Brücke, sagt Barbe, die Brücke ... niemand wartet drüben
der Batterien und dem Ritt der Schwadronen: das Heer rückte zur ^Stunden vergingen. Im Rücken der Armee erhob sich die Sonne und überzog das verschneite Land mit rötlich glitzernden Schemen, die verfärbten sich langsam zu einem silbern blendenden Weiß, noch immer mar- chierte das Bataillon, an der linken Flanke durch eine schneeig blitzende Maelkette gedeckt, in den kalten Wintertag hinein, und noch war nirgends ein Feind zu sehen: weiß und leer erstreckte sich die Ebene ringsum.
Da trabten Meldereiter an der Kolonne entlang, hielten bei den Ofsi- üeren und Georg Wilhelm vernahm einige abgerissene Worte: Kiefern- bera — Sagschütz — Gohlauer Graben — Leuthen. Zugleich erdröhnte die Helle Mittagsluft von dem Donner eines Wintergewitters, aber der Donner hielt an, die Salven der Musketen fuhren dazwischen und von einem fernen Gebraus war der Raum unter dem hohen, lichtblauen
Bewegung durchzuckte die marschierenden Reihen, und im Herzen Georg Wilhelms erstanden noch einmal die blühenden Traume von ckugm, Ehre und Heldentum — und versanken sogleich und zerstoben ms Weite; denn aus der Schlacht kehrten die ersten Verwundeten zuruck.
Da mußte Georg Wilhelm sie ansehen, wie sie daherkamen ein Haufen des Elends, wie sie sich dahinfchleppten, sich auf Gewehre und Baumaste stützten, er mußte die blutdurchnetzten Leinen sehen, die sie um Stirnen und Hände gebunden hatten, er mußte ihr Wimmern und Stöhnen Horen und in ihre verzerrten Gesichter und erschöpften Augen schauen da sah der Junker die vom Sterben Gezeichneten, die durch das Tor des Todes gegangen waren, und er erkannte, daß auch ihm dieser Weg drohte, daß er sich bereit machen und sich rüsten müsse: aber er vermochte es nicht, er verzagte. Er war damals noch sehr feige. Er blickte den Verstümmelten nach und schauderte vor der roten Spur, die ihr tröpfelndes Blut tm Schnee zurückließ. —
So feige war er, daß seine erste Schlacht in einem Taumel von Angst und Furcht unterging. Von dem Augenblick, als das Bataillon am "ach- mittaq den Sturm auf den Kiefernberg begann, wußte er nichts mehr. Es schien ihm, er sei — gestoßen, geschoben, mitgerissen und schreiend vor Feigheit — in den Rebel des Pulverdampfes hmemgelaufen, bis er einen dumpfen Stoß an der linken Schulter verspürte, fo dah pch |cin Blick verdunkelte, und er hinstürzte und hinabsank ins Bodenlose.
Das ist das Land des Todes, dachte Georg Wilhelm, als er zu sich kam; denn er lag inmitten schwarzer Säulen, die in einem dämmrigen, rauchenden Schein standen, und es ging über ihm ein Wehen und Klagen, ein Wimmern und Seufzen durch die traurige Luft; die Erde war mit einem schmutzigen Schnee bedeckt, aus dem sich die Umrisse verrenk.er Menschen erhoben: das waren Tote; zwischen ihnen lag Georg Wilhelm in einem Gehölz, sausend strich der Wind durchs kahle Geäst und darüber glitzerten die strengen Sterne des Winters. Als Georg Wilhelm sich aber rührte, als er neben sich eine kalte Hand ertastete und ein verkrustetes Menschenhaar, da brach die Wunde an seiner Schulter auf, und er fühlte sein Blut tröpfeln und entrinnen; da lag der Junker, ausgeworfen auf den Schnee, prcisgegeben dem Sterben, und hineingestoßen in das Tor des Todes: da fürchtete er sich, da begehrte er zu leben und schrie.
Run schwankte, als habe er’s durch sein Schreien herbeigerufen, ein Licht zwischen den Stämmen des Wäldchens daher, das Licht einer Laterne, die von jemandem getragen wurde: langsam kam sie auf den schreienden Junker zu und hielt vor ihm still. Dann wurde sie angehoben; sie beschien das blanke Fell eines Rappen, einen Reiterstiefel aus stumpfem Leder und ging dann an der Erscheinung eines Mannes hoch, der m einem abqesckeuerten, schäbigen Uniformrock im Sattel saß; zuletzt wurde ein schmales, furchiges Gesicht beleuchtet, in dem zwei erschreckend Helle Augen standen. Die blickten auf den Jüngling hinab, und der eingefallene verkniffene Mund zuckte verächtlich: „Was schreit Er da so? — Dir Schlackt ist gewonnen, — darum weine und flenne Er nicht, Mosjeh — sterb Er anständig, Junker!" — Dann sank die Laterne herunter, der Mann ritt weiter, das Licht schwankte zwischen den Bäumen, entfernte sich und verschwand. —
Sterb Er anständig, Junker! Das waren die Worte, die auf Georg Wilhelm einhieben und ihn Hochrissen wie Peitschenschläge. Da hatte er die Begegnung mit dem König gehabt, aber sie war anders geschehen, als er es sich daheim erträumt hatte. Darum stammelte er: „Zu Befehl, Majestät!". Darum stemmte er sich am nächsten Baum hoch, nahm sein Gewehr als Stab mit und taumelte dem schwankenden Licht nach, das den König begleitete, als er durck die Nacht ritt. Denn er wollte den König erreichen, wollte neben sein Pferd treten und ausrusen: „Ich verstehe es, anständig zu sterben!" und dann lautlos zusammenbrechen und hinsinken. —
Aber auch dieser Traum erfüllte sich nicht. Als Georg Wilhelm auf die Straße schwankte, die nach Lissa führt, geriet er in ein marschierendes Regiment, das den Fieberkranken auffinq, auf einen Wagen lud und ins nächste Spital brachte. Dort erst — nachdem die Kugel aus der Sckulter qezogen war und er langsam genas — erfuhr der Junker die Lehre dieser unvergeßlichen Nacht: Wenn der König gesiegt hat bei Leuthen, so darfst du nicht klagen; wenn die Schlacht gewonnen ward, hast du stille zu fein;- wenn du Ehre und Ruhm haben willst, so bewähre dick erst. —
Cs bleibt nur noch wenig von dem Fahneninnker Georg Wilhelm zu berichten. Er war bei allen Scklachten des Krieges dabei, aber jener Jugendtraum vom König, dem FeldherrnhUael und den bewundernden Generalen, der erfüllte sich niemals: Georg Wilhelm wurde keiner der großen Herren, von denen die Bücher erzählen; er rückte auf, aber er blieb ein bescheidener und mittelmäßiger Offizier bis an sein Ende. Seine Leute haben ihn verehrt und geliebt.
Er hat auch ein schlichtes und rühmloses Ende gehabt: er verzehrte sich an einem schleichenden Fieber und starb zu Hause in seinem Bett.
Auf seinem Grabstein stehen die Worte: „Selig der Mann, der die I Anfechtung überwunden hat."
Das Land zwischen der Hütte und dem Fluß, das müßte der Garten mCr@5 ist guter Boden da unten, sagt Gorm. Die Steine kann man leicht ^Die^Sonne scheint kräftig, in den Baumwipfeln rauscht es leise, unter der Eisdecke des Schnees murmelt unö tropft hastig das Schlneszwaffer.
Gorm überlegt mit schweren Stirnfalten: Ein paar Schafe, eine Kuh, wenn es gtücfte, Saatgut und Vorräte Wir haben viel Holz geschlagen, Semcken und ich, man könnte für den Lohn allerlei emtauschen.
Ach Gott, sagt Bärbe, ich ... wo ich zu Hause bin, da gibt es ein Erbteil für mich, und das ist alles, was du eben sagtest.
Gorms Herz tut einen Schlag und bleibt stehen .,
Es ist ganz einsam hier, murmelt er vor sich hm, kein Mensch weit
und breit, nichts ...
Wo ich herkomme, sagt das Mädchen in die warme singende Stille, da waren Menschen. Und darum mußte ich fort. .
Gorm zerstößt mit der Fußspitze den körn,gen Harsch Dabei öffnet er eine kleine Höhle, in der wieder so eine winzige Schneeblume steht.
Die Bäume um das Haus, sagte er, und es verschlägt ihm den Atem, die mutz ich jetzt Umschlagen für deine Brücke.
Ach, die aus mich.
Oie Feuertaufe des Fahnenjunkers.
Erzählung von Gerhard Bohlmann.
Der Fahnenjunker Georg Wilhelm von D. war kaum achtzehn Jahre alt, als ihm ein Erlebnis widerfuhr, das ihn in einigen Stunden um Jahre altern ließ und zum Manne reifte.
Es war in den ersten Dezembertagen des Jahres 1757, als er mit einem Ersatztransport aus Potsdam zum Heere Friedrichs II. geschickt mürbe, der in der Gegend von Breslau gegen die Oesterreicher operierte. Wie Georg Wilhelm damals aussah, zeigt eine Miniatur, die seine besorgte und stolze Mutter unfertigen ließ, bevor er zur Armee aufbrach; da erscheint ein Jüngling mit schmalem, edlem Gesicht und großen schwärmerischen Augen, aber um den Mund liegt ein weichlicher Zug, die weihe Perücke ist etwas zu zierlich gekräuselt, und das Jabot und die Spitzenmanschetten der Aermel zeigen eine eitle, fast weibliche Koketterie: ein Herrchen von Stand, ein Muttersöhnchen, das bisher nur die schonen Gärten des Daseins gekannt hat. Wie dieser feine, verzärtelte Jüngling dem Krieg in die Arme lies, wie der ihn aufgriff, anpackte, durchruttelte und umprägte, fo daß Georg Wilhelm aus einer Nacht als ein- neuer und verwandelter Mensch hervorging, das soll erzählt werden.
Georg Wilhelm glaubte nicht, daß er feig fei. Er fieberte der Schlacht entgegen wie einem berauschenden Fest, er träumte davon mit wachenden Augen, und es war immer dieses eine Bild, das er schaute:
Ein heißer Sommertag geht zu Ende, die Sonne steht tief und wirft einen roten Schein über die müde, grünende Landschaft, und die Schlacht Ist gewonnen; da wird er, der Fahnenjunker Georg Wilhelm, vor den | König geführt. Der steht, wie es ihm zukommt, auf dem Hügel, von dem aus er die Schlacht geführt hat, und er ist in weitem Umkreis von seinen Generalen umgeben. Als Georg Wilhelm herantritt und vor dem König salutiert, entsteht ein ehrfürchtiges Schweigen; die hellen Augen Friedrichs leuchten, er legt seinen Arm auf die Schultern des Jünglings und stellt ihn den Offizieren dar: „Dieser Junker, Messieurs", sagt er bewegten Tones, „ist der tapferste Ofstzier meiner Armee ..." So erträumt sich wohl ein Achtzehnjähriger den Beginn feines Ruhmes — denn die Jugend hat keine Zeit zu warten, um zu warten — und fo träumte auch der Fahnenjunker Georg Wilhelm von D.
Aber es geschah auch ihm, daß die Wirklichkeit alle Traumbilder zerstörte, denn als er in seinem Ersatztransport nach Breslau kam, war es harter Winter, und der Schnee pfiff und zirpte unter den Sohlen der Marschierenden. Auch gab es kein Quartier in Breslau; es hieß, der König brauche ieden Mann, jede Muskete, jedes Pferd: er fei gezwungen, die Oesterreicher zu schlagen, wo er ihnen begegne, eine Schlacht stehe nahe bevor. So mußten sie also weiter, und in einer Nacht, die von Schneedunst und eisig glitzernden Sternen erfüllt war, gelangten sie in das Lager von Kammendorf.
Da befand sich Georg Wilhelm nun bei der Armee Friedrichs des Großen, aber er wußte es kaum, denn es geschah nichts von dem, was sich der junge Held ersehnte: kein König erwartete ihn, kein General, um Den neuen Junker mit heißen Worten zu bewillkommnen. Aber er wurde von einem Feldwebel in ein Zelt geschoben, in dessen Dunkelheit er sich kriechend zurechltastete. Dort schliefen und schnarchten schon welche, er mußte sich zurechtkrümmen, und er lag auf einem fauligen, feuchten Stroh, das von den Dächern der Häuser gerissen war; und unter der Wärme der Schläfer zerschmolz der Schnee und sickerte als Wasser in Georg Wilhelms Montur, io daß er die kalte Nässe an seiner zarten Haut schaudernd empfand, ^uck mußte er das Gedünst der Schlafenden atmen, den Boden von durchseucktetem Tuch und Leder, von Schweiß und fettigen Haaren — er mußte erleben, daß an der Front der Adlige und der Bürger, der Fahnenjunker und der Musketier in den gleichen Zelten liegen, auf moderndem Stroh, auf der gleichen Erde: durch solche Erkenntnis wurde der junae Herr zerschlagen, es brachen einige Balken seines Seelen- gerüftes mfamnien, und er fühlte sich entwürdigt und gedemütlgt; doch es kam auch iogleich die Ermattung über Ihn: er schlief und ruhte und wußte nichts mehr.
In der Dunkelheit brachen sie auf und marschierten unter funkelnden Sternen in die Finsternis; unter den Sohlen knirschte der Schnee, und es schwang ein schwarzes Brausen in der mächtigen Lust vom Rasseln
verantwortlich: Dr. Hans Tbtzriot. — Druck und Derlag: Drühl sche Universltäts-Duch» und Steindrucken«!. R. Lanae, Gießen.


