zum Dank mit dem Schwanz wedelte. So wußte ich nun schon, daß diese Gefangenen unsere Feinde seien (und Bubenfeindschaft, Händel kannte ich ja!), ich wußte und fühlte, daß wir sie, wenn sie bös waren, totschießen mußten, wie ich bei Händeln draufschlagen mußte, wenn ich nicht verhauen werden wollte; nun aber waren sie nicht gefährlich, sondern arme Teufel, wie Vater sagte, nun war es natürlich, daß man sie fütterte wie den Hund an der Kette und den Vogel im Käfig.

So war alles, auch das Fremdeste, auf eine neue, wunderbare und doch vertraute Art zugehörig, das Kind war auf einmal in der Welt ganz zu Haufe, weil diese Welt auf einmal viel größer geworden war.

Der seelische Schwung des Krieges, der mich als viereinhalbjährlgen Buben mitnahm, die Wonne des heißen Fragens, Hörens, Nichtver­stehens und Erträumens, des Berichtens, des Helfens, Sichhingebens, Sichmitfreuens, Mitfürchtens, der atembedrängend süße Wirbel des Selbstlebens im selbstlosesten Mitleben, das aufwühlende Glück, zu wollen, wie man aus der fernsten Ferne des Daseins mußte, zu müssen, wie man aus dem reinsten Blutstropfen heraus wollte, ein Plüschen Willen des großen Willensgeheimnisses rundum, dieser erleuchtende Rausch, der aus dem eigenen Blute des Kindes und aus dem geweihten Blute der Schlachten aufgor, erscheint mir nun in der Rückschau als die erste eigentlichste Regung religiösen Lebens.

Hyazinthen.

Von Theodor Storm.

Fern hallt Musik; doch hier ist stille Nacht, Mit Schlummerduft anhauchen mich die Pflanzen; Ich habe immer, immer dein gedacht. Ich möchte schlafen; aber du mußt tanzen.

Es hört nicht auf, es rast ohn Unterlaß;

Die Kerzen brennen und die Geigen schreien. Es teilen und es schließen sich die Reihen, Und alle glühen; aber du bist blaß.

Und du mußt tanzen; fremde Arme schmiegen Sich an dein Herz; o leide nicht Gewalt!

Ich seh dein weißes Kleid vorüberfliegen Und deine leichte, zärtliche Gestalt.

Und süßer strömend quillt der Duft der Nacht Und träumerischer aus dem Kelch der Pflanzen.

Ich habe immer, immer dein gedacht;

Ich möchte schlafen; aber du mußt tanzen.

Untergang der Wildschwäne.

Eine Erzählung von Friedrich Schnack.

Um sechs Uhr abends waren die ersten Wildschwäne auf dem Nia- garasluß heruntergekommen. Anscheinend waren sie von der scharfen Strömung erfaßt und von ihren Standplätzen fortgerissen worden.

Big Sanders, der ein kleines Haus am Ufer fein Eigen nannte, mit einem Anlegeplatz für fein Motorboot, hatte die ersten Schwäne auf dem Wasser gesichtet. Sie wandten unruhig die Köpfe, das Abendlicht des Nachwintertages beglänzte Gefieder und Schnäbel. An die dreißig Schwane mochten es fein. Mißtrauisch auf die eilende Flut hinblickend, murmelte Big: He, nur nicht zu schnell, will ich meinen! Und wohin noch heute Abend?

Da war es auch schon Nacht. Wie verschwimmende Flecken lagen die Schwane im Wasser und glitten rasch dahin. Andere folgten. Warnungs­rufe der Vogel erschallten. Spürten sie das unheimliche Saugen des den Fallen zurasenden Wassers? Ehe Big die Tür seines Hauses öffnete, fchaute er noch einmal auf den Fluß. Ein Scheinwerfer stach in die Finsternis und beleuchtete neue Wildschwäne, die den ersten nachruderten. ~l9 M imeöer ans Ufer. Weit unten schimmerten die Lichter der Brücke. «ln al,er folgte dem Lichtschweif, der stromaufwärts glitt. Ein kleiner Kutter machte sich, wie es Big vorkam, einen Spaß daraus, die Vogel zu blenden und zu beunruhigen. Laßt doch das!, brummte Big, Denn er war ein Vogelsreund und liebte am meisten diese großen Vögel.' Vom Vicht getroffen, tauchten nun immer neue, und mehr aus dem Dunkel.

Dicht aneinandergepackt, wie von Angst zusammengedrängt, schwam- men Die Schwane auf dem Fluß herunter, und es war nicht abzusehen, wie viele ihnen noch nachtrieben, als hätten die Seen im Norden sie ° u "s as9efd?uttet, gleich Schaumkrausen auf Wellen. Der Kutter "ich.' durch, lieber zahllose Vogelbrüste, Hälse und Schnabel zuckte der Scheinwerferstrahl hinweg. Wunderbar sah es ÄfftV foUKn |ie u» k« Winterwasser lärmen, und auch die Ruse der en Gruber.Verrückte Vögel!" meinte jemand neben rnf*o?tesm^?ails wa£.e,n ledoch nicht irre, nur verwirrt und von den ? «V s n b;es Stromes und von den Scheinwerfern in Angst > dumpfes Murmeln klangen ihre Stimmen, Trompeten,chreie X d'"ein. Dann wieder fauchten und zischten sieWarum ffib ex ' nnä y f,r heruberkommen?" sagte der Mann neben Big.

sie können nicht , antwortete der,und wagen es nicht. Haben

Angst vor dem Land. Schlecht zu Fuß. Laßt nur! Wollen sehen, was geschieht!"

Jetzt näherte sich die Dampffähre aus der Richtung des Welland- kanals. Ihre Sirene tutete. Stärkere Scheinwerferaugen durchblitzten die Dunkelheit Von allen Seiten prallten nun Strahlen gegen die Schwäne, ein Kreuzfeuer von Licht. Phantastisch sah das aus, wie unter dem Licht die vielen Vögel lagen. Big gewahrte auch große Eisschollen, die die Vögel umschlossen und bedrängten. Die Klötze schoben die Ge­schwader dicht gegeneinander. Dennoch waren manche aus der Um­klammerung herausgekommen und hatten sich auf die Schollen ge­schwungen. Flügelschlagend, das Gleichgewicht haltend, fuhren sie mit. Andern gelang es, aufzuflattern. Bald aber, von den Lichtern geblendet, gingen sie katschend, wie angeschossen, wieder aufs Wasser nieder. Die Unruhe unter den Vögeln wuchs. Unbestimmte Gefahr drohte ihnen.

Big machte sein Boot los und steuerte gegen die Strommitte. Man muß etwas unternehmen! dachte er. Aber was und dies auf dem großen Strom, daran dachte er zunächst nicht.Wenn die Schwäne bis an die Fälle kommen", rief er den Leuten eines heranschwenkenden Leich­ters zu,sind sie verloren!"Verloren!" scholl es zurück, und Bigs Fahrzeug schoß geradeaus. Er sah die unklaren Vogelgestalten auf der Flut, und wenn ein Scheinwerfer zu ihnen langte, gewahrte er furcht­sam hochgereckte Hälse und glimmende, runde Augen.

Er fuhr zum Wellandkanal. Möglicherweise gelang es ihm, die Schwäne in den Kanaleingang hineinzuscheuchen. Er würde Boote finden, um mit ihrer Hilfe die Schwäne aus dem Fluß abzudrängen. Aber am Wellandkanal sah er, daß die Vorhut der Vögel längst über den Eingang zum Kanal hinausgetrieben und auf dem Strom weiter- gefchwommen war. Sein Boot etwas schräg stellend und mit den Armen heftig winkend, schrie er:Husch! Husch!" Der ungeheure Druck des Wassers schob das Geschwader vorbei. Zwar wehrten sich die Vögel gegen die Trift, es hals ihnen aber nicht viel. Sie hatten kaum Bewegungs­freiheit, so dicht waren sie gepackt. Langsam fuhr der Schisser in ihr Ge­schwader hinein, um die Eisschollen wegzurammen. Im Kielwasser jedoch schloß sich die geteilte Vogelmasse sogleich wieder zu einer einzigen zusammen. Aussichtslos, etwas zu tun! Was wollte er nur? Ein Natur- fchickfal in feinem Sauf aufhalten?

Aber, als er zu feinem Anlegeplatz zurückfuhr, spürte er frischauf­kommenden Wind. Die Natur selber schien ihren schönen Geschöpfen helfen zu wollen. Der Wind stand gegen sie. Mit trompetendem Geschrei begrüßten ihn die Schwäne. Den äußeren Tieren glückte es, auszuslattern. Ihr sausender Flügelfchlag ermunterte und verlockte die noch schwimmen­den Gefährten. Der Wind wurde stärker. Die mäßigen Flieger fielen weiter oben wieder ins Wasser. Es macht nichts, meinte Big, sie können abschnittsweise ihre Rettung versuchen. Andere Schwäne aus dem Unter­wasser stießen herauf, bald waren es viele, eine ganze Menge. Ver­zweiflungsvoll kämpften sie um ihr Leben.

Big kehrte heim. Nach Stunden, ehe er sich schlafen legte, schaute er noch einmal aus dem Fenster auf den Fluß. Der Wind wehte noch kräftig, und die Schwäne flatterten noch immer auf und nieder. Sie hatten sich bereits ein großes Stück heraufgearbeitet. Gott fei Dank! Cs wäre auch zu schade um die vielen, schönen Vögel! Hauptsache, daß sie jetzt ins Userwasser finden und aus der Strömung heraus ... Die ganze Nacht kämpften die Wildschwäne um ihr Leben. Der gute Wind unter­stützte ihre gewaltigen Anstrengungen, die sie von der gefährlichen Nähe der Stromschnellen und Fälle wegbrachten. Aber um vier Uhr früh, als Big noch schlief, legte sich der Wind. Die vielen hundert Schwäne fielen nun wieder in die starke Strömung und wurden erneut in das Unter­wasser sortgerissen. Als der Tag graute, blickte Big wieder »ach den Schwanen aus. Der Fluß war, soweit er ihn überschauen konnte, von den Vögeln leer. Kein Schwan zu sehen. Hatten sie sich schon so weit stromauf gearbeitet und waren gerettet? Oder? ... Nein, er wagte den Gedanken nicht zu Ende zu denken.

Er rannte in die Nachbarschaft in das Verlademagazin einer Eisen- fnbnt, zu telephonieren. Er rief das Kraftwerk an den Fällen an und seinen Freund Fly Gut, den lurbinenmeifter im Werk B.

"Fly, heut nacht waren mehrere Hundert Schwäne auf dem Wasser", rief er in die Muschel.

Sind über die Fälle!" antwortete Fly.

Was sagst du? Fly! Entsetzlich! Die Schwäne ..."

An die dreihundert mögen schon heruntergestürzt fein", gab der Xurbinenmeifter ruhig Auskunft. Er hatte wohl schon häufiger Ünglücks- falle und Naturkatastrophen von seinem Werkfenster aus mitangesehen. Hundertfünfzig Tote", fügte er seinem Bericht hinzu.An den Felsen im Flußbett zerschmettert. Viele Verletzte. Man holt sie heraus. Noch immer stürzen neue herab. Und Eistrümmer dazu. Das schlügt sie tot. He, hort denn das nicht bald auf da oben mit den Vögeln?' Wieviele kommen noch? Zum Heulen ist das!"

. ' fagte Big mit zitternder Stimme, gestern abend waren es an

die fünfhundert ..."

. . "^Ä^stls'ch hast du dich verzählt!" rief Fly und hängte ein, er mußte feine Maschinen bedienen. Beim Drehen der Kurbeln blickte er durchs Fenster auf die turmhoch herabdonnernde Flut, deren Prall das Werk- gebaude erbeben ließ Im weißen, kochenden Gischt wurden schlagende Vogellelber m den Abgrund geschleudert, sie sausten aus der Höhe. Weiße Flügel rasten im niederstürzenden Schaum und Wasserstaub, ausgerenkte, schreckhaft gebogene Schwanenhälse wirbelten in den Güss-m. Bte Soge schlugen auf, im Dampf versanken sie. Der Eishaqel deckte letzte", entsetzten Flug schossen schräg über den brüllenden Fall hinaus in den Raum.

_ 5*9 bückte sich. Das blaue Licht der Betriebskontrolle zuckte auf seiner Schalttafel aus und gab ihm einen Befehl. Er wandte sich vom Fenster ab und führte ihn aus. Als er wieder aufblickte, waren die Schwäne verschwunden.

Verantwortlich; Dr. Hans Thyriat. - Druck und Verlag; Vrühl'fche UniversttätS-Vuch. und Eteindruckerei. R. Lange. Gieße».