tlms tägliche Brot.
Bon Herybert Menzel.
Es rauscht das Korn, es fällt die Mahd, Schon stehn die Garben weit zu Häuf. Die Sonne stieg zu Mittag auf.
Es rauscht bas Korn, es fällt die Mahd.
Die Knecht« und die Mägde ruhn Nicht einen Blick, das mäht und rafft. Da hebt der Herr den Sensenschaft Und blickt zum Dorf und lächelt nun.
„Kommt", ruft er, „Schatten gibt der Baum.
Für eine Weile nun genug;
Die Frau ist da mit Brot und Krug." Da folgen sie zum Ackersaum.
Und hocken da und blicken stumm Aufs Korn, das fiel, auf Korn, das steht. Und ihre Raft ist wie Gebet.
Fromm reicht die Frau das Brot reihum.
Oer Bauer spricht:
Bon K. H. Waggerl.
(Nachdruck verboten.)
Mein Leben ist uralt, es hat viele Menschen getragen und genährt, hundert vielleicht oder noch viel mehr. Man darf nicht sagen, es sei arm, ein armer Fleck Erde. Freilich, diese paar Joch Boden tragen nicht viel, es bedeutet nichts für die Welt, ob hier Roggenland oder Brachland liegt, für die Menschheit ist das nicht wichtig. Aber die Menschheit, das sind doch einzelne Menschen? Lebt nicht am Ende jeder von so einem Stück Erde? Gibt es nicht auch für dich einen Fleck Land irgendwo, den du nie gesehen hast und auf dem doch das Korn wächst für dein Brot? Wenn der Bauer seinen Acker verläßt, so verhungert er deswegen nicht, er nicht. Er wird es sich nur leichter machen, in ein paar Jahren hat er sich eingerichtet und hat sich an alles gewöhnt, an das flotte Leben in der Stadt. Er kann Traversen nieten ober einen Lastwagen bedienen, so gut wie ein anderer, das lernt er bald.
Aber wieder ein anderer Mensch verhungert, irgendein Mensch in der gerne, er weiß nicht warum, und verflucht sein Schicksal. Ja, fein Schicksal kommt aus dem Stück Oedland, das jener Mensch, der Kesselnieter, verlassen hat. Dort ist eine Bresche gerissen worden, durch die strömt unaufhaltsam Not. Und es ist eine Quelle versiegt, eine von den heiligen und geheimnisvollen Quellen des Lebens. Das meine ich, mit Worten ist es nicht zu sagen. , r , _...
Aber die Zeit ist vorbei, in der jeder Dorsbewohner feinen Streifen Ackerland hinter dem Hause hatte, eine Kuh oder ein paar Geißen im Stall. Mit den Jahren ist das Bauland rings um die Dörfer abgebröckelt. Es war nicht mehr nötig, Bauer zu fein, sich um die geringe Frucht des Feldes zu mühen, seit Fabriken in den Tälern standen. Um ihretwillen gab der Dorfbauer seine Freiheit auf, er arbeitete nicht mehr, um Korn für (ein eigenes Brot zu haben, das Geld schob sich in feine einfache und klare Rechnung. , . . _. „ .
Früher verbarg er die Silberstücke im Strumpf unter dem Strohsack. Sie fanden sich zufällig zusammen, eins um andere in langer Zeit, und ie waren gut für Tage der Not, wenn Gott das Land mit seinem Zorn leimsuchte. Aber der Bauer ging auch nicht zugrunde, wenn sein Geld- trumpf leer war. Er verhungerte nur, wenn er im Herbst die Saat ver- äumte. Es kam freilich vor, daß der Hagel alle Mühe zuschanden machte, >aß ihm das Heu auf den Wiesen verfaulte, und dann wurde em schmales Jahr daraus, ein Winter bei Kartoffeln und Gerste, bei Ruben und speckigem Brot. . , .
Aber im andern Jahr gediehen doch wieder ein paar Schweine, er konnte eine Menge Fleisch in den Rauch fang hängen, Krapfen schwammen im heißen Fett, und das alles kam daher, daß er auch in der schlechten Zeit nicht aufgehört hatte, im Morgengrcmen nach seinem Werkzeug zu greifen. Eins fügte sich ins andere. Der Webstuhl stand nicht einfach in der Kammer, er war fest in die Wände des Hauses gezimmert. Hier wob der erste das Zeug für fein grobes Henst), hier sollte zu allen Zeiten grobes Seinen gewoben werden. Oder war es zu erwarten, daß die Felder einmal weicheren Flachs, die Schafe einmal feinere Wolle tragen ^Bem, das nicht. Aber es tarn eine Zeit, da fiel es dem Bauern plötzlich auf, wie arm sein Leben eigentlich war, wie unentrinnbar aus Durstigkeit und Mühseligkeit geflochten. War das noch menschenwürdig? Arbeitete man nicht am Ende nur, um zu leben und eben wieder arbeiten zu können, damit man lebte, hatte das einen Sinn? .. .. , , .
Die Welt schritt vorwärts, oh, das war im Dorfe allmählich bekannt geworden, wie machtvoll die Menschheit voran chritt m der Kuns, bas Leben leicht zu machen. Da galt es, sich vorzusehen und nichts zu ver- ^"Es"geht eine neue Lehre um: Diene! sagt die neue Lehre, diene um Geld. Geld ist Brot, wenn du Brot brauchst, es ist °berauch fonft alles zwischen Himmel und Erde, wonach du Verlangen hast. Wenn der Bauer ein Hemd brauchte, dann mußte er die Arbeit von unb Wochen daran wenden, mit Brecheln und Spinnen, Weben und Nahen, es wur zuletzt ein teures Hemd, wenn man es so nimmt. Jetzt kann er den Wev- stuhl aus der Wand des Hauses brechen, dabei gewinnt °r noch Platz sur eine freundliche Kammer, für neue Kästen mit blauten ®efd) °9fn- Hemd aber kauft er beim Krämer, es ist obendrein meid)* unö tiubfd) gefaltet, und wenn es schon keine Ewigkeit halt, so wahrt es doch mch lange, bis bas Geld für ein anderes verdient ist.
Das ist merkwürdig: daß die Frucht der Arbeit mcht mehr der Sinn
der Arbeit ist, daß einer also Tag für Tag an der Kreissäge steht und den Waldsaum von den Brettern schneidet, nicht, weil er dies« Bretter braucht oder weil es feine Bestimmung ist, gerade hier zu stehen und diese Latten zu säumen, nein. Er denkt an seinen Krug Bier in der Schenke, an sein warmes Essen, an dies und das. Der Mann weih nicht einmal, warum es heute dünne Bretter sind, die er säumt, und morgen dicke, das kümmert ihn nicht. Das muß der Holzherr wissen, wer in der Welt gerade daraus wartet, dünne Bretter zu bekommen. Für den Mann an der Säge ist nur eines wichtig: daß diese Säge niemals stillsteht.
Ja, die Dorfbauern verkauften ihr Land, sie verkaufen sogar ihre Namen. Sie heißen nicht mehr Zehentner oder Klausner, sondern sie werden Leute mit klangvollen Titeln, Hilfsarbeiter, Säumer, Platzmeister auf der Säge. Und sogar die Bergbauern kommen am Sonntag auf den Kirchplatz und bieten sich an, ist es nicht so? „Hast du Arbeit für mich?" sagen sie, „ich verkaufe!"
Dann liegt über dem Wald ein alter Acker brach, aber das Dorf ist um einen tüchtigen Mann reicher geworden. Dieser Mann mietet eine von den neuen Schlafkammern, er vertauscht seine ledernen Bundhosen gegen ander« aus Zwilch, und das alles kann man ihm nicht verdenken. So lange er Bauer war, durfte er nie weniger arbeiten, als sein Feld von ihm verlangte. Aber selbst wenn er sich zu Tode plagte, hatte er nie mehr, als sein Acker geben konnte: das nackte Leben. Hier war mehr zu gewinnen, denn das Geld ist ein gerechter Herr. Und wenn der Krämer früher Bedenken trug, diesem Konrad nur ein Paket Nägel zu leihen, so schreibt der jetzt alles bereitwillig in fein Buch.
Das ganze Dorf lebt so, die Knechte laufen darum von den Höfen. Sie arbeiten in der Fabrik, anfangs soll es nur für ein paar Wochen sein, aber wenn die Zeit um ist, kehren sie doch nicht mehr zurück. Nein, sie tragen bann eine Uhr an der Kette, sie pflegen sich mit Bartwichse unb Pomade und halten sich zu gut für di« Dreckarbeit auf den Höfen.
Cs steht nicht nur bei den Talbauern so schlimm, auch die Nachbarn klagen. Einige werfen sich auf den Handel, sie haben die Ställe voll von fremdem Vieh, aber di« Märkte stehen schlecht, es ist seltsam, daß gar nichts mehr anschlagen will. Die Bauern waren doch auch früher nicht reich gewesen, sie hatten nie mehr Rinder auf der Weide und nicht mehr Roggen auf der Tenne als seht, und trotzdem reichte es für viele Mäuler, für einen Knecht und eine Magd.
Freilich, wenn man genauer zusieht, so ist auch sonst manches anders geworden. Der Bauer schnitzt sein einfaches Gerät nicht mehr selbst, er bekommt es schöner unb besser aus der Stadt geliefert. Früher stellte die Frau die Milch in hölzernen Schalen ab, jetzt dreht sie an der Kurbel einer Maschine, einer Zentrifuge, und dieses Ding ist so wunderbar wie fein Name. Du sparst Zeit unb Arbeit bamit, sagt ber Hänbler. Du bist doch ein fortschrittlicher Mann, behauptet er, ich kenne dich nicht anders.
Und bann kauft ber Bauer bie Maschine, aber sie kostet Geld, unb bas hat ber Bauer nicht. Es wächst ja kein Gelb aus feiner Erbe. Er spart also Zeit bafür, unb bas ist gut, benn er braucht bief« Zeit, um über seine Sorgen nachzubenken. Er spart auch Arbeit, unb am Enbe bringt ihn ber Teufel schon so weit, baß er noch mehr Maschinen anschasft, einen Heu- roenber vielleicht, einen Oelmotor. Das gefällt ihm, wenn er vor ben tnatternben Ventilen stehen, mit Kurbeln unb Schrauben hantieren kann wie ein Ingenieur. Vorher würbe es ihm sauer, bas ganze Heu auf ber Wiese selbst zu roenben, es war eine unsinnige Menge Heu in manchem Sommer. Aber bie neue Maschine hat ben Satan im Leibe, sie wirb in ein paar knappen Stunben mit bem ganzen Segen fertig. Was? Ist bas alles?
Ja, alles, unb es zeigt sich plötzlich, baß bie Maschine das Heu nicht etwa verdoppelt hat, sie rasselte freilich und warf mächtig um sich, es sah aus, als könne sie geradezu Heu aus dem Leibe spucken, aber das war nicht so. Auch Korn vermehrt sich nicht, die Milch, bas Schmalz in ben Töpfen. Nur müßige Stunben, Zeit hatten bie Hofleute in Fülle. Die war glattweg gewonnen unb erspart. Verkauft sie! Wieviel ist die Langeweile des Bauern wert?
Er möchte vielleicht gern feine Maschinen jetzt wieder loswerden, aber darum kümmert sich der Händler nicht, er will nur bezahlt fein. Die Maschine ist ein williger Knecht, immer bereit, sie braucht keinen Schlaf unb kein gutes Wort, aber sie frißt basiir auch nicht Mus unb Krapfen, fonbern Kühe und Kälber, Halm und Holz, darin ist sie weniger genügsam. Und was die leeren Stunden betrifft, so hat ber Bauer bald em Mittel gefunden, sie totzufchlagen: er setzt sich in die Schenke und säuft.
Am Ende ist es so weit, daß er sich ganz dem Teufel verschreibt, ber Maschine heißt. Er verkauft ben Hof, ober bas, was von ihm noch übrig ist, unb geht aus bem Lanb.
Dort, wo er hingeht, ist bie Maschine nicht mehr dienender Geist, dort ist sie Herr über alles. Anfangs fühlt sich der Mann vollauf zufrieden, er steht den ganzen Tag in einem hellen Saal und hat da nur ein Rad zu drehen, ein Stück Blech einzufchieben, daraus werden Gürtelschnallen gestanzt. Bisher wußte er gar nicht, bah bie Welt täglich hunderttausend Gürtelschnallen braucht, daß ein Mensch auf so einfache Weise leben kann. Ader mit der Zeit wird die Maschine selbst immer geschickter, sie lernt mancherlei dazu, unb eines Tages kann sie sich selbst dieses Blech zwischen die Zähne schieben, sie braucht den Mann nicht mehr. Außerdem macht sie jetzt nicht nur hunderttausend, sondern zwei- hunberttausend Gürtelschnallen, unb bas um so vieles schneller unb billiger, feit sie den Mann an der Kurbel losgeworden ist.
Es fragt sich allerdings, wer diese Gürtelschnallen kauft, der Mann jedenfalls nicht. Er denkt nun an bas schwarze Brot, baß er aus der Rocktasche aß, als er jung war und hinter dem Heuwagen ging. Jetzt hat er weder Brot noch sonst etwas in ber Tasche, er muh seinen Platz in dem hellen Saal verlassen unb auf bie Wanderschaft gehen. Da trifft er andere Leute, die früher auch Gürtelschnallen unb Feuerzeuge machten, unb nun mag ber Teufel wissen, wie bas alles zusammenhängt.
Ja am Ende wirb bie Welt voll von Maschinen sein, bie Tag unb Nacht hübsch« und notwendige Dinge machen für Leute, die sich nichts


