daH er ihr nicht völlig fremd sein werde, wenn er wieder zu ihr käme. Der gute Junge ahnte nicht, wie schwer er sich getäuscht habe.
Für Bertold war - jene Brücke vorläufig nur eine Seufzerbrücke. Seine Schwermut war stärker als seine Tapferkeit. Und nun trat zu allem Ueberfluß ein Ereignis ein, das ihn noch weiter von Birge fori- rih, als ein oberflächlicher Beobachter hätte vermuten können. Anna hatte ihm aus dem Krankenhaus schon dreimal Botschaft geschickt, und er war nicht hingegangen. Er konnte sich nicht wieder der Verzweiflung eines Mädchens gusliefern, das er nicht liebte, und er war noch zu jung, um Anna zu beruhigen und sie leise wieder dem Leben zuzuführen, einem Leben ohne ihn. Er sah nur ein Entweder-Oder. Entweder er besuchte die sich an ihn klammernde Kranke, dann mußte er sie anerkennen und schließlich heiraten, oder er ging nicht zu ihr und überließ sie ihrem Schicksal. Mit schwerem Ernst fällte er die Entscheidung. Doppelt bitter war es ihm, daß er Anna jetzt verstoße, ohne zu wissen, ob er je wieder den Weg zu Birge finde. Er bereute, daß er damals nicht einfach an Friedrich vorbeigegangen war und mit Birge um jeden Preis gesprochen hatte. Dann hätte er doch jetzt wenigstens Klarheit gehabt.
Seine Unruhe wuchs von Tag zu Tag. Er teilte alles seinen Freunden mit, und diesmal war es Otto, der ihm riet, Anna zu besuchen; er dürfe die Aermste nicht allein liegen lassen. Er wartete dann noch einen Tag und schellte endlich mit klopfendem Herzen an der Tür des Krankenhauses. Als das Tor aufging, prallte er, von einer düsteren Ahnung angeweht, zurück. Die Lorbeerbäume, die zu beiden Seiten der Marmorstufen bis zur großen Glastür hinaufstanden, rochen nach Tod... Er sah schnell Otto, der ihn begleitet hatte, in die Augen, aber der Freund wandte sich ab. Die Psörtnerin, eine blasse Schwester, zuckte die Achseln, als er sagte, er wolle Anna besuchen. Sie rotes ihn schließlich zur Oberschwester. Er traf die hochgewachsene Frau, die Mutter des Hauses, auf dem Gang. Als er Annas Namen nannte, fah sie ihn streng und durchdringend an. Es würgte ihn im Halse, er stand da wie ein armer Sünder, dem die Hinrichtung verkündet wird. Dann kam von fernher ein Sturm in seine Ohren. Nur undeutlich hörte er die klare, nonnenhafte Stimme der Oberschwester: „Anna ist nicht mehr hier. Sie hat das Haus in der letzten Nacht heimlich verlassen. Ihre Spur wurde noch nicht gesunden; vielleicht ist sie nicht mehr. Wehe dem, der die Verantwortung trägt"
Bertold stürzte fort. Er kam erst zu sich, als er Otto erblickte, der am Eingang des Krankenhauses auf ihn wartete. Er stürzte die Nachricht auf Otto herab. Der Freund stand einen Augenblick entgeistert; Birges Bild fchoß vor feine Augen. „Anna mußte gehen, weil Birge tarn", dachte er. Dann lief er zur Oberschwester, um Näheres zu erfahren. Er hörte, die Polizei fei verständigt, nach auswärts fei telephoniert worden, man habe aber noch nicht die geringste Meldung über die Entflohene. Bertold, der sich vorher nicht um Anna gekümmert hatte, wäre ihr nun, da sie aus der Welt auszubrechen drohte, am liebsten auf der Stelle nachgestürzt. Aber noch war es Nacht in ihm, und er wußte nicht, wohin er sich wenden sollte. Plötzlich blickte er auf. Vor feinen Augen dehnte sich der zackige Kranz des Gebirges. Er sah ein riesiges Horn in der Ferne aufragen und erinnerte sich, daß Anna bei feinem letzten und einzigen Besuch ihn unter Tränen gebeten hatte, am ersten schönen Tage mit ihr dorthin zu gehen; sie fei mit Hott schon auf jenem Berge gewesen und das wolle sie abbüßen. Abbüßen... Bertold hob die ' Hand vor die Augen, bann deutete er gegen den violetten Berg. Otto verstand ihn. Sie holten Erich und machten eine Wanderung.
Am späten Nachmittag tarnen sie oben an. Otto hatte unterwegs aus einer Alm Milch und Brot geholt. Er aß jetzt und trank mit Erich, da beide völlig erschöpft waren. Bertold war nicht fähig dazu. Er suchte mit den Augen die rissigen Gefälle der Nordwand ab. Er trat an den Rand des Felftns und blickte in die strudelnde Tiefe.
Wirre Worte sprach er in die Tiefe hinunter. Die Sonne ging unter. Otto und Erich schliefen noch. Er kroch an den Rand des Felsens und sah die letzten Sonnenstrahlen verlöschen. Plötzlich schrie er auf. Er hatte gerabe unter ber Platte, auf ber er ftanb, ein Mädchenkleid erblickt. Er schnellte empor und weckte die Freunde. Sie fliegen gemeinsam hinunter und sanden Anna.
Ihr Gesicht war schön. Wenig trockenes Blut war an ihren Augen. 3*)re Hände lagen lässig auf dem Stein. Sie knieten nieder.
Sie entschliefen neben ihr und hörten nur die Rufe ber Tiere und bte Laute ber Nacht. Am Morgen flochten sie eine Bahre unb trugen sie in bie Stabt. Dort würbe sie nach brei Tagen begraben.
Zehntes Kapitel.
Feuer.
Es war Tatsache, baß jetzt Birge öfter in bas verwaiste Nachbarhaus hmuberging. Es war so sehr Tatsache, baß bie Leute sie übertrieben unb schon an einer Hochzeit richteten, über bie bie Beteiligten, Hans unb Birge, noch kein öffentliches Wort verloren hatten. Was Birge in die verödeten Raume trieb, war die große Unordnung, die nach dem Tode des Herrn überall herrschte. Die Knechte unb Mägde regierten ben gutmütigen Hans nach ihrem Belieben. So wären Geschirr unb Gewand verkommen, wenn Birge nicht eingeschritten wäre. Merkwürdigerweise sand sie beim Vater volle Unterstützung.
! Friedrich sah ein, daß mit dem Tode des Nachbarn eine öde Lücke In sein Leben gerissen war. Er hatte niemand mehr, mit dem er ernstlich streiten konnte, und das war lähmend. Man hätte denken können, er werfe jetzt ein Auge auf ben Hof; er werbe ihn völlig verkommen lassen, um dou" vielleicht aufzukausen. Mit bem einfältigen Hans wäre er 3ur Not hanbelseimg geworben; ber hätte sich bei ihm als Knecht ver- btngt, nur um in Birges Nähe sein zu können. Ader bem war nicht so. Friedrichs Rachegedanken waren erloschen. Er stöberte erst mit Neugier, oann mit Lust in ben Gebäulichkeiten bes Nachbarn umher, er kehrte
vom Dachboden bis zum Keller alles um, und wenn Ihm ein Stück durch bie Hünbe ging, bas Matthies oft getragen hatte, ein alter Rock ober ein Gerät, bann schüttelte er ben Kops, brummte etwas unb stellte bann alles an seinen rechten Platz zurück. Als er in Haus, Scheune unb Ställen grünblich Bescheib wußte, träumte er von nichts anberem mehr, als alle biefe Dinge in nützliche Bewegung zu setzen.. Er bachte an eine Auffrischung bes Viehbestanbes, an eine Verbesserung ber landwirtschaft- lichen Maschinen, an Saat unb Ernte. Unb plötzlich hatte er Hans einen guten Rat gegeben, unb nicht viel später schnitt er einem faulen Knecht eine Ohrfeige herunter, so aus heiterem Himmel, baß ber Getroffene vor lauter Erstaunen ben Munb aufriß, als solle jetzt ein neuer Geist in ihn fahren. Diese rounberbare Ohrfeige üerroanbelte ben ganzen Hof. Aus Faultieren würben Ameisen, bie Spinnweben flogen von ben Wänben, unb bas Vieh ließ sich voll Verwunberung striegeln unb bürsten. Jeber spürte, bah roieber ein Herr im Anzug sei, unb Friedrich selbst vernachlässigte lieber seinen eigenen Hof, um ben bes Nachbarn auf bie Höhe zu bringen.
Freilich, ganz ohne Hintergebanken ging biefe Rettung nicht ab. Wenn Friebrich seine Birge so in ber Nachbarküche hantieren sah, wenn er merkte, wie Hans um sie herumstrich unb sich ein wenig vor ihm fürchtete, bann mochte er sich gern als Vater biefer beiben Kinber fühlen, bie ihm fo gehorsam waren. Es freute ihn auch, daß Birge den großen Jungen recht mütterlich behandelte, um fo härter konnte er ihn manchmal, wenn es nottat, anfahren. Wenn ihn Birge dann verteidigte, lachte der hagere Alte und rief: „Ja, nimm ihn nur unter deine Schürze, du gäbst eine gute Mutter für ihn."
Manchmal aber seufzte Birge doch, wenn biefe Zeit ihr auch, verglichen mit ben verflossenen Schrecken, ruhig vorkam. So oft sie an ihr Versprechen buchte, Otto zu schreiben, rieb sie sich bie Hände und schaute ängstlich um, ob ihr niemand beim Denken zusähe. Denn ihre Gedanken kümmerten sich gar nicht um ihren neuen Berus; sie machten mit ihr, was sie wollten. Wenn sie zum Beispiel das Feuer anblies, sah sie Bertolds Gesicht in ben Flammen; paßte sie auf bie Milch auf, baß sie nicht überlaufe, fo flog ihr bas Gespräch mit Otto Wort für Wort durch ben Sinn unb plötzlich hob sich bie weiße Haut ber Milch... Der erste Brief an Otto bestand nur aus fünf Zeilen; sie schrieb, baß sie jetzt „brüben" aushelfen müsse, es gäbe viel zu tun unb sie sehe kein Ende; auch ber Vater packe mit an.. Kurz barauf erfuhr sie ben Tod Annas — nicht burch beren Verroanbte; sie hielten ben Trauerfall fo geheim, daß sie nicht einmal schwarze Kleiber anlegten. Otto teilte ihr alles mit unb versäumte nicht, Bertold in das rechte Licht zu setzen. Zugleick schrieb er an Bertolds Vater. Das waren die einzigen Menschen im Tal, bie wert waren, bie ganze Wahrheit zu hören. Die übrigen nährten sich von ben roilbeften Gerüchten, die Hott insgeheim verbreitete, und bie in seltsamem Gegensatz ftanben zu ben heuchlerisch lädjelnben Gesichtern von Annas Verwandten. Es hieß, Bertolb habe Anna in ben Tob getrieben, unb ber ahnungslose Stubent, ber gar nicht baran dachte, sich vor seiner Heimat zu rechtfertigen, wurde von allen Seiten verurteilt. Der einzige Mensch außer bem Vater unb Birge, ber nicht schlecht von ihm sprach, war Friedrich. Er sagte einmal zu Birge, nachdem er ihr bi« Neuigkeit, bie sie längst wußte, mitgeteilt hatte: „Was ein Mann werden will, darf kein Weib sein." Er meinte damit, Bertold habe recht gehandelt, daß er hart gegen Anna gewesen sei. Birge schwieg zu dieser seltsamen Anerkennung.
Vielleicht hatte Friedrich in diesem Augenblick an Hott gedacht. Der Bursche gefiel ihm immer weniger. Fast täglich kam ein Brief von ihm, in dem er sich nach „seiner" Birge erkundigte. Oester als seine Studien zuliehen, kam er auch selbst über den Sonntag aus der Universitätsstadt gefahren und saß auf dem Berghof herum. Hott hatte eigentlich nur angefangen, sich in Birge zu verlieben, weil er sich vom erften Augenblick an von ihr abgedrängt sah. Sein Zorn, als er nun keineswegs als Schwiegersohn gebührend gefeiert wurde, kannte feine Grenzen. Er hatte sowohl von dem Besuch Ottos erfahren, als auch von der Hilfe, die Birge dem Haus ihres Nachbars angedeihen ließ. Er schwankte eine Zeitlang, welchen von den beiden Nebenbuhlern er nun endgültig treffen wolle. Bleich und abgezehrt hockte er zu Hause und sonn auf Rache. Manchmal in der Nacht floh er ins blinde Feld hinein, lief durch die Walder und kam erst am Morgen erschöpft nach Hause. Es trieb ihn auch in diesen Nächten immer nach Friedrichs Hause auf den Berg. Aber er drang nie weiter vor als zu einem alten Tannenbaum, der hundert Schritte vom Gehöft entfernt stand. Dori blieb er, die Augen in die Oede gebohrt. Eines Tages aber fuhr er in die Stabt zurück. Er schien einen Entschluß gefaßt zu haben.
Es muß hier erzählt werben, baß Birge noch ein anderes Tier außer der Hochzeitskuh besaß, das in alle ihre Geheimnisse eingeweiht und mit der Herrin völlig eins schien. Das war eine schwarz und grau gestreifte Katze, der Birge den Namen Treue gegeben hatte. Treue schlief mit Birge in einem Bett; sie lag am Fuheckde der Decke, halb in ben Feberflaum eingerollt.
Kurz nach ber Abreise Hotts wachte Birge bei halber Nacht plötzlich auf. Treue, bie Katze, knurrte unb ließ ihre Phosphorlichter gegen Birge spielen. Dann miaute sie kläglich unb begehrte hinaus. Birge fleibete sich an, oerrounbert, weil bie Katze bisher nachts immer Ruhe gegeben hatte. Das Tier brückte feinen Rücken an Birges Füße unb brängte sie flagenb bie Treppe hinab auf ben Hof. Kaum ftanb sie in ber frischen Luft, ba sah sie einen Mann aus bem Scheunentor springen. Sie erschrak im ersten Augenblick, dann duckte sie sich gleich der Katze, die mit gesträubtem Rücken den entfernten Eindringling anfauchte. Der Mann schlich im Schutze ber Dunkelheit an ber Mauer entlang und gewann durch die Deffnung des Gevierts das Freie. Er war kaum verschwunden, da dachte Birge, es müsse Bertold gewesen sein. Sie hatte eben von ihm geträumt. Plötzlich aber, als sie sich die Bewegungen des Fremden vorstellte, kam ihr blitzähnlich Hott vor die Augen. Er 'war es gewesen, und kein anderer.
(Fortsetzung folgt.)


