in edler Rührung der schönen Eminenz aufrechneten, daß er an sie gedacht, und alle delikaten Briefe vernichtet hatte, |o war naa; wenigen Wochen die Stimmung des Volkes für den Kardinal jo umgejchlagen, daß aus dem Habenichts, aus dem Maitreffenhalter und Verjchwender eine ver­folgte Unschuld geworden war. Je mehr sein Bild in Glanz und Rein­heit aus dem Spott und der Verachtung ausstieg, um so mehr sank das von seiner Gegnerin, der verbitterten, einsamen Königin zu Versailles, hinein.

Unterdessen hatte sich in der Bastille alles versammelt, was in den Handel verwickelt war; da saß als erste die La Motte, in Bar-sur-Aube gleich nach dem Kardinal verhaftet; der „edle Wanderer" Cagliostro mit seiner schönen Frau, die ihm bei seinen Wundertaten, die Männer zu bekehren, geholfen hatte, weil er mehr für die Frauen geeignet war; nachträglich wurden auch die Oliva und der Sekretär der inneren Ange­legenheiten, Retaux de Dillette, in Genf verhaftet; und nur der Graf La Motte verkaufte in England den Rest von seinen Diamanten unbe­kümmert weiter. Auch das Fräulein de la Tour saß da mit seiner Unschuld vom Lande, das aus den Wasserschalen des Cagliostro dem Prinzen Rohan eine andere Zukunft geweissagt hatte als diese. Und nur den Pater Loth, Hofmeister und auch Beichtiger im Stab der Gräfin de la Motte, ließ man frei und sicherte ihm Straffreiheit zu für jeden Fall. Der gab nun zwar das Beichtgeheimnis nicht, jedoch jo viel andere Geheimnisse zum besten, daß die Richter durch viele Tage den humorvollen Berichten dieses Mönches zuhörend, ein klares Bild des verwickelten Handels gewinnen konnten, das von dem blonden Sekretär Billette in allen wichtigen Punkten bestätigt wurde, am wichtigsten in dem Bekenntnis, daß er selber den Namen der Königin auf der Vollmacht geschrieben habe. — Weil die An­klage gegen den Kardinal nur aus die Fälschung dieser Unterschrift gestellt war, stand damit seine Unschuld fest; und was an Lächerlichkeit an ihm hängen blieb, wurde durch die Leiden seiner strengen Hast und durch den Haß der Königin ihm mild vergessen. So konnte er dem Urteilsspruch des Parlaments mit einer Ruhe entgegensetzen, die er durch eine nicht nur gespielte müde Gelassenheit auch äußerlich zur Schau trug. Sein Nierenleiden und die Strapazen der unendlichen Verhöre hatten ihn grau gemacht. Er hatte seine Träume für Frankreich begraben müssen, aber die Wehmut davon lag über ihm wie eine Gloriole. Ein Parlament, das ihn verurteilt hätte, wäre vom Volk zerrissen worden, so stürmisch nahm es mit dem Ende des Prozesses Partei für ihn.

Das kam Ende Mai nach einem öffentlichen Schlußoerhör im Parla­ment und wurde mit den Strafanträgen des Staatsanwaltes eröffnet. Wie wenn das Schicksal seinen Liebling für so viel Leiden entschädigen wollte, gab es die letzte Torheit des Hofes zu, daß der Antrag bei dem Kardinal auf schuldig und schwere Bußen lautete; was eine stürmische Entrüstung des Parlaments veranlaßte, das darin einen ministeriellen Eingriff erkannte und zurückwies. So leidenschaftlich eingeleitet begann die letzte Szene in diesem vieloerschlungenen Spiel, das alle Spieler noch einmal wie die Schatten im Traume Macbeths vorüber wandeln ließ:

Zuerst den schlanken und blonden Retaux de la Billette in schwarzer Seide den gewandten Sekretär, dessen damenhafte Hände so viel in dem Betrug bedeuteten, obwohl fein Teil am Spiel nur eine Dienerrolle war. Er spielte hier auf neues Engagement, weil feine alte Direktorin, bei der er sich bis zu Liebhaberrollen verstiegen hatte, verloren war; er tarn den Fragen fast zuvor in lebhafter Gewissenhaftigkeit und war glücklich wie ein Jagdhund, der belobt wird.

Danach als Primadonna des ganzen Spiels die Jeanne La Motte im blauen Atlaskleid mit schwarzem Hut; ganz die gestürzte Königin von Bar-sur-Aube, die ihre Richter wie die feindlichen Krieger musterte, in deren Gefangenschaft ihr echtes Blut der Valois geraten war. Sie mußte zwar in den Armenfünderstuhl, doch war sie klein und elegant genug, auch da noch mit der zierlichen Person zu wirken. Sie gab auf alle Fragen eine Antwort mit ihrer Hellen Schaufpielerstimme, die jede Silbe bis in den letzten Winkel des großen Saales trug; doch war es immer ein neuer Einwurf, höhnisch und kalt lächelnd vorgebracht. So hatte sie in hundert Verhören die Richter durch die Schlagfertigkeit ihres Geistes schließlich in Verzweiflung gebracht. Sie blieb bei keiner Sache, und ein Geständnis von ihr war wie ein Wort, das irgendein Verleumder ver­loren hatte. Auch heute brachte sie die Fragesteller zu einem verdutzten Schweigen, als sie zu einer anderen Sache beiläufig, aber klar betont, bemerkte, daß es merkwürdig sei, wie alle Schriftstücke, auch die Briese der Königin, die den Kardinal dach nur entlasten könnten, wenn sie Fäl­schungen wären, wie er behauptete, vorsichtig vernichtet worden seien? Zwar verdarb sie sich die stechende Wirkung dieser Frage selber durch die freche Behauptung, daß die Königin das Halsband in aller Form erwarben habe und noch besitze, wie der Kardinal wohl wisse. Doch gab es keinen der Räte im Saal, dem dieses anmutig aus blauen Augen blickende und höhnisch auflachende Persönchen mit feiner überhellen Stimme das ganze Teufelsspiel nicht verständlich machte. Und als sie endlich mit artigen Verbeugungen spöttisch lächelnd die Bühne verließ, atmete mehr als einer tief auf wie nach einem peinlichen Traum.

So daß es fast sinnbildlich schien, als auch der Armenfünderstuhl, darin sie gesessen hatte, entfernt wurde, ehe der Kardinal ins Bild ein­trat. Er war im Trauerkleid der Kardinäle, lang violett mit einem kurzen Kragen und dem bischöflichen Kreuz an der goldenen Kette. Er war nicht mehr die „schöne Eminenz", auch nicht der luftige Prinz Ludwig, er war von Krankheit und Verdruß gealtert, und nur die Würde, mit der er seine Hoffnungslosigkeit hier aufrecht erhielt, und die hohe, noch immer aufrechte Gestalt erinnerten daran, daß dieser Rohan der Liebling der verwöhnten Frauen gewesen war. Daß er nach der La Motte eintrat, war für ihn günstiger als das beste Zeugnis, so trat die Ruhe und die Bestimmtheit seiner Haltung aufs angenehmste in Erscheinung.

(Schluß folgt)

Das Herz.

Don Carl Spitteler.

Es kam ein Herz an feinem Jahrestage vor feinen Herrn, zu meinen diese Klage:

„So muß ich Jahr um Jahr denn mehr verarmen! Kein Gruß, kein Brieslein heute zum Erwärmen! Ich brauch ein Tröpslein Lieb, ein Sönnchen Huld. Ist mein der Fehler? Jst's der andern Schuld? Hab jede Güte doch mit Dank erfaßt und auf die Dauer niemand je gehaßt.

Noch ist kein Trauriger zu mir gekommen, der nicht ein freundlich Wort von mir vernommen. Wer weiß es besser, wie man Gift vergibt? Wer hat in Strömen fo wie ich geliebt?

Doch dieses eben schmeckt so grausam schnöde: Da, wo ich liebte, grinst die leerste Oede."

An seinem Schreibtisch waltete der Herr, schaute nicht auf und sprach von ungefähr: „Ein jeder wandle einfach seine Bahn. Ob öd, ob schnöde, ei, was geht's dich an? Was tut das Feuer in der Not? Es sprüht. Was tut der Saum, den man vergißt? Er blüht. Drum übe jeder, wie er immer tut, wasch deine Augen, schweig und bleibe gut."

Was von einem guten Buch gefordert werden muß.

Bon Friedrich Schnack.

Von Friedrich Schnack, dem Berfasser dieses Beitrages, den uns der Dichter zur Woche des deutschen Buches zur Ver­fügung stellte, erscheint in diesen Tagen im Propyläen-Verlag ein neuer Roman „Die wundersame Straße", auf den wir unsere Leser besonders aufmerksam machen.

Die Frage, welches Buch gut sei, wird nicht immer von jedem der Leser im gleichen Sinn beantwortet werden. Persönliche Zu- oder Ab­neigung, Liebe und Gleichgültigkeit, auch mangelhafte Erfahrung und mindere Kenntnisse in künstlerischen und menschlichen Dingen sprechen bei der Beurteilung eines Buches mit — lauter mehr oder weniger zu­fällige Entscheidungen, die keine sind und daher unverbindlich bleiben müssen, da sie aber den Wert, die dichterische Schönheit, die geistige Tiefe und den sittlichen Gehalt eines Werkes fo gut wie nichts aus- fagen. Der eine findet die Welt gut als schönste aller Welten, klopft gleichsam dem Schöpfer anerkennend aus die Schulter — der andere findet sie schlecht, als ein miserables Machwerk und beckmessert an ihr und ihrem Urheber, der es versäumt hat, vor der Weltgestaltung seine späteren Kritiker zu befragen.

Wird auf solche Weise das Wesen der Welt gedeutet? Ist sie gut, weil der eine mit ihr zufrieden — ist sie schlecht, weil der andere nicht zufrieden ist? Solche Urteile entziehen sich einer fachlichen Nachprüfung. Die Welt ist nicht dazu da, damit sie dem einen gefalle und dem andern mißfalle. Sie trägt ihren Lebenssinn in sich, und er ist ihr Geheimnis. Noch immer zieht sie ihre Bahn und lebt, während zahllose ihrer Kri­tiker auf Nimmerwiedeilehen dahin find.

Mit dem Buch verhält es sich beinahe ebenso. Es ist eine Welt für sich. So manche Dichtung der Vergangenheit wurde ebenso sehr bewundert wie abgelehnt — und trotz Ablehnung ist sie lebendig ge­blieben. Wie die kosmische Welt nicht deshalb geschaffen wurde, damit sie ein x-beliebiger zeitgehundener Betrachter anerkenne oder verurteile, fo auch nicht die in sich beruhende wesentliche Dichtung, das Buch als geistiges Wesen, das eine runde, wahre Einheit ist, eine Welt: wahr in ihrer höheren Wirklichkeit, wirkend in der Wahrheit, mag sie auch zu­weilen, der Art ihres Urhebers gemäß, noch so befremdend, eigentümlich und ungewohnt erscheinen. Unrecht würde dem Buch angetan werden, wollte man von ihm die Bestätigung der eigenen privaten Weltmeinung und Weltdeutung absordern, heute die des Lesers T, morgen die des P, übermorgen die des Z — je nach der geistigen oder gefühlsmäßigen Beschafsenheit seiner Leser. Ein solches Buch, das jedermanns Welt­meinung bestätigt, wäre unwahr, verlogen, vieldeutig und verderblich. Ein gutes Buch darf nicht von dieser Art [ein.

Es ist keine Frage, daß die literarische Uebung, das handwerkliche Können von vielen, die schreiben, dazu benützt wird, keine „guten Bücher" hervorzubringen, Bücher, die — wie Stifter sagt — niedrige Zwecke anstreben oder die anmaßend sind, gefertigt von einem Verstand, der ebenso verantwortungslos wie herzlos ist. Solche Arbeiten werden niemals in das Geistesgut und (Erbe eines Volkes eingehen, weil sie nicht vor jenem unsichtbaren Ehrengericht bestehen können, vor dessen Schranken die Bücher und ihre Verfasser befohlen werden.

Somit ist also schon gesagt, was einem guten Buche eigen sein muß. Außer dichterischen und handwerklichen Vorzügen muß es Würde be­sitzen, Charakter, Ehrenhaftigkeit und innere Wahrheit. Im Mensch­lichen darf es keine Mängel aufweisen, an Leidenschaften darf es sich nicht schwächlich, unwürdig und ohnmächtig hingeben. Der Dichter muh mit ganzer Kraft feinen Bogen spannen und den Pfeil auf hohe Ziele richten. Wo Würde waltet, ist die Täuschung ferne. Wo Ehrenhaftigkeit sich behauptet, ist kein Ort für Lügner und Scharlatane.

Anderseits genügt freilich nicht zur Hervorbringung eines guten Buches der Blick auf ein hohes Ziel. Mit niedrigen kümmerlichen Mitteln wird es nicht erreicht. Im dichterischen Lebensbereich ist der charakterlose Macher und begabte Erkünstler ebenso widerlich, wie der charaktervolle, menschlich wertvolle, doch unbegabte Dilettant und Stümper. Verderblich wirken sie beide.