... Unb bnß all ihre Kinder reiche, bo8 heißt sehr reiche Partien machen. Und ich weih auch, wen sic für dich in Bereitschaft hält."
„Eine Unglückliche, die du..."
„Wie du mich verkennst, Glaube mir, dah ich dich habe, diese Stunde habe, da« ist mein Glück. Was daran« luirb, da« kümmert mich nicht. Eines Tage« bist du tveggeslogen ..."
Er schüttelte den Kvpf.
„Schüttle nicht den Stopf; cs ist so, lvic ich sage. Du liebst mich und bist mir treu, wenigstens bin ich in meiner Liebe kindisch und eitel genug, cs mir einzubilden. Aber wegfliegen luirfl du, das seh ich klar und getvist. Du wirst es müssen. Es heißt immer, die Liebe macke blind, abcr sie macht auch hell und sernsichtig." „
„Ach, Lene, du weißt gar nicht, wie lieb ich dich habe.
„Doch, ich iveist es. Und weiß auch, daß du deine Lene für wgs Sk- sondres hältst und jeden Tag denkst:,wenn sie doch cine Gräsin wäre. Damit ist cs nun aber zu spät, da« bring ich nicht mehr zuwege. Du liebst mich und bist schwach. Daran ist nicht« zu ändern. Alle schönen Männer sind schwach und der Stärkere beherrscht sie ... Und der Stärkere ... ja, tvcr ist dieser Stärkere? Ann, entlvcder ist'« deine Matter oder das Gerede der Menschen, oder die Verhältnisse. Oder vielleicht alles drei... Aber sich nur."
Und sie lvies nach dem Zoologischen hinüber, cküs dessen Baum« unb Blätterbnnkel eben eine Rakete zischend in die Lnst fuhr und mit einem Pass in zahllose Schwärmer zerstob. Eine zweite folgte der ersten, und so ging es weiter, al« ob sie sich sagen unb überholen wollten, bis es mit einem Male vorbei tvar und die Gebüsche drüben in einem grünen und roten Lichte ah glühen anfingen. Ein paar Vögel in ihren Käsigen kreischten dazwischen, unb bann siel nach einer langen Paltsc die Musik wieder ein.
„Weißt du, Botho, lvcun ich dich nun so nehmen und mit dir die Läster- allee drüben ans und ab schreiten könnte, so sicher wie hier zlvischen den Buch-baumrabatten, und könnte jedem sagen: ,jn, wundert euch nur, er ist er und ich bin ich, und er liebt mich und ich liebe ihn,' — ja, Botho, was glaubst du wohl, was ich dafür gäbe? Aber rate nicht, du rätst es doch nicht. Ihr kennt ja nur eiich und eilten Klub und euer Leben. Ach, das arme bißchen Leben."
„Sprich nicht so, Serie."
„Warum nicht? Man mitß allem ehrlich ins Gesicht sehen unb sich nichts Weismachen lassen, und vor allem sich selber nichts toeiSmachen. Aber es wird kalt, und drüben ist es auch vorbei. Da« ist da« Schlußstück, das sie jetzt spielen. .Komm, ivir wollen nnS drin an den Herd letzen, das Feuer wird noch nicht aus sein, und die Alte ist längst zu Bett."
So gingen sie, während sie sich leicht an seine Schulter lehnte, den Gartensteig wieder hinaus. Im „Schloß" brannte kein Licht mehr, und nur Sultan, den Kops an« seiner Hütte vorstreckend, sah ihnen nach. Aber er rührte sich nicht und hatte bloß mürrische Gedanlei,.
Sechstes Kapitel.
E« war die Woche danach, und die Kastanien hatten bereits abgeblüht; auch in der Bellevuestraße. Hier hatte Baron Botho von Rienäcker eine zwischen einem Front- nnb einem Garienbalkon gelegene Parterrewohnung inne: Arbeitszimmer, Eßzimmer, Schlafzimmer, die sich sänitlich durch eine geschmackvolle, seine Mittel ziemlich erheblich übersteigende Einrichtung anszeichneten. In dem Eßzimmer befanden sich zwei Hertelsche Stilleben und dazwischen eine Bärenhatz, wertvolle Kopie nach Rubens, lvährcnd in dem Arbeitszimmer ein Andreas Achenbachscher Scestnrm, umgeben Von einigen kleineren Bildern desselben Meisters, paradierte. Der Seesturm war ihm bei Gelegenheit einer Verlosung zugesallen, und an diesem schönen und wertvollen Besitze hatte er sich zum Knnstkenner und speziell znm Achenbach Enthusiasten herangcbildet. Er scherzte gern darüber und pflegte zu versichern, „daß ihm sein Lotterieglück, >vc!l c8 ihn zu beständig neuen Anläufen verführt habe, teuer zu stehen gekommen sei", hinzusetzcud, „daß es vielleicht mit jedem Glücke dasselbe sei."
Bor dein Sofa, dessen Plüsch mit einem persischen Teppich überdeckt war, stand aus einem Malachittischchen da« Kaffeegeschirr, während ans dem Sofa selbst allerlei politische Zeitungen nuiherlagen, unter ihnen auch solche, deren Vorkommen an dieser Stelle ziemlich verlvnuderlich war und nur aus dem Baron Bothoschen Lieblingssatze, „Schnack gehe vor Politik" erklärt werden konnte. Geschichten, die den Stempel der Erfindung nn der Stirn trugen, sogenannte „Perlen", amüsierteil ihn am meisten. Ein Kanarienvogel, dessen Bauer während der Frühstückszeit allemal offen stand, flog auch heute wieder ans Hand und Schulter feines ihn nur zii sehr verwöhnenden Herrn, der, anstatt ungeduldig zn werden, das Blatt jedesmal beiseite lat, nm den kleinen Liebling zu streicheln. Unterließ er es aber, so drängte sich da« Tierchen an Hals und Bart des Lesenden und piepte so lang und eigensinnig, bi« ihm der Wille getan tvar. „Alle Lieblinge sind gleich", sagte Baron Rienäcker, „und fordern Gehorsam und Unterwerfung."
In diefem Augenblicke ging die Korridorklingel, mid der Diener trat ein, nm die draußen abgegebenen Briefe zu bringen. Der eine, graues Kuvert in Quadrat, war offen und mit einer Drcipfenuigmarke frankiert. „Hamburger LotterieloS oder neue Zigarren", sagte Rienäcker und warf Kuvert und Jichalt, ohne weiter nachznsehen, beiseite. „Aber da« hier... Ali, von Lene. Run, den verspare ich mir bis zuletzt, wenn ihm dieser dritte, gesiegelte, nicht den Rang streitig macht. Ostenschcs Wappen. Also von Onkel Kurt Anton; Poststempel Berlin, lvill sagen: schon da. Was tvird er nur wollen? Zehn gegen ein«, ich soll mit ihm frühstücken oder einen Sattel kaufen ober ihn zu Renz begleiten, vielleicht auch zn Kroll; am wahrscheinlichsten da« eine tun und das andere nicht lassen."
Und er schnitt da« Kuvert, nuf dem er auch Onkel Ostens Handschrist erkannt hatte, mit einem aus dem Fensterbrett liegenden Messerchen ans und nahm ben Brief heraus. Der aber lautete:
„Hotel Brandenburg, Nummer 15. Mein lieber Botho. Vor einer Stunde bin ich hier unter eurer alten Berliner Devise ,vor Taschendieben wird gewarnt', ans dem Ostbahnhofe glücklich eingetrossen unb habe mich in Hotel Brandenburg einquartiert, will sagen an alter Stelle; was ein richtiger Konservativer ist, ist es auch in kleinen Dingen. Ich bleibe nur Lwei Tage, denn eure Lust drückt mich. ES ist ein stickiges Nest. Alle« andre mündlich. Ich erwarte Dich ein Uhr bei Hiller. Tann wollen loir einen
Sattel taufen. Unb bann ccke»bS zu Renz. Sei pünktlich. Dein alter Oiikcl Kurt Anton."
Rienäcker lachte. „Dachte ich'S doch! Und doch eine Neuerung. Früher mar es Borchardt, jetzt Hitler. Ei, ei, Oukelchcn, was ein richtiger Konservativer ist, ist es auch in kleinen Dingen ... Und nun meine liebe Lene ... Wa« Onkel Kurt Anton wohl sagen würde, wenn et wüßte, in welcher Begleitung sein Brief und feine Befehle hier eingetroffeu sind."
Und während er so sprach, erbrach er Lenes Billett und las:
„Es sind nun schon volle fünf Tage, daß ich Dich nicht gesehen habe. Soll es eine volle Woche werden? Und ich dachte, Du müßtest den andern Tag wiederlvminen, so glücklich war ich den Abend. Und Du warst so lieb und gut. Mutter neckt mich schon und sagt: ,er kommt nicht wieder.' Ach, wie mir da« immer einen Stich ins Herz gibt, weil cs ja mal so kommen muß, und weil ich sühlc, daß cs jeden Tag kommen kann. Daran wmos ich gestern wieder erinnert. Denn wenn ich Dir eben schrieb, ich hätte Dich fünf Tage lang nicht gesehen, so hab ich nicht die Wahrheit gesagt; ich habe Dich geschn, gestern, aber heimlich, verstohlen, ans dem Korso. Denke Dir, ich war auch da, natürlich weit zurück in einer Seiicn-AIlce, unb habe Dich eine Stunbe lang auf unb ab reiten sehen. Ach, ich freute mich über bie Masten, denn Du warst der stattlichste (beinal) io stattlich wie Frau Dörr, bie sich Dir emphclcn läßt), und ich hatte solchen Stolz Dich zu sehen, baß ich nicht einmal eifersüchtig würbe. Nur einmal kam es. Wer war beim bic schöne Blondine mit beit zwei Schimmeln, bic ganz in einer Blnmengirrlande gingen? Und bie Blumen so dich, ganz ohne Blatt und Stiehl, «o Iva« Schönes hab ich all mein Lebtag nicht gefchn. Als Kind hätt ich gedacht, c« inüss' eine Prinzessin sein; aber jetzt weiß ich, daß Prinzessinnen nicht immer die schönsten sind. Ja, sis^war schön und gefiel Dir, ich sah es wohl, und Du gesichlst ihr auch. Aber bic Mutter, die neben der schönen Blondine saß, der gesiehlst Du »och besser. Und da« ärgerte mich. Einer ganz jungen gönne ich Dich, lvcun'« durchaus fein muß. Aber einer alten 1 Und nun gar einer Mama? Nein, nein, bic hat ihr Teil. Jedenfalls, mein einziger Botho, siehst Du, daß Du mich wieder gut machen unb beruhigen mußt. Ich erwarte Dich morgen ober übermorgen. Unb wenn Du nicht Abend kannst, so komme bei Tag, und wenn cs nur eine Minute wäre. Ich habe solche Angst um Dich, das heißt eigentlich um mich. Du versteest mich schon. Deine Lene."
„Deine Lcuc", sprach er, die Briefunterfchrift wiederholend, noch einmal vor sich hin, und eine Unruhe bemächtigte sich seiner, tucil ihm aller« tviberftreiteubfte Gefühle bnrchS Herz gingen: Liebe, Sorge, Furcht. Daun bnrchlas er den Bries noch einmal. An zwei, drei Stellen könnt er sich nicht versagen, ein Strichelchen mit dem silbernen Crayon zu machen, aber nicht aus Schulmeisterei, sondern au« eitel Freude. „Wie gut sie schreibt! Kalligraphisch gewiß und orthographisch beinahe ... Stiehl statt Stiel... Ja, warum nicht? Stiehl tvar eigentlich ein gefürchteter Schulrat; aber Gott fei Dank, ich bin keiner. Und ,emphclcn'. Soll ich wegen f und h mit ihr zürnen. Großer Gott, wer kann ,empfehlen' richtig fchreiben? Die ganz jungen Komtessen nicht immer und die ganz alten nie. Also was schadt'sl Wahrhaftig, der Brief ist wie Lene selber: gut, treu, zuverlässig, und die Fehler machen ihn nur noch reizender."
Er lehnte sich in den Stuhl zurück und legte bic Hand über Stirn unb Augen: „Arme Lene, was soll werden! ES wäre uns beiden besser gewesen, der Ostcrnioutag wäre diesmal ausgefallen. Wozu gibt es auch zwei Feiertage? Wozu Treptow und Stralau unb Wafferfahrtcn? Hub nun ber OnkelI Entweder kommt er wieder als Abgesandter von meiner Mutter, oder er hat Pläne für mich au« sich selbst, au« eignet Initiative. Run, ich werde ja sehen. Eine diplomatische Verstellungsschiile hat er nicht durchgemacht, unb wenn er zehn Eide geschworen hat, zu schweigen, c« kommt doch heraus. Ich will'« schon erfahren, trotzdem ich in der Kunst der Intrige gleich nach ihm selber komme."
Dabei zog er ein Fach seines Schreibtisches aus, darin, von einem roten Bändchen umwunden, schon andere Briefe Lenen« lagen. Unb nun klingelte er nach dem Diener, der ihm beim Anklcideii behilflich fein follte. „So, Johann, bas wäre getan. Unb nun vergiß nicht, bie Jalousien herunterzulassen. Unb wenn wer kommt unb nach mir fragt, bi« zwölf bin ich in de. Kafernc, nach ein bei Hiller.und am Abeiid bei Renz. Und zieh auch die Jalousien zu rechter Zeit wieder auf, daß ich nicht wieder einen Brüt- , ofen vorfinde. Und laß bic Lampe vorn brennen. Aber nicht in meinem Schlafzimmer; bic Mücken sinb wie toll in biefem Jahr. Verstauben?"
„Zu Befehl, Herr Baron."
Hub unter biefem Gespräche, da« schon halb im Korridor geführt worden war, trat Rienäcker in den Hausflur, ziepte draußen im Vorgarten bie dreizehnjährige, sich gerat» über den Wagen ihres kleinen.Bruders beugende Portiertochter von hinten her am Zopf und empfing einen wütenden, aber im Erkennungsmvmcnt ebenfv rasch in Zärtlichkeit übergehenden Blick al« Antwort darauf. ,
Unb nun erst trat er durch die Gittertür auf die Straße. Hier fah er, unter der grünen Kastanienlaube hin, abwechselnd auf das Tor unb bann luieber nach dem Tiergarten zu, wo fich, wie auf einem Cainera«obscura» Glase, bic Menschen unb Fuhrwerke geräuschlos hin unb her bewegten. „Wie schön. Es ist boch wohl eine der besten Weiten."
Siebentes Kapitel.
Um zwölf war ber Dienst in der Kaserne getan, und Botho von Rienäcker ging bie Linben hinunter auf« Tor zu, lediglich in bet Absicht, bic Stunbe bi« znm Rendezvous bei Hiller, so gut sich'« tun liefe, auszufüllen. Zwei, drei Bilderläden waren ihm dabei sehr willkommen. Bei Lepke stauben ein paar Oswald Achenbach« im Schaufenster, darunter eine palcrinitanische Strafec, schmutzig, und sonnig, und von einer geradezu frappierenden Wahrheit des Lebens und Kolorits. „Es gibt boch Dinge, worüber man nie ms reine kommt. So mit beu Achenbach«. Bis vor kurzem hab ich auf Andrea« geschworen; aber wenn ich so was sehe, tote ba« hier, so weiß ich nicht, ob ihm ber Oswald nicht gleichkommt oder ihn Überholt. Jeden- sall« ist er bunter unb mannigfacher. All dergleichen aber ist mir bloß zu denken erlaubt, vor den Leuten c« auszusprechen hieße meinen ,Seesturm* ohne Not auf den halben Preis herabsetzen."
(Forifetzung folgt.)


