einer außerordentlichen Höhe der Selbständigkeit, des ursprünglichen Ge­dankenreichtums und des unmittelbaren eigenen Verständnisses der Natur. Und mit dieser Art und Weise verband sich ein keckes, frisches Hervor­bringen, kkas vom Feuer eines immerwährenden con amore im eigent­lichsten Sinne beseelt war.

Seine Malkapelle, wie er sie nannte, bot daher einen ungewöhnlich reichhaltigen Anblick an den Wänden und auf den Staffeleien, und so mannigfaltig die Schildereien waren, die sich dem Auge darboten, so leuchtete doch aus allen derselbe kühne und zugleich still harmonische Gkift. Der unablässige Wandel, das Aufglimmen und Verlöschen, Wider- hollen und Berklingen der innerlich ruhigen Natur schienen nur die wechselnden Akkorde desselben Tonstückes zu sein. Das Morgengrauen der Landschaft, der verglühende Abend, das Dunkel der Wälder mit den mondbestreiften, tanschweren Spinnweben im Gesträuche der Vorgründe, der ruhig im Blau schwemmende Vollmond über der Seebucht, die mit den Nebeln kämpfende Herbstisonne über einem Schilfröhricht, die rote Glut einer Feuersbrunst hinter den Stämmen eines Borholzes, ein rauchendes Dörslein aus graugrüner Heide, ein blitzzerrissener Wetter­himmel, regengepeitschte Wellenschäume, alles dies erschien wie ein ein­ziges, aber vom Hauche des Lebens zitterndes und bewegtes Wesen, und vor allem als das Ergebnis eines eigenen Sehens und Erfahrens, eine Frucht nächtlicher Wanderungen, rastloser Ritte zu jeder Tageszeit und durch Sturm und Regen.

Nun war aber alles das aufs innigste verwachsen und belebt mit einem Geschlecht heftig bewegter und streitbarer, äffpü einsam streifender, oder flüchtig wie die Wolken über ihnen dahinjaKtHer oder still an der Erde verblutender Menschen. Die ReiterpatrouilM .des Siebenjährigen Krieges, fliehende Kirgisen und Kroaten, fechtend^ Franzosen, dann wie­der ruhige Jäger, Lawdleute, das heimkehrende Pflugge-spann, Hirten auf der Herbstweide, dazu die von Krieg oder Jagd ausgescheuchten Wald­oder Waffervögel, das grasende Reh und der schleichende Fuchs, sie alle besändcm sich immer an dem rechten und einzigen Fleck Erde, der für ihre Lage'paßte. Ost auch erkannte man in dem grauen Schattenmänn­chen, mühselig gegen einen Strichregen ankämpfte, unvermutet einen WohlbKgnnten, der offenbar zur Strafe für irgend eine Unart hier bildlich durchnäßt wurde; oder man sah eine weibliche Lästerzunge etwa als Nachthexe die Füße in einem Moortümpel abwaschen, der einen Rabenstein bespülte, oder endlich den Maler selbst über eine Anhöhe weg dem Abendrot entgegenreiten, ruhig ein Pfeiflein rauchend.

Der Besuch wurde in höflichster Weise bewerkstelligt und empfangen; als der Kaffee eingenommen war, führte Salomon das sorgfältig und halb feiertäglich gekleidete Fräulein in sein Künstlergemach, während die übrige Gesellschaft wohlbedacht zurückblieb, um sich im Garten zu er­gehen und die innere und äußere Beschaffenheit des Hauses in Augen­schein zu nehmen. Salomon zeigte und erklärte nun dem Fräulein die Bilder und dazwischen eine Menge anderer Gegenstände, wie Jagdgeräte, Waffen, selbstzubereitete Dierskelette und dergleichen. Die Gliederpuppe, welche in der Tracht eines roten Husaren in einem Lehnstuhl saß und ein Staffeleibild zu betrachten schien, hatte sie schon beim Eintritt erschreckt und ihr einen schwachen Schrei entlockt; nachher aber blieb sie still und gab durchaus kein Zeichen der Freude oder des Beifalles, oder auch nur der Neugierde von sich, da ihr diese ganze WAt fremd und unverständlich war. Salomon beachtete das nicht; er bemettte es nicht einmal, weil er nicht auf Lob und Verwunderung ausging;^ eilte in feinem Eifer, ans Ziel zu kommen, nur weiter von Bild zu Bald, während Barbaras von Hellem Stoffe umspannte Brust immer höher zu atmen begann, wie von einer großen Angst. Vor einem Flußbilde, auf welchem der Kampf des ersten Frübcotes mit dem Scheine des untergehenden Mondes vor sich ging, erzählte Landolt, wie früh er eines Tages habe aufftchen müssen, um diesen Effekt zu belauschen, wie er denselben aber doch ohne Hilfe der Maultrommel nicht herausgebracht hätte. Lachend erklärt er die Wirkung solcher Musik, wenn es sich um die Mischung delikater Farbentöne handle, und er ergriff das kleine Jnstrumentchen, das auf einem mit tausend Sachen beladenen Tische lag, setzte es an den Mund und entlockte ihm einige zitternde, kaum gehauchte Tongebllde, die bald zu verklingen drohten, baß) zart anschwellend ineinander verflossen.

Sehen Sie", rief er,dies ist jenes Hechtgrau, bas in das matte Kupferrot übergeht auf dem Wasser, während der Morgenstern noch un­gewöhnlich groß funkelt! Es wird heute in dieser Landschaft regnen, denk' ich!"

Als er sich fröhlich nach ihr umsah, entdeckte er wirklich, daß Bar­baras Augen schon voll Wasser standen. Sie war ganz blaß und rief wie verzweifelt:

Nein, nein! Wir passen nicht zusammen, nie und nimmermehr!"

Ganz erschrocken und erstaunt faßte er ihre Hand und fragte, was ihr fei, wie sie sich befinde?

Sie entzog ihm aber heftig die Hände und begann mit verwirrten Worten anzudeuten, daß sie nicht bas minbefte von allebem verstehe, gar keinen Sinn dafür habe, noch je haben werde, daß alles das ihr fast feindlich vorkomme und sie beängstige; unter solchen Verhältnissen könne von einem harmonischen Leben keine Rede fein, weil jeder Teil nach einer anderen Seite hin"ziehe; und Landolt könne ihre friedlichen und unschuldigen Hebungen, die sie bis jetzt glücklich gemacht hätten, ebenso­wenig achten und schätzen, als sie feiner Tätigkeit auch nur mit dem geringsten Verständnisse $u folgen vermöge.

Landolt fing an zu begreifen, wie sie es meine und was sie be­unruhige, und er sagte, mild ihr zusprechend, seine Hebungen seien ja nur ein Spiel, gerade wie die ihrigen, und eine Nebensache, auf die es gar nicht ankomme. Allein seine Worte machten die Sache nur schlimmer unb Barbara eilte in größter Aufregung aus dem Zimmer, suchte ihre Eltern auf unb begehrte roeinenb nach Hause gebracht zu werben. Be­stürzt und ratlos wurde sie von den Anwesenden umringt; auch Landolt war herbeigekommen, unb wieder begann sie ihre seltsamen Erklärungen. Es stellte sich deutlicher heraus, daß sie dem, was sie quälte, eine viel größere Wichtigkeit beilegte, als der unschuldigen Anspruchslosigkeit eines so garten jungen Geschöpfes eigentlich zugetraut werden konnte; daß

aber die Hnfähigkeik, über sich selbst Hinwegzukommen und ein ihr Frem­des zu dulden, wohl großenteils einer gewissen Beschränktheit zuzu- schreiben sei, in welcher sie erzogen worden.

Alles Zureden Landolts und feiner Eltern half nichts; diejenigen des verzweifelten Fräuleins aber schienen eher ihre Bangigkeiten zu teilen und beschleunigten sorglich den Rückzug. Es wurde eine Sänfte bestellt, die Tochter hineingepackt, wo sie sofort das Vorhänglein zog, und fo be­gab sich die kleine Karawane, so schnell die Sänftenträger laufen moch­ten, hinweg, unter Verdruß und Beschämung der Landoltfamilie.

Am nächsten Vormittag ging Salomon, sobald er cs für schicklich hielt, in das Haus des Proselytenschreibers, um nach dem Befinden seines Kindes zu fragen und zu sehen, was zu tun und gut zu machen fei. Die Eltern empfingen ihn mit höflicher Entschuldigung unb fetzten ihm er­klärend auseinander, wie nicht nur der tiefgehende Naturkultus und die wilde Skizzenluft feiner Schildereien, sondern auch der Manequin, die Tiergerippe unb all' die anderen Seltsamkeiten das bescheidene Gemüt ihrer Tochter erschreckt hätten, und wie sie selbst auch finden müßten, baß solche ausgesprochene Künstlerlaune ben Frieben eines bescheidenen Bürgerhauses zu stören drohte. Heber diesen Reden, die den guten Talo- mon immer mehr in Verwunderung setzten, kam die Tochter herbei, mit verweinten Augen, aber gefaßt: sie reichte ihm freundlich die Hand und sagte mit sanften, aber entschlossenen Worten, sie könne nur unter der Bedingung die Seine werden, daß beide Teile dem Bilderwesen für immer entsagen und so alles Fremdartige, was zwischen sie getreten, verbannen würden, ein jedes liebevoll fein Opfer bringend.

Salomon Landolt schwankte einen Augenblick; doch feine Geistes­gegenwart ließ ihn bald erkennen, daß hier im Gewände unschuldiger Beschränktheit eine Form der Unbescheidenheit auftrete, die ben Haus- frieben keineswegs verbürge unb bas geforderte Opfer allzu teuer mache, unb er beurlaubte sich, ohne ein Wort zur Verteidigung feiner Mal­kapelle vorzubringen, von der Herrschaft, sowie von dem Wiedehopf und dem Herrn Antistes samt ihrem ganzen Gefolge.

Kaum war die übliche Trauerzeit über das Hinscheiden einer Hoffnung vorbei und der Zorn der Großmutter über die ,,saubere Anzettelung", hinter die sie schließlich gekommen, verraucht, so flog die Amsel daher als die unmittelbare Nachfolgerin obiger Grasmücke.

Halb Stadtwohnung und halb Landgut, lag in einer der Vorstädte mitten in schönen Gärten ein Haus, in welches Landolt nicht selten zu kommen pflegte, da er in demselben befreundet und auch wohl angesehen war. Als ein Wahrzeichen dieser Besitzung konnte gelten, daß auf einer hohen Weymouthsfichte, die in einer Gartenecke stand, das heißt auf der obersten Spitze dieses Baumes, jedes Frühjahr allabendlich eine Amsel saß und mit ihrem wohltönenden Gesänge die ganze Gegend erfreute. Bon dieser Amsel her benannte Landolt, nach seiner Weise, das nächst­liegende Merkmal zu ergreifen, das schöne Mädchen Aglaja, was übrigens auch fein Christenname, sondern eine weitere von ihm ersonnene Be­nennung ist, da er diesen Namen einer der drei Grazien mit dem Namen der Pflanze Agley, Aquilegia vulgaris, irrtümlich für dasselbe Wort hielt. Zu diesem Irrtum hatte chn der zier- und anmutsvolle An­blick der Agleypflanze verleitet, deren bald blaue, bald violette Blumen­glocken ihm ebenso reizend um die schwanken, hohen Stengel zu schweben und zu nicken schienen, wie die aschblonden Locken der Amsel ober Aglaja um deren Nacken.

Als er im vergangenen Frühling eines Abends an jenem Hause vor­übergegangen, war er einen Augenblick still gestanden, um dem Gesänge der Amsel zuzuhören, und hatte das schöne Wesen zum erstenmal unter dem Baume stehend gesehen. Es war eine Tochter des Hauses, die von mehrjährigem Aufenthalte im Auslande zurückgeholt worden. Seine Augen hatten sie sehr wohl aufgefaßt; da er aber damals just in ben Wenortgardifchen Handel verwickelt war, fo ging er feines Weges weiter, nachdem er den Hut gezogen hatte.

Jetzt war es Herbst geworden, und wie Salomon im milden Sonnen­schein am Saum eines Gehölzes hinstrich und eine verspätet blühende Agleye fand, dieselbe brach und betrachtete, fiel ihm plötzlich bas Mäd­chen unter dem Amselbaum ein, dessen er seither nie mehr gedacht hatte. Diese geheimnisvolle, unmittelbare Einwirkung der Blume erschien fei­nem vielgeprüften und noch suchenden Herzen wie ein spät, aber um fo klarer ausgehender Stern, eine untrügliche Eingebung höherer Art. Er sah die schlanke Gestalt mit dem gelockten Haupt deutlich gegenwärtig, wie sie eben mit gesenktem Blicke dem Gesänge des Vogels gelauscht unb nun die ernsten Augen auf den Grüßenden richtete.

Am Abend desselben Tages noch machte er in dem Hause zum ersten- mal feit geraumer Zeit wieder feinen Besuch unb blieb gegen drei Stun- den bei der Familie in guter Hnterhaltung. Aglaja faß still am Tische, mit Stricken beschäftigt, unb betrachtete Salomon ganz offen und auf­merksam, wenn er sprach; oder wenn ein anderer etwas Bemerkens­wertes sagte, sah sie wieder zu ihm hin, wie wenn sie seine Meinung hierüber ^erforschen wollte. Es war chm sehr wohl zu Mut, und als er fortging, ggb sie ihm mit einem festen Schlage die Hand und schüttelte die seimgf wiederholt, wie einem alten Freunde. Als er sie bald nachher auf der «Haße traf, erwiderte sie seinen Gruß mit einem leisen Lächeln berJJreubei über bie unverhoffte Begegnung, und nicht lange darauf sandte sie sogar eine schriftliche Botschaft an ben neuen Freund und fragte ihn,-ob er nicht der kleinen Weinlese beiwohnen möge, die soeben o u,nb Leiste abend mit einer bescheidenen häuslichen

Lustbarkeit ihren Abschluß finden würde. Gern sagte er zu und begab sich 3ur geeigneten Zeit, mit Feuerwerk versehen, nach dem halb länd­lichen Wohnsitze, wo eine Menge junger Leute und Kinder fröhlich ver- isiwwelt waren. Er machte sich mit feinen Raketen und kleinen Sonnen nützlich unb beliebt bei der aufgeregten Jugend; wiederholt tarn Aglaja, bte überall ordnete und sorgte, um ihre Freude über fein Kommen unb teine vortrefflichen Leistungen zu bezeugen; unb als es zum Üblichen Winzermahle ging, welches die Hausfrau, ihre Mutter, wegen Hnwohl- feins im Stiche lassen mußte, fetzte sie ihn unten an ben langen Tisch, aber neben ihren eigenen Platz. (Fortsetzung folgt.)