GiehenerZamilienblätter

Unterhaltungsbeilage zum Giehener Anzeiger

Jahrgang 1939

Montag, den 2. Oktober

Nummer 76

Herz, wo liegst du im Quartier?

Ein heiterer Roman von Kurt Heynicke

Copyright by Deutsche Verlags-Anstalt Stuttgart

11. Fortsetzung.

Sie krochen mit den Köpfen zusammen, und ihr Flüstern ver- einigte sich.

Einige Zeit danach huschte die Griselle, genau so heimlich wie sie ge­kommen war, aus dem Hause.

Es gelang ihr, ohne Aufsehen zurückzukehren und die Bodenluke zu erreichen. Sie hörte das friedvoll« Schnarchen des Geliebten, aber sie wagte nicht, ihn durch Klopfen zu wecken, so kratzt« sie lange an der Tür. Schließlich wurde Poiporenc« munter.

Er öffnete den Verschlag, zog die Griselle zu sich herein und wurde zärtliche

Es war nachtschwarz im Raume, die.Stunde zu heimlicher Lieb­kosung wie geschaffen, denn di« Soldaten im Hause schliefen. Der kühnen Liebe schönste Eigenschaft ist die Sorglosigkeit.

Aber Germaine wehrte ihn hart ab und zwang ihn zum Zuhören. Die beiden hielten Kopf an Kopf eine flüsternde Zwiesprache, eine ähn­liche wie sie vorhin in der Mairie mit Ann Moreland geschehen war.

Theophil küßte sie, nachdem er alles vernommen hatte, dann sagte er .inbrünstig:Wenn das nur gut geht!"

Aber er wehrte ihr nicht, als sie davonging. Er lauschte ihr lange nach und glaubte zu hören, daß sie das Haus wiederum verließ.

Der Hauptplatz von Blifseron konnte ml in keiner Weise mit dem Place d'armes von Mereville aufnehmen. Wi Schelm zeigt mehr, als er hat, und Blifseron war ein biederes Dorf und nicht schelmisch genug, sich anders zu geben, als es war.

Es verfuchte nichts vorzutäuschen: es war ein Dorf mit Wohn­häusern, Scheunen und einer Dorsstraße.

Zwei große Landstraßen kreuzten sich hier, just an deren Schnitl- !>unlt weitete sich die Dorfstraße zu einem Platz, auf dem aber weder Baum noch Strauch stand. Es sah aus, als habe sich das Dorf heftig ; pwehrt, etwas von dem Grün zu übernehmen, dos die Natur rings um Blifseron mit Berschwendung ausgestreut hatte.

Doch war der Platz nicht ohne Leben, es rauschte zwar keines Baumes Krone int Wind, dafür sandte ein plätschernder Röhrenbrunnen seinen Strahl in ein langes rechteckiges Becken, dessen aus derbem Holz gefertig- ler breiter Rand eine handliche Unterlage für die Wäsche war, welche Blisserons Frauen und Mägde an diesem Brunnen und in diesem Becken auschen.

Die Bewohner von Blifseron waren minder zurückhaltend als die von Rtzreville. Die Natur bestimmt den Taglauf des Bauern, ob draußen, im Stall oder auf der Tenne. Die Natur verlangt für das Brot, das sie gibt, Schweiß und Ordnung, und es ist immer die gleiche, wohlgefügte, ehrliche Wiederholung Tag für Tag, Woche für Woche, Jahr für Jahr.

Es war rd:o auch in der Ordnung, daß an bestimmten Tagen der Poche am Brunnen die Wäsche gewaschen wurde, sowohl die wirklich wrhandene Wäsche als auch jene, die nicht bei der Hand war, denn jtb r WäschetckH war ein heimliches Gericht und Weiberparlament.

' Dutzend schwatzender lachender Weiberzungen, dazu das Klatschen der ketten, das Platschen der im Wasser geschwenkten Wäschestücke pb t»n Lärm ab, den das Dorf nicht überhören konnte.

Die auf- und niedertauchenden Frauenrücken, die nackten kräftigen $nne, die aus Holzschuhen buntbestrumpft aufsteigenden Waden der Beiher waren ein sehr vergnügliches Bild, das sich dem Premierleutnant "lling bot.

I Er wunderte sich, wie wenig der Krieg dieses Dorf^oerändert hatte, rreilich, h^r roar weder ein Gefecht, geschweige eine Schlacht gewesen, Pr dörfliche oder bürgerliche Tageslauf hatte in dieser Gegend, die ruhig iv Besitz genommen worden war, kaum eine Unterbrechung erfahren, die ; Leidenschaften, welche sich gegen die Eroberer zu sammeln versuchten, i - ieben in den Stuben und Kammern versteckt und wandelten sich in mmpfe Ergebenheit oder Haß gegen die eigene Führung, von der man ich verraten glaubte.

Inzwischen vollzog sich die Einschließung von Paris, und Kellings Manen hüteten zu ihres Premierleutnants Mißvergnügen eine Straßen­

kreuzung. Kellings Mienen waren, wenn er sich von seinen Untergebenen nicht beobachtet glaubte, der leidenschaftlichste Widerspruch gegen seine eigene Anwesenheit in Blifseron.

Bor der Posthalterei stieß er aus Krätke:Wie gefällt es Ihnen hier?" Krätke strahlte philosophische Gelassenheit zurück und erwiderte, daß der Soldat sich nie und nirgends beklagen dürfe. Es fei wunderschön, aber erbärmlich still in Blifseron. Kelling blickte sich um, als sei das Außerordentliche vielleicht irgendwo verborgen und es tarne sich nur hinter einer dörflichen Idylle.

Eine kleine und, wie ich hoffe, freudige Abwechslung blüht uns frei­lich", tröstete der Wachtmeister zaghaft,die Feldpost kommt heute!"

O deutsche Ordnung, o ihr Rädchen, die ihr sauber gezahnt ineinander­greift! Schon gießt sich der Brieffegen der Heimat über die einsamen Kom­mandos aus!

Schön für Sie alle! Ich wünschte, ich könnte mir die Zeichen der Heimat lieber auf Feldwacht zuwerfen taffen ich lese meinen Brief am liebsten, wenn in meiner Nähe die Gefahr steht unb mich ansiehtl Stätte, stellen Sie sich vor: wir halten am Waldrand, vor uns, wo der Dunst der Weltstadt wie eine Wolke am Horizont lagert, dort ist Paris! Das nicht erleben! Nicht dabei sein! Hier hocken! Krätke, heulen Sie!"

Aber Krätke heulte nicht, und die Post war auf ruhiger Straße unterwegs. x

Die Kutsche, die sich am allerfrüheften Morgen holprig über den Place d'armes von Mereville bewegte, war ein altes Vehikel, das der französischen Poft gehört und bereits seinen Dienst lange vor Errichtung der ersten Eisenbahn getan haben mußte.

Man vermißt bei ihrem Anblick sofort den Schwager mit blinkendem Horn und dachte an den Postillon von Lonjumeau.

Die deutsche Feldpost aber hatte die Kutsche nüchtern und unromantisch beschlagnahmt und sie auf eine der sogleich eingerichteten Linien, welche di« einzelnen Kommandos verband, gesetzt.

Der Tag war, wie gesagt, in Mereville noch nicht erwacht, das Licht dehnte sich noch, die Stube in der Mairie war schwarz.

Unteroffizier Weidlich schlief, während vor der Mairie der letzte Wachtposten der Nacht sich auf Ablösung freute.

Niemand hatte sich darum gekümmert, wo Germaine Griselle die Nacht verbrachte, da man sie im Hause des Herrn Beauvisage vermutete.

So wunderte sich auch Weidlich nicht, als Germaine in die Stube trat. Die Tür knirschte in den Angeln, es klang wie das Lachen eines Schelmen. Gestern hatte die Tür noch nicht gekreischt.

Die Griselle nahm die Vorhänge von den Fenstern, die Stube füllte sich mit dem falben grauen Licht des langsam heraufkriechenden Tages.

Weidlich blinzelte durch die schlaftrunkenen Lider und erinnert« sich sogleich: Ach dieses Weib!

3a du großmäulige Zänkische, nun geht es fort, das hast du davon!" sagte Weidlich, und Germaine verstand es nicht.

Aber sie begriff wohl den Sinn dieser Worte, sie hob die Arme steif von den Hüften und ließ sie wieder fallen; die Geste sollte wohl heißen, daß sie sich in ihr Schicksal ergebe.

Auf der Postkutsche faßen ein Postillon und ein Landwehrmann. Die beiden stiegen ab. Sie fröstelten, denn der Morgen war kühl.

Der Postillon hob einen Postsack aus der Kutsche. Der Landwehrmann suchte mit den Augen und erkannte die Mairie an dem Posten, der vor dem Hause stand. Die beiden schlenderten hinüber. Der Platz war still. Keine Seele ließ sich blicken.

Aus dem Fenster der Mairie sah Weidlich. Er nickte. Es war Zeit für die Griselle. Sie empfing ihr Ausweispapier, das ihr Urteil enthielt.

Der Landwehrmann wechselte ein paar Worte mit der Wache, dann betrat er mit dem Postillon das Haus.

Der Postillon legte den Postsack ab, er war ein wortkarger Mann und hatte außer dem Gruß, den er sich abrang, offenbar keine Lust zu einem morgendlichen Gespräch.

Dieses Weib", sagte Weidlich,mußt ihr mitnehmen!" Damit gab er dem Landwehrmaiur den schriftlichen Befehl, ähnlich dem, den die Griselle als ihren eigenen Ausweis bereits bekommen hatte, nur war dieser schrift­liche Befehl weit ausführlicher.

Nach einigen Worten bat der Landwehrmann um die Erlaubnis, feine Tabakpfeife, die verstopft war, reinigen zu dürfen. Der Postillon entdeckte an der Ofentür einen Draht, den er stumm feinem Begleiter reichte. Der andere nahm die Pfeife mißmutig auseinander und stocherte in dem Pfeifenrohr herum.

Die Griselle deutete gestenreich an, daß im Flur ein Bündel m.t einigen Habfeligkeiten liege, das sie mitnehmen wolle.

Aber nur bis Blifseron das Weib!" sagte der Landwehrmann.

Warum nur bis dorthin?" fragte Weidlich.

Weil wir nur bis Blifseron Postorder haben!"

Und wer fährt die Post von Bllsseron weiter?" fragte Weidlich.