Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger
Nummer 41
Hreitag, den 29. Mai
Jahrgang |936
liches
Pfingsten.
Von Ruth Schaumann.
Gott Sohn ist heimgezogen Und rührt Gott Vaters Mund, Ein Täublein kam geflogen Aus dem verklärten Bund.
Aus Silber und Demanten, Mit Füßen rosenrot. Und seine Federn brannten Hoch über Welt und Tod.
Es fleucht die lautre Helle, Es rauscht ttn Lebensbaum, In meine dunkle Zelle Weht schon der weiße Flaum,
Gleich klaren Feuerzungen Auf Scheitel, Kleid und Stab, Bis ich das Lied gesungen, Die Hände ganz verschlungen Und angebetet hab'.
Frau Holles Schneidergesellen.
uer'sleckerl.
Im Augenblick nun, wo er das Mauerwerk mit beiden Händen erreichte, hob sich vor ihm eine Luke auf. Die schöne Magda wollte eben ausschauen, was die Winde trieben. Dabei ist em Fremder leibhaft an ihr vorbei ins Dunkel gesprungen, und es hat ein doppelt furchter- Erschrecken gegeben. Weil die Luke gleich wieder zusiel, hat der der sie nämlich als Falle des Bösen ansehen müssen; die schone Pfingstbräutigam sei gekommen. Jeder wen, lieber sein Leben zu lassen, als
In der Nacht zu Pfingsten aber ist es geschehen, daß ein gewaltiger Frühlingssturm über das Land fuhr. Der hat den Turm so schlimm umbraust, daß das alte Sparrenwerk seufzte und das Mädchen zur Mitternacht auswachte. . , ^x. ..
Um die Stunde haben nun auch Frau Holle und viele Wlndischs rund um die Kirche Halt gemacht; es hat wie ein Komgslager aus- qssehen, soviel hohe Herren, soviel reitende Spielleute und mehr noch, so viele linke Jägerinnen und schöne Frauen liefen da durcheinander. Zwei Schneider dienten ihnen; ein junger, der vor Arbeit nicht em noch aus wußte, und ein alter, der auch von einem zum andern Ende des Lagers hüpfte und fein Garn anbot. Er hat dabei fo drollig ausgesehen, die Fräulein, denen der Frühling im Blut stecken mochte, haben ihn ge- qen->ckt und gehänselt und mit der Arbeit hingehalten. Sie haben es am Ende so arg getrieben, daß den Alten der Merger gepackt und er mit feiner Nadel um sich gestochen hat. Dabei hat der arme Schelm einer schönen Frau Wälde in die Fingerspitzen gestochen.
Gleich hat die ein großes Geschrei erhoben; der alte Schneider aber, der sah, was er angerichtet hatte, bekam eine entsetzliche Furcht um fein Leben und lief blind auf den Kirchturm zu, um sich drin zu
Schneider sie nämlich als Falle des Bosen anseyen müßen; oie jajone Magda aber vermeinte, der arge Pfingstbräutigam fei gekommen. Jeder der beiden hat sich also oorgenommen, lieber fein Leben zu lassen, als dem andern nachzugeben, und als die zwei nur eben um sich tafteten und einander spürten, find sie in Todesängsten aufeinander losgefahren. Aber die Jungfer, die behender war, ist dem alten Schneider uberge- kommen und hat ihm beim Fechten Mantel und Hut abgerissen.
In des Schneiders Hut und Mantel aber stak seine Kraft zu fliegen, und als die Dirn noch voll Zorn und Furcht lauerte, daß der Bose zum andern Mal gegen sie führe, hat sie gemerkt, sobald sie die Arme nur ein wenig hob, daß ihr Kopf schon an das Turmdach rührte. Das war so wunderbar, sie versuchte es wieder und wieder und hat dabei begriffen, welche Macht sie gewonnen hatte.
Da hat die Jungfer sich des Schneiders Mantel und Hut fest über den Kopf gezogen, hat sich leise bis zur Dachluke gehoben und nach draußen geschwungen. Und sie ist wie ein Fisch ms Wasser lustig m die Lust hineingesprungen, herrlich war es, nach der langen Zeit irn Turm durch die Lust zu schweben.
Auf einmal aber ist sie unter vielen unbekannten Leuten gewesen, und weil sie vor dem kalten Wind den Kragen noch fester angezogen und den Hut noch tiefer in die Stirn gedrückt, hat kein Wachter sie an- gehalten; jeder hat gemeint, es fei der alte Schneidergefelle, der da umging. Und ehe die Dirn recht verstand, was um sie im Gange war, ist Frau Holle auf sie zugekommen und mit ihr eine schöne wichtige Tochter, bie hat über ihren blutenden Finger geklagt und das Mädchen im Mantel bezichtigt, sie gestochen zu haben. Da war aber aud) ein junger Schneidergesell, der hat sich eingemengt, hat die Frau Wache besänftigen wollen und gemeint, fein Freund habe es doch gewiß nicht mit Willen
9 jrrau Holle hat während des Streites von einem zu andern geschaut und gelacht. Warum er, Bursch, einen alten Schneider in Schutz nähme, hat sie gefragt, er solle sich lieber um seinen Schatz tn Braunschweig tummerm Bursche da geseufzt und hat die Mütze gezogen das läge ihm schon lange auf der Seele und wenn er die hohe prau beim Wort nehmen und um Urlaub bitten dürfe — feine Vertraute sei nämlich aus der Stabt verschwunden unb niemanb wisse, wo sie sei.
Die schöne Frau hat bas Mädchen spitzbübisch angesehen, so daß dem sich das Herz im Kreise drehte über das Wiederfinden. „Sa nimm dir doch eine andere Liebste", agte sie zum Schneidergesellen. „Wer weiß, wo deine Braut geblieben i t."
Die schöne Magda hat die Lippen zusammengebissen, so hat es ihr herausfahren wollen. Aber sie horchte noch lieber auf die Antwort.
Ach", sagte der Bursch, „er könne die seine nicht vergessen, und wenn es'auch zehnmal so schöne Frauen gäbe." _
Da hat das Mädchen aufgestampft, obschon es vor der mächtigen Frau Holle stand. Ob er vielleicht schon eine Schönere gesunden hätte, hat sie gefragt. ...
Sie hat sich aber gleich sehr über ihre verräterische Stimme erschrocken; Frau Holle hat nämlich silbern zu lachen begonnen, noch ehe bie anbern von ihrem Erstaunen zu sich gekommen waren. Unb sie hat stink zum Ritt blasen lassen, ber Zug ist hochgefahren wie ein Wirbelwind, und die schöne Braunschweigerin hat mitkommen müssen, ob sie
Ihr könnt euch denken, daß Frau Holles Tochter viel Zwirn uno Tuch brauchen. Je schöner die Frauen, desto eitler, sagt eine alte Wahrheit; sie gilt auch für manche der Unirbifcfjen. Wenn daher solch Zug der wilden Schwestern übers Land braust, kann man tm (Befolge oft ein paar Schneibergefellen sehen, die mit Nadeln und Faden und mit wehenden Flattermänteln hinterdrein fahren muffen, was der Wmb hält Einige sagen, daß sie auf Ziegenböcken reiten muffen, und daß daher ber Name Meck für ihresgleichen kommt. Andere aber meinen, fie hätten von den schönen Frauen fliegende Mäntel bekommen, die
einmal^ roaren da nun auch zwei Schneidergefellen bei Frau Holle im Dienst, von denen war der eine ein alter Flicker, ber immer vergrämt unb verärgert war, weil die himmlischen Fräulein ihm viel Schabernack antaten, der andere aber war em junger, ber nichts wollte, als viel Selb oerbienen. Er hatte nämlich eine blutarme Dirn im Braunschweigischen lieb unb wollte sich rasch sein Heiratsgut erwerben. Aber o hübsch jenes Mädchen gewesen sein soll, so voller Eifersucht war es auch, und das macht schwach gegen böse Gedanken und gibt den Menschen in die Gewalt ber Bösen
So hörte einmal auch eine alte Zauberin von der schonen Magda — sa hieß des Schneiders Vertraute. Unb weil sie von ihrer Eifersucht wußte unb bas schlimme Weib gerade für seinen Sohn, einen stockdummen Fliegenkerl, eine schöne Frau suchte, .beschloß es, die arme Magda fortzuführen. Ja, als die junge Dirn eines Abends nur eben vor ihre Tür trat, — auf einmal kam ein greulicher Wirbelwind bie Straße herauf, packte sie unb trug sie hoch durch bie Luft von bannen. Nach einer alten verlassenen Kirche schleppte er das Mädchen unb sperrtt es in ben Turm. Der war so hoch, baß man bas Dorf unten kaum noch unterscheiben konnte; keine Treppe führte hmnieder und kein Ruf Drang von oben zu ben Menschen hinab.
Da mußte das arme Ding nun tn einer kleinen falten Kammer Hausen unb niemand half ihm beim Weinen. Nur die Zauberin kam zuweilen und brachte Brot und Spetfe, oder, wenn sie etwas Schones geraubt hatte, wohl auch Silbergeschirr ober feines Linnen für bie
U*3ue$fingften soll Hochzeit fein", sagte bie Bose dabeiunb redete vom Bräutigam, der nun bald kommen wurde. Aber die schone Magda weinte nur immerfort, sie wußte nicht mehr em noch °us, so traurig unb verlassen fühlte sie sich. Hätte nicht zuletzt noch die Glockenfrau, bie viele Stockwerke unter ihr im Gestühl hauste einen Weg zu ihr gesunden, sie wäre wohl gestorben vor Einsamkeit und Summer
Aber auch bie Glockenfrau wußte wenig von Frau Holle-1 Zug.und nichts vom Braunschweiger Schneibergesellen, auch hatte sie Furch vor der Hexe unb konnte nicht rasch genug mebersahren, wenn die schlimme Alte sich anmeldete. . ... k. raotnnnAnP
So kam ber Tag ber Hochzeit naher unb naher bie arme Gefangene wurde immer trauriger unb niemand hat ihr helfen können, weil st längst vor der Wett als verschollen galt
Ein Pfingstmärchen von Hans Friedrich Blunck.
,ß Frau Holles Töchter viel Zwirn und Frauen, desto eitler, sagt eine alte Wahr-


