Freundin AN gehen sollte, die in der Webergasse ihm gegenüber wohnte, oder zu seinem Vater in den Spielzeugladen. Kopf, Schrift? spielte er in Gedanken, und schnell zählte er an seinen Joppenknöpfen ab: 81 ... $a ... 81... Sa ... — was heißen sollte: Ali — Vater — Ali — Vater —

VaterI, sagte der letzte Knopf.

Da ging Klick in diese Richtung.

Auf der Straße staute sich die Menge. Es war Vorabei^L vor Weih­nachten. Klick, seinen Schatz auf dem Kopf, bog in die „Freßgasse" ein.

„Freßgasse" nennen die Dresdner ihre von der Seestraße am Alt­markt abzweigende Webergasse, weil sich darin ein Lebensmittelgeschäft an das andere reiht, — eine Gasse von Fleisch, Würsten, Brot, Schnäpsen, Fischen, Käse, Kaffee, Tee, Leckereien. Zwar liegen am Eingang eine Buchhandlung und ein ebenso trockenes Blusengeschäft, und in der Mitte auf der linken Seite das Spielzeuggeschäft von Frau Gerda Trockenhut Witwe und etwas weiter unten rechts die Tierhandlung, wo Klick einst vom Papagei und vom Hustenonkel feinen Namen erhalten hatte; aber die anderen Geschäfte bieten beinahe alle miteinander Ehwaren feil, das Ansehen der Gasse erhaltend und fördernd.

Klick keilte sich in den Schub der Leute. In den Geflügelgeschästen brüsteten sich Gänsebrüste neben gerupften Tauben und Hühnern. In den Wildbretläden hingen steif gefrorene Hasen, Rehziemer und ge­bündelte Schneehühner. Berge von Würsten schauten mit verlockenden Rundgesichtern von Zunge, Salami, Mortadella und Thüringer Haus­macherleberwurst durch die eisigen Scheiben auf die Vorübergehenden, und die Leute schauten gierig und abschätzend auf sie. In anderen Ge­schäften waren blecherne Pyramiden ausgebaut mit Bohnen, Pilzen, Erbsen und Spargeln. Richt faul hatten sich die Bäcker gezeigt. Sie hatten knuspriges Brot gebacken und Weidenkörbe voll Semmeln, auch allerlei Kuchen. Christstollen waren mit Zucker bestäubt und in durchsichtiges Papier gepackt; lockend lagen sie in ihren schimmernden Häuten. Einen dieser mandel- und rosinengespickten Stollen hätte Klick gern zu Weih­nachten auf dem Kaffeetisch gesehen.

In den Fischhallen waren ganze Fischzüge gestrandet, schockweise lagen die Goldbarsche neben den Zandern. Flach hatten sich die Flundern auf die Seite gewälzt und sich wie vor Schreck dünn gemacht, weil sie dem Ealzwasser entrissen waren. Schellfische hatten sich eingefunden, um die ärmeren Leute zu nähren, Flußhechte und Karpfen waren für die Besser­gestellten da.

Vor der Bärenschenke, dem uralten Wirtshaus mit dem braunen Baren im Wappen, lungerten Nichtstuer. Sie rissen ihre Witze, während die Schneeflocken sich dicht wie Watte auf ihre Schnurrbärte setzten und der langbeinige Koch des Gasthauses im weißen Küchenanzug über die Straße storchte, zur Fischhalle, wo er Schleien für die Festtage einkaufte. Die Käsegeschäfte hatten Wagenräder von Schweizerkäse und Emmentaler ausgeschnitten. Mit den roten Edamerkugeln hätte man Kegel schieben und sie durch die Gasse wie Bälle rollen können, verstünden bloß die Händler einen kleinen Spaß.

Klick strich vorbei, drängte sich durch das Getümmel, das sich, ein ununterbrochener Menschenstrom, durch die Gasse stieß und drängte Langst vertraut waren ihm die Schätze der Freßgasse. Schinken Gänse­klein und Harzer Handkäse rahmten den täglichen Weg ein. Hätte er zu Hause Hunger leiden müssen, wäre die Webergasse für ihn wahrscheinlich em nichtswürdig grausamer Weg gewesen. Leise vor sich hinpfeifend, ging er in das Spielwarengeschäft.

„Schön, daß du kommst, Klick!", sagte Frau Trockenhut an der Kasse. Sie kurbelte Zahlen und gab Kleingeld heraus. Ihr Zwicker saß auf öer Nase torkelnd und unternehmungslustig schief. Durch Gesichterschneiden kämpfte sie gegen ihn an, damit er nicht herunterrutsche. Aber plötzlich tropfte er in die Tiefe. *

„Kannst mit einpacken. Klick."

Er glitt hinter den Packtisch. Cinpacken tat er gern. Keiner schnürte wie er so sein und wie im Handumdrehn Pakete. Der alte Hausdiener Schramedey hatte es ihn gelehrt. Klick ergriff eine Schachtel mit einer Puppe und schlug sie in Packpapier ein, eins zwei, drei, vier — ritsch klitsch Bindfaden darum, Knoten, eine Schleife. Fertig.

„Danke!", sagte Frau Lukas, die bei der Kreuzkirche wohnte.

Klick packte bereits eine Eisenbahn, ehe noch Frau Lukas sich um- gewandt hatte. Wie am fließenden Band arbeitete er. Ein Auto kam eme kleine Drehorgel mit der Melodie „Alle Vögel sind schon da ...", eine Dampfmaschine, Eisenbahnschienen, eine Tanzmaus. Endlich besiegte er einen Ball, der nicht in die Umhüllung hinein mochte. Mit einem ®niff und Ruck hatte er ihn eingerollt, umschnürt und gefesselt. Der Fußball schaukelte an der Hand seines Käufers zum Laden hinaus. Nun kam ein Roller, ein fchöner, blauroter Roller mit rotem Griff und hohen Gummirädern.

„Schicken Sie ihn mir, bitte, zul", sagte die Käuferin, Frau Direktor Rotkorn aus Blasewitz.

„Gewiß, gnädige Frau!", versprach Klick, „ich selbst werde ihn heute nachmittag bringen."

Die pelzverbrämte Dame lächelte ihn an und schwamm zur Tür. Klick machte hinter ihr zu und eine tiefe Verbeugung gegen die Scheibe.

Eine Menge Leute war im Laden. Man verkaufte flott. Das war ja gut. Klick zählte, fast zwanzig Kunden waren es. Sie suchten in der Spielzeugwelt herum, in den kleinen, aus den Schautischen aufgebauten Städten, in den Lämmerherden und Zoologischen Gärten, in den Armeen der Bleisoldaten und den Puppenheeren, im Volk der Teddybären, die guten Muts waren und nichts davon ahnten, daß ihre Sippe, wie sie da auf den Gestellen friedlich und behaglich hockte, der Rest eines aussterbenden Bärenvolkes war: Spieltiere auf Abbruch, denn im Lager ging der Vorrat langsam zu End«, und Nachbestellungen konnte Frau Trockenhut nicht mehr vornehmen. Sie lebte von ihrem Lager, von der Vergangenheit,

den vesseren Zeiten. Die Bestände wurden aufgezehrt. Neues, Ersatz kam nicht hinzu oder nur ganz spärlich, es lohnte nicht. Der Spielzeugladen wurde Tag für Tag ausgeplündert — ausgeraubt wie die ganze gegen­wärtige Zeit.

Klick reichte die Pakete den wartenden Kunden. Bälle waren es, Hampelmänner, Nußknacker, kleine Flugzeuge, die man hoch in die Luft schnellen konnte, Motoren für Strom zum Antrieb von Spielzeugsägen, Turbinen, Bohrmaschinen, Pumpwerken und Brunnen. Diese kleinen Werk­stätten und Fabriken liefen noch, und die Hände, von denen sie bedient wurden, waren nicht arbeitslos.

Billige Sachen gingen am besten. Die schweren Baukästen aber mit ihren vielen Schrauben, Schienen, Zwingen und Bauplänen, die großen Maschinen mit Dampfanzeigern und Kesselhäusern blieben stehen, auch die feinen Puppenhäuser. Diese Spielsachen waren den sparsamen Kunden zu teuer. Selbst eine Frau Direktor Rotkorn aus Blasewitz, die in einer schönen Villa wohnte, begnügte sich diesmal für ihren einzigen Jungen mit einem Roller für neun Mark, anders als früher, da sie reichlicher gekauft hatte.

Der geheim vor sich gehende Ausverkauf bereitete dem aufmerksamen Klick Kummer. Von dem Lager droben kamen die Sachen in den Laden, gingen durch feine Hände; er verpackte die verkaufte Ware, und dann schwebte sich zur Tür hinaus. Oben wurde der Leerraum immer größer und auffälliger. Dem Laden sah man ja noch nichts an. Er war gut versorgt, die Auswahl nicht gering, strahlte von Gegenständen und Farben, von hunderterlei Spielzeug. Ganz gesund war scheinbar seine schöne Welt, rosig angehaucht wie die Puppengesichter, kräftig und stolz wie die In­dianer und stark wie die Maschinen. Aber Klick kannte sich aus. Der Vater hatte ihm erzählt, wie sich der Umsatz beständig verringerte und die Ein­nahmen immer dünner flössen. Die meisten Geschäfte litten heutzutage an der Auszehrung.

Zwei Stunden lang packte Klick. Als eine Stockung eintrat, huschte er durch den langen schmalen Laden, in das Geschäftszimmer. Hier faß der Vater am Schreibtisch und schrieb Zahlen in ein großes Buch. Er hockte in sich zusammengekauert, die Schultern hoch und spitz, seine Augen starr auf das Papier gerichtet. Klick, seinen Vater betrachtend, der versunken schrieb und rechnete, zögerte einen Augenblick auf der Schwelle. Liebevoll hastete fein Blick an ihm. Grau und stark gelichtet war das Haar.

„Vater!", sagte er, „ich ljabe mitgeholfen beim Paketmachen. Nun geh ich austragen. Damit du weißt, wo ich bin."

Herr Vodenweber schaute mit zahlenumflortem Blick auf. Furchen durch­zogen das Gesicht, wie Papier war die Stirn zerknittert.

„Recht, Klick! Geh und mach Trinkgelder!"

„Fahrtspefen zu Lasten der Firma?", fragte der Sohn.

„Versteht sich."

Klick begab sich auf den Weg. Er trug den Roller, ein Flugzeug, wohl­verpackt in einer langen Schachtel, und ein Kindergrammophon mit Schall­platten. Während er mit seinen Paketen auf der Straßenbahn neben dem Fahrer stand, prägte er sich die Namen und Wohnungen der Käufer noch besser ins Gedächtnis, als sie ohnehin schon darin saßen. Medizinalrat Sauerbrei), wiederholte er, Nürnberger Straße 5, erster Stock: abzugeben das Kindergrammophon ... Frau Direktor Rotkorn, Blasewitz: den Roller ... Oberbaurat Haftschloß, Albertplatz, Hochhaus: das Flugzeug ... Die Straßenbahn klingelte, ratterte, Fahrgäste stiegen auf und ab, der Schaffner am kleinen Schiebefenster der Dorderiür rief:

„Alles Fahrscheine?"

„Umfteigen!", brüllte Klick, zahlte und nahm den Schein.

Dann versank er wieder in leichte Träumerei. Durch die Lust wirbelten Schneeflocken. Er sah sich dahintreiben, fahren, rollen. Die Elektrische ent­führte ihn der Freßgasse. Einen Augenblick empfand er: er fährt mit dem Flugzeug des Oberbaurats durch die Schneewolken, daß es stäubt — mit dem Roller rollt er davon — sanft, schnell, lustig — auf herrlichen Straßen. Wie die Räder schwirren! Aus einem Radiogeschäft, an dem die Straßen­bahn vorübertoste, brach ein Schwarm von Musik in den Schneedampf, Aetherklänge. Hatte nicht das Kindergrammophon von Medizinalrat Sauerbrey plötzlich Musik gemacht? So fuhr, raste, rollte, flog und schwebte Klick neben dem Fahrer, der die Kurbel drehte und mit dem Fuß auf die Glocke hämmerte.

Im Hochhaus rauschte er mit dem Lift in die Höhe. Als er das Flug­zeug abgegeben hatte, sank sein Hochgefühl rasch auf den Tiefpunkt. Man gab ihm kein Trinkgeld.

„Dankei", sagte das Mädchen und schloß die Tür.

Schlechte Zeiten, wenn selbst Oberbauräte für kleine Jungens nichts tun können.

„Danke!", sagte Klick und verließ unten den Lift.

In Blasewitz erlitt er keine Enttäuschung. Frau Direktor Rotkorn, die für ihren Jungen den Weihnachtsmann spielte, nahm persönlich den Roller in Empfang.

„Du bist ein netter Junge", sagte sie. „Hier hast du auch was."

Sie gab ihm fünfzig Pfennig.

Ein Page im Film dankte nicht zierlicher, als Klick es tat. Er führte einer feiner schönsten Verbeugungen aus. Sein Gesicht leuchtete und glänzte noch, als er in der Nürnberger Straße landete und das Kinder­grammophon mit Schallplatten bei Sauerbrey ablieferte. Auch hier erhielt er etwas in die Hand gedrückt, wenn es auch bloß dreißig Pfennig waren. Mit achtzig Pfennig Tageseinnahme fuhr er nach Haufe.

Null — dreißig — fünfzig, dachte er. Haftschloß nichts, Sauerbrey gut, Rotkorn sehr gut. Hastschlösser sind die meisten, Rotkörner die seltensten. So sind die Leute.

„Santel", sagte er, zu einem unsichtbaren Zuhörer.

(Fortsetzung folgt.)