Blüten uni) Früchte hinten. Um ihn herum wirbelten Hunderte festestrunkener Menschen im Spiel des unaufhörlich wechselnden Lichtes. Sehr bald entdeckte Egon, datz Spanier stark in der Minderzahl waren. Also hatte Rudolf doch recht gehabt, als er ihm riet, den Frack anzuziehen? Egon fühlte nichts von der inneren Aufgelockercheit, die er sich von der Wahl seines Kostüms versprochen hotte; das Bewußtsein, klein, rosa und rundlich zu sein, fiel mit der vollen Michi einer unangenehmen Tatsache über ihn her. Nie würde es chm gelingen, eine jener schönen Frauen zu erobern, die, in kösttiche Stoffe gehüllt, lächelnd in den Logen faßen. Er fühlte sich inmitten des fröhlichen Trubels einsam wie auf einer Insel im Weltmeer und wünschte sich insgeheim hundert Meilen weit fort.
In diesem Augenblick tauchte neben ihm ein Mädchen auf. Es trug grüne, durchsichtige Pluderhosen, goldene Sandalen an den kleinen Füßen, und seine obere Hälfte war mit nichts als einem Fetzchen grüngoldenen Stoffs umwunden. Unter einem perlengeschmückten Turban quoll ein Kranz kastanienfarbener Locken hervor. Alles in allem sah sie bezaubernd aus.
Egon fühlte sich neu belebt. Jetzt oder nie, dachte er und beeilte sich, einem Inder in weißem Burnus mit kohlschwarzem Krwufelbart zuoor- zukommen, den er auf das grüne Mädchen zustreben sah. „Gestatten", sagte er höflich und machte eine vollendete Tanzstundenverbeugung. Das Mädchen sah chn verwundert an, dann legte es seinen Arm in Egons Arm und ließ sich zum Tanze führen.
Eingekellt in eine schiebende, drängende Menge, gepufft, gestoßen und auf die Füße getreten, fühlte sich Egon gleichwohl wie im Himmel. „016", schrie er begeistert und kam sich ungeheuer spanisch vor. Die Hand auf dem angenehm Weichen zwischen Brusttuch und Gürtel seiner reizenden Partnerin, steuerte er sie nadj Beendigung des Tanzes einer kleinen, verschwiegenen Loge zu, entschlossen, den ganzen Abend nicht mehr von ihr zu lassen.
„Uff", seufzte das Mädchen in Grün und fächette sich mit einem win- ' zigen Selben tu d^ein Luft zu, während Egon mit der Miene eines Grand- 'eigneurs Sekt bestellte. ,Hhr Wohl, bezaubernde Odaliske", sagte er und hob sein Glas. Seine Partnerin umfaßte ihn mit einem prüfenden Blick. „Sie wollen ein Spanier sein?" erkundigte sie sich und fügte wehmütig hinzu: „O mei, da fehlts weit". Egon, obwohl unbewandert in der bayerischen Mundart, begriff. Von einem Spanier durfte man mit Fug leiden- ! sch östlich es Ungestüm erwarten. Sollte sie haben I Sein Herz unter dem weißen Sporthemd schlug ein feuriges Staccato. Näherrückend, ergriff s er die Hand des Mädchens und küßte sie; ja, er wagte es sogar, einen Kuß auf ihre verlockende Schulter zu drücken. ,Hhren Namen, holde Maske", forschte er heiser. Das Mädchen sah ihn belustigt an. „Mimi", entgegnete es trocken, „übrigens sagt man sich du im Fasching." „Um so besser, um so besser", rief Egon und wollte wissen, ob er Aussicht habe, Mimi ein ganz Nein wenig zu gefallen.
Mimi seufzte; ihr Blick glitt träumerisch in den Saal über die Tanzenden. „Mein Typ bist du eigentlich nicht", gestand sie, „aber —" sie belebte sich jäh, ihre dunklen Augen funkelten, „— du, ich hab eine 3bee!" „Nun?" forschte Egon, eifrig bestrebt, einen weiteren Kuß auf aas entzückende Grübchen in Mimis linker Wange zu landen. „Siehst du | den Türken dort, der mit der grauslichen Colombine tanzt?" „Ja", sagte Egon verständnislos, „warum findest du sie grauslich?" „Sie ist graus- » lich", bekräftigte Mimi mit Nachdruck, „ein Luder ist sie, ein ganz miserables!" Egon ging ein Licht auf. „Du bist wohl eiferfüchttg, mein Schatz?" „Eifersüchtig? Ich?" Mimi lachte hohl, „keine Spur! Wo käme man denn da hin, wenn man auf so einen Fetzen eifersüchtig fein wollte! Aber nun paß auf: wenn die beiden uns hier sitzen sehen, bann nimmst t»u mich in den Arm und küßt mich, aber richttg, hörst du, nach Strich und Faden. Und dann wirst du etwas erlchen!" „Was werde ich erleben?" fragte Egon, von bösen Ahnungen erfüllt. „Er wird dir den Schädel einschlagen wollen", verhieß Mimi begeistert. „Um Gottes- Dillen --" „Aber ich werde es nicht zulassen", beschwichtigte Mimi.
..Hoffentlich", seufzte Egon; er konnte nicht umhin, der Entwicklung der Singe-mit Besorgnis entgegenzusehen. Der Türke war von riesenhafter Statur, es bestand wenig Aussicht, daß Egon in einem Zweikampf gegen ihn Sieger bleiben würde.
Aber es galt, sich als Spanier und Kavalier zu beweisen. Mimi ver- wlgte mit der Aufmerksamkeit eines Ringrichters beim Boxkampf, wie der Türke, die Colombine am Ann, näherschlenberte. „Jetzt", rief sie iirtb rannte Egon ihre kleine Faust zwischen die Rippen. Egon griff mit i»em Mut der Verzweiflung nach Mimi, seine Lippen suchten die ihren, bann küßte er sie — richtig — „nach Strich und Faben". — Als er lxeiß und verwirrt aus einer Art von süßem Nirwana emportauchte, sah er geradewegs in das Gesicht eines baumlangen Burschen mit einem roten Fez auf dem Kopf. Er hatte die Arme auf die Brüstung der Loge gelegt und lachte aus vollem Halse. „Servus, Mimi", sagte er, „hat's geschmeckt? Mimi funkelte ihn zornig an. „Großartig", fache sie mit Betonung, aber iie konnte es nicht hindern, daß ihre Stimme zitterte. Der Turke leche na ei Finger an seinen Fez. „Alsdann", sache er lachend und wünschte weiterhin viel Vergnügen allerseits.
Eine Weile herrschte beklommenes Schweigen in der kleinen Loge. ..Er hat mir nicht den Schädel eingeschlagen", sagte endlich Egon be- ■ kümmert. Mimi schluchzte laut auf. „Es ist eine Gemeinheit', fache sie. „Daß er mir nicht den Schädel eingeschlagen hat?" fragte Egon und Itortnete Mimis Tränen mit seinem Taschentuch. „Nein", Mimi schüttelte l»estig den Kopf, „Du — bist — ein lieber Mensch", stieß sie zwischen Mei Schluchzern hervor. .
Egon lächelte, mild und freundlich wie der gute Mond im Bilderbuch. $r bettete Mimis Kopf an seine Schulter und fütterte sie mit Sekt und guten Worten. Während er Tröstliches in sie hineinsprach, sah er den langen Türken seine Colombine mit schleichenden Schritten durch die l. Fährnisse eines Tangos steuern. „Gehn wir Ins Bierstübl", schlug er »or; er erhoffte von einem Ortswechsel, verbunden mit dem Genuß sanft .comatischer Weißwürste, Linderung für Mimis Kummer.
Mimi schnaubte energisch in ihr unbeträchtliches Taschentuch. „Er ver
dient es nicht", sagte sie dunkel. Egon schwieg taktvoll; er spießte etrt Stückchen senfbestrichener Weißwurst aus eine Gabel und schob es behutsam in Mimis Mund.
Nach der dritten Weißwurst vertraute Mimi Egon an, sie habe sich entschlossen, die unselige Neigung zu Gustl, dem Türken, aus ihrem Herzen zu reihen, da er ihrer nicht würdig sei. Anschließmd begehrte sie. zu wissen, was Egon dazu meine —
Es ist nicht leicht für einen Mann von Ehre und Gewissen, einen offenen Vorteil skrupellos auszunutzen. Egon bewies ein beträchtliches Maß von Loyalität, indem er zu bedenken gab, die Untreue des Türken Gustl sei möglicherweise nur scheinbar und vorübergehend. Mimi schüttelle so heftig den Kopf, daß die Perlen an ihrem Turban leise flirrten. „Nein", sagte sie mit der Düsterkeit, die endgültige Entscheidungen zn besiegeln pflegt.
Gerührt legte Egon den Arm um ihre sanft gepolsterte Mitte uni) näherte sein Gesicht dem ihren. „Nimm die Dinger ab", forderte Mimi unter Hinweis auf die schwarzwolligen Koteletten und meinte, nachdem es geschehen war, so gefalle Egon ihr schon viel besser.
„Man sollte Überhaupt nicht so viel auf das Aeußere geben", fugte sie nachdenklich.
(Egon, an seinem empfindlichsten Punkt getroffen, lächelte schmerzlich. Mimi aber bog seinen Kopf zu sich herunter und küßte chn herzhaft mitten auf den Mund. „Mein kleiner Spanier", sagte sie, und das Lächeln, mit dem sie diese Worte begleitete, war voll Wärme und Sympathie. Ja, es schien dem beglückten Egon sogar, als liege eine gang kleine Verheißung für die Zukunft darin. x
„Zeck, loß Leck elans!"
Kreuz und quer durch den rheinischen Karneval.
Von Walter Henkels.
Es hat Leute gegeben — und man sagt, sie seien vereinzelt auch heute noch anzutreffen —, die erklärten würdig und ernst, kritisch und kühl, was sich da zur Karnevalszeit am Rhein tue, sei nichts als Leichtsinn, und der rheinische Humor sei eitel Oberfläche. Solche Zeitgenossen sollte man eigentlich vor bas Kölner Rathaus führen, weniger, um ihnen ben „Platz- jabbeck" zu zeigen — ber würbe, respektlos wie er ist, ihnen alsbalb seine rote Zunge zeigen, beim bazu ist er ba. Nein — vielmehr könnten sie bort einen Augenblick barüber nachbenken, warum bie Göttergesichter über bem unhöflichen Spottbilb so vergnügt lächeln. Es kann keinem Zweifel unterliegen, baß sie es nur barum tun, weil sie sich ber Unzulänglichkeit alles Jrbischen bewußt sinb unb für das Menschlich-Allzumenschliche Verständnis haben, bas sich — fo richtig ja nur ein einziges Mal im Jahr —, unter ihren gütigen Augen abfpielt. Ob sie nicht auch über bie kritisch- ernsten Tugenbbolde lächeln? Was sollen wir vom Rhein biefen Herrschaften erwidern? Sollen wir ihnen beweisen, baß wir keineswegs bie Hanswurste sinb, als bie wir ihnen währenb bes Karnevals erscheinen? Lieber versagen wir uns jebe Antwort •— ba kommt schon, oh Fügung, unser alter Kölner Bellegeck mit der Narrenpritsche hereingesprengt: „Jeck, loß Jeck elans!" Narr, laß ben Narren vorbei!
In Köln, bem alten hilligen Cöllen, hat einer — lang, fang ist 4 her — einmal bie Leier geschlagen. Vielleicht roar’s ein ©djufterjunge, einer von ber Zunft Hans Sachsens, ber im Seoerinsviertel saß, in Straßen, bie Namen wie „Unter Kranenbäumen" ober „Unter Gottes- gnaben" tragen. Jrgenbein köllscher Rabau wirb's gewesen sein, ber Hai also in bie Saiten gegriffen: /
Es war einmal ein treuer Husar,
Der liebt fein Mädchen ein ganzes Jahr, Ein ganzes Jahr und noch viel mehr! Die Liebe nahm kein Ende mehr —
Das ist nun in diesen Wochen wieder das Nattonallied am Rhein geworden. Bei solcherlei Singsang soll es den köllschen bluten nicht warm ums Herz werden? Reicht dem Schusterjungen aus dem „Vringsveedel den Kranz. Unb bann: Raus met ber becken Zimm! Her met bem Quetsche- büggeli Es war einmal ein treuer Husar--
Da sinb sie schon: die Hanswurste unb Harlekine, bie Narren unb Närrinnen Ganze Kompanien kommen anmarschiert mit Hauptmann, Leutnant unb Fähnrich, bazu bie Marketenberin, bas Funkenmariechen, ber Große Elferrat, Zeremonienmeister, Pagen unb Funken, friberizianische Solbaten, alles in unwahrscheinlich bunter Kostümierung Dazwischen kräftige Volkstypen, Tünnes unb Schal, der Schneider Meck-Meck-Meck, der Professor mit sooo einem Bart, Old Shatterhand und Winnetou, Fakire und Buschneger, Adam und Eva am Baume der Erkenntnis. Es gibt keinen Erdteil, den man nicht vielfältig vertreten sähe. Sogar ber Neanber- taler Urmensch, ben sie ja im Rheinlanb fanben, feiert ftohllche Urständ. Ueberall geübte Musikkorps unb Straßenmusikanten. Das schmettert unb tanzt unb schunkelt in ben Straßen, bas flirrt von Konfetti unb Papierschlangen, als ob gleich morgen bas Jüngste Gericht anhube unb alle Welt noch einmal Gelegenheit nähme, ber Freube ein letztes Mal 5U huldigen. Juja! Juja! ertönt’s aus allen Kehlen, bie Drommete schmettert, das Kalb- fell dröhnt, ber Ouetschebüggel (bie Ziehharmonikas klingt ohne Unterlaß. Das , Stippefötche" wirb mit einer Bravour ohnegleichen getanzt.
Der Ernst unb bie Schwere bes Alltags werben in ben Tagen des Karnevals allerorten im Rheinlanb burch Froh- unb Leichtsinn ersetzt. Da sitzen jung unb alt, arm unb reich beisammen. In allen großen und kleinen Städten, am Niederrhein, im Bergischen Lande unb in entlegenen Eifel- unb Hunsrückbörfern regiert Prinz Karneval, klatscht bem Völkchen eins mit ber Pritsche unb setzt ihm ben Vers vom treuen Husaren auf die Lippen. In Aachen geht es auf bem „Jahrmarkt ber Narretei hoch her; hier haben bie Kinber mit einem eigenen Festzug am 27. Februar besonderen Anteil am luftigen Treiben. Kleve hat gerabe in biefen Taaen bas erste Karnevals-Museum Deutschlanbs eingeweiht. Sein größter Stolz ist


