Gesang der Geister über den Wassern.

Bon I. W. von Goethe.

Des Menschen Seele Gleicht dem Wasser;

Vom Himmel kommt es, Zum Himmel steigt es, Und wieder nieder Zur Erde muh es. Ewig wechselnd.

Strömt von der hohen Steilen Felswand Der reine Strahl, Dann stäubt er lieblich In Wolkenwellen Zum glatten Fels, Und leicht empfangen, Wallt er verschleiernd, Leis rauschend, Zur Tiefe nieder.

Ragen Klippen Dem Sturz entgegen, Schäumt er unmutig Stufenweise Zum Abgrund.

Im flachen Bette

Schleicht er das Wiesental hin, Und in dem glatten See Weiden ihr Antlitz Alle Gestirne.

Wind ist der Welle Lieblicher Buhler;

Wind mischt vom Grund aus Schäumende Wogen.

Seele des Menschen, Wie gleichst du dem Wasser! Schicksal des Menschen, Wie gleichst du dem Wind!

schmalen Fels-

Geschichte mit

Oer Karneol.

, Eine Erzählung von Johann Otto Bringezu.

Wo der Hunsrück in einem düsteren Vorberge des Idar-Waldes nach Süden steil in das Tal abstürzt, steht aus einer schmalen Fels­platte die Karneolschleife. Sicher ist, daß die wunderliche Geschichte nut dem Karneol, der in ihren Türsturz eingemauert ist, sich im Dreißig- jährigen Krieg zutrug, als das Erzstift Mainz für kurze Zeit sranzostich war; das mag um 1645 gewesen sein. Damals muß auch der Holunder­baum, der heute wie ein mächtiger dunkler Schirm das Holzdach uber- hängt, schon als ein stattlicher Baum geblüht haben, er mag jetzt also dreihundert Jahre stehen. . , , . .....

Damals hob der Schleifer zugleich mit dem jungen Holunderschoß- ling oben im Idar-Walde eine apfelgroße Steindrufe aus dem bröckeln­den Felsboden, wie sie in jener Zeit noch häufig waren. Sie hmgfest - im Wurzelballen des jungen Baums. Wie man sie auseinanderschlug, fand man in ihr einen Karneol von leuchtend blutroter Farbe, em Stück, wie es im Tale noch nie gesehen wurde. . , -

Der Stein blieb im Haufe als kostbares Schaustuck aufbewahrt Das Wasserrad, das den mannshohen Schleifstein trieb, brauchte nicht zu feiern; große und einträgliche Aufträge fanden den Weg rote von allein in das enge Tal und das niedrige Haus. ,

An einem Juniabend, da der Schleifer, nun schon Graukops und ein wenig müde, mit seiner Frau auf der geschnitzten Bank unter dem Holunder ausruhte, kam Geräusch von Wagenrädern und Rettern den Grasweg im Tal herauf. Rufe wurden laut und ^^e von Mannern die wahrscheinlich die Pferde antrieben die ihre Last au dem weichen Wege nur schwer bergauf ziehen konnten. Wie der ©4 f . . Tor trat, sah er einen scheren Reisewagen und ^ h°-bes Dutzend Reiter vor sich, die Zugpferde dampfend und mit Mernden Knien we die niedrigen Räder des breiten Wagens sich bis an die Achsen 'n den feuchten Grund eingewühlt hatten. Der Marschall des sran^ stich liers ber mit feiner Dame und mit deren Begleitern von Mainz nach Paris reifte, ordnete bereits an, wie das Giebelzimmer es o. r mit allem Notwendigen für die Dame *!er3u^lc^ . u;s möge sich mit feiner Frau für die Nacht anders emnchten h e-, die Dame bedürfe Ruhe, und wenn Kavaliere m der Scheu b r^ nachten müßten, könnten sie beide wohl im Schleifraun h Z "^aumroar das Fräulein van ihrem Kavalier in dasZimmer gleitet worden, als man bis auf den Hof die laute und etro h ent, der Dame hörte, die forderte, daß man unverzüglich den Baum ent fernen lasse, der mit seinen Blüten an chr Fenster schlüge, uno Deren Duft sie abscheulich und barbarisch fände, daß ihr jetz fch Schleifers °°r Schmerzen zerspränge. Sei eenun b« Anblick erkannte, 'n der großen Bestürzung über das Gehörte tm 9 . ober

daß für das Kostbarste nur gteich Kostbares geopfert w den durf^ war es nur Instinkt, der sie den Karneol aus ihrer T !ickädiat an der Fremden anbieten hieß, sie beschwörend den Baum unbefchadlgt seinem Ort zu belassen, weil die Wunderkrastt des . /

ärgsten Schmerzen lindere und vergehen mache. 4,

Fräulein herbeiließ, von dem Wunsche abzustehen, wofür am Ende wohl mehr die Kostbarkeit des schönen Kristalles der Grund war. als der Glaube an seine gepriesene Heilkraft.

Der Tag stand blau und sonnenglänzend über dem Tal, als die Reise­gesellschaft zur Weitersahrt gerüstet war. Es sehlte nur das Fräulein, das in Begleitung eines Junkers am frühen Morgen den Talweg auf­wärts gegen den Wald zu gegangen war,weil das Knarren des Wasserrades sie nicht hätte schlafen lassen". Der Kavalier schien ernpsind- lich gereizt, als ihm die Schleifersfrau dies ohne Arg erzählte. Die Dame fei jedoch trotz des gestörten Schlafes frisch und sehr heiter gewesen; sie habe auch den blühenden Holunder bewundert und ihre üble Laune vom vergangenen Abend gewiß ganz verloren. Diese gutgemeinte Schilderung diente aber nur dazu, die Erregung des Mannes noch mehr zu steigern, und wenn er sich auch tm Anfang zu höfischer Freundlichkeit und äußerer Ruhe zwang, als das Paar bald nach diesem Gespräch bei der Gesell­schaft eintraf, so war es doch offensichtlich, daß die Spannung, die schon am Abend über den Gästen zu liegen schien, sich eher verstärkt als ge­mildert hatte.

Den Junker, einen robusten Gesellen, focht dies wenig an; er wollte wohl die Blicke nicht sehen, mit denen der Kavalier ihn maß. Die Frau schien nicht geneigt, sich wegen der Freiheit, die sie sich genommen hatte, Vorhaltungen machen zu lassen, ein Hin und Her mit heftigen Worten, mit Vorwürfen und zuletzt mit kokettem Schmollen, ehe der Streit bei­gelegt war und man sich wieder nach dem Torplatz der Schleife zurück­fand, wo der Junker nur noch allein neben dem Reisewagen stand.

Das Ereignis, das sich nun zutrug, ist als Erzählung von Mund zu Mund in dem abgelegenen Tale lang lebendig geblieben. Die Frau trat zwischen die beiden Kavaliere, den großen Karneol in der Hand. Eie erklärte, daß sie den Zwist zwischen den beiden Herren aus Kava­liersart geschlichtet wissen wolle. Der Stein in ihrer Hand sei rote ihr die Schleifersfrau gesagt habe ein Wunderstein und von sehr großem Werte. Sie habe chn in der einen Nacht, in der sie ihn trug, so lieb gewonnen wie chr eigenes Leben. Daraus, daß sie ihn jetzt ebenso wie sich selbst als einen oder anderen Preis für den Ritter aussetze, der ihre Bedingung erfülle, möge man sehen, daß ihr der Kavalier wie auch der Junker gleich lieb sei. Die Bedingung? In der Nacht habe sie aus ihrem Fenster gesehen, rote die größte Blüte ganz oben in der Spitze des Holunders in sanftem rötlichem Licht geleuchtet hätte. Vielleicht habe sie auch nur den Schein des edlen Steines noch tm Auge gehabt, den sie. in der Hand hielt. Genug: wer ihr die Blüte bringe, an der ihr Herz hänge, gleichsam als wenn es verzaubert wäre, dem gehöre ihre Hand; der andere müsse sich mit dem Stein begnügen, der seinem Be­sitzer jeden Schmerz heilen würde, der ihn je befallen sollte. Nach den Worten der alten Frau.

Die Männer haben den Baum betrachtet, sich eine kurze Zeit bedacht und bann erklärt, daß sie bereit seien, den seltsamen Wunsch der Dame zu erfüllen; worauf sie beide davongegangen sind, der Junker auf die Schleife zu, der Ritter gegen den Hügel hin, der etwa zehn Schritte vom Hause entfernt, sich gegenüber an den steilen Bergsturz lehnt. Der Junker muhte auf das Dach der Schleife gestiegen sein, um die Blüte von hier aus zu erreichen, die vom Erdboden her nicht sichtbar war. Zugleich sah der Schleifer durch das Türfenster den Kavalier auf dem Hügel stehen, damit beschäftigt, feine schwere Pistole auf einen stark ge­gabelten Ast in Anschlag zu bringen gegen den Saum. Sei es nun, daß ber Junker bas Vorhaben des Ritters, die Blüte durch einen sicheren Schuß dem Fräulein vor die Füße zu legen, in feinem Mißtrauen und in feiner Eifersucht als einen Anschlag gegen sich selbst deutete, sei es, daß ihm der Plan des Gegners, auf diese Weise zum Ziel zu kommen, klüger erschien als der eigene, von der Höhe hinab auf den Baum zu springen, in dessen Krone die Blüte wie ein blaßpurpurner Stern schim­merte und daß er dem Nebenbuhler darum so ober so zuvorkommen wollte: der Echtester hörte kurz hintereinander zwei Schüsse fallen und sah die Blute leicht wie eine Flocke auf die Erde schweben, im gleichen Augenblick fiel das Fräulein mit einem gellenden Schrei zu Boden. Wie er jetzt zu helfen eilends aus der Tür lief, nach feiner Frau um Beistand für die Ohnmächtige rufend, kam es in jähem Fall vom Dach der Schleife herabgestürzt, schlug auf das Wasserrad, das die plötzliche Last ächzend dem Bach zu drehte, und glitt klatschend in den kleinen Teich, zu dem sich bas Gewässer unterhalb des Rades staut. In wilder Hast galoppierten nun auch die Reiter vom Waldrande her das Tal abwärts, wo sie Schatten gesucht hatten, sprangen von den Pferden und liefen den Hügel hinaus, von dem sie nach kurzem erschreckten Wortwechsel den Kavalier herabtrugen, einen blassen und stillen Mann; seine linke Brust war von Blut ganz übergossen. .

Auch den Junker sand man tot in den Wurzeln einer Kopfweide hängen wohin ihn das strömende Wasser getrieben hatte. Die Kugel des Kavaliers mußte ihn fast an derselben Stelle getroffen haben, wie fein Schuß den Gegner, nur war ihm das Gesicht von dem hohen S'urz auf das Rad noch wild zerrisien und zerschlagen. Es gab einen schnellen, burd) ben Schrecken fast überstürzten Aufbruch. Die Ohnmächtige, um bie sich bie Frau des Schleifers bemühte, ohne ihr helfen zu können, wurde in ihrem Wagen gebettet, die Männer legte man nebeneinander auf den Boden eines der Troßkarren, weil ein anderes Gejährt nicht zur Hand war, auf Decken, die der Wagen des Fräuleins entbehren konnte; beider Gesichter, denen der rasche Tod die Unrast noch nicht genommen hatte, mit der ein ungezügeltes Leben sie zeichnete, unter dem gleichen dunklen Tuche verbergend. So führte man sie den Weg zurück, den sie gekommen waren. *

Neben ber abgeschossenen Blüte, unter einer hochgewölbten Wurzel bes Holunders und ganz bedeckt von ben hellen Sternen ber Dolde, fand ber Schleifer ben Karneol, ber dem Fräulein aus der Hand geglitten sein mochte, als bas Unglück geschah. Der Baum hatte ihn geschützt, wie ber Stein in ber Nacht vorher den Saum; bies alles, der Wunsch der Dame nach dem Besitz der Kronenblüte und der schlimme Ausgang des Wettstreites ber Kavaliere, ließ sich nicht lösen von ber Bestimmung,