GietzenerZamilienblätter
Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger
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Jahrgang 1936 Samstag, den 9. Mai Nummer 35
Das Iahr des Herrn
Roman von Karl Heinrich Waggerl
icf) hin, und das Herz us den Rücken, — geht
sie noch? Ja, sie geht. Sie hält viel aus und ist unermüdlich mit ihrem zarten Getick, kein Augenblick entkommt ihr. Wie lange kann David den Atem anhalten? Genau fünfzig Sekunden. Ach, will denn kein Mensch im ganzen Dorf wissen, wieviel es geschlagen hat?
Auf dem Kirchplatz trifft David den Vorstand, Guten Tag, sagt er keck. Geht der Vorstand nicht zur Vesper?
Was? Wieso? Ist es schon Zeit?
Drei Uhr, sagt David und läßt den Deckel aufspringen. Drei Uhr
gebigen Tag--
David aber ist unsagbar glücklich und stolz. Er trägt den Kuchenteller in seine Kammer und geht sogleich wieder fort. Unter der Haustür übersieht er die Schwelle, er fällt der Länge nach hin, und das Herz stirbt ihm ab vor Schreck. Langsam dreht er sich auf sie noch? Ja, sie geht. Sie hält viel aus und ist u
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10. Fortsetzung.
David schaut den Bischof an, — in der Stadt? Dort ist die Mutter, sagt er langsam. Aber es ist weit, meint die Krämerin, zu Fuß kann man nicht hingehen.
Nein, zu Fuß wohl nicht. Aber es hat ja auch noch Zeit. Wir wollen uns das eine Weile überlegen, sagt der Bischof, wir beide!
Helene bringt den Kaffee und die Torte herein, ihr rundes Gesicht schwebt wie der liebe Vollmond über dem duftig weißen Gebäu aus Schaum und Sahne, und sie bringt es dennoch fertig, tief und ehrerbietig vor dem Bischof zu knixen, ehe sie das Brett auf den Tisch rückt und die Tasten verteilt. Gesegnete Mahlzeit, sagt sie und knixt abermals und segelt hinaus.
Und nun kann David auch weggehen, wenn er will, er muß durchaus nicht den ganzen Berg vor sich auf der Stelle verschlingen. David steht sofort auf, er weih, was sich gehört, Pater Johannes braucht ihm gar nicht erst mit den Brauen zu winken. Er klemmt seinen Teller in den Arm, Gott vergelte alles tausendmal, sagt er, seufzt noch einmal aus dem Vollen und wendet sich zur Tür.
Halt! ruft der Bischof.
Das Firmgeschenk! David hat ja noch kein Patengeschenk bekommen. Aber was in aller Welt könnte es sein? Einen Anzug besitzt David schon, Schuhe auch. Der Bischof steht wieder da und wiegt den Kopf und denkt nach, sein Gesicht ist ganz rot und über die Maßen pfiffig, während er so nachdenkt. Plötzlich zieht er seinen Kämmerer in die Fensterecke und flüstert mit ihm. Der Kämmerer hört zu, hört noch einmal hin, er zupft sich die Nase und zuckt die Schultern, — wie denn? slüstert der Bischof. Wir dürfen uns da nicht lumpen lassen, sagt er.
Der Kämmerer löst die Kette von seiner Weste, er zieht auch die Uhr heraus und betrachtet sie nachdenklich aus beiden Seiten, und dann drückt er sie dem kleinen David wortlos in die Hand.
Eine silberne Uhr, denkt euch, so ein blankes Ding mit einem Sprungdeckel und einem zuckenden Sekundenzeiger. Keine zehn Leute im Dorf besitzen eine Sackuhr, und obendrein ist kaum eine davon verläßlich, sie dienen nur dem äußeren Ansehen. David ist ganz wirr im Kopf, plötzlich bückt er sich und drückt einen lauten Kuh auf die haarige Hand seines Paten.
Gut, gut, sagt der Kämmerer erschrocken, geh jetzt mein Kind! Er wischt seinen Handrücken an der Hose trocken, geh jetzt! sagt er noch einmal. Weiß Gott, denkt er vielleicht, der Bischof hat heute seinen frei-
zweieinhalb Minuten.
Ja ja, auch einem Vorstand kann einmal die Sprache versagen.
Am Abend reift der Bischof ab. Er sitzt wieder im Wagen und grüßt mit seinem runden Hut, lebt alle wohl, Kinder Gottes, große und kleine!
Im Wipfel der Esche steht David und schwingt nicht nur ein weißes Tuch, sondern eine große farbige Fahne. Der Bischof schaut hinauf und lächelt und winkt mit der Hand, lange noch sieht er dieses festliche Tuch über den Bäumen flattern, bis der Wagen im Tal verschwindet, vier Minuten lang. Aber das kann nur David so genau feststellen, der Kämmerer würde vergeblich in die Westentasche greifen.
Christine hat ihr Kind begraben. Ganz allein ging sie hinter dem Plärrer her, totenbleich in der schwarzen Frauentracht. Den Rosenkranz hatte sie wie eine Fessel um die Hände geschlungen, und erst ein paar Schritte weiter folgten ihr die Dorfleute im Rudel, als sei sie eine Verurteilte, die man zur Richtstätte führt. Voran schritt der Totengräber,
er trug den blaugestrichenen kleinen Sarg auf den Armen zur Gruft. Die Sterbeglocke schrie vom Turm und klagte laut, kalt war der Morgen, grau mit Nebeln verhängt.
Christine hörte die Seelenmesse stehend an, wieder allein und allen Augen ausgesetzt in der ersten Bank. Aber als der Pfarrer die Gebete sprach, antwortete sie laut und hell und erstickte das Gemurmel hinter sich mit ihrer unbewegten Stimme.
Und nun liegt der kleine Adam in der Erde, seine schwarzen Augen werden niemanden mehr ein Aergernis sein. Bielleicht hat der Bauer recht, und seine Haare wären wirklich mit der Zeit heller geworden, das weiß man nicht. Gott hat ihn wieder zu sich genommen, und so muß es gut sein.
Christine dient wieder auf Eck, aber sie ist keine demütige Magd, sondern sie führt ein scharfes Regiment und fragt nicht, was ihr zusteht. Einmal kommt abends der föiedjt in die Stube und flucht, und das Blut schießt ihm aus der Nase. Was heißt das, fragt der Bauer, wer hat dich so zugerichtet?
Sie! schreit der Knecht zurück. Dein Kindsmensch! schreit er.
Wasch dir dein Maul, sagt der Bauer scharf.
Er geht hinaus, auf der Tenne trifft er Christine. Was treibst du mit dem Knecht? fragt er. Ich will da Frieden haben.
So? Dann sag ihm, er sott seinen Unflat anderswo ausleeren, ich bin mir zu gut dafür.
Wofür? Was sagt der Knecht?
Wenn du es wissen willst: ob er dir aushelfen soll. Ob du vielleicht nicht Manns genug bist, meint er. Uebrigens kann Christine auch gehen, was hat sie denn hier? Arbeit, ja, sie dankt für so einen Dienst, für diese Art Frieden. Nein, Christine kann jeden Tag einen besseren Platz finden. Glaube nur nicht, sagt sie, daß ich gerade auf deine Futterschüssel angewiesen bin.
Ich sage ja nichts, antwortet der Bauer.
Und das ist wahr, der Bauer schweigt. Es liegt so in seiner Ari, daß er altes unendlich langsam in seinem Kopf bewegt, Worte und Entschlüsse. Wie Fische fängt er seine Gedanken mit schwerfälligen Händen, immer wieder entgleiten sie ihm und schnellen in das trübe Wasser zurück. Es ist gut für einen Bauern, wenn er langsam denkt. Denn was er tut, ist nicht für den Augenblick getan, sondern auf weite Sicht. Seine Gedanken sind gleichsam in dem großen Triebwerk verzahnt, das auch die Zeit bewegt, den Kreislauf alles Lebendigen, die Gedanken können nicht schneller laufen. Alles um ihn her hat ja einen stetigen, unbeirrbaren Schritt. Der Bauer weih, daß er im Herbst Hafer mähen wird, wenn er im Frühjahr Hafer gesät hat, natürlich. Aber es hätte keinen Sinn, wenn er jeden Abend sehen wollte, wieviel Mr Hafer gewachsen ist, und keine Ungeduld hülfe dazu, daß er schneller wüchse. Das versieht jedes Kind, und dennoch liegt ein ewiges Geheimnis darin verborgen. So wie mit dem Hafer ist es mit allen Dingen, denkt der Bauer, man muß ihnen Zeit lassen, reif zu werden.
Nur Christine fügt sich nicht in diese einfache Regel. Sie ist beweglich und hartnäckig zugleich, ihm ähnlich und fein Gegenteil. Doppelzüngig ist Christine, schlau, und trotzdem auch wieder ehrlich, ein fester und verläßlicher Mensch. Sie gleicht einem, der auf grundloses Moor gerät und nun verzweifelt um sich schlägt. Es ist gefährlich, so einem Menschen nahezukommen. Stünde er aber aus festem Grund, so wäre er gewiß friedlich und ein guter Weggenosse.
Ja, vielleicht ist alles, was Christine tut, einfach und natürlich zu erklären, man kann jedenfalls nicht den Finger darauf legen und sagen: dessen bist du schuldig. Allein ebensowohl kann Christine der schwärzesten Untat fähig sein. Als das Kind starb, schrie sie laut und schlug auf die Dielen, wie von Gottes Hand gefällt. Gestand sie bann? Löste sich auch nur ein Wort von ihrer Zunge? Keines, nein. Sie stand wieder auf und ordnete ruhig ihr Haar, und das Essen kam an diesem Abend wie sonst auf den Tisch. Vielleicht verbarg sie eine ungeheure Schuld im Schatten ihrer Augen, vielleicht auch nur einen großen und wortlosen Kummer, sie schleppte ja schwer genug an allem Unglück, wenn man es so verstand.
Ein paar Tage nach dem Begräbnis kommt der Wachtmeister auf den Hof, nicht gerade in einer besonderen Sache, er rastet nur ein wenig vor dem Haus und spricht mit den Dienstleuten.
Du bist auch schon deine Jahre hier, sagt er zum Knecht, so lange ich dich kenne.
Ja, neun werden es zu Lichtmeß.
Neun, was du sagst! Dann hast du noch bessere Zetten gesehen, unter dem Alten.
Besser oder nicht, jedenfalls keine solche verdammte Weiberwirtschaft wie jetzt.
So? Jaja, die Christine! Das ist eine Haarige, was? Die weiß, wo sie hinaus will.
Möglich. Darum schert sich der Knecht wenig, er tut feine Arbeit. Ader Christine soll zusehen, daß sie nicht einmal Haare lassen muß.


