auch wieder nicht recht, schon deshalb nicht, weil es ein französisches Wort ist. Tante Adelheid ist eminent unfranzösisch."

Ah, ich versteh. Also komische Figur."

Auch das nicht so recht, Papa. Sagen wir einfach zurückgeblieben, vorweltlich."

Der alte Graf lachte.Ja, das ist in allen alten Familien so, vor allem bei reichen und vornehmen Juden. Kenne das noch von Wien her, wo man überhaupt solche Fragen studieren kann. Ich verkehrte da viel in einem großen Bankierhaus«, drin alles nicht bloß voll Glanz, sondern auch voll Orden und Uniformen war. Fast zuviel davon. Aber mit einem Male traf ich in einer Ecke, ganz einsam und doch beinah vergnüglich, einen merkwürdigen Urgreis, der wie der alte Gobbo der in dem Stück von Shakespeare vorkommt aussah, und als ich mich später bei einem Tischnachbar erkundigte, wer denn das sei, da hieß es': ,Ach, das ist ja Onkel Manchs«.' Solche Onkel Manasses gibt es überall, und sie können unter Umständen auch Tante Adelheid heißen."

Daß der alte Graf das so leicht nahm, erfreute die Töchter sichtlich, und als Jeserich bald danach das Teezeug brachte, wurde auch Arm­gard mitteilsamer und erzählte zunächst von Superintendent Koseleger und Pastor Lorenzen, danach vom Stechlinsee (der ganz überfroren, gewesen sei, so daß sie die berühmte Stelle nicht hätten sehen können) und zuletzt von dem Museum und den Wetterfahnen.

Diese waren das, was den alten Grafen am meisten interessierte. Wetterfahnen, ja, die müssen gesammelt werden, nicht bloß alte Dra­goner in Blech geschnitten, sondern auch allermodernste Silhouetten, sagen wir aus der Diplomatenloge. Da kommt dann schon eine ganz hübsche Galerie zusammen. Und wißt ihr, Kinder, das mit dem Museum gibt mir erst eine richtige Vorstellung von dem Alten und eine volle Befriedigung, beinah mehr noch, als daß ihm Melusine gefallen hat. Ich bin sonst nicht für Sammler. Aber wer Wetterfahnen sammelt, das will doch was sagen, das ist nicht bloß eine gute Seele, sondern auch eine kluge Seele, denn es is da so was drin wie ein Fingerknips gegen die Gesellschaft. Und wer den machen kann, das ist mein Mann, mit dem kann ich leben."

Man blieb nicht lange mehr beisammen; beide Schwestern, ziemlich ermüdet von der Tagesanstrengung, zogen sich früh zurück, aber ihr Gespräch über Schloß Stechlin und die beiden Geistlichen und vor allem über die Domina (gegen die Melusine heftig eiferte) setzte sich noch in ihrem Schlafzimmer fort.

glaube", sagte Armgard,du legst zuviel Gewicht aus das, was du das Aests^hijche nennst. Und Waldemar tut es leider auch. Er läßt auf seine Mark Brandenburg sonst nichts kommen, aber in diesem Punkte spricht er beinah so wie du. Wohin er blickt, überall vermißt er das Schönheitliche. Das Wenige, was danach aussieht, so klagt er beständig, sei bloß Nachahmung. Aus eignem Trieb heraus würde hier nichts der Art geboren."

Und daß er so klagt, das ist das, was ich so ziemlich am meisten an ihm schätze. Du meinst, daß ich, wenn ich von der Domina spreche, zuviel Gewicht auf diese doch bloß äußerlichen Dinge lege. Glaube mir, diese Dinge sind nicht bloß äußerlich. Wer kein feines Gefühl hat, sei's in Kunst, sei's im Leben, der existiert für mich überhaupt nicht und für meine Freundschaft und Liebe nun schon ganz gewiß nicht. Da hast du mein Programm. Unser ganzer Gesellschaftszustand, der sich wunder wie hoch dünkt, ist mehr oder weniger Barbarei; Lorenzen, von dem du doch soviel hältst, hat sich ganz in diesem Sinne gegen mich aus­ausgesprochen. Ach, wie weit voraus war uns doch die Heidenzeit, die wir jetzt so verständnislos bemängeln! Und selbst unser .dunkles Mittel- alter' schönheitlich stand es höher als wir, und seine Scheiterhaufen, wenn man nicht gleich selbst an die Reihe kam, waren gar nicht so schlimm."

Ich erlebe noch, lachte Armgard,daß du nen neuen Kreuzzug oder ähnliches predigst. Aber wir sind von unserm eigentlichen Thema ganz abgekommen, von der Domina. Du sagtest, ihre Gefühle widersprächen sich untereinander. Welche Gefühle?"

Darauf ist leicht Antwort gegeben. Erst beglückwünscht sie sich zu sich selbst, und hinterher ärgert sie sich über sich selbst. Und daß sie das muß, daran sind wir schuld, und daß kann sie uns nicht verzeihn."

Ich würde vielleicht zustimmen, wenn das, was du da sagst, nicht gar so eitel klänge ... Sie hat übrigens einen guten Berstand."

Den hat sie, gewiß, den haben sie alle hier oder doch die meisten. Aber ein guter Verstand, soviel er ist, ist auch wieder recht roeirig, und schließlich ich muß leider zu diesem Berolinismus greifen ist diese gute Domina doch nichts weiter als eine Stakete, lang und spitz. Und nicht mal grün gestrichen."

Und der Alte? Der wenigstens wird doch vor deiner Kritik bestehn."

,L> der; der ist hors de concours und geht noch über Woldemar hin­aus. Was meinst du, wenn ich den Alten heiratete?"

Sprich nicht so, Melusine. Ich weiß ja recht gut, wie das alles von dir gemeint ist. Uebermut und wieder Uebermut. Aber er ist doch am Ende noch nicht so steinalt. Und du, so lieb ich dich habe, du bist schließlich imstande, dich in solche Kompliziertheiten von Schwieger­vater und Schwager, alles in einem, und womöglich noch allerhand dazu, zu verlieben."

Jedenfalls mehr als in den, der diese Kompliziertheiten darstellt oder gar erst schaffen soll ... Also sei ruhia, freundlich Element."

33. Kapitel.

Das war in den letzten Dezembertagen; auf End« Februar hatte man die Hochzeit des jungen Paares festgesetzt. In der Zwischenzeit war seitens des alten Grafen erwogen worden, ob die Trauung nicht doch vielleicht auf einem der Barbyschen Elbgüter stattfinden solle; die Braut selbst war aber dagegen gewesen und hatte mit einer ihr sonst nicht "ignen Lebhastigkeit versichert: sie hänge an der Armee, weshalb sie ganz abgesehen von ihrem teuren Fromme! die Berliner Gar­

nisonkirche weil vorziehe. Daß diese, nach Ansicht vieler, bloß ein großer Schuppen sei, habe für sie gar keine Bedeutung; was ihr an der Garnisonkirche soviel gelte, das seien die großen Erinnerungen, und ein Gotteshaus, drin die Schwerins und die Zietens ständen (und wenn sie nicht drin ständen, so doch andre, die kaum schlechter wären) eine historisch so bevorzugte Stelle wäre ihr an ihrem Trautage viel lieber als ihre Familienkirche, trotz der Särge so vieler Barbys unferm Altar. Woldemar war sehr glücklich darüber, seine Braut so preußisch- militärisch zu finden, die denn auch, als einmal die Zukunft und mit ihr die Frage nach .Verbleib oder Nichtverbleib' in der Armee durch­gesprochen wurde, lachend erwidert hatte:Nein, Woldemar, nicht jetzt schon Abschied; ich bin sehr für Freiheit, aber doch beinah mehr noch für Major."

Aus drei Uhr war die Trauung festgesetzt. Schon eine halbe Stunde vorher erschien der Brautwagen und hielt vor dem Schickedanzschen Hause, dessen Flur auszuschmücken sich die Frau Bersicherungssekretärin nicht hatte nehmen lassen. Von der Treppe bis auf das Trottoir hin­aus waren zu beiden Seiten Blumenestraden aufgestellt, auf denen die Lieblinge der Frau Schickedanz in einer Schönheit und Fülle standen, als ob es sich um eine Maiblumenausstellung gehandelt hätte. Hinter den verschiedenen Estraden aber hatten alle Hausbewohner Aufstellung genommen, Lizzi, Frau Imme und sämtliche Hartwigs und natürlich auch Hedwig, die, nach ganz kurzem Dienft, vor etwa acht Tagen ihre Stelle wieder aufgegeben hatte.

Gott, Hedwig, war es denn wieder so was?"

Nein, Frau Imme, diesmal war es mehr."

' Fromme! traute. Die Kirche war dicht besetzt, auch von bloß Neu­gierigen, die sich, ehe di« große Orgel einsetzte, die merkwürdigsten Dinge mitzuteilen hatten. Die Barbys seien eigentlich Italiener aus der Gegend von Neapel, und der alte Graf, was man ihm auch noch ansehe, fei in feinen jungen Jahren unter den Carbonoris gewesen; aber mit einem Male hab er geschwenkt und sei zum Verräter an seiner heiligen Sach« geworden. Und weil in solchem Falle jedesmal einer zur Vollstreckung der Gerechtigkeit ausgelost würde (was der Graf auch recht gut gewußt habe), hab« er vorsichtigerweise seine schöne Heimat verlassen und sei nach Berlin gekommen und sogar an den Hof. Und Friedrich Wil­helm IV., der ihn sehr gern gemocht, hab« auch immer Italienisch mit ihm gesprochen.

Das Hochzeitsmahl fand im Barbyschen Hause statt, notgedrungen en petit comifö, da das große Mittelzimmer, auch bei geschicktester An­ordnung, immer nur etwa zwanzig Personen aufnehmen konnte. Der weitaus größte Teil der Gesellschaft fetzte sich aus uns schon bekannten Personen zusammen, obenan natürlich der alte Stechlin. Er war gern gekommen, trotzdem ihm die Weltabgewandtheit, in der er lebte, den Entschluß anfänglich erschwert hatte. Tante Adelheid fehlte.Trösten wir uns", sagte Melusine mit einer sie kleidenden Ueberheblichkeit. Selbstverständlich waren die Berchtesgadens da, desgleichen Rex und Czako, sowie Cujacius und Wrschowitz. Außerdem ein behufs Abschluß [einer landwirtschaftlichen Studien erst seit kurzem in Berlin lebender junger Baron von Planta, Neffe der verstorbenen Gräfin, zu dem sich zunächst ein Premierleutnant von Szilagy (Freund und früherer Regi­mentskamerad von Woldemar) und des weiteren ein Doktor Pusch ge­sellte, den die Barbys noch von ihren Londoner Tagen her gut kannten. Dem Brautpaare gegenüber saßen die beiden Väter, beziehungsweise Schwiegerväter. Da weder der eine noch der andre zu den Rednern zählte, so ließ Fromme! das Brautpaar in einem Toaste leben, drin Ernst und Scherz, Christlichkeit und Humor in glücklichster Weise ver­keilt waren. Alles war entzückt, der alte Stechlin, Frommels Tisch­nachbar, am meisten. Beide Herren hatten sich schon vorher ange- freundet, und als nach Erledigung des offiziellen Toastes das Tisch­gespräch ganz allgemein wieder in Konversation mit dem Nachbar über­ging, sahen sich Frommel und der alte Stechlin in Anknüpfung einer intimeren Prioatunterhaltung nicht weiter behindert.

Ihr Herr Sohn", sagte Frommel,wovon ich mich persönlich über­zeugen konnte, wohnt sehr hübsch. Darf ich daraus schließen, daß Sie sich bei ihm einlogiert haben?"

Nein, Herr Hofprediger. So bei Kindern wohnen ist immer mißlich. Und mein Sohn weiß das auch; er kennt den Geschmack oder meinet­wegen auch bloß di« Schrullenhaftigkeit seines Vaters, und so hat er mich, was immer das Beste bleibt, in einem Hotel untergebracht/

Und Sie sind da zufrieden?"

Im höchsten Maße, wiewohl es ein bißchen über mich hinausgeht. Ich bin noch aus der Zeit von Hot«! de Brandebourg, an dem mich immer nur die Französierung ärgerte, sonst alles vorzüglich. Aber solche Gasthäuser sind eben, seit wir Kaiser und Reich sind, mehr oder we­niger altmodisch geworden, und so bin ich denn durch meinen Sohn im Hotel Bristol untergebracht worden. Alles ersten Ranges, kein Zweifel, wozu noch kommt, daß mich der bloße Name schon erheitert, der neuer­dings jeden Mitbewerb so gut wie ausschließt. Als ich noch Leutnant war, freilich lange her, mußten alle Witze von Glaßbrenner oder von Beckmann fein. Beckmann war erster Komiker, und wenn man in Ge­sellschaft sagte: ,da hat ja wieder der Beckmann ..so war man mit seiner Geschichte so gut wie raus. Und wie damals mit den Witzen, so heute mit den Hotels. Alle müssen .Bristol' heißen. Ich zerbreche mir den Kopf darüber, wie gerade Bristol dazu kommt. Bristol ist doch am Ende nur ein Ort zweiten Ranges, aber Hotel Bristol ist immer prima. Ob es hier wohl Menschen gibt, die Bristol je gesehen haben? Viele gewiß nicht, denn Schiffskapitäne, die zwischen Bristol und Neuyork fahren, sind in unferm guten Berlin immer noch Raritäten. Uebrigens darf ich bei allem Respekt vor meinem berühmten Hotel sagen, unbe­rühmte sind meist interessanter. So zum Beispiel bayrische Wirtshäuser im Gebirge, wo man eine dicke Wirtin hat, von der es heißt, sie fei mal schön gewesen und ein Kaiser oder König habe ihr den Hof gemacht.

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