Sehnsucht.
Von I. W. von Goethe. Was zieht mir das Herz so? Was zieht mich hinaus?
Und windet und schraubt mich Aus Zimmer und Haus? Wie dort sich die Wolken Um Felsen verzieh»! Da macht' ich hinüber. Da möcht' ich wohl hink
Nun wiegt sich der Raben Geselliger Flug; x Ich mische mich drunter Und folge dem Zug. Und Berg und Gemäuer Umsittichen wir;
Sie weilet da drunten. Ich spähe nach ihr.
Da kommt sie und wandelt: Ich eile so bald, Ein singender Vogel, Im buschigen Wald.
Sie weilet und horchet Und lächelt mit sich: „Er singet so lieblich Und singt es für mich."
Die scheidende Sonne Bergüldet die Höhn: Die sinnende Schöne, Sie läht es geschehn. Sie wandelt am Bache Die Wiesen entlang, Und finster und finstrer Umschlingt sich der Gang.
Auf einmal erschein ich. Ein blinkender Stern. „Was glänzet da droben, So nah und so fern?" Und hast du mit Staunen Das Leuchten erblickt: Ich lieg dir zu Füßen, Da bin ich beglücktl
Erzählunq -es Adjutanten von Nostiz.
Don Walter von Molo.
Wir entnehmen diese Erzählung dem früher von uns besprochenen Buche „Der endlose Zua. Gestalten und Bilder im Schritt der Jahrhunderte" von Walter von Molo, im Verlag Holle & Co., Berlin.
Trotzig und schön wie Achill saß mein edel-herkulischer. Prinz im Sattel, im blau-rot-goldenen Prunk seiner Generalsuniform. Wahrhaft majestätisch, kühlen und klaren Geistes gab er seine Befehle, um unser schmales Häuflein Preußen und Sachsen gegen die mehr als fünffache Uebermacht der Franzosen zusammenzuhalten, damit wir nicht gleich im ersten Anlauf über den Haufen geworfen wurden.
Wir waren durch die verfehlte Rechtsdirigierung, die den General von Tauentzien zum Zurückweichen gezwungen hatte, gänzlich der Flankensicherung der neutralen böhmischen Grenze entzogen, und es war von den erfahrenen Stabsoffizieren keiner, der nicht das Verlorene der anhebenden Affäre vor den Augen hatte.
Seine Königliche Hoheit Prinz Louis Ferdinand sah die Folgen seines brachgelegten Heldentums vor sich: feit vielen Jahren hatte der geniale Prinz die schwächliche, uns allseits isolierende Politik der Hofpartei durchschaut, seit Jahren hatte er mit der ganzen Kraft ungeheuren Temperamentes durch Eingaben und durch eindringliche persönliche Vorstellungen beim König bis zur Selbstzerfleischung gegen die fluchwürdigen Fehler der veralteten, korrumpierten Leitungen in Zivil- und Militärdingen gekämpft und gewettert.
Der nicht mehr zu umgehende, uns aufgezwungene Krieg sand den Prinzen in stärkster Ungnade; statt des Oberbesehls, zu dem er allem befähigt war, hatte der König dem Prinzen nicht einmal den Befehl über die schlesischen Truppen anvertraut; der Prinz wurde mit einem schwachen Kontingent zwecklos, säst wie mit Absicht, gefährlich isoliert vorgeschoben, und blieb ohne jeden Sukkurs.
Der Prinz war gleich mit Tagesanbruch zu Pferd gestiegen. Ich hatte, als «r aus feinem Zimmer trat, eine-, Veränderung _ in [einen äußerlich unverändert sicheren Zügen bemerkt, die mich bestürzte. Sem Lächeln war ruhig und überlegen wie stets, seine wahrhaft klassische Heldengestalt, die mit den bärenstarken Schultern und den schlanken Jünglingshüsten so prachtvoll weich im Sattel seines schönen Pferdes saß, ragte, unsere Unruhe besänftigend, gleich dem unzerstörbaren Bilde des Siegers, als er uns die letzten Befehle gab. Doch feine hohe Stirn über den großen prachtvollen Augen, die von seiner unglaublichen Kühnheit und antiken Verachtung aller Gefahren kündeten, war nachdenklich, der Glanz fehlte den scharfblickenden Augen. Er hatte eine Nacht verbracht, welche die Todesangst heimqesucht hatte. ,
Als der Prinz, überschaut von der wohlklingenden Musik der Infanterie, um jedem üblen Eindruck zuvorzukommen, heftig in den Sattel sprang, trat die Frau Durchlaucht von Schwarzburg-Rudolstadt aus dem
Schlöße. Der Prinz küßte vom Pferde herab abschiednehmend Me Hand der schönen Frau; sie bat ihn, bei nassen Augen verehrend zu ihm auf» sehend, sich nicht zu sehr im bevorstehenden Avantgarüengesechte aus» zusetzen; der Prinz hatte verbreitet, es handele sich nur darum. „Vergessen Sie nie", sprach die Fürstin, „Deutschland kann nur durch Sie gerettet werdenl" Mein Herr richtete sich im Sattel auf, blickte um sich, ohne einen von uns anzuschauen; er hielt die Hand der weinenden Fürstin unschlüssig in feiner Rechten, ließ sie jäh fahren und setzte fein Pferd in Galopp.
Begeisterte Hochrufe empfingen den ruhmbedeckten Helden der Rhein» feldzüge, den Freund jedes gewöhnlichen Soldaten, als ihn die Bataillone und, ach so schwachen Eskadronen erblickten. Der Prinz ordnete an, daß die dünne Vorpostenlinie unter der Führung des Kapitäns von Gneisenau von den Pässen der Berge zurückgehen sollte; ein Adjutant des Generalissimus Hohenlohe traf ein, den der Prinz feit achtundvierzig Stunden vergebens um Verstärkung gebeten hatte. Der hochmütige Fürst, der die Verstimmung des Hofes gegen den Prinzen kannte, hatte wie ein Toter geschwiegen. Der Adjutant brachte, nun da Napoleons übermächtige Kavallerie bereits gegen uns losraste, den mündlichen Befehl, es sei dem Prinzen, der „standzuhalten" habe, „jegliches Anbinden strengstens untersagt". Der Prinz blickte den meldenden Herrn starr an, seine Miene war bitter und sarkastisch. „Danke", sagte er. „Ich weiß Bescheid!" Damit stachelte er sein Pferd gegen den Feind.
Ich folgte unmittelbar hinter dem Prinzen. Schluchzende Frauen standen längs der staubigen Landstraße. „Weint nicht, Frauen", rief einer unserer Soldaten, „man könnte meinen, wenn man eure Jeremiaden hört, wir gingen zu einem Begräbnis!" Der Prinz drehte im scharfen Reiten fein edles, mutgeschwelltes Profil mir zu und sah mich prüfend an. Seine rassigen Nüstern bebten, sein« breiten, hochgeschwungenen Augenbrauen waren unter den gepuderten Haaren, unter dem schwarzen Generalshut mit der weißen Straußenfeder finster, wie unter der Wirkung eines Schmerzes zusammengezogen. Plötzlich riß der Prinz sein Pferd ein und stieß ruckweise vor: „Nostitz, wieder diese Frau! Die weiße Frau versolgt mich!"
Ehe ich mit meiner Seele aus der namenlosen Bestürzung emporzusteigen vermochte, in die mich des Prinzen Worte und sein Blick, die Erkenntnis warfen, daß das doch wahr sei, was ich gehofft hatte, nur geträumt zu haben, ohne daß ich es bisher gewagt hätte, mich davon durch ein Gespräch mit dem Herrn Prinzen zu Überzeugen, jagte er, umjubelt von dem Elan unseres schon stark engagierten Kontingentes vor, wie um sich einer unheimlichen Macht zu entziehen. Ich hatte unter den weinenden Frauen längs der Straße auf einem Rasenhügel eine Frau sitzen sehen, die ganz weiß gekleidet war, deren Züge ein auffallend heller Schleier verbarg; noch klang mir ihr schrnerzdurchschütteltes Weinen in den Ohren. Ich wendete und stürzte wie von Sinnen mit hängenden Zügeln zurück-, ich fragte überall herum, keiner der Soldaten, die noch am gleichen Flecke standen, wußte zu sagen, wohin die Frau mit dem weißen Schleier, die auch sie alle gesehen hatten, verschwunden war. Todesangst stieg in mir auf; ich mußte der geheimnisvollen Gräfin von Orlamünde gedenken, die nach der Sage den Gliedern des Hauses Hohenzollern erscheint, wenn ein Unglück unterwegs ist.
Ich kehrte mit wirbelndem Kopf zu dem Prinzen zurück, der meine Abwesenheit bemerkt hatte und mich prüfend anblickte. Da er aus der Bewegung meiner Züge erriet, daß ich das Geheimnis nicht hatte auf* klären können, sah er mir fest in die Augen, legte seinen Zeigefinger an den Mund und sagte: „Schweig!" Er galoppierte, den Degen ziehend, an die Spitze der Kavallerie und stürzte sich, sie mit vorwärtsreißend, heftig in die furchtbar andrängende französische Reiterei. Er fetzte sein Leden aufs Spiel mit der Kaltblütigkeit des Kriegers, der an die Schrecken des Kampfes gewöhnt ist. Ich blieb dicht neben ihm; die Sachsen trommelten bereits zum Rückzug. Mit Gewalt bog der Prinz die Spitze der Fliehenden um, er suchte aus ihnen ein Widerstandszentrum zu formte» ren. Aber das Durcheinander verschlimmerte sich, ich sah. daß der Prinz taumelte, die Zügel seiner starken Hand zu entgleiten drohten.
Ich riß ihn von seinem Pferde und legte ihn quer über meinen Sattelbaum; ich suchte mich aus dem Wirrwarr des Kampfes mit der Exaltation zu lösen, welche die Seele aus verzweifelten Lagen schöpft. Des Prinzen lebenstrotzende hohe Gestatt vom Abend vorher war vor mir, als er in himmlischer Stimmung mit feinem schwungvollen künstlerischen Geiste auf dem Piano im Schloßsaal melobierfe, mit der Meisterschaft, die selbst Beethoven und Goethe in ihren Bann gezogen hatte. Die Turmuhr schlug Mitternacht; jäh und sonderbar hatte sich mit dem zwölften Schlage der Prinz verändert. Das schöne gebräunte Gesicht erbleichte, die eben noch träumerisch über die Tasten des Klaviers gleitenden Finger waren steif, wie gekrampft, er fuhr sich mit der Hand über die Augen, drehte sich wie erschrocken um, mit einer raschen Bewegung eine Kerze ergreiseno, stürzte er auf eine Seitentüre zu und verschwand. Die anderen hatten in ihren eifrigen Gesprächen über die bevorstehende Schlacht nichts bemerkt. Ich lief dem Prinzen nach und fand ihn in einem langen dunklen Korridor, von dem nur ein Seitengang in den Schlohhof hinaus abging. Ruckweise folgte der Prinz einer in einen Schleier von auffallender Helligkeit gehüllten weiblichen Gestatt. Das phantastische Wesen, das ganz weiß gekleidet war, entfernte sich langsam. Am äußersten Rande der Galerie angekommen, verschwand die Erscheinung Der Prinz stellte den Leuchter auf die Erde und begann die Mauer abzutasten; er schlug dagegen, ob sie nicht durch veränderten Klang die Existenz eines heimlichen Ausganges verriete. Nichts! Ich sah den Prinzen zittern! „Nostitz", fragte er, „du hast sie auch gesehen? Also ist es keine Einbildung ... sie ist es?" Ich eilte zur Wache; diese hatte bloß einen sächsischen Offizier in einem weißen Mantel passieren lagen. Als ich das meldete, gebot der Prinz: „Schweig um des Himmels willen, daß sich nicht noch mehr Mutlosigkeit verbreitet!" Wir traten zurück zur Gesellschaft in den Saal, des Prinzen Stirn trug einen hellen Schein, wie totes Fleisch, das in der Finsternis leuchtet...
Und nun lag sein Haupt schwankend in meiner Linken, feine Füße schlugen kraftlos gegen die Brust meines fliehenden Pferdes; denn wik


