Jahrgang 1957
Hreitag, den 1. Oktober
Nummer 76
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die Mauer, zog sich dort herauf, lief am Haus entlang und endigte auf einem Holzstall, in dem das Holz so exakt ausgestellt war wie Bücher eines Bibliophilen. Das Pflaster des Hofes wies seine schwärzlichen Flecken, die mit der Zeit durch Moose, durch den Mangel an Verkehr entstanden waren; die dicken Mauern zeigen ihr grünes Kleid, das mit langen braunen
frisch und rosig gewesen war, waren etwas angeschwollen nach den Blattern, die milde genug aufgetreten waren, um keine Narben zu hinterlassen, die aber die Sammetweiche der Haut zerstört halten; "immerhin war ihre Haut noch so zart und sein, daß der reine Kuß^hrer Mutter vorübergehend einen roten Fleck auf ihr abzeichnete. Ihre Nase war ein bißchen zu stark, aber sie paßte zu einem kirschroten Mund, der strahlte vor Liebe und Güte. Ihr Hals besaß eine vollendete Rundung. Ihr voller Busen, der sorgfältig verhüllt war, zog den Blick an und beschäftigte die Phantasie; doch fehlte ihm gewiß etwas von der Anmut, die der Kleidung zu verdanken ist. Aber für Kenner mußte die Straffheit dieser hohen Büste ihren Reiz haben. Eugenik war groß und stark und besaß nichts von der Hübschheit, die der Menge gefällt. Aber sie war schon von dieser Art deutlicher Schönheit, die nur die Künstler lieben. Der Maler, der hienieden einen Typus der himmlischen Reinheit der Maria sucht, der von dem ganzen weiblichen Geschlecht die bescheiden stolzen Augen verlangt, die Raffael erraten hat, die jungfräulichen Linien, die oft den Zufällen der Empfängnis verdankt werden, die aber nur ein christliches und züchtiges Leben bewahren und erwerben kann; der Maler, der in ein so seltenes Modell verliebt ist, hätte auf einmal in Eugenies Gesicht den angeborenen Adel gefunden, der von sich selbst nichts weiß; er hätte hinter einer ruhigen Stirn eine Welt voll Liebe erkannt und im Schnitt der Augen, in der Haltung der Lider etwas Göttliches. Ihre Züge, die Umrisse ihres Hauptes, die der Ausdruck der Lust noch nie entstellt oder ermüdet hatte, glichen den Linien des Horizonts, die in der Ferne von stillen Seen sanft abgeschnitten werden. Diese ruhigen, frischen
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um den Kops, achtsam, daß sich kein Härchen aus den Flechten loste, und Lab ihrer Frisur eine Symmetrie, die die schüchterne Treuherzigkeit ihres Gesichts erhöhte, weil sie die Einfachheit des Zubehörs mit der kindlichen Liebenswürdigkeit der Hauptlinien in Uebereinstimmung setzte, während l ie sich tüchtig die Hände in klarem Wasser wusch, das ihre Haut rauh und rot machte, betrachtete sie ihre hübschen runden Arme und fragte sich, was ihr Vetter nur anstellte, um so weiche weiße Hände und so schön gepflegte Nägel zu bekommen. Sie zog neue Strümpfe und ihre hübschesten Schuhe an. Sie schnürte sich sorgfältig, ohne ein Schnürloch auszulassen. Und da sie zum erstenmal im Leben den Wunsch hatte, vorteilhaft auszusehen, wußte sie das Glück zu schäben, daß sie ein neues Kleid hatte, das hübsch war und ihr gut stand. Als ihre Toilette beendet war, hörte sie die Uhr der Psarr- iirche schlagen und zählte zu ihrer Verwunderung nur sieben Schlage. iUm ja die nötige Zeit zu haben, sich sorgfältig anzuziehen, war sie zu früh aufgestanden. Da sie die Kunst nicht kannte, zehnmal eine Haarlocke wieder jit die Hand zu nehmen und ihre Wirkung auszuprobieren, verschränkte Sugenie ganz einfach die Arme, setzte sich ans Fenster und blickte auf den Hos hinaus, auf den engen Garten und die hohen Terrassen, die ihn uver- agten; eine melancholische, eng begrenzte Aussicht, der aber nicht die ge- leimnisvolle Schönheit der einsamen Orte und der ungepflegten Natur "Alte. In der Nähe der Küche befand sich ein Ziehbrunnen mit steinernem Geländer, dessen Rolle von einem Arm aus gebogenem Eisen gehalten wurde, um den sich ein Weinstock mit verwelkten, roten, vom Sommer versengten Rauken schlang; von hier aus erreichte das gekrümmte Rebenholz
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Reize in dem Anblick dieser Dinge, die vorher Jen waren. Tausend verwirrte Gedanken ent» >id nahmen dort innen in dem Maße zu, wie t Sonne. Am Ende verspürte sie eine Regung unbestimmter, unerklärlicher Lust, die das geistige Sein einhüllt, wie eine Wolke das körperliche Sein einhüllen könnte. Ihre Betrachtungen klangen zusammen mit den einzelnen Tönen dieser sonderbaren Landschaft, und die Harmonien ihres Herzens schlossen einen Bund mit den Harmonien der Natur. Als die Sonne ein Stück der Mauer erreichte, wo Frauenhaar in dicken wie Taubenhälse schillernden Blättern herabsiel, da beleuchteten himmlische Strahlen der Hossnung für Eugenie die Zukunft, und sie liebte es von jetzt ab, dies Mauerstück zu betrachten, seine bleichen Blumen, seine blauen Glocken, seine verblühten Gräser, mit denen sich eine Erinnerung vermischte, anmutig, wie die an die Kindheit. Das Geräusch, das in diesem widerhallenden Hof jedes Blatt hervorbrachte, das sich von seinem Zweig löste, antwortete aus die geheimen Fragen des jungen Mädchens, das dort den ganzen Tag hätte sitzen können, ohne das Fliehen der Stunden zu merken. Plötzlich wurde ihr Herz stürmisch bewegt. Sie erhob sich ein paarmal, stellte sich vor den Spiegel und betrachtete sich, wie ein ehrlicher Schriftsteller sein Werk betrachtet, um sich zu kritisieren und sich selbst zu schelten.
„Ich bin nicht schön genug für ihn!", das war Eugeniens Gedanke,
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chöhlten Steinen erhob sich ein Zaun von bet» halb verfallen war, an dem sich aber Kletter» umschlangen. Zu jeder Seite der weitlückigen >elte Apfelbäume ihre krummen Zweige vor. vorfene Wege, die voneinander durch viereckige, eingefaßte Beete getrennt wurden, bildeten n der Terrasse ein Dach von Linden abschloß. leersträiicher, auf der andern ein ungeheurer jus zum Kabinett des Böttchers herabhingen.
: schöne Sonne der Herbsttage an den Usern r zu zerteilen, mit der die Nacht die malerischen ie Pflanzen überzogen hatte, die diesen Garten
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Eugenik Hrandet
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Gießener ZamilienbMer
Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger
Gewitter voraussieht, hatte sie aus niirnerklichen Anzeichen den inneren Sturm geahnt, der Grandet bewegte, und, um einen Ausdruck von ihr zu gebrauchen, in solchem Fall „stellte sie sich tüt“.
Grandet blickte auf die innen mit Blech beschlagene Tür, die er zu seinem Kabinett hatte machen lassen, und dachte bei sich:
„Welch seltsamer Gedanke von meinem Bruder, mir sein Kind zu vermachen. Nette Erbschaft, das. Ich habe nicht Dvanzig Taler zu verschenken. Und was wären zwanzig Taler für diesen Gecken, der mein Barometer beguckt hat, als wenn er damit Feuer machen wollte."
Als er an die Folgen von diesem Testament des Schmerzes dachte, war Grandet vielleicht aufgeregter als sein Bruder in der Stunde, da er es niederschrieb.
„Ich soll diesen goldenen Rock . . .?" sagte Nanon und schlief ein, mit ihrer Altardecke bekleidet und träumte von Blumen, Stoffen, Damast zum erstenmal in ihrem Leben, so wie Eugenie von der Liebe träumte.
In dem unschuldigen und einförmigen Leben der jungen Mädchen kommt eine zauberhafte Stunde, wo die Sonne ihnen ihre Strahlen ins 'er; ichickt, wo die Blume ihnen Gedanken ausdrückt, wo das Klopsen des lernens. dLlll_Kvvk seine heiße Befruchtungskraft verleiht und die Gedanken
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Spuren gestreist war. Und die acht ©tuten, die sich im Hintergrund des Hofs befanden, waren jede für sich unter hohen Pflanzen verhüllt, wie das Grab ■ 'reuzzüge, den feine Witwe begraben hat. Ueber


