GietzeimZamilienblätter

Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger

Jahrgang 1958 Montag, den 28.Zebruar Hummer

Hey Im HW

Aoman von ^ans^Äaspar von Zobeltttz

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3. Fortsetzung.

Weißt, Reni", sagt Olli Czeh nach einer Weile,ich hab's mir über­legt, und der Ferdi meirtfs auch wir haben gestern noch lange nachts drüber gesprochen, weil du uns so leid tatst und weil wir dich doch lieb­haben ihr habt doch drüben im Böhmischen ebensoviel wie hier, und in Körlitz ist doch ein sehr hübsches Haus, da solltest Lu, wenn das Trauerjahr um ist, zu uns herüberkommen ins Oesterreichische. Du kannst doch nicht hier sitzenbleiben jahraus, jahrein, immer mit der Tante Maria, Durchlaucht, das ist doch grauslig. Verzeih, ich kann aber die Ungarn halt nicht leiden und die Szolnokys nun schon gar nicht." Irene findet keine Antwort, aber die hat Olli wohl auch nicht erwartet. Sie fährt fort:Im Winter kommst dann nach Wien. Ich weiß in der Auhofsgass' ein kleines Palais, das ist billig zu haben. Ach, Wien, Reni, Wien ist lchön, und Wien ist leicht. Weiht, gestern hier all die Preußen, lauter geputzte Knöpf' und immer chackenzusammenschlagen; alles auf Draht. Da kannst ja nimmer wieder froh werden. Aber in Wien, da lernst wie­der lachen. Und lachen mußt doch, so schön, wie du bist. Und der Kaiser ireut sich, er sieht immer gern, wenn jemand aus Schlesien wieder her- iiberkommt. Es ist doch noch gar nicht so lange her, daß mit eurem Ulten Fritz."

Ich gehöre aber nach Preußen, Olli."

Warum denn, Reni? Das ist doch nur Einbildung." 'Sie springt auf und winkt.Da kommt der Ferdi. Wollen wir ihm entgegengehen?" Eie wartet Irenes Antwort nicht ab, sie jagt den Berg hinab, ihr weiter weißer Rock bläht sich, sie sieht wie eine Helle Blüte aus, die der Wind treibt

Langsam geht Irene ihr nach. Wien, denkt sie, in Wien ist William Bruce Botschaftsrat. Und dann weiter: Preußen? Ist es wirklich nur Einbildung? Die geputzten Knöpfe und das Hackenzusammenschlagen, das tierade und Scharfe? In Preußen hätte die Olli nicht durchgesetzt, daß ihr Mann ins Kriegsministerium gekommen wäre. In Preußen hätte er euch nicht einfach hierbleiben können, um noch einen oder zwei Böcke zu schießen. In Preußen herrschten eben die Hohenzollern. Der Kaiser in Wien war nicht der Kaiser in Berlin. Das war keine Einbildung. Aber das würden die jenseits der Grenze nie begreifen. Sie liebten das Leichte end verstanden nicht, daß man auch das Harte lieben konnte. Eben die Pflicht.

Der Ferdi läuft feiner Frau die letzten Schritte entgegen, hebt sie auf, wirbelt sie hoch, lacht.

Rein, so laufen, so lachen, das konnte Alexander nicht. Er war eben eu Preuße, obgleich es, wie Olli meint, noch nicht so lange her ist.

Aber schön muß es fein, so hochgehoben zu werden.

Ferdi hat seine zwei Böcke geschossen; starke Sechser beide. Den ersten legte er auf der Morgenpirsch am Blauen Grund um, Blattschuß. Den Meilen faßte er zu kurz, schwer weidwund wurde er flüchtig; das war it den Buschbergen am nächsten Abend, und Olli hatte ihn begleitet. Daher der Schlumpschuß", sagte er, und sie lachte dazu; es gab eine ||| lenze und mühsame Nachsuche, ehe man den Bock verendet im Wundbett sand. Dann sind die österreichischen Czehs abgefahren. «

Jetzt ist es ganz still auf Waldhausen. Die Arbeit draußen geht ihren z:wohnten Gang, der erste Heuschnitt ist bald fertig, das Wetter ist jimftig, das Gras trocknet gut und duftet stark auf den Hocken.

. Irene geht oft in die Wiesen, sie liebt den würzigen Geruch, der 'i last betäubt.

Hast du schon Pläne?" fragt die Gräfinmutter eines Abends. Sie ; feen, wie es in Waldhausen üblich, in der Halle am Kaminplatz wenn and, jetzt im Mai keine Buchenkloben auf dem Eisen rost brennen. Vorm Simin hat Alexander auch immer gern gesessen, er tränt bann helles heimisches Bier aus der Striegauer Brauerei, das gleiche, das unten im Kretscham verzapft wurde. Sein Deckelkrug steht noch im Jagdzimmer «nf dem Gewehrschrank. Ueberall hängen Erinnerungen.

,Lch werde bald nach Berlin zurückkehren", sagt Irene.

Die alte Dame schiebt ihre schmalgläserige Stahlbrille auf die Stirn «tib sieht die Schwiegertochter scharf an. Noch nie hat Irene empfunden, ve grau die Augen der Gräfin Maria sind, ritt kühles harte» Grau, dem tter Anflug von Blau fehlt.

-2>u hast ihn nie geliebt?"

Die Frage kommt leise zu Irene, es liegt eigentlich fein Vorwurf in dem Ton, in dem sie gestellt ist, aber sie ist so glasklar gestellt, daß sie keine Lüge zuläßt. Irene ist, als fülle diese Frage den ganzen hohen Raum, das ganze Schloß, mehr noch: den Park mit der Gruft, den Hof. die Ställe, die Felder, die Wiesen, die Forsten den ganzen Besitz

Sie bringt die Wahrheit nicht über die Lippen, sie sagt aber auch nicht nein. Sie schweigt, und Schweigen ist, das weiß sie, so gut wie Zugestehen.

Da spricht die alte Maria Czeh weiter:Es ist gut, daß du nicht lügst. Ich habe bas nicht anders erwartet. Die Czehs sind schwer zu lieben als Männer. Alexanders Vater war auch so stumm und still; er sagte nie etwas von seinem Innern. Es war nicht leicht mit ihm. Vielleicht hätten wir mehr Kinder gehabt, wenn er anders gewesen wäre, und ich wäre jetzt nicht so allein. Alexander war das letzte, was ich hatte."

Es zwingt Irene hinüber zu der alten Frau, neben der sie zehn Jahre hergelebt, ohne einen Blick in ihr Inneres zu tun, aber auch ohne den Versuch zu machen, eine Brücke zu ihr zu bauen. Auch bas ist Schuld. Sie kniet plötzlich neben ihr, und ihr Kopf liegt in diesem fremden Schoß, der einst Alexander Czeh gebar. Hat Alexander Hr je gesagt, daß er diese Mutter liebte?

Die alte Frau legt ihre Hand auf Irenes Haar.

Du hast es jetzt vielleicht noch schwerer, als ich es hatte, Kind, denn du hast keine Kirche und teilten Priester. Aber ich verlange eines von dir: daß du Alexander feine Schande machst. Du bist jung, und du bist schön. Das sind zwei gefährliche Geschenke Gottes an eine Witwe. Wir Czehschen Frauen haben alle einen Packen zu tragen, das scheint unser Schicksal. Wenn du alt bist, wirst du wohl auch einmal in die Chronik der Familie hineinsehen; ich habe sie gelesen, es steht mehr Dunkles in ihr als Helles."

Sie faßt Irenes Schulter und richtet ihren Oberkörper auf, es ist erstaunlich, wieviel Kraft diese alten Hände haben. Wieder senken sich die grauen Augen in Irenes.Wenn dein Sohn einmal groß ist, sorge dafür, daß er eine Frau heiratet, die ihn liebt; nicht eine, die er liebt und die ihn nur nimmt. Die Frau muß den Mann lieben, bas ist bas Wichtigere; von uns Frauen geht alles aus, was eine Familie formt. Männer formen nie eine Familie, und deshalb hat es bisher in Wald­haus en auch nie eine Familie gegeben. Es gab hier keine rechte Liebe. Es war wohl zuviel Besitz da. Ich habe nicht für Alexander sorgen können, ein Kaiser wollte mir die Arbeit abnehmen. Aber Fürsten sind weltfremde Menschen. Das ist wohl ihre größte Schwäche. Weil ihnen immer Beifall geklatscht wird, glauben sie, sie täten schon etwas Gutes, wenn sie überhaupt etwas tun. Sie sehen nur immer ihre Tat, aber selten, was daraus wird. Denn was daraus wird, überlassen sie anderen. Steh auf, Irene. Ich will schlafen gehen."

Sie richtet sich so schnell aus ihrem Sitz auf, baß Irene Mühe hat, ihrer Bewegung zu folgen. Dann steht sie vor ihr, gestützt auf den Stock mit der Gummizwinge, den sie im Haus und im Garten benutzt, wenn keine Fremden da sind.Noch eins", sagt sie,wenn du uns Schande machst, wisse, daß ich hart sein kann." Sie hebt den Stock und läßt ihn wieder sinken.Gute Nacht, Irene." Ihr Schritt stampft durch die Halle, eine Tür öffnet und schließt sich.

Dann ist Irene allein, jammervoll allein mit ihrer Scham.

Sie wagt kaum zu atmen, ihr ist, als müsse auch der leise Hauch ihres Mundes in diesem leeren, hohen Raume hallen wie eine Anklage. Sie flüchtet hinaus auf den Flur und stößt ein Fenster auf. Unten liegt das Dorf. Im Pfarrhaus sind zwei Fenster hell.Du hast keine Kirche und keinen Priester." Das Wort liegt ihr im Ohr. Sie geht weiter, steht an der hohen Eichentür des Schlosses, die ins Freie führt. Als sie sie öffnen will, kommt Joseph, der Diener.

Ich gehe noch einmal ins Dorf", sagt Irene.

Der Weißkopf nickt stumm, als ob er alles wüßte, altes verstände. Er öffnet die schwere Tür und läßt Irene ins Freie treten, bann zieht er den Türflügel wieder ins Schloß. Er setzt sich auf einen kleinen harten Stuhl, der im Vorraum steht. Er wirb warten. Er hat hier oft gewartet, früher. Aber bas ist schon lange her.

Der Pfarrer Peter Müller sitzt in seiner Studierstube über feiner Sonntagspredigt; sie wird ihm nicht leicht, denn er will feiner Ge­meinde noch etwas von dem toten Herrn sagen, weil sie doch vor den Türen standen, als er zu all den Fremden sprach. Er hält es für falsch, baß die Herren die Bauern und Knechte soviel vor den Türen stehen lassen, aber er will bas nicht aussprechen, besonders nicht in der Kirche, er ist kein Hetzer. Er weiß: es wird schon genug gehetzt in den Städten, deshalb muß doppelt für Ruhe gesorgt werden auf dem Lande. Er hält cs auch für falsch, daß die Bauern und Knechte von sich aus vor den Türen stehenbleiben, baß sie dies« Scheu vor den Herren nicht über­winden. daß pe innerlich noch immer einen Rest Leibeigenschaft in sich