Die Kellermeister haben ein anderes Temperament als die Zecher, sie sind die Väter der Geduld. Sie kennen die Spannung aber auch den Lohn des Wartenkönnens. Für den so wichtigen Abstich haben sie einen guten Spruch i Mit dem ersten nicht eilen, mit dem zweiten nicht ver-

Aber die Zecher kümmern sich nicht darum. Und während oben im Tag die Nahe, ihr Weinfluß, langsam vorüberrinnt, halten sie schon beim dritten Glas und blicken berückt in denGoldenen Krotenpsuhl 1934, besten Spiegel sinkt und wie ein Blitz ihres Sommers verschwindet.

Auf der Heimfahrt.

Von Paul H e y s e.

Es steht ein Haus im Garten, Kühl an ein Wäldchen angelehnt. Auf allen meinen Fahrten Hab' ich nach ihm mich heimgesehnt. Wie süß erklang Dort Vogelsang, Wie lachten Blumen ringsumher! Wie ging's im Lauf Die Stieg' hinaus Nun graut mir vor der Wiederkehr.

Im Haus, da ist ein Zimmer, So lustig hoch, so blank und rein. Was nur an Sonnenschimmer Ums Häuschen streifte, drang hinein. Wie lustig klang Dort Kindersang, Kein Winkel war von Spielen teer; Dort fand ich Rast Nach Tageslast Nun öffn' ich seine Tür nicht mehr.

Im Haus erklang ein Name Von allen Lippen fort und fort, Der hatte wundersame Gewalt, schier wie ein Zauberwort. Aus jedem Mund Ein Lächeln stund. Als ob's des Frühlings Name wär' Jetzt geht er stumm Gespenstig um. Und wer ihn ausspricht, lacht nicht mehr.

Eaudlungen des englischen Schrifttums.

Von Dr. Heinz Höpfl.

Allabendlich hatCaoalcade" Tausende von Zuschauern ins Londoner Drury-Theater gelockt, allabendlich haben Tausende drei Jahrzehnte eng­lischer Geschichte an sich vorüberziehen lassen in rauschenden Bildern. Für viele warCaoalcade" nur das große Theaterereignis der Londoner Season, in dem ein überlegener Dramenmacher und ein genialer Bühnen­zauberer unerreichte Triumphe feierten. Britische Truppen ziehen in den Burenkrieg Ein Volk trauert um seine Königin, mit der ein Zeit­alter versinkt Der Viktoria-Bahnhof, überfüllt von Soldaten, die in den Großen Krieg und ein ungewisses Schicksal ziehen London im Taumel der Wafsenstillstandsnacht Niggersongs, Zigarettenqualm, Nachtklubleben, Tänzerinnen: ein modernes Inferno einer Jugend im Rausch der Gesetz- und OrdnungslosigkeitGod save the King und Union Jack, salutierende Girls und Schauspieler, die den riesigen BühneN- raum bis aus den letzten Platz füllen.

Das warCaoalcade", ein Geisterzug, ersonnen im Gehirn des glän­zendsten und mstlnktsichersten Bühnenautors Englands: Noel Co ward. Er hatte den Mut, diesen Spuk in Englands erdrückendster Notzeit, während der Herbstkrise 1931, über die Bretter ziehen zu lassen.Caval- cade" ist vergessen, und doch ist selten ein Theaterereignis so sehr Zei­chen einer Zeitwende gewesen. Der Viktorianismus war längst tot, aber das Nachkriegsjahrzehnt zitterte noch feinen schwachgewordenen Lebens­atem aus. Dieses Jahrzehnt ist die Zeit derBright Young People, derflammenden" Jugend gewesen. Man hat esThe Roaring Twen- ties, die lauten zwanziger Jahre, genannt. Es hat sehr laut begonnen mit dem größten Skandal der neueren Literaturgeschichte, dem Kampf um denUlysses" von James Joyce.

DerUlysses" war eine Revolte bis in die Sprache hinein, die größte der ganzen Weltliteratur der Neuzeit. Dieses Werk, dessen deutsche Uedertragung drei Bände umfaßt, ist die Geschichte eines einzigen Tages im Leben des Stephen Dädalus. Stuart Gilbert hat einen Kommentar dazu geschrieben, um dasRätsel Ulysses" aufzuhellen der Kommen­tar ist ein ganzes Buch. Das weitere Ergebnis des Riesenepos wenn wir von dem heftigen Streit um feinen künstlerischen Wert absehen wollen ist dies: der Roman erhält nun Raum für die Einbeziehung

der geheimsten Regungen des Lebens und seine tiefsten Niederungen; er rotrb Versuchsfeld für alle nur erdenklichen Arten von Form- und Stilexperimenten, die auch vor der Sprache, vor den überkommenen Wertformen, nicht halt machen.

Darin lag eine große Gefahr, die verhängnisvoll werden mußte wenn die neue Botschaft auf eine junge Generation traf, der die Nach- Wirkungen des Krieges den Boden unter den Fußen weggezogen hatten. Die Gefahr scheint heute gebannt zu sein, aber sie >ft 'm Taumel des ersten Nachkriegsjahrzehnts sehr groß gewesen Es ist schwierig, das Gesicht dieser Zeit nachzuzeichnen, da bie literarische Produktion, die ihre Züge bestimmt, ins Ungeheure gewachsen ist. Einer Jahresproduktion von etwa fünfundzwanzig Romanen zur Zeit des höchsten Ruhmes Walter Scotts steht heute eine solche von etwa anderthalb- bis 3n«i* tausend Romanem gegenüber. Es bleibt also nur übrig der Versuch, di« H a u p t l i n i e n aufzuzeigen. Bezeichnend für die Lite ratur d er Nachkriegszeit, besonders für das erste Jahrzehnt, ist, daß sie vor allem Kulturkritik ist im ganzen Umfange dieses Wortes Abkehr von den überkommenen Idealen und Lebensformen, leidenschaftliche Kritik an Staat und Gesellschaft, bitterster Zynismus und beißende Ironie, ein müdes Versinken in die Hoffnungslosigkeit oder em willen- loses Untertauchen und Mitmachen: das ist die eine Seite Der m den Werken dieser Geisteshaltung angeschlagene Ton ist heute fast ganz ver­klungen; er hat die Herbstkrise 1931 heftig eingeläutet und ist seit ihrer Ueberwindung immer schwächer geworden.

Eine andere Seite war die Flucht in die Vergangenheit, sei es das Kriegserlebnis oder das Leben der Großen der englischen Geschichte, in dem man sich im Geiste von dem Gegenwartselend erholte. Die Lebensbeschreibung ist von jeher eine der beliebtesten literarischen Gattungen in England gewesen, aber die Ursache des ungeheuren An­schwellens der biographischen Literatur liegt in der Krisen- luft der zwanziger Jahre, liegt in dem Willen, sich an der Größe ver­gangener Zeiten und Männer wieder selbst zu finden. Bezeichnend für die Wende, die mit dem Beginn unseres Jahrzehnts einsetzte, ist vor allem die Tatsache, daß die zersetzende Kritik nun einer aufbauenden gewichen ist, die bis in unsere Tage cuchält und in ihren Denkbereich auch die Auseinandersetzung mit den neuen Weltanschauungen Mittel­europas einbezogen hat. Zu diesen positiven Kräften zählen Sir Philip Gibbs, der erfolgreichste Gegenwartsschriftsteller Englands, Percy Wyndham Lewis, einer der bedeutendsten englischen Publizisten der Gegenwart, Sir Arnold Wilson, Professor M o w a t und viele andere.

Der Strom, der in den zwanziger Jahren weite Bereiche des Lebens zu überfluten drohte, ist wieder zurückgetreten. Heute, nachdem der Tau­mel dieser Jahre ausgetobt ist, nachdem es ruhiger geworden ist um die lautesten Ruser, erkennen wir deutlich, daß die Krisenzeit im Grunde für die literarische Entwicklung, vor allem in ihrer wichtigsten und lebenskräftigsten Gattung, dem Roman, fruchtbar gewesen ist. In ihr hat der Roman ungeheure Wandlungen erlebt, die so tiefgreifend waren, daß es eine Zeitlang scheinen konnte, als löse er sich in einer Vielfalt von verworrenen Bewußtseinsspiegelungen, in einem sinnlosen Spiel der Formen, in einer gewollten Undurchsichtigkeit des Handlungsablaufs auf. Aldous HuxleysThose Barren Leaves und ..Point Counter Point, des anglisierten Armeniers Michael ArtensThe Green Hat und Virginia WoolfsOrlando sind Musterbeispiele dieser Entartung. Es ist ausfallend, daß gerade die Frauen, die im gegenwärtigen englischen Schrifttum in überraschend großer Zahl vertreten sind, sich am stärksten der Mittel der neuen Erzähltechnik aus der Schule von James Joyce bedienen und sich damit am weitesten von der Gestaltungsart der Großen des englischen Romans entfernt haben. Von diesen Großen lebt heute nur noch H. G. Wells, der unermüdlich an seinen Denkwelteu weiter« baut. Hardy, Conrad, Bennett, Galsworthy und Kip­ling: das ist die Todesernte eines einzigen Jahrzehnts!

Galsworthy ist der einzige unter ihnen, der mit bedeutenderen Werken in die jüngste Vergangenheit hereinragt, vor allem mitA Mo­dern Comedy, der dreibändigen Fortsetzung derForsyte Saga. Diese Form der großen Lebenschronik hat ihre wertvollste Nachfolge gefunden in der Hcrries-Tetralogie von Hugh W a l p o l e, von der zwei Bände: Herries der Vagant" undJudith Paris" jetzt auch in deutscher Sprache vorliegen. In Hugh Walpoles früherer Jeremy-Trilogie dürften wir die schönste Saga einer Kindheit vor uns haben, die die englische Literatur kennt. Auf dieser Linie liegt die Zukunst des neuen englischen Romans, der damit wieder an bie große Tradition anknllpft, die von Defoe in einer ununterbrochenen Kette heraufführt in unsere Tage. Diesiream- o!-consciousne5s-Methode, die Bewußtseinskunft, ist ein Nebenweg ge­wesen, der heute schon zu einem Ende geführt hat, obwohl ihre Schöpfer noch leben und in ihrer vollen Schaffenskraft stehen. Sollte selbst Aldous Huxley nicht mehr an ihre Zukunft glauben? Sein neuestes Werk Eyeleß in Gaza scheint es anzuzeigen.

Krisen werden in England in bewundernswert kurzer Zeit über­wunden auch die geistigen. Dieses konservativste Volk der Erde gebiert aus dem bewährten Alten immer wieder das Neue. Das hat zu einer Neuwertung gesührt, die endlich auch dem Schaffen von Mary Webb Gerechtigkeit widerfahren ließ. Und die Zukunft des geizigen Englands? Sie ist heute kein Problem mehr sie ruht auf starken Schultern. Es sind so viele Kräfte am Werk, daß eine lückenlose Aufzählung unmöglich ist. Wenn wir eine Auswahl treffen sollen, die nur erlesene Namen um­faßt, so möchten wir in Hugh Walpole, I. B. Priestley, Charles Morgan, John Masesield.A. I. Cronin und einigen jungen Iren die Bürgen der Zukunft sehen, die ihre stärkste Sicherung aber vielleicht darin findet, daß England in überraschend schneller Folge neue Talente hervorbringt. So wird es auch den Ansturm des amerikanischen Schrift­tums, der im Augenblick und wohl aus längere Zeit hinaus noch ir« »e« mein stark ist, bestehen und ihm aus eigenem Schaffen einen festen Damm entgegensetzen.

Der« ntw örtlich; Dr. Hans Thyriot. Druck und Dertag: Brühlsche Universitätsdruckerei R. Lange, Gießen.