Ja, sagte er, das habe Ich geschrieben. Es ist so lange her. In einer Nacht, die Pappeln vor meinem Fenster rauschten so, da schrieb ich es. Nein, bewahren Sie es wirklich wieder auf? Dank! Sie bewahren es wieder auf. Oh! brach er aus, ergriffen, und feine Stimme war ganz leise: zu denken, daß Sie mir so nahe sitzen. Ich fühle Ihren Arm an den meinen, es strahlt eine Wärme von Ihnen aus. Oftmals, wenn ich allein war und an Sie dachte, stör ich vor Erregung; aber jetzt bin ich warm. Als ich das letztemal zu Hause war, waren Sie auch damals herr­lich; aber jetzt find Sie noch herrlicher. Es find Ihre Augen und Ihre Augenbrauen, Ihr Lächeln —, nein, ich weiß es nicht, es ist alles zu­sammen, alles an Ihnen.

Sie lächelte und sah ihn mit halb geschlossenen Augen an, es blaute dunkel unter den langen Wimpern. Sie hatte einen warmen Schimmer. Sie schien eine Beute der höchsten Freude zu sein und griff mit einer unbewußten Handbewegung nach ihm.

Dank! sagte sie.

Nein, Victoria, danken Sie mir nicht, antwortete er. Seine ganze Seele strömte ihr entgegen, und er wollte mehr sagen, mehr sagen; es waren verwirrte Ausbrüche, er war wie berauscht. Ja, aber Victoria, wenn Sie mich ein wenig gern haben ... Ich weiß es nicht, aber sagen Sie, es sei so, selbst wenn es nicht so wäre. Seien Sie lieb! Ach, ich möchte Ihnen versprechen, etwas zu werden, viel zu werden, unerhört viel beinahe. Sie ahnen nicht, was ich werden könnte; manchmal grüble ich darüber nach und weiß, daß ich ganz voll ungeschehener Taten bin. Oft strömt es aus mir aus, nachts gehe ich in meinem Zimmer umher und finge, weil ich von Gesichten erfüllt bin. Neben meinem Zimmer liegt ein Mann. Er kann nicht schlafen, er klopft an die Wand. Wenn der Morgen graut, kommt er zu mir herein und ist wütend. Das tut nichts, ich schere mich nicht um ihn; denn dann habe ich so lange an Sie gedacht, daß mir ist, als seien Sie bei mir. Ich gehe ans Fenster und singe, es fängt an, ein wenig hell zu werden, draußen rauschen die Pappeln. Gute Nacht! sage ich zum Tag. Das heißt zu Ihnen. Jetzt schläft sie, denke ich, gute Nacht, Gott segne sie! Dann lege ich mich nieder. So geht es Abend für Abend. Niemals aber habe ich geglaubt, daß Sie so herrlich wären, wie Sie sind. Jetzt werde ich mich Ihrer so er­innern, wenn Sie abreisen; so, wie Sie jetzt sind. Ich werde mich Ihrer so deutlich erinnern ...

Kommen Sie nicht nach Hause?

Nein. Ich bin nicht fertig. Doch, ich komme. Ich reise jetzt. Ich bin nicht fertig, aber ich will alles tun, was möglich ist. Gehen Sie manchmal daheim im Garten spazieren? Gehen Sie abends aus? Ich könnte Die sehen, ich könnte Sie vielleicht begrüßen, weiter will ich nichts. Aber wenn Sie mich ein wenig gern haben, wenn Sie mich ertragen, mich leiden mögen, so sagen Sie ... Machen Sie mir die Freude ... Es gibt eine Palme, die blüht nur einmal in ihrem Leben, und doch wird sie siebzig Jahre alt, es ist die Talipotpalme. Aber sie blüht nur einmal. Jetzt blühe ich. Ja, ich verschaffe mir Geld und reise heim. Ich verkaufe das, was ich geschrieben habe; ich schreibe nämlich an einem großen Buch, und das verkaufe ich jetzt, gleich morgen, alles, was ich fertig habe. Ich bekomme eine ganze Menge dafür. Möchten Sie denn, daß ich heim­komme?

Dank, Dank! Verzeihen Sie mir, wenn ich zuviel hoffe, zuviel glaube, es ist so herrlich, ungewöhnlich viel zu glauben. Dies ist der glücklichste Tag, den ich erlebt habe ...

Er nahm den Hut ab und legte ihn neben sich hin.

Victoria sah sich um. Eine Dame kam die Straße herunter und weiter oben eine Frau mit einem Korb. Victoria wurde unruhig, sie griff nach ihrer Uhr.

Müssen Sie jetzt gehen? fragte er. Sagen Sie etwas, ehe Sie gehen, lassen Sie mich Ihre Stimme hören ... Ich liebe Sie und sage das nun. Don Ihrer Antwort wird es abhängen, ob ich ... Ich stehe also ganz in Ihrer Macht. Was ontroorten Sie?

Pause.

Er läßt den Kopf sinken.

Nein, sagen Sie es nicht! bat er.

Nicht hier, erwiderte sie. Ich will es da unten tun.

Sie gingen.

Man sagt, daß Sie sich mit dem kleinen Mädchen, mit dem Mädchen, das Sie gerettet haben, verheiraten werden; wie heißt sie?

Mit Camilla, meinen Sie?

Camilla Seier. Man sagt, daß Sie sich mit ihr verheiraten werden.

Soso. Warum fragen Sie danach? Sie ist noch nicht erwachsen. Ich bin in ihrem Heim gewesen, es ist so groß und reich, ein Schloß wie Ihr eigenes; ich bin oftmals dort gewesen. Nein, sie ist nicht erwachsen.

Sie ist fünfzehn Jahre alt. Ich habe sie getroffen, wir sind zu­sammen gewesen. Sie hat mir sehr gefallen. Wie reizend sie ist!

Ich werde mich nicht mit ihr verheiraten, sagte er.

So, nicht.

Er sah sie an. Ein Zucken lief über sein Gesicht. Aber weshalb sagen Sie das jetzt? Wollen Sie meine Aufmerksamkeit auf eine andere hin­lenken?

Sie ging mit raschen Schritten vorwärts und antwortete nicht. Sie befanden sich vor dem Haus des Kammerherrn. Sie nahm feine Hand und zog ihn mit ins Tor hinein, über die Treppe hinauf.

Ich will nicht mit hinein, sagte er halb erstaunt, halb verwundert.

Sie drückte auf die Glocke, wandte sich ihm zu, ihre Brust wogte.

Ich liebe Sie, sagte sie. Verstehen Sie das? Sie sind es, den ich liebe.

Plötzlich zog sie ihn hastig die Treppe wieder hinunter, drei, vier Stufen, schlang ihre Arme um ihn und küßte ihn. Sie bebte ihm ent­gegen.

Sie sind es, den ich liebe, sagte sie.

Oben wurde die Wohnungstür geöffnet. Sie riß sich los und eilte die Treppe hinaus.

IV.

Es geht auf den Morgen zu, der Tag graut, ein bläulicher zitternder Septembermorgen.

In den Pappeln im Garten rauscht es sanft. Ein Fenster geht auf, ein Mann lehnt sich heraus und summt. Er hat keine Jacke an, er sieht in die Welt hinaus wie ein unbekleideter Irrer, der sich heute nacht in vollen Zügen am Glück berauscht hat.

Plötzlich wendet er sich vom Fenster weg und blickt zu seiner Türe; es hat jemanö bei ihm angeklopft. Er ruft: Herein! Ein Mann tritt ein.

Guten Morgen! sagt er zu dem Eintretenden.

Es ist ein älterer Mann, er ist bleich und wütend und trägt eine Lampe, weil es noch nicht ganz hell ist.

Ich möchte es Ihnen noch einmal anheimstellen, Herr Müller, Herr Johannes Müller, ob Sie das vernünftig finden, stammelt der Mann erbittert.

Nein, antwortet Johannes, Sie haben recht. Ich habe etwas ge­schrieben, es fiel mir so leicht ein, sehen Sie, all das habe ich ge- schrieben, ich habe Glück gehabt heute nacht. Aber jetzt bin ich fertig. Ich öffnete das Fenster und fang ein wenig. Sie brüllten, sagt der Mann. Es war der lauteste Gesang, den ich je gehört habe, verstehen Sie. Und noch ist es mitten in der Nacht.

Johannes greift in seine Papiere auf dem Tisch, nimmt eine Hand­voll großer und kleiner Bogen.

Sehen Sie her, ruft er. Ich sage Ihnen, noch niemals ist es mir so leicht geworden. Es war wie ein langer Blitz. Ich habe einmal einen Blitz gesehen, der an einem Telegraphendraht entlang fuhr, Gott schütze Sie, es sah aus wie ein Laken aus Feuer. So ist es mir heute nacht zugeströmt. Was soll ich tun? Ich glaube nicht, daß Sie noch böse auf mich fein werden, wenn Sie hören, wie es zusammenhängt. Ich saß hier und schrieb, hären Sie, ich rührte mich nicht; ich dachte an Sie und war still. Da kommt der Augenblick, da ich nicht mehr länger daran denken kann, es wollte meine Brust zersprengen, vielleicht stand ich da auf, vielleicht stand ich auch im Laus der Nacht noch einmal auf und ging einige Male im Zimmer umher. Ich war so froh.

Ich hörte Sie heule nacht nicht so viel, sagt der Mann. Aber das ist vollkommen unverzeihlich von Ihnen, jetzt um diese Tageszeit das Fenster zu öffnen und derartig zu lärmen.

Jawohl! Doch, das ist unverzeihlich. Aber jetzt habe ich es Ihnen erklärt. Ich habe eine Nacht ohnegleichen hinter mir, müssen Sie wissen. Ich habe gestern etwas erlebt. Ich gehe auf der Straße und begegne meinem Glück, oh, hären Sie doch, begegne meinem Stern und meinem Glück. Wissen Sie. und dann küßt sie mich. Ihr Mund war so rot, und ich liebe sie, sie küßt mich und berauscht mich. Hat ihr Mund jemals so stark gezittert, daß Sie nicht sprechen konnten? Ich konnte nicht sprechen, mein Herz durchschüttelte meinen ganzen Körper. Ich ging heim und fiel in Schlaf; hier saß ich auf diesem Stuhl und schlief. Als es Abend wurde, erwachte ich. Meine Seele schwankte auf und ab in mir vor Stimmung, und ich begann zu schreiben. Was ich schrieb? Hier ist es! Ich war von einem seltsamen und herrlichen Gedankengang beherrscht, die Himmel öffneten sich, es war gleichsam ein warmer Sommertag für meine Seele, ich erhielt Wein von einem Engel, ich trank ihn, es' war berauschender Wein, ich trank ihn aus einer Granatschale. Hörte ich, ob die Uhr schlug? Sah ich, daß die Lampe ausbrannte? Gebe Gott, Sie verstünden es! Ich durchlebte das Ganze noch einmal, wieder ging ich mit meiner Geliebten auf der Straße, und alle wandten sich nach mir um. Wir gingen in den Park, wir begegneten dem König, ich zog meinen Hut vor ihm bis zur Erde vor Freude, und der König wandte sich nach ihr um, nach meiner Geliebten, denn sie ist so groß und herrlich. Wir gingen wieder in die Stadt hinunter, und alle Schulkinder drehten sich nach ihr um, denn sie ist jung und trägt ein helles Kleid. Als wir an ein rotes Steinhaus tarnen, gingen wir hinein. Ich folgte ihr über die Treppe hin­aus und wollte vor ihr niederknien. Da schlang sie die Arme um mich und küßte mich. Dies geschah mir gestern abend, länger ist es nicht her. Wenn Sie mich fragten, was ich geschrieben habe — es ist ein einziger unaufhörlicher Gesang an die Freude, an das Glück, den ich geschrieben habe. Es war gleichsam, als läge das Glück mit einem schlanken, lachenden Hals nackt da und wollte zu mir.

Ja, ich will wirklich nicht mehr länger mit Ihnen schwätzen, sagt der Mann ärgerlich und verzweifelt. Ich habe zum letztenmal mit Ihnen gesprochen.

Johannes hält ihn bei der Türe zurück.

Warten Sie ein wenig. Nein, Sie hätten sehen sollen, wie Ihnen gerade gleichsam ein wenig Sonne über das Gesicht glitt. Ich sah es jetzt, da Sie sich umwandten, es war die Lampe, sie roarf einen Sonnenfleck auf Ihre Stirne. Sie waren nicht mehr so verbittert, ich sah es. Ich öffnete das Fenster, allerdings, ich fang zu laut. Ich war ein froher Bruder aller Menschen. So geht es einem manchmal. Der Verstand stirbt. Ich hätte bedenken sollen, daß Sie noch schliefen ...

Die ganze Stadt schläft noch.

Ja, es ist früh. Ich will Ihnen etwas schenken. Wollen Sie es an­nehmen? Es ist aus Silber, ich habe es selbst bekommen. Ein kleines Mädchen, das ich einmal gerettet habe, hat es mir geschenkt. Bitte schön! Es gehen zwanzig Zigaretten hinein. Sie wollen es nicht annehmen? Ja so, Sie rauchen nicht, aber das sollten Sie sich angewähnen. Darf ich morgen zu Ihnen hinüberkommen und mich entschuldigen? Ich möchte gerne etwas tun, Sie um Verzeihung bitten ...

Gute Nacht.

Gute Nacht. Ich werde mich jetzt hinlegen. Ich verspreche es Ihnen. Sie sollen keinen Laut mehr hören. Und in Zukunft will ich mich besser in acht nehmen.

Der Mann ging.

Johannes öffnet plötzlich die Türe wieder und fügt hinzu:

Ja, richtig, ich reife jetzt ab. Ich vergaß es zu jagen.

(Fortsetzung folgt.)