingebrochen ist, welches man lange vorhergesehen, und btrauf man sich im Geiste gefaßt hat.

'so schwieg er. Aber ich meinte zu fühlen, daß sein Herz sich er« #i ä)te, darum erkühnte ist mich und schrie: .Herr Thomas, >chr seid ein Ite19er Mann und kästeiter Christi Wenn Ihr vergeben könntet, was Heinrich an Euch gefrevelt hat ... es nähme heute noch ein gutes

'Er aber schwieg. .

: ^erzeiht dem Königel" schrie ich wieder, .daß Gnade verloren ging!

senkte Herr Thomas das Haupt und antwortete rätselhaft: vylimm, wenn die süße Gnade verloren ging ... das sei ferne.

lote* diesem Augenblicke vernahmen wir das wehklagende Schelten der te^che, welche einen jungen Reitersmann, der den Pförtner über« I»fpelt hatte und in den Kreuzgang einbrach, an den Armen zuruck- »>ten, Ez war Herr Richard. Das Harren und seine Verklerdung lte.en J*as Löwenherz verdrossen haben, m .

L. abschüttelnd, stürzte er zu den Füßen des Primas, und

k .'Dtejn Vater, mein Vater! Sie wollen mich nicht zu dir lassen.

DER HEILIGE

Novelle von Conrad Zer-inan- iUcyet

10. Fortsetzung. .

Mein Löwenherz kennend und den Sturm feiner Gefühle, beschwor M den Herrn, mich chm vorausretten zu lassen, worein er, wenn auch mgern und scheltend, zuletzt willigte.

Der Bruder Pförtner vernahm mein Gesuch ohne Argwohn, und a(; ich den Herrn Thomas nannte, machte er eine so ehrfürchtige ®e« habe und zog ein so frommes Gesicht, daß ich wohl merken konnte, der Ringler stehe hier in hohem Ansehen und im Gerüche der Heiligkeit, Er jaj.le mir, der Primas befinde sich in der Kirche, und er wage es nicht, «ich wäre es frevelhaft, ihn in feiner Andacht zu stören.

Inzwischen zeigte mir der Mönch die nackte Zelle des aus dem tichöflichen Palaste von Canterbury Verstoßenen mit dem rauhen Feld« |ti: ne, worauf er schlummernd das Haupt zu stützen pflegte. Dies harte Ripfkifsen verwunderte mich, denn ich wußte, von wie empfindlicher fetur und von wie seinen Gliedmaßen der Kanzler war. Endlich aber, tl; es nicht werden wollte und des heiligen Mannes Andacht ZU keinem ; Erbe kam, ließ mit der Pförtner in die Kirche treten gegen das Ver« " hiechen, mich still und eingekehrt zu verhalten, so lange der Betende Miner nicht ansichtig würde. So trat ich denn achtsam zwischen den pulen hervor und wurde alsbald Herrn Thomas gewahr, ber in einem hchlehnigen Chorstuhle stand, eher sinnend als betend. Da ich den raun« Mamen Herrn seit manchen Jahres Frist nicht mehr gesehen hatte, so ttchrak ich über die widernatürliche Schmalheit seines Antlitzes und |ne tiefen, schmerzlichen Augen, deren Blick mehr nach innen als nach tigen gerichtet schien.

Ich kniete im Schatten des Hochaltars auf die Stufen nieder und ic-ehrte das Heiligste, ohne 'Herrn Thomas aus bem Äuge zu lassen. 01 er meiner Gegenwart gewahr wurde oder nicht, blieb mir unbewußt, | ten nichts an ihm geriet in Bewegung.

Dieser betrachtete ihn eine Weile schweigend. Dann strich er ihm mit fünfter Hand die schweißgenäßten, verworrenen Blondhaare aus der Stirn und schlichtete sie ihm mütterlich.

Wie ich dies Zeichen seiner zärtlichen Liebe zum Löwenherzen sah, hielt ich unfern Handel für gewonnen und verzog mich bescheiden unter die Gewölbe des Kreuzganges, die beiden Herren ihren Engeln und Schutzheiligen überlassend.

Ich setzte mich unter den Bogen einer durch ein Bündel feiner Mar­morstäbe geteilten Fensteröffnung auf die breite Steinplatte und warf hie und da einen forschenden Blick ins Grüne zu bfn zwei Herren hinüber. Dieser Kreuzgang war voll Bildwerk und, wie gesagt, nach dem neuesten Gefchmacke gebaut. Seine Säulen waren mit reichem Gesimse gekrönt, auf welchem, in abwechselnder Reihe, je ein Geschöpf der obem oder untern Regionen faß, hier ein pfatlierenber Engel, dort ein lächer­licher ober boshaft grinsender Wechselbalg. Ader ich verwendete auf diesen Zierat wenig Aufmerksamkeit, denn mein Auge wurde immer wieder von der Steinbant im Klostergarten angezogen.

Der Königssohn hielt die Knie des Kanzlers umfaßt, der nur sanft zu widerstreben schien, dis jetzt Herr Richard mit glühenden Wangen seine letzte Bitte vorbrachte und den Primas noch Ijerjliefxer umfaßte. Hier wandte sich Herr Thomas mit traurigem Antlitze weg, aber der Prinz ließ nicht von ihm, bis er auch diese gewährte. Ich hörte, wie der Jüngling während dieses Ringens um die Seele seines Vaters das Wort .baiser" wiederholt ausrief, und erriet, daß es sich um den Friedens­kuß der Kirche handle, mit welchem der Primas seine nächste Unter­redung mit dem Könige zu weihen und zu beginnen versprechen sollte.

Rach einer guten Weile schritten die Herren, der blühende Jüngling zur Linken des kasteiten Bischofs, Hand in Hand an mir vorüber durch den Kreuzgang und trennten sich noch innerhalb desselben. Ich folgte. Herr Richard neigte sich über die blaffe Hand des Kanzlers und benetzte sie mit Tränen kindlichen Dankes. Wahrlich, auch mein Herz jubelte, daß die erbarmungswürdigen Leiden meines Königs zu Ende gingen. Da mußte ich, wehe, über den Häuptern der zweie ein steinernes kleines Schicksal erblicken, das, auf dem Gurt eines Pfeiles hockend, mit feinem Krötenbeinchen höhnisch nach ihnen stieß und dazu die Zunge reckte. Dieses mißfiel mir, obschon es. ein Zufall war, und ich hätte die beiden Herren lieber erst am nächsten Pfeiler sich scheiden sehen, wo ein harfenierender Engel seine Schwanenfittiche ausbreitete.

Herr Richard schickte mich dann Hals über Kopf zum Könige, seinem Vater, mit einem Schreiben, worin er diesen bat, um Gottes Wunden und um seines eigenen Heiles willen die den Bitten des Sohnes ge­währte Zusammenkunft mit dem Primas zu beschleunigen.

Als Herr Heinrich aus dem Briefe entnahm, der Bischof verspreche ihm den heiligen Friedenskuß, litt es ihn nicht länger in seiner Burg, er trieb seine Ritter und schalt feine Knechte, bis wir nach wenigen Stunden spornstreichs verritten so heiß dürstete ihn nach der Berüh­rung der Lippen, die seine langjährigen Qualen stillen und seinem Leben den Frieden geben sollten, wie sein Glaube war.

Es war an einem grauen Tage und auf einer trübseligen Heide, daß die Herren zusammentrafen. Herr Thomas, der mit kleinem Gefolge erschien, hatte Mühe, sich von seinem Tiere zu heben. Er war schmal von Gestalt und schwankend geworden, wie ein in Sonne und Wind ver­schmachtetes Schilf. Der König stürzte vor, um ihm den Bügel zu halten, den Primas aber hatten feine Mönche schon in ihren Armen empfangen. Er stand ehrerbietig vor meinem Herrn, ein müder Mann; aus tiefen Höhlen blickten feine Augen, und zitternd klang feine Stimme, als er an den König die erste Rede richtete: ,Gnädiger Herr, laßt die andern zurücktreten, damit unser Geheimnis unbelauscht bleibe." Er winkte feine Mönche weg, und der König rotes mit hastigem Gehorsam seine Ritter zurück, denn ihn dürstete nach dem Friedenskusse. Ich aber ergriff die Zügel der beiden Pferde und hielt mich mit ihnen in kleiner Ent­fernung von den Herren, während die andern, Mönche und Ritter, wohl auf die Weite eines Bogenschusses, nach zwei Seiten zurückwichen.

Herr Heinrich konnte sich jetzt nicht länger hatten; mit gespitzten Lippen näherte er sein zerfallenes, aufgedunsenes Angesicht dem kasteiten, heiligen Haupte des Kanzlers. Es war häßlich und abstoßend, das Antlitz meines Königs, aber so rührend und sehnsüchtig, als begehre es nach dem Genüsse des göttlichen Leibes.

Was jetzt geschah, Herr, was in dem Innern des Kanzlers vorging, wer kann es sagen?

Ich meine, daß dieser Verein von Häßlichkeit und Begierde ihn an die Erwürgung der kindlichen Gnade erinnerte. Er entzog ekelnd seine Lippen dem Könige und betrachtete das nahe Haupt mit Schauder, als erblicke er den Inbegriff jeder Unterdrückung und Schandtat.

Doch der König in seiner blinden Sehnsucht ergriff die Arme und