Nummer 66
Zreilag, den 28. August
Jahrgang 1936
SiehenerZamilienbMer
Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger
s
FELIX TIMMERMAN
geheimnisvolles
das Blut schneller durch die Adern.
Gereizt arbeitete sie weiter an den irischen Spitzen, vier Töchter des Bürgermeisters Ossejan machte.
bewogen hatte; Zorn jagte ihr
Land, in dem sie wohnte.
„Ich muh nun essen", erklärte sie kurzerhand.
„Ich auch", sagte Pirruhn.
Sie nahm ein Stückchen Wurst aus dem Schrank und machte sich dann ein dünnes Butterbrot.
Er hing seine Pfeife an den Pfeifenhalter, begab sich zum Bauunternehmer Verteharen, um das „Einhorn" und das Blaue Haus in Ordnung bringen zu lassen, und erteilte Kato den Auftrag, sich sofort nach einem Mädchen umzusehen, das bei Anna-Marie im Blauen Hause dienen sollte. , „ . ....
Als er weg war, rang Adelaide ihre blassen, dünnen Hande, ote hatte das Bedürfnis, sich an Pirruhn zu rächen, weil er sie ein ganzes Jahr lang mit dieser großen Erniedrigung beleidigen und kranken würde.
Ihm das Haus verbieten? Aber das Haus gehörte Pirruhn, und er bezahlte die Mietei Im Beginenhof eine Wohnung nehmen?
Gleich schloß sie die runden Augen. . . .. .
Sie fühlte plötzlich, daß ihr ganzes Leben sich wie eine schwache Pslanze an Pirruhn klammerte, daß sein täglicher Besuch wie Bal,am auf die tiefe Wunde ihres Herzens wirkte.
Aber dennoch würde sie sich rächen!
Während sie die Veilchen im Weinglas betrachtete, dachte sie, wie angenehm es ihr fein würde, ihm von neuem ihre Liebe verweigern zu können.
Aber dazu muhte er sie noch einmal darum bitten.
Sie biß sich verzweifelt auf die Lippen; sie wußte, daß Pirruhn sie nicht ein zweites Mal bitten würde, wenn sie auch aus allem feine Liebe
Herz!"
Garten, wo die
erkannte. _ _ ..
Eine Stunde lang dachte sie darüber nach, und allmählich entdeckte sie die Möglichkeit, sich zu rächen, sie hatte das Mittel gefunden.
„Ich werde es so anlegen, daß er wieder um meine Hand. anhalten muß. und dann steche ich ihm von neuem den Dorn ins
Mit halbgeschlossenen Augen blickte sie in den kleinen Dornhecke unter einem frischen Regen zitterte, und ein Lächeln spielte dabei um ihre dünnen Lippen.
stumm gemacht. , . . .. _
Nun würde sie also doch kommen, und mit ihrem Aufwand und ihrem adeligen Titel Adelaide in den Schatten drängen. Ganz sicher wurde sie die Sommermonate im „Einhorn" verbringen, wo Adelaides Wiege gestanden hatte. Ihr Herz krampfte sich zusammen vor Eifersucht.
Ah! sie hätte fast Pirruhn heiraten können, nur um Anna-Marie das „Einhorn" wegzunehmen. Sie würde die Erniedrigung ein ganzes Jahr lang ertragen müssen; es war nicht auszudenken. Und an allem war Pirruhn schuld, der Anna-Marie durch seine Briefe dazu --------
er war es, der ihr die schöne Einsamkeit zerstörte. Der
die sie für die
Pirruhn bemerkte ihr mürrisches Wesen nicht, rauchte in Ruhe seine Pfeife und sagte ab und zu ein Wort über Anna-Marie und über das
Schattenrisse.
Abends ging Pirruhn wie gewöhnlich zum Delphin. s
Als er eintrat, saßen die Männer beim Kartenspiel. Van de Raft stano mit einem Glas Bier in der Hand daneben und guckte zu. Pirruhn hängte seinen Hut an den Kleiderhaken und stellte Anna-Maries Brief herausfordernd vor fein Glas Kavesbier. „(vb<irf,
Er hatte sich vorgenommen, sie lange raten zu taffen, um bann pl j ö)
triumphieren zu jagen, daß sie nun endlich käme, sie, von der schon so viel gesprochen worden war. Das sollte ein großer Tag werden!
Der Brief stand vor feinem Glase. Pirruhn rauchte tüchtig und wartete auf ihre Fragen. Aber keiner fragte, obwohl sie den Brief sahen: sie waren zu sehr mit ihrem Spiel beschäftigt. Nur Bruderherz betrachtete das Brieschen von weitem, die Adresse war von einer Frauenhand geschrieben; nein, das waren nicht die sehnlichst erwarteten Heiratspapiere, er seufzte und spielte weiter. . . .. s
Pirruhn wurde wütend; er erhob sich und ging tm Zimmer hin und her; er hüllte sich in Pfeifenrauch, knurrte und fragte dann plötzlich mit befehlender Stimme;
„Wißt ihr, was in diesem Brief geschrieben steht? .
Sie sahen ihn an, und alle fünf schüttelten gleichgültig verneinend bie D°ann weih ich es auch nicht!" schrie Pirruhn nahm den Bries an sich "setzte seinen Hut aus und verließ entrüstet das Zimmer; er tarn aber gleich wieder, um sein Glas Kaves auszutrinken; denn er hatte vier und einen halben Cent dafür bezahlt. Ohne sich weiter um die anderen zu bekümmern, lief er durch die Gaststube hinaus. . lnhon
„Er wird bei Adelaide wieder ein Haar m der Suppe gefunden haben", spottete Corenhemel. . . . .. . „ . .
„Nein er hat gedacht, daß wir sehr neugierig sein wurden , meinte wird wahrscheinlich wieder ein Bries von dieser Anna-Marie gewesen sein" sagte Livinus, einen Trumps ausspielend, ,chie hangt mir nun
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Laternen, die an einem quer über die Straße gespannten Tau hingen, und die Nachtlämpchen vor den Madonnenbildern ließen rote Schlangen m Er llebtt"dtt'Geräusche des Regens sehr; aus den Brücken blieb er stehen, um dem Rauschen auf dem Wasser zuzuhoren.
Nirrubn brummte vor sich hin: „Nicht einmal zu fragen, was dieser schöne Bries meldet! Die Kaffem! Die blöden Kaffem! Aber sie werden
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n T-, mit Stein«, tm» S»w°« 7 wald gewesen, wo die beiden Männer tue Tannen «emal hatten Sie duftete noch nach dem Terpentingeruch der Bäume und stickte letzt Hausschuhe mit einem springenden Hirsch für Livinus.
Birruhn freute sich, sie zu sehen. Ohne sie war kein Lachen tm Hause, er hätte sie nicht mehr entbehren mögen und liebte sie rote fein eigenes $'nEr tat alles um sie froh und glücklich zu machen, schrieb jede Woche ein paar Briese an ihren Kater, an Notare und Behörden von Paris; umsonst die Papiere tarnen nicht. Einmal hatte ,hr Vater Pirruhn ge- antwortet daß er seine Tochter nicht eher wieder anerkennen, wurde, bevor sie nicht endgültig mit Livinus gebrochen hatte; sonst durfte sie ^'"Das "machte out’ ©rain^b’Dr nicht den geringsten Eindruck. Sie fand, daß Pirruhn viel besser wäre als ihr Vater, und wollte eigensinnig warten bis sie volljährig märe, um Livinus zu betraten, den sie doch so sehr liebte; die Zeit schien ihr wohl ziemlich lang, aber um so großer ^S^mu^e" sich'neben Pirruhn setzen und vom Vierzelwald erzählen, und dann zeigte er ihr den Brief von Anna-Marie. .
Grain d'Or freute sich über alles, so auch über den m Aussicht gestellten Besuch Anna-Maries, und sie machte Pirruhn damit so glücklich, daß er ihr von seiner guten, alten Chartreuse einschenkte, womit er sonst ^Bevo^m zu Bett ging, gab er ihr einen flüchtigen Kuß auf bie roten Backen und ging bann mit bem Kerzenhalter in ber Hanb aus fern <5rf’fflrain'b’0r arbeitete weiter an ben Hausschuhen .
Atz Pirruhn mit ber weihen Schlafmutze über ben Ohren im Bett Ina fina er an ben Brief noch einmal gründlich burchzulestn. Er horte Eimin d'Or heraufkommen und später Livinus auf den Fußspitzen m das zweite Stockwerk schleichen. Pirruhn hatte dafür gesorgt, daß ihre 3iTrn,oroüte nu7'au?°einschl7fen, löschte mit den Fingern die Kerze aus^bie auf bem runben Nachttischschrankchen stand, und zog die weißen $et^4?»r0fnnnte nickt einschlasen vor Freude, weil er die Tochter seines alten freundes in seinem Hause würde empfangen dürfen. Was könnte e! ibr sagen'- Er wußte, daß seine Rede kurz und abgehackt war; für sie hatte er schöne, abgerundete Sätze sprechen mögen. Wie wurde er das anfangen?
Die Delphine
EINE GESCHICHTE AUS DER GUTEN ALTEN ZEIT Aus dem Flämischen übertragen von Peter Mertens /Insel-Verlag Leipzig
2. Fortsetzung.
Deshalb hatte sie mit einer gewissen Angst die erste Antwort Anna- Maries erwartet, und als es hieß, sie würde wahrscheinlich nicht kommen, war ihr ein schwerer Stein vom Herzen gefallen.
Sie war nahe daran gewesen, Pirruhn zu bitten, er mochte Anna- Marie nicht mehr ausfordern, zu kommen, aber der Stolz hatte sie


