SietzenerZamilienbliitter
Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger
Jahrgang 1938 Montag, -en 3. Oktober Nummer 77
Christine von ÄNotti
Roman von Rolf Brandt
Copyright by August Scherl Nachfolger, Berlin
4. Fortsetzung.
Christine begann zu zeichnen. Sie zeichnete die Augen und den Haaransatz, und dann versuchte sie, diesen merkwürdigen ausgelöschten Ausdruck des Gesichtes auf das Papier zu bringen.
Der Professor ging von Tisch zu Tisch. Er zog eine Linie nach, er zeigte falsche Proportionen, er zeichnete auf den Block der Erika Helmann mit ein paar Strichen die ganze Figur.
Er sprach wenig. Zu dem Schweizer, der vvA allen besonders freundlich behandelt wurde, weil er die prachtvollsten Lebensmittelpakete bekam mit echter Schokolade, mit echtem Kaffee, echtem Tee und mit vielem Zucker, war er auch ganz kurz.
„Wenn Ihre Hand so zittert, werden Sie nie einen guten Strich bekommen. Denken Sie daran, wie Ihre Eltern in Zürich arbeiten müssen, damit Sie hier etwas lernenI Zeichnen und Malen, das sind ernste Sachen. Wenn Sie es so weitertreiben, muß ich an Ihre Eltern schreiben."
Der Schweizer, ein hübscher junger Mensch von einundzwanzig Jahren, sah zornig auf: „Wir sind hier nicht mehr auf der Schule, Herr Professor", sagte er.
„Gerade deswegen", sagte der Professor. „Wir sind im Leben, und da gibt es eben Künstler und Bummler."
„Es gibt auch Künstler, die Bummler sind."
„Vorläufig gehören Sie zu denen noch nicht!"
Zuletzt kam Professor Rottenbach zu Christine. Er hatte ihr bei der Begrüßung einen freundlichen Blick zugeworfen, aber kein Wort weiter e. Jetzt stellte er sich neben di« Staffelei und sah schweigend eine zu, wie Christine arbeitete.
„Das ist zu schwer, Fräulein von Rucktasch, was Sie da wollen! Sie sollen auch ganz etwas anderes hier lernen", sagte er nach einer Weile. „Sie wollen die Traurigkeit bannen. Sie sollen ober da die Linien zeichnen. Sie sollen lernen, den menschlichen Körper zu begreifen, den Uebcr- gang von der Schulter in den Arm, die Schatten unter den Brüsten, diese merkwürdige Schärfe, in der dort der Beckenknochen herauskommt."
Christine legte die Kohle neben ihren Platz. „Muß das fein?" fragte sie.
„Das muß sein", sagte der Professor. „Sonst malen Sie nachher, wie es die Weiber meistens tun, Menschen, die überhaupt nicht gehen können, und Bäume, die niemals wachsen. Wenn Sie schon das Auge zeichnen, würde das so sein."
Er setzte sich neben sie auf den nicht sehr breiten Schemel und nahm die Kohle. Er begann zu zeichnen, wischte, zeichnete, das Gesicht des jungen Modells entstand, und um den Mund war dieser wehe Zug, und um die Augen waren diese Schatten der Traurigkeit.
„Das wäre so ein bißchen das Gesicht", sagte er dann. „Aber das sollen Sie nicht zeichnen."
Er begann wieder den Stift über den unteren Teil des Blattes zu ziehen: „Sehen Sie, das ist der Rücken! Sehen Sie, so liegen die Beine, so setzt sich der Kopf an. Dabei müssen Sie versuchen, die Linien ungebrochen zu lassen. Ich weiß, man kann es auch so mit lauter kleinen Strichen erreichen, aber eigentlich muß man es in der Pfote haben. Frisch versucht! Fangen Sie an, Sie können es ja!"
Er riß das Blatt ab und wollte es zerknüllen. Christine sah ihn an. 3n ihren grauen Augen stand plötzlich eine Flamme der Bewunderung und die Zärtlichkeit einer Bitte: „Bitte nicht! Lassen Sie mir das Blatt!" Sie nahm sich zusammen: „Als Erinnerung an meine erste Stunde!"
Der Professor war erstaunt über die Lebendigkeit des Blickes und die Dringlichkeit der Stimme: „Schau, schau", sagte er und stand auf. „Das Kind brennt ja!"
Er scheitelte den Kopf und fuhr ihr dann mit seiner mächtigen Hand „über die Haare: „Also los, Fräulein von Rucktasch! Große, feste Linien wie der Großvater, nicht wahv?"
Christine wurde rot. Sie nahm den Kohlestift und maß sorgfältig die Entfernung. Sie visierte, und bann fuhr der Stift über das Papier.
Der Professor aber drehte sich nicht noch einmal um. Er stand jetzt neben dem blassen jungen Menschen, der immer noch ein paar Gramm •°(ei in der linken Hüfte trug. „Ganz gut, Kamerad", sagte er. „Es wird
schon werden! Uebermorgen fahren wir ganz früh alle nach Groß- glienicke, und dann könnt ihr wieder schmieren mit den verdammt schlechten Farben! Wir gehen zur Ziegelei und dann über die Wiese zum See. Außerdem gibt’s Fische dort zu futtern, was euch ja auch nicht unangenehm sein wird."
Um ein Uhr packen die Kollegen die Zeichenstifte und das Papier zu- sammn und binden die schmutzigen weißen Kittel ab. Der Professor tritt neben eine von ihm selbst gezeichnete riesige Karte des Kriegsschauplatzes, sie nimmt fast die ganze Rückwand des Ateliers ein. Mit einem langen Stock zeigt Rottenbach auf die einzelnen Orte.
„Dort ist Amiens! Amiens haben wir nicht bekommen! Da liegt domptegne. Gegen Compiegne sind wir seit zwei Tagen zum Angriff S?cien'n'’n diesen Wäldern" — er zeigt auf ein schraffiertes Gebiet südlich der Loire — „kämpfen augenblicklich unsere Kameraden! Der letzte Heeresbericht sagt, daß starke französische Tankangriffe bei Mery und Courcelles begonnen haben. Wir sind im Angriff, und der Angriff schreitet fort. Wir denken an unsere Kameraden an der Front!"
Er grüßt mit der rechten Hand und geht dann durch die Seitentür in sein kleines Wohnzimmer neben dem Atelier.
Sie fuhren mit dem kleinen Dampfer von Wannsee nach Kladow und wanderten dann über die Felder und Wiesen entlang einem lichten Kiefernwald zu der Ziegelei am Großglienicker See. Eine mächtige Kastanie stand vor dem alten, kleinen Gebäude. Eine junge, hübsche Wirtin kam heraus und brachte eine Riesenportion gekochter Börse mit einer grünen Petersiliensoße. Es gab reichlich Kartoffeln, denn nebenan begannen ja die Felder ...
. Hier war man ganz entfernt von Berlin, man merkte sein Atmen nicht mehr und nicht mehr die unsinnige Spannung, die durch alle Straßen der Stadt ging.
Der Professor war sehr schweigsam. Er nahm sich sichtlich zusammen, um überhaupt zu sprechen.
Die Mädchen lachen und sind glücklich über die reiche Mahlzeit, die drei jungen Leute machen steche Bemerkungen über das Modell von gestern und freuen sich, wenn es gelingt, die Bemerkung so kräftig zu gestalten, daß eine der vier Kolleginnen rot wird. Der Professor hört sich das ein Weilchen an. Eben will er mit einer humorvollen Bemerkung die saftigen Sätze der Malschüler abdämpfen, da sagt Christine: „Ihr seid heute unausstehlich albern! Wie ein Mädchen aussieht, wissen wir alle. Es ist lächerlich, über so ein armes, mageres Geschöpf auch noch dumme Bemerkungen zu machen. Wenn wir uns vertragen wollen, müßt ihr das lassen!"
„Hoho", sagt Heinrich Schüttewald, der weiß, daß er nicht allzulange zu leben hat, „warum sind Sie eigentlich nicht Oberlehrerin geworden, Rucktasch?"
„Weil ich Talent zum Malen habe!"
„Ich wohl nicht?" sagt Schüilewald.
„Das kann ich nicht beurteilen. Aber ich glaube, Sie hätten einen anderen Beruf'ergreifen sollen!"
„Welchen denn?" fragt der schmale, schwindfüchtige Mensch, indem er Christine frech ansieht.
„Mädchenhändler vielleicht", sagt Christine.
Schallendes Gelächter der ganzen Runde beendet den Wortwechsel. Christine winkt mit der Hand über den Tisch und reicht sie dann hinüber: „Wir wollen uns schon vertragen, Schüttewald! Cs ist wirklich unsinnig in dieser Zeit, wenn man sich auch noch zankt!"
„Bravo!" sagt der Professor.
Der Schweizer verteilt nach dem Essen seine guten Zigaretten und sieht Christine dabei aufmerksam an. Er hat bisher noch keine zehn Worte mit ihr gesprochen. Er findet sie häßlich. Jetzt sagt er nachlässig: „Sie sind frech, aber amüsant!"
„Ach", sagt Christine, „Sie haben es gut, denn Sie sind dumm!"
Der Schweizer bekommt ein rotes Gesicht: „Sie nehmen sich sehr viel heraus, finde ich! Sie glauben, Sie könnten das, weil Sie die Enkelin eines berühmten Malers sind? Wissen Sie, was das'ist? Das ist eine Chaiberei!"
Christine lacht: „Lieber Gottstied Demfi, es ist eine Chaiberei, aber recht habe ich doch!"
Sie rannte schon mit dem letzten Satz den schmalen Weg zwischen den Wiesen hinab zum See. Oemll stürzt ihr nach. Er rannte, als ob es darum ginge, einen neuen Rekord für die hundert Meter aufzustellen. Aber Christine konnte sich auf ihre langen Beine gut verlassen. Sie gewann schnell an Boden. Da war der kleine Graben, der zwischen ^dem Groß- glienicker und dem Sakrower See fließt. Mit einem Satz schwang sich ihr leichter Körper von Böschung zu Böschung. Der Schweizer machte halt. Um eine Handbreite wäre er mit den schönen neuen Schuhen in das gelbe fließende Wasser getreten.
Die ganze Gesellschaft kam jetzt herausgesaust. Der Professor ging ein paar Schritte nach links hinauf, wo ein kleiner Akazienwald begann. Er


