" Wenn du nun aber wieder zur Erde hinabgestiegen, in den Sohlen und in deinem ganzen irdischen Menschen mit dem Erdboden wieder verbunden bist und Hunger und Durst verspürst, dann weißt du, daß ein Krug braunen Kiosterbieres und ein Stück Roggenbrot mit Landkäse das Rechte sind und nicht zum wenigsten in dieser Jahreszeit, die kräftig auch an die Kehle dringt.
Irgendwo.
Von Eleonore Lorenz. Irgendwo in der Welt dehnt sich ein Hügelgang, den Birken stehn entlang goldüberhellt — aber nicht hier!
Irgendwo in der Welt träumen die Augen weit über ihr Wälderkleid und goldnes Feld — aber nicht hier.
Irgendwo in der Welt wartet das Schöne, daß ich mich nicht gewöhne dem, was mich hält gefangen hier.
Kristin tanzt aus der Reihe.
Die Geschichte eines Vallellmädels.
Von MarL Stahl.
Der Ballettmeister in Trainingshose und quergestreiftem Sweater, der ihm das Anfehen eines Ringkämpfers von anno dazumal gab, stieß seinen Stock in regelmäßigen Abständen auf den Boden und rief: „Eins, groei — eins, zwei, — links, rechts, — links, rechtsI Immer weiter — eins, zwei —".
Sechzig Mädchenbeine fiepten in diesem Rhythmus hin und her, vor und zurück. Die Bühne lag im grauen Zwielicht des Vormittags und sah verstaubt und unfreundlich aus. Es war kalt, vom Schnürboden zog es schrecklich herunter und die Türen, die zu Garderoben, Büros und Requisitenkammern führten, verursachten jedesmal, wenn sie geöffnet wurden, einen solchen Zugwind, daß sich die Falten des schweren Plüschvorhangs ballonhaft aufblähten.
Der Ballettmeister fürchtete, daß er einen Schnupfen bekommen würde und schrie, zwischen feinem Taktieren, man solle, zum Donnerwetter, die Türen schließen. Aber niemand hörte darauf und er war noch ärgerlicher als sonst.
Als Vorletzte tanzte Kristin. Sie hatte den rechten Arm der Drittvorletzten auf die Schulter gelegt und hielt die linke Hand im Präsentier- grisf. Jedes der Mädchen hatte dieselbe Haltung und sie bildeten eine lebende Kette von Gliedern, die am Abend in voller Beleuchtung als innige und zärtliche Verbundenheit der ganzen Truppe gewertet werden würde. Da man aber erst probte und da das bestrickende Lächeln noch nicht Vorschrift war, konnte jede so grimmig und gereizt aussehen, wie sie sich fühlte.
Kristin war mindestens so unzufrieden, wie die übrigen neunundzwanzig, aber sie ließ ihrem Groll weder in Blicken noch in Worten freien Lauf, das unterschied sie von den andern. Sie blickte starr und unbewegt vor sich hin, obwohl es ihr sehr unangenehm war, den rechten Arm aus die Schulter Jeannettes legen zu müssen, die in dem vollen Gefühl der Schönheit ihrer neunzehn Jahre den üppigen Mund über dem brutalen Kinn zu einem Lächeln geöffnet hielt und dem Ballettmeister beziehungsvolle Blicke zuwars.
Plötzlich unterbrach sich der Ballettmeister, warf seinen Stock polternd aus die Erde, fuhr sich mit beiden Händen ins Haar und schrie: „Das ist ja entsetzlich, das ist ja wahrhastig furchtbarl Kristin, Sie tanzen schon wieder aus der Reihe. Das ist ja nicht zu ertragen!"
Er stöhnte, wischte sich den Schweiß von der Stirn und ließ sich auf ein Versatzstück sinken. „Treten Sie vor, Kristin", seufzte er.
Kristin trat vor. Sie war sehr bleich geworden, sie blickte den Ballettmeister starr an und sagte kein Wort.
„Also, da Sie immer eine Ausnahmestellung haben wollen, Kristin", sagte der Ballettmeister und belächelte seine Schlagfertigkeit, „so tanzen Sie einmal allein vor." Er kommandierte: „Links, rechts — eins, zwei — na also, geht ja großartig, ich begreife nicht, wieso Sie es in der Reihe nicht ebenso können."
„Ich kann so schlecht mit andern zusammen tanzen", murmelte Kristin.
Die Mädchen lachten auf, der Ballettmeister warf die Hände zum Himmel empor, als ob er die Blicke einer rächenden Gottheit auf Kristin herabrufen wollte. „Richt mit andern tanzen —", schrie er in einem theatralischen Flüsterton, „ja, um Gotteswillen, warum sind Sie denn ausgerechnet in eine Girltruppe eingetreten?"
Kristin konnte darauf nichts antworten, der Ballettmeister hatte eben recht. Sie hätte ja sagen können: „Weil ich mein Brot verdienen muh". Aber das war ihr zu dumm, weil es ja klar auf der Hand lag.
Es blieb dabei, daß zwischen Jeannette und Kristin ein unverhältnismäßig großer Zwischenraum war, der Herrn Braumüller zur Verzweiflung brachte. Kristin blieb eine Unmöglichkeit, sie tanzte viel zu eigenwillig, zu bewegt, ihr Gesicht war nicht in das vorgeschriebene Lächeln zu bringen und ihre Beine nicht zu der vorschriftsmäßigen, maschinenmäßigen Exaktheit.
Drei Tage vor der Premiere geschah, was der Ballettmeister gefürchtet hatte: Er wurde von dem verdammten Zug wirklich krank. Er fieberte, mußte ins Bett und die Girlherde war ohne Leitung.
Der Regisseur musterte resigniert die Girls, die wie auf eine Schnur gereiht angetreten waren. Erstens schwärmte er sowieso nicht für diese Tanzgattung und dann hatte er wirklich keine Zeit, um noch zuguterletzt ein Schock widerspenstiger Mädchenbeine zu drillen. Aber er mußte wohl, ihm war schon alles gleich, alles ging schief und überhaupt war das ganze Leben zum — nun, aus Anstand wollte er nichts weiter sagen.
Er klopfte also ergeben mit dem Feldherrnstab des Ballettmeisters auf den staubigen Boden und die sechzig Mädchenbeine setzten sich ruckartig in Bewegung. Der Regisseur war viel höflicher als Herr Brau« müller. „Meine Damen", sagte er, „Sie müssen die Absätze auf die Erde knallen, wie die Soldaten, es muß klingen, als ob eine ganze Front „Gewehr ab" macht — so — klatsch! — das war gut!"
Der Beleuchter in seiner Kabine ließ die Strahlen des Scheinwerfers über die Bühne spielen. Die grellen Kreise huschten über die Mädchen, die noch ungeschminkt in dem grellen Licht grünbleich aussahen. Einige hoben geniert den Arm vor das Gesicht, Kristin sah zu Boden.
Der Schein blieb zitternd auf ihr haften, wie das Licht einer kalten Wintersonne. Sie tanzte direkt in dem Kegel des Scheinwerfers, der Lichtkreis zuckte, zitterte, wich aber nicht von der Stelle.
„Was ist denn los", rief der Regisseur.
„Ich kann den Apparat nicht drehen", rief der Beleuchter herab, „etwas an der Geschichte ist kaputt."
„Auch noch!", knurrte der Regisseur. „So reparieren Sie doch", rief er nach oben und klopfte wieder mit dem Stock auf die Erde, „also nochmals — links, rechts — eins, zwei — schräg durch die Mitte!" Immer noch haftete der Schein auf Kristin, si? war von dem magischen Kreis umgeben, der sonst nur abends die Stars als eine Art Glorienschein begleitete. Man sah ganz genau jede ihrer Bewegungen, nicht ganz so exakt, aber so viel gelöster, so viel ernster, so weit mehr versunken.
Der Regisseur mußte, ob er wollte oder nicht, die Gestalt Kristins näher ins Auge fassen. Er sah sie zuerst abwesend an. Dann wurde er aufmerksam. Sie lächelte nicht, das fiel ihm zuerst auf. Sie war aber auch nicht etwa böse oder geärgert, wie sonst die Mädchen auszusehen pflegten, wenn sie nicht gerade stereotyp lächelten, denn ihre Gefllhls- skala war im allgemeinen von geringem Ausmaß.
Der Regisseur klopfte ab und rief: „Ach bitte, die Vorletzte dort — wie heißen Sie?"
„Kristin", sagte sie scheu und seufzte in sich hinein. Jetzt ging es wieder los! Die andern begannen in schadenfroher Erwartung zu lächeln.
„Aber bitte, treten Sie doch mal vor. Tanzen Sie doch mal allein." Kristin gehorchte. Der Regisseur rief dem Orchester etwas zu und es wurde eine andere Melodie gespielt. »
„Rach dieser Melodie, bitte, irgend etwas, was Sie wollen."
Kristins sonst so blasses Gesicht rötete sich. Sie lauschte nach der Musik hin wie nach einem fernen Ruf. Ihre Glieder bekamen ein selbständiges Leben, ihre Hände und Füße begannen wie beseelte Wesen sich zu regen und zu flattern, ihr überschlanker Körper bog und wand sich rankengleich, es war, als ob eine festgewurzelte Blume sich plötzlich aus dem schweren Erdreich löste und vom Winde getragen dahinschwebte.
Es war zum Staunen, was diese Kristin hergab. Die Mädchen wollten erst geringschätzig lächeln, aber bann packte sie bleicher Neid. Sie waren mißgünstig wie eine Hühnerschar, unter der plötzlich ein Pfau entdeckt wird. Sie hätten zu gerne dem Pfau die Federn ausgerupft, aber trotzdem wäre nichts daran zu ändern gewesen, daß diese Kristin eben ein Pfau war.
Der Regisseur, sonst so karg an Gunstbeweisen, geruhte sogar andeutungsweise in die Hände zu klatschen und Bravo zu rufen, als Kristin wieder in die Reihe zurücktrat.
Auf einmal tauchte der in einem dicken Schal vermummte Ballettmeister auf. Sein Kopf ruhte auf der Wollunterlage wie auf einer Tortenplatte. Die Angst von einem letzten Umschmeißen seiner ganzen Nummer hatte ihn nicht im Bett gelassen.
„Wir haben eine neue Solotänzerin, Herr Vraumüller", sagte der Regisseur, „ein wahres Juwel, ich wundere mich, daß Sie es bisher noch nicht bemerkt haben. Die Vorletzte in der Reihe."
„Doch nicht Kristin?!" ächzte der Ballettmeister. Er sah zu ihr hinüber. Sie stand noch immer im Scheinwerferlicht, sie war ganz und gar verändert, ihre Augen funkelten heute in einer geradezu unbotmäßigen Weise.
„Ganz recht", sagte der Regisseur, „trainieren Sie gleich mit ihr, ich werde sie im nächsten Programm sofort ganz groß Herausstellen."
Der Scheinwerfer, der noch immer wie eine magische Sonne auf Kristin ruhte, begann plötzlich zu zittern, schwankte ein paarmal und huschte dann über die Reihe der Girls hin. Der Apparat war wieder in Ordnung. Der Beleuchter schaltete aus. Der Schein flog wie ein braver Hund, der feine Schuldigkeit getan hat, in den Reflektor zurück.
Wenn auch äußerlich der Strahlenschein um Kristin erloschen war, so ging sie doch wie unter einer Glocke von Glanz und Pracht an iem vernichtenden Herrn Braumüller vorbei und an den vor Merger verstummten Mädchen zum letztenmal in die Girlgarderobe.
Verantwortlich: Ur. Hans Thyriot. — Druck und Derlag: Drühl'fche Aniversitäts-Duch» und Steindruckerei, R. Lange, Gieße».


