GietzenerLamilienbliitter
________Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger
Jahrgang 1938 Freitag, den 25. September ' ttummer Z4
ß^nftine von
Vornan von Rolf Brandt
Lopyrkght by August Scherl Nachfolger, Berlin
1. Fortsetzung.
Der Baier strich ihr leicht über die Schultern „Du weißt, deine Mutter starb als du ein Jahr alt warst. Es ist kein Geheimnis dahinter nur mochte ich nicht viel davon sprechen. Es war sehr schwer für mich, wie du dir vorstellen kannst. Vielleicht reden wir später einmal mehr oaoon. Ich habe dir ja das Bild gezeigt, das Großvater von ihr gemalt hat, und ich habe dir eine Photographie von diesem Bild machen'lassen. Es ist wirklich nicht mehr davon zu sagen in diesem Augenblick."
Christine senkte den Kopf, wie sie es gewohnt war, wenn der Vater styr emst und sehr langsam sprach. Dann wickelte sie das Geschenk des Generals aus. Es war ein kleiner goldener Becher, den ein berühmter Goldschmied entworfen hatte. Das Wappen der Jrrtisch war darauf, um- geben von den Allegorien des Friedens und des Krieges. Auf der freien Ruckfeite war eingraoiert: „Für Christine von Nucktasch. Möge sie immer den Wein der Freude und der Hoffnung aus mir trinken!"
lagen ein paar prachtvolle eingebundene Bücher, eine goldene Brosche mit einem Türkis in der Mitte, ein großer Kasten, in Oem aus weißer Seide ein prachtvoller silberner Spiegel ein Kamm und eine Bürste lagen.
Onkel Paul kam jetzt in den kleinen Salon. Er hielt sein Geschenk in Oer Hand: „Olles Silber und Broschen, die du doch nicht trägst, min iJecrn, wirst du ja genug gekriegt haben. Ich hab' dir was geschenkt, na ja, nun Luttjes, ich hoffe, daß es dir auch Spaß macht. Es ist nicht für hundert Jahre berechnet."
Er stellte einen kleinen Reisekosfer auf den Tisch, der vollständig eingerichtet war, mit silbernen Bürstchen, Dosen, Spiegel, Schuhanzieher, allen Toilettensachen, die ein junges Mädchen für die Reise braucht.
„Es hat mir Spaß gemacht, min Deern", sagte er, „das Kramzeugs Zu kaufen. Hoffentlich macht's dir auch Spaß, es zu benutzen!"
Der Regierungsrat fand das Geschenk außerordentlich unpassend, aber er lächelte. Was sollte man schon mit Onkel Paul anfangen!
Es war zu Ostern 1914.
*
Man sprach vom Krieg. Der Gutsinspektor, der Reserveoffizier bei den Vierundzwanzigern in Neuruppin war, erklärte, er habe es im Gefühl.
„Als ich las", sagte er, „daß sie den Erzherzog-Thronfolger, den Ferdinand, in Sarajevo niedergeschossen haben, sah ich den Krieg. Wann war denn das? Es war ... Ende Juni war es! Ich war nach den Elb- wiesen geritten, dann nahm ich den Landweg und bog rechts bei unserem W" zenschlag ein. Ich freute mich noch, wie gut der Weizen stand. Da kam .. Wer kam da noch? Es war der Großknecht von Dietwalde, und der sagte: .Herr Inspektor, haben Sie schon gehört', sagte er, ,der Thronfolger ist tot!' Ich fragte noch ganz dämlich: .Welcher Thronfolger?' ,31a, der von Oesterreich-lkngarn! Den haben sie in Sarajevo umgebrachtl In Hamburg rufen fie Extrablätter aus. Unser Inspektor f)at schon telephoniert.' Da sah ich es über den Weizenschlag, es war um die Mittagszeit, wie eine helle Flamme hochgehen, eine große hellrote Flamme. Ich lass' mir da nichts sagen, ich habe es geßchen!"
Onkel Paul sah etwas ärgerlich über den runden Tisch auf seinen Inspektor. Er sagte: „Dat wird die Mittagstid gewesen sein. Ick glöwe nicht an Krieg. Mach man nicht solche Augen, Christine! Seine Maje- >iät ist in Norwegen. Denken Sie vielleicht, Herr Preterson, der Kaiser gondelt in Norwegen herum, wenn es Krieg gibt? Er würde nicht daran denken, sage ich Ihnen!"
Seine Frau saß wie immer schweigend bei der Tafel. Sie fragte der Reihe nach herum, den Inspektor, den Großknecht, die Großmagd, die alle um den großen runden Tisch saßen, ob jemand noch etwas IJ°n den Klößen wolle. Sie füllte selbst die Teller, die an sie herange- f.eicht wurden, und gab jedesmal die frische Portion mit einem freundlichen, Hellen Blick zurück: „Es sind die ersten Birnen", sagte sie. „Sie lammen diesmal sehr früh." Sie lächelte: „Aber ich will nicht sagen, 4err Preterson, daß dies nun ausgerechnet Krieg bedeute!"
Christine fragte, und alle wandten ihr die Augen zu: „Nach welcher Richtung wehte denn die Flamme, Herr Preterson?"
Preterson tat ein Stückchen Räucherspeck, ein Stückchen Kloß und eine öer kleinen ersten Birnen zusammen aus seine Gabel. Er aß den Bissen sorgfältig auf dann sagte er: „Sie haben recht, gnädiges Fräulein es war merkwürdig! Der Wind kam von der Elbe her, und der mei ern Wag lag fast weiß hingebreitet unter dem gleichmäßigen Wind nach Osten. Aber die Flamme (prang hoch mit großen roten Zungen, und sie kam von Osten — Gott, hilf mir, sie kam von Osten!"
"f.r Inspektor hatte dabei die hellblauen Augen ganz groß aufgerissen.
r,u^9 und ein wenig spöttisch an. Aber der Mann hielt bCnHnM mUS'fC^ laife: "Gnädiges Fräulein, es gibt Krieg, sage ich!" c ^aur „Warum wollen Sie denn durchaus Krieg haben,
nnh I.... „: xi .. ,,, ' ö'ge, der noch einen Krieg
kennt, und ich bm nicht so sehr dafür! ’ "
Der Inspektor sah Christine an und blickte dann durch die niedrigen der Einfahrt^ ^^nrondell mit den paar Rosenstöcken, das vor
„Ach, es ist stockig überall", sagte er. „Man kommt zu nichts! Es wäre ganz gut... 7
„Aber Preterson", sagte Onkel Paul, „Sie versündigen sich! Wieso kommen Sie zu nichts?" 1 ’ 1
./Pe,r Inspektor zuckte die Achseln. „Ach, man sagt nur so, ich habe mich nicht beklagen wollen! ■ ’
"Wennxes Krieg gibt" fagte Christine, „will ich auch hinaus, ich will Krankenschwester werden. Ich könnte da nicht hierbleiben!"
„Ach, du bist viel zu jung, min Lüttjes!" sagte Onkel Paul
„Und der Krieg wird nicht bange dauern, gar nicht lange dauern", erklärte der Inspektor.
Onkel Paul wurde plötzlich ganz ernst: „Ich finde, daß man sich ja nun mit solchen Gesprächen geradezu versündigt! Ich verstehe ja gar nichts, und ich glaube auch an keinen Krieg, denn der Kaiser ist ja in Vtorroegen, aber an einen kurzen Krieg glaube Ich schon ganz und gar nicht. Das Ende erlebe ich nicht mehr."
Christine ließ sich die Schimmelftute Himmeldreck satteln und ritt in öen sonnigen Nachmittag hinaus. Sie hatte leicht reiten gelernt, und die kleine weiße Stute war sanft und folgsam. Sie stammte eigentlich von dem Nachbargut, das mit einer englischen Frau und englischem Geld sich stattlich eingerichtet hatte. Die kleine irische Stuke war für eine Kusine angefchasst worden, die aus England zu Besuch gekommen war. Ach, man hatte ja (o viele Beziehungen zu England hier nördlich von Hamburg an der breiten Niederelbe, die in dasselbe Meer mündet in das auch die Themse floß.
Onkel Paul hatte immer noch nicht die Beschichte erzählt, warum diese kleine Stute diesen sonderbaren Namen hatte. Denn sie war ein frommes Damenpferd und hatte gar keine Eigenschaften an sich, die den Anlaß zu einem so absonderlichen Namen geben konnten.
Christine ritt im leichten Trab in der Richtung des Elbedeiches. Jhreü Badeanzug und ein Handtuch hatte fie in der Satteltasche bei sich. Die Weizenschlage waren schon reif. An der Wegkreuzung nach Dietwalde wurde schon eifrig an der Ernte gearbeitet. Es gäbe ein überreiches Jahr hatte Onkel Paul gesagt.
Während Christine sich im Prab wiegte und die langen Beine den Pferdeleib fest umschlossen hielten, die Knie dicht am Leder, so, wie es Herr Preterson sie gelehrt hatte, dachte sie immer das gleiche: Wenn Krieg kommt, kann ich nicht zu Hause bleiben! Ihre schnelle Phantasie entwarf schon das Bild von stürmenden Regimentern, so, wie es der Großvater gemalt hatte, zerfetzte Fahnen, und in der Lust, man konnte es auf den Bildern fühlen, in der Luft ein Trompetensignal.
Wiesen begannen, Apfelbäume standen in langen Reihen, die Früchte glänzten schon rot und gelb zwischen dem Laub hervor. Am Himmel zogen ein paar große helle Wolken. Dieser Himmxl war unendlich weit, er roar so, daß er sehnsüchtig machte. Sie verstand es, daß Onkel Paul niemals nach der Stadt wollte. Ach, dies hier war ein Himmel, daß man ganz klein wurde und das Herz fast Angst hatte vor der Größe der Erde. Ganz fern am Horizont wurde dieser lichtblaue Himmel von einer silbernen Helligkeit erfüllt, so, als öffne sich dort oben über dem Meer geradeswegs das Riesentor der Ewigkeit.
Sie ritt den schrägen Weg zu dem uralten Seedeich hinauf und dann chräg wieder hinab zu den Wiesen an der Elbe. Sie band Himmeldreck an einen Pfosten an, der für solche Zwecke eingeschlagen war, und legte 'ich in das hohe, schwere Gras. Die Rindviehherden gingen Schritt für Schritt äsend weiter. Da waren die Koppeln für die Pferde, die Mutter- tuten gingen plötzlich wie ein Sturmwind über die Grasnarbe, und die jungen Füllen mit den eckigen Körpern und den viel zu langen Beinen stürmten den Müttern nach.
Von der Elbe her klangen ununterbrochen, wie ein Lied, die Signale der Schiffahrt. Ein rollender Ton der Bagger, das tiefe Tuten eines großen Dampfers, dessen Schornstein man aus der Ferne sah, so, als gleite er auf dem Wiesenplan entlang. Grelles Läuten, schrilles Rusen der


