Boten ritten, noch in der Nacht, die Kommandanten der Küste nach des Marinestabes in London Bericht ig in di« Hauptstadt: Pitt
Interesse tun kann?"
„Sehr einfach, Pitt verbeugt sich in aller Oeffentlichkeit vor mir."
Keiner findet es lächerlich Einzig in Brmnmels hübschem fünfundzwanzigjährigem Gesicht verdüstert sich der Ausdruck konzentrierter Ironie.
„Weißt du, Brummet, daß Pitt neuerdings Familie hat?"
„Ich bin nicht Pitts Parteigänger — aber in diesem Fall — was Lad>) Hefter Stanhope betrifft — stimme ich für ihn."
Weitere Fragen ersticken in kühler Unnahbarkeit, aber oierundzwanzig Stunden daraus weiß ganz London, daß George Brummet — wahrhaftig er setbstl — in desfen Gegenwart hochadlige Damen ihre Töchter zu musterhaftem Benehmen spornen, Pitts Nichte bejaht. —
Sie residierte eben, ahnungslos von solchem Sieg, allein auf Walmer. Pitt war in London. Mylady hielt Tafel, erledigte die dringendste Post,
Walmer zu bitten, der Leitung des Marinestabes in London Bericht zu erstatten. Und noch ein« Nachricht ging in di« Hauptstadt: Pitt ertoein« nicht zur eröffneten Parlamentssefsion. Die Stunde war da, in Der er Addington nicht mehr stützen durfte — trotz seines Ehren-
,Keine Ahnung."
„Mein Bankier ich geflüchtet und ich verliere fünftausend Pfund!"
| ebe dir einen guten Rat: bleibe bei deinem Bankier
empfing Ne Berichte der Spione; sorgte dafür, daß ein alter General feine gewohnte Efelsmilch zum Frühstück bekam, einem Regierungs- mitglied die vergessen« Nachthaube nachgeschickt wurde und zeichnete eine neue, entzückende Uniform für die Berkshire-Miliz.
Weil Pitt von der Baumlosigkeit des Grundstücks gesprochen, erbat sie eines Tages Soldaten aus Dover. Der Oberst schickte fein ganzes !Re= giment und kam selbst noch mit. Binnen wenigen Tagen waren, nach Hefters eigenen Aufmarschplänen, Alleen angelegt und Buschwerk gefetzt. Die Arbeit ging wie durch Zauber vonstatten, wenn Mylady den einen nach seiner Heimat fragte, dem anderen von feinem alten Hauptmann erzählte und einem dritten die verletzte Hand verband.
Allerdings, eines Abends, als Hefter allein durch Ramsgate kam, stürzten betrunkene Offiziere ihr nach ins Haus.
Sie rief nicht um Hilfe. Sie drehte sich jäh um, langte aus und schlug dem nächsten, der vor ihr stand, ins Gesicht, daß er über Die Stiegen taumelte. , m , ...
Der Borfall war gemeldet warden, und als Pitt nach Walmer zuruck- kam, erstattete der Oberst seine zerknirschte Entschuldigung.
„Warum hast du mir nichts davon erzählt?" fragte Pitt sofort nach der Begrüßung.
„Das war nicht der Rede wert." ,
„Mir scheint, du hast keine Furcht mit ins Geben gebracht, wie?
„Du doch auch nicht!"
„Ich! Ich bin ein Mann, aber du — sonderbar —
Hefter gewahrte, daß ein Flimmern in die meisterlich beherrschten Augen kam und die umwolkt« Stirn sich erhellte. Seine Hand, die die ihre umspannte, schloß einen Strom von Kraft zwischen ihm und ihr.
.Mominst du mit? Ich reite noch aus —"
Durch kahle Wiesen trabten sie, schwer lasteten Wolken auf Land und Meer. Still war die Luft, daß von den Kanonenbooten die Ruse herüberhallten. Klar, unbeugsam ritt Pitts hohe Gestalt über den weihen Klippen von England... Der Pilot! dachte Hefter, und laut fragte sie:
„Was für einen Tag ist heute?"
„Warum? Der 2. Dezember."
Sein« Stimme, diese unheimlich verführerische Stimme, war weich "^„Jch^habe heute nacht geträumt, Pitt. Wilhelm der Eroberer stand am Ufer von Frankreich, hier, uns gegenüber..." — sie deutete auf die glanzlose Fläche des Wassers — „fein Fuß trat in riesige ©puren, fern Speer hielte auf England. Am Ufer aber standst du — wie ein Pilot am Steuer eines Schisses."
Sie hielten die Pferd« dicht nebeneinander, Möwen schrien vom Strand, und lautlos lösten sich aus der dämmrigen Lust die ersten Flocken von Schnee. * ,
„Augustus hätte dich über die fallenden Wasser von Tidur gesetzt und deine Orakel aufschreiben lassen!"
Sein Spott klang zärtlich, und sie fühlte, obwohl sie den Kopf nicht wandte, seinen Blick auf sich, diesen eigentümlich verhaltenen, und doch brennenden Blick... Hefter biß die Zähne zusammen und spornte ihr Pferd, schweigend ritten sie zurück bis vor die Tor« von Walmer. —
„Der Bote wartet, Mr. Pitt", hieß es dort.
„Ja?" fragte er, im Ton des Befehles, als der Diener die Türe hinter ihm schloß.
„Euer Gnaden, es gelang mir, aus Boulogne zu entkommen — gestern nacht ... Bonaparte zieht feine. Kräfte dort zusammen, 100 000 Soldaten heißt es, und heute, am 2. Dezember, wird er selbst in der Stutzt erwartet. Der Februar ist endgültig- zur Invasion bestimmt. Admiral ßatombe soll mit der Flott« von Toulon die Kette unserer Schisse brechen, das Geschwader von Rochesord, fünf Linienschiffe, deblockieren; dann direkt den Kanal einlaufen und den Uebergang der Truppen decken."
„Welche Stell« der Landung ist diesmal vorgesehen?"
.Zwischen der Insel Ajight und Dover, Herr. Gleichzeitig soll die Flotte von Brest Truppen auf di« irische Küste werfen."
„Es ist gut, ich danke. Laß dich auszahlen."
„Noch etwas, Herr. Es ist große Begeisterung im Lager zu Boulogne. Ms si« dort die Erde aushoben für Bonapartes Zelt, fand sich ein Speer von der Expedition des römischen Cäsar und Münzen mit dem Bild Wilhelm des Eroberers."
„Wirklich? Ick ge
Immer im Vorschuß."
, Brummet wird mit dem hellen Ueberrocf eigener Erfindung bekleidet.
„Brummet, Lord Westmoreland fragt alle Welt, was man in Pitts
Wortes an den König. Denn jetzt — ging es um England!
Dann, zu später Stunde, ließ er sich bei Hefter melden.
Er betrat den Raum, unter dem großen seidenen Baldachin richtete sie sich aus Kissen auf.
„Verzeih, Hefter, ich wußte nicht, daß du schon schläfst — ich wollte nur sagen —"
Sie sah ihn aus tiefen Augen an, Blumen, von ihrer Hand gezogen, dufteten schwer.
„Was walltest du sagen?" drängte Hefter leise.
„Du hattest recht mit Wilhelm dem Eroberer ... wenigstens ist Napoleon in Boulogne!"
Ein Lächeln zuckte um ihren Mund, ihre Hand strich an dem |amte= nen Aermel feines Rockes hoch, kletterte über die seidene Weste und bettet« sich in die Spitzen unter seinem Hals. Er nahm die Hand be- ■ schützend in beide Hände, sie suhlte seinen Atem auf ihrer Haut, in der leis« geöffneten Innenfläche feine Lippen.
(Sortierung folgt?
„Ich weiß, wie das alles zusammenhängt: Du opferst dich für England." Er lachte laut auf: . •
„Wegen der paar taufend Pfund, die ich für die Freiwilligen gebe? „Nein, weil der Genius in dir für England bestimmt ist — und Verzicht bedeutet für dich selbst!"
Pitt streckte den Arm aus, bis seine Hand ihr Haar berührte:
„Du siehst aus wie eine Sibylle, wenn du so redest... Was sollte ein Sterblicher Darauf erwidern?"
Er mußte noch das Losungswort für die Posten erteilen, Bericht« der Kundschafter entgegennehmen und Anordnungen für den nächsten Tag bestimmen. Als Pitt wieder ins , Zimmer kam, war Hefter schlafen gegangen. • < . .
Nach diesem Abend ritt sie Tag für Tag in feiner Begleitung und präsidierte an feinem Tisch.
„Wie liebenswürdig von Pitt, mit der armen Lady Hefter Stanhope Mitleid zu haben, und noch dazu in einer Art, die mit allen seinen Lebensgewohnheiten bricht. Er ist so gut, als er groß ist", schrieb Lord Mulgrav« an General Phipps.
Ganz London lächelte. Der „sportlose Minister" hatte also feine Nichte ins Haus genommen! Ein gut Teil Bedauern lag in diesem Lächeln. Was hatte der arme Pitt sich aufgeladen!
Aber wer im Herbst 1803 nach Walmer kam, mußt« feststellen, daß Pitt besser aussah als in allen vergangenen Jahren und sein Geist sich glänzender zeigte denn je.
Sibylle!
Es wurde ein früher Herbst im Jahre 1803. Mitte September schon setzten di« Stürme über der Nordsee ein — eine Landung war nicht mehr zu befürchten. Das bedeutete gewonnene Zeit für Englands ungeschultes Verteidigungsheer. Aus Pitts Drängen erließ die Regierung Aufrufe ap alle Männer des Jnfelreiches. Pitt selbst warb Truppen für die neue Reservearmee, berief die Häupter der Wehrformationen zu sich nach Walmer und hielt offenes Haus für die Offiziere und jene Herren der Regierung, die geruhten, das Verteidigungswerk der Küste zu besichtigen.
Für kurze Tage nur, wenn Stürme eine Landung unmöglich machten, hatte Pitt feinen Posten verlassen, die Lage in London zu ergründen; denn immer dunkler wurden die Sorgen. „Wenn das Ministerium Ad- bington dauert, wird Großbritannien nicht dauern", verkündete der russische Gesandte. Das Volk spottete über Addington, die Minister höhnten, vergeblich fahndete England nach Bundesgenossen auf dem Kontinent. Der König selbst nannte den Lordkanzler seiner Wahl einen Mann von sehr geringen Qualitäten. — „Wenn Pitt nicht wieder ans Ruder kommt, wird Napoleon binnen zwölf Monaten England zum Vasallenstaat machen wie die Schweiz!" drohte Lord Grenville. Aber König Georgs religiöser Wahn fürchtete sich, Pitt neu an die Spitze zu rufen, der in gottloser Dreistigkeit gewagt hatte, für die Iren und anglikanischen Sekten Freiheitsakte zu verlangen — entgegen dem Krönungseid an die heilige anglikanische Kirche!
Die Londoner Gesellschaft beruhigte sich in der Hoffnung auf die kommenden Winterstürme und die neue Ballsaison. Der Prinz von Wales nannte seinen Vater verrückt, und hielt es mit jener Partei, die seine Schulden bezahlte — das war Fox, die Opposition. Im übrigen lebte er fein galantes Leben, wie er es bisher getan.
„Brummei, was sagst du zu meiner neuen Weste?"
„Was, das Ding hier nennst du eine Weste? Wirklich — eine Weste?" Diese Fragen, gewechselt zwischen den beiden bestangezogenen Gentle- men von Europa, dem Prinzen von Wales und Herrn George Brummet bedeuteten keinen Scherz. Denn Brummei, der Sohn eines Sekretärs, ist unumstrittener König der Mode, obwohl der Erbe von England jährlich zwei knappe Millionen für feine Kleidung ausgibt, um ihn und damit alle Welt zu übertreffen. Bei Brummeis Levöe assistieren zwölf Herzöge und sieben Marquis, beobachten, wie er sich die Zähne putzt, in die Kleider schlüpft und oh! die Krawatte bindet! Ehe George Brummei, neunzehnjährig, am Horizont von London aufgetaucht war, hatte man die Krawatten mit skandalöser Gleichgültigkeit um den Hals gewickelt. Er kam: und nun erst kannte die Welt den Gebrauch dieses Kleidungsstückes. In kurzen Jahren ist Brummei Herr aller jener geworden, die sich Kleider machen lassen und sie zu tragen wünschen. Eine Verbeugung von Ihm, in der Oper etwa, gilt mehr als die des Erben von Großbritannien.
„Brummei, weiht du, was passiert ist?" fragt ein Lord bei Brummele Levöe.
Der betrachtet angelegentlich die eben geputzten Zähne im Spiegel:


