Eine leichte Berührung streift ihr Knie. Der junge Herr hat bk Hand am Hebel der Bremse. Das Singen des Motors ist aus einmal dunkler und leiser geworden. Der scharse Luftzug hat etwas nachgelassen. Die junge Dame schaut auf die grell leuchtende Chaussee hinaus. Was soll denn? Ach, da sieht sie es: vor ihnen tanzt ein erdfarbener Ball einen rasenden Zickzacktanz. Ein Hasel Die weiße Blume leuchtet. Sinn­los vor Entsetzen fegt der kleine Kerl über den Boden, immer im Kegel der Scheinwerfer, die ihn zu bannen scheinen, wie ein Schlangenblick. Unklar sieht sie eine Handbewegung des jungen Herrn; die Scheinwerfer erlöschen. Als ob der Kleine vor ihnen daraus gewartet hätte, schießt er mit einem mächtigen Satz quer über die Chaussee in den schützenden, dunklen Wald.

Auf einmal hört die junge Dame einen leisen Laut neben sich. Ueberrascht schaut sie den jungen Herrn an.

Er lächelt! Ein heiteres, strahlendes Lächeln! Unbefangen lächelt er sie an.Dolle Angst gehabt, der kleine Bursche, was?"

Die junge Dame schweigt und schaut auf die Chaussee hinaus. TjaI" sagt der junge Herr behaglich und schaltet wieder die Schein­werfer ein. Der Motor kommt wieder auf Touren. Sein helles Singen ist nach der Unterbrechung wie eine liebgewordene Melodie. Jetzt kommt eine Kurve. Der junge Herr nimmt etwas Gas weg. Im Scheitel­punkt der Biegung legt er wieder zu. Vor ihnen liegt eine unüberseh­bare Gerade, nagelneues Kleinpflaster. Der Motor jauchzt auf, mit Vollgas.

Fahr nicht so schnell!" sagt sie plötzlich und legt die Hand auf den Unterarm des jungen Herrn.

Der Motor ist plötzlich lautlos. Als ob er in atemloser Spannung hören wollte, was nun gesprochen wird. Aber es wird nichts ge­sprochen. Nur der junge Herr greift mit feiner Linken fest um die Hand auf feinem Arm und drückt sie. Er läßt aber sosort wieder los, als fürchte er ihr wehzutun. Er läßt den Motor behaglich auf 45 Kilometer schnurren und streichelt unaufhörlich ihre Hand. Dabei lächelt er. Ein strahlendes, frohes Lächeln.

Und die junge Dame? Die hält auf einmal die streichelnden Finger des jungen Herrn fest, mit einem guten Druck und zieht die Hand etwas zu sich hinüber.

Und nun ist alles in Ordnung.

Sonntag in Lüneburg.

Vielleicht ist der Ursprung aller Reiselust die Sehnsucht des Men­schen, in sich noch einmal und immer wieder die innere Beschwingtheit zu erleben, mit der er in feiner ersten Jugend alle Eindrücke, die von außen an ihn tarnen, ausnahm. In der Jugend ist alles noch neu, die Welt und das Leben werden liebend gesucht, halb scheu noch und doch voll innerer Glut. Die Heimat und der Alltag zeigen immer wieder ein rätselhaft anderes und doch fo anziehendes Gesicht. Wenn dann die Welt erobert ist, und man sich dabei hart gestoßen hat, richtet man sich in ihr ein und schafft sich den Raum, den man braucht. Tiefmnen aber schlummert noch immer die Sehnsucht nach dem Unbekannten, das irgendwie außerhalb unseres Lebenskreises sein muh, fern, fremd und voll innerer Schönheit. Doch man liebt die Ferne nicht um ihrer selbst, sondern um der beglückenden Gefühle willen, die sie, uns ewig ver­jüngend, zu schenken vermag. Voll aber wird das Maß der Beglückung erst, wenn eine innere, wesensmähige Harmonie besteht zwischen dem Menschen und der Landschaft, die ihm dieses Gefühl schenken soll. Sie mag ihren tiefsten Grund in der blutsrnäßigen Veranlagung haben.

So erging es mir vor Jahren mit der Lüneburger Heide, fo geschah es mir jetzt mit der alten Stadt Lüneburg. Ich trug noch in mir das Bild Hamburgs, die geschäftige Eile der breiten Straßen, die dusteren Schächte der Fleete, die Buntheit hochragender Ueberfeebampfer am Hafen, das dumpfe Brüllen ihrer Sirenen in den Straßen von St. Pauli, den riesigen Jahrmarkt der Reeperbahn.

Und nun empfing mich am nächsten Morgen der unendliche Sonn- tagsfrieben einer kleinen Stabt. Die Luft war voll Lindenduft und unbeschreiblicher Milbe nach dem Regen der Nacht, und über dem frischen Grün der Bäume am Wall ragte altersrot und stell, mit tupfergrünem Spitzenbach, ber Turm von St. Johannis. Ein paar Schritte nur, unb ich ftanb unmittelbar an feinem Fuße. Als ungeheu­rer Wächter stemmt er sich hoch empor über bas Schiff feiner Kirche unb die roten Dächer der Stadt. In den strengen Formen der Backstein­gotik, in dem Verzicht auf Schmuck und Beiwerk, ist ganze Kirche ein Abbild norddeutschen Wesens,, mit seiner Härte und Kargheit, aber auch mit feiner innerlichen Wärme unb Selbstaufgabe.

Dann aber lag vor mir ber riesige PlatzAm Sanbe", umstanden von ben stolzen Bauten wohlhabenben Bürgertums mit ihren Staffelgiebeln, cm Haus schöner in ber Form als das anbere, eine Versammlung pruntenber Zeugen ber Vergangenheit. Sicher unb fest gefügt ragen bic Stufen ber Giebel empor, wohl abgewogen unb in sich gegründet. Reben den goti­schen Bauten stehen die Häuser aus Renaissance, Barock und Klass,zis- mus mit denselben Staffelgiebeln wie diese, mit starkem Sinn für das Hergebrachte, nur wenig abgewandelt im Geschmack der Zell. Aus ben Luken im Giebel aber springen noch heute bie Kranbalken hervor, nut benen einst die Fässer voll Salz und voll Heringen und die schweren Warenballen emporgewunden wurden.

In der Heiliggeist-Strahe findet sich etwas, das allen alten norddeut­schen Städten eigentümlich zu sein scheint. Es sind die in die Straß vorspringenden kleinen Erker im Erdgeschoß, mit ihren vielen Sänfte , durch die sich so gut alles, was in der heben -Nachbarschaft vorgeht, übersehen läßt, ohne daß der geheime Beschauer selbst sichtbar wäre. Es ist dieselbe Eigenschaft niederdeutscher Stadtbewohner, die tue Hol­länder den geheimenSpion" am Fenster erfinden lieh. h.

Wenn auchAm Sande" das kostbarste Geschmeide der alten Stadt in die Einheit des weiten Platzes gesoßt ist, fo blüht doch auch anderswo bie Schönheit mittelalterlicher ftäbtifdjer Baukunst. Ueber bemeb Renaiffanceportal derRcllsapotheke" steht ein lateinischer Spruch.

Neque herba neque malagma sanavit eos, sed tuus domine sermo, qui sanat omnia Es ist die tiefe Einsicht, daß nicht die Arznei allein heilt, daß anderes hinzukommen muß, über das der Mensch nicht gebieten kann. Ein Stück gläubig-tiefer deutscher Mystik, der wir uns heute mehr denn je innerlich verbunden fühlen, steckt in dieser kurzen In­schrift. Sie hellt das Dunkel etwas auf, das für uns um das Fühlen unb Denken ber Menschen liegt, bie einst in biesen alten Mauern lebten, kämpften, litten unb glücklich waren. Wir fühlen uns ihnen innerlich oerbunben, unb alles ist plötzlich ungeheuer lebenbig.

Die Mebaillonköpfe am Witzenborsfschen Haus werben zu Menschen von Fleisch unb Blut, zu höfischen Frauen, lieblich unb graziös, zu etwas gelangweilt unb überlegen blidenben abligen Männern, bärtig unb gepflegt, mit bem Barett auf bem Haupte, wie sie Holbein gemalt hat. Daneben ein junger schnurrbärtiger Offizier, bem die Locken etwas unvorschriftsmäßig unter dem Helm herausquellen, ber bas kühne unb boch feine Gesicht überschattet. Es ist bewußt auf Wirkung gestellt, dieses alte Adelshaus, es will anders sein als die stolz-behäbigen Bürgerhäuser. Streng gegliedert und in bem dunkleren Ton des Baftsteins erinnert es an die Paläste des florentinischen Adels.

Die zwei bestimmenden Elemente des alten Lüneburg, das Bürger­tum unb ber Hof mit bem Abel, finb am Marktplatz versammelt unb stehen sich in Rathaus unb Schloß, einanber abschätzenb, gegenüber. Sie wirken unauffällig im ersten Einbruck unb doch sind beide charakte­ristisch als Ausdruck anderer Lebensausfassung und anderer Zeit. Das Schloß ist im reifen Barock des ausgehenden fiebzehnten Jahrhunderts erbaut, einfach, harmonisch und sehr geschmackvoll, auch in den Farben, angemessen der Schönheit der Marquise Eleonore d'Olbrense, der Ge- mahlin des Herzogs Georg Wilhelm von Braunschweig-Lüneburg, der Urgroßmutter Friedrichs des Großen. Dem alten Kernbau des Rat­hauses ist die Front von 1720 vorgesetzt, etwas aufdringlich mit den pomphaften Figuren deutscher Kaiser des Mittelalters und den schau­spielerhaft-lässigen Frauengestalten derTugenden". Es ist, als ob der Sinn für Form und Maß, ben bas mittelalterliche Bürgertum noch so ausgeprägt besaß, nun nach dem Ende der Blüte der Stadt vollkommen verlorengegangen sei.

Als ich zwischen den kleinen Häusern der StraßeAuf dem Meere" hindurchschritt, die mit bescheideneren Mitteln die großen Bauten der Geschlechter nachzuahmen suchen, schwebten plötzlich unaufdringlich unb leicht melancholisch die Töne eines Glockenspieles über ben niebrigen Dächern. Vom Michaeliskirchturm klang es herab:lieb immer Treu unb Redlichkeit". Wie ein stolzes Hanseschiff zwischen den Booten der Fischer, mit hochgewölbtem Bug, breit und hoch, liegt die Michaeliskirche inmitten ihrer niedrigen Umgebung.

Steil flieg ich dann ben kurzen Weg zum Gipfel bes Kalkberges empor. Unsagbar süß dufteten die Heckenrosen und bie Holunderblüten herauf. Die ganze Stadt lag mir zu Füßen, kaum entfernt, und doch mit dem Abstand, der alles übersehen läßt. In farbigstem, sattem Rot leuch­teten die Massen der Ziegeldächer und hoben sich ab vom lebendigen Grün der Wiesen und Felder, das sie umgab, wie vom Kupfergrün ber Kirchtürme. Dem Blaugrau der Heidewäiber, das wie ein Ring den Horizont umschloß, strebten strahlenförmig die dunkelgrünen Kugelreihen ber Alleen zu. Der graue Regenton ber Luft machte alle Farben doppelt kräftig und verschmolz sie harmonisch miteinander.

Als ich so über bie Stabt hinsah unb eine warme Zuneigung zu ihr in mir immer mehr Gestalt gewann, kam ich mit einem kleinen, blon­den Jungen ins Gespräch. Er war Quartaner unb hieß Rolf. Wir schlossen Freunbschaft unb er führte mich nun noch weiter burch seine Vaterstabt.

Rolf zeigte mir an einem Aussichtspunkt am Abhang des Kalkberges ein Monogramm, das aus MFP gebildet und neben dem Wappen von Lüneburg angebracht war. Er erklärte, es seien die Anfangsbuch­staben von mons (Berg), fons (Quelle) und pons (Brücke). Die drei natürlichen Grundelemente der Stadt sind hier vereinigt, der Kalkberg, die Salzquelle und die Brücke über die Ilmenau. Auf dem Kalkberge stand im Mittelalter die Burg des Markgrafen Hermann Billung als Vorposten gegen die Slawen, an seinem Fuße entspringt die Salzquelle, der das alte Lüneburg ebenso seinen Wohlstand verdankte wie der Brücke über die Ilmenau, die den Verkehr durch die Stadt lenkte.

Die Geschichte Lüneburgs ist aufs engste verknüpft mit ber glanz­vollsten unb tragischsten Zeit mittelalterlichen deutschen Kaisertums, der Zeit Friedrich Barbarossas und Heinrichs des Löwen. Die Nachbarstadt Bardowiek wurde von Heinrich zerstört, da sie ihm, vom Kaiser geächtet, die Ausnahme verweigert hatte. Die ganze Gunst des Fürsten wandte sich nun dem damals noch kleinen Nachbarort Lüneburg zu, der von altersher bereits Salzhandel trieb. Die Schiffbarkeit der Ilmenau fär- bette die Stadt noch mehr. Sie wurde Mitglied der Hanfe und machte sich fast frei von ihrem Landesherrn, dem Herzog. Ihr weiteres Schick- fal war dann dem vieler anderer, deutscher Städte ähnlich. Die Hanse verlor an Bedeutung, die Fürstenmacht setzte sich durch und schließlich war Lüneburg nichts mehr als die Hauptstadt eines kleinen Herzogtums.

Bom Kalkberg schritten wir den Wall entlang wieder abwärts, der Stadt zu. Rolf machte mich aufmerksam auf das Denkmal Johanna Stegens, des Niederfachfenmädchens, das 1813 heldenmütig den Kamp­fenden in ihrer Schürze Munition brachte.

Wir standen vor der Nikolaikirche, dem dritten großen Gotteshaus der alten Stadt. Gleichmäßig wie die Stufengiebel der Bürgerhaufer steigt ber Bau von den Seitenschiffen über bas Mittelschiff zum Turm empor, eine steile unb stolze, feste Pyramide. c

Wir schlenderten weiter durch alte Straßen mit ©tufengiebeln, schauten hinein in einen verträumten mittelalterlichen Hof, auf den kleine Fenster mit bleigefaßten Butzenscheiben hinabsahen und wo alte Frauen die dort ihre letzten Jahre verbringen, erstaunt und neugierig die Eindringlinge musterten. Wir tarnen zur Ilmenau, wo noch als besonderes Wahrzeichen ber mittelalterliche Kran mit bem grünen Dach emporragt, wo der kleine Fluß an derRauschebrückc" über das Wehr