ee Ja so weM Geh hin und sage deinem Vater: Er hat die ganzen Jahre keine Zeit gehabt, zu mir zu kommen. Ich habe jetzt, wo es ihm eilt, auch keine Zeit. Hörst du?"
Hans schüttelte sich. Er sprach halb weinend: „Der Vater will ja nur Abschied von Euch nehmen."
Friedrich wollte etwas erwidern, aber während er noch das Wort suchte, tat die Uhr einen Schlag, einen einzigen nur. Da stand Friedrich auf und rückte den Zeiger zurück, denn die Uhr hatte zu früh geschlagen. Dabei sprach er in das Uhrgehäuse hinab: „So schnell geht das nicht.
Da aber konnte sich Birge nicht mehr länger halten. Sie stand langsam auf und sagte zu Hans gewandt, während sie doch „ben Vater meinte: „Wenn Ihr nicht gehen wollt, Vater, dann gehe ich."
Der Vater sah sie von der Seite an: „Du wirst das bleiben lassen."
Aber Birge ging mit festen Schritten auf die Türe zu, öffnete sie und schritt mit Hans stumm in das Sterbehaus hinüber. Da spürte Friedrich, wie die letzte Wärme von seinem Herzen floh. Er verlor nun auch Birge, die Tochter.
Als die beiden Kinder in Matthies' Stube traten, fieberte der Kranke leicht. Er sah das Mädchen und lächelte. Plötzlich aber wurden seine Augen groß. Er fragte nach Friedrich. Weder Hans noch Birge konnten eine Antwort geben. Da hieß er die beiden in den Stall gehen, er wolle einen Augenblick allein fein, um Friedrichs Absage zu verwinden.
Im Stall war es totenstill. Plötzlich erschraken sie, als habe ein Gespenst oder der Tod selbst die Klinke aufgedrückt. Aber während sie nun einen Augenblick lang dachten, beide, das Schicksal habe sich gewendet und Friedrich sei in das Haus gekommen, um dem Sterbenden die Hand zu geben, hörten sie nun, wie einer mühsam die steinerne Treppe hinunterging Sie erschraken noch mehr als vorher. Folgendes aber war geschehen:
Als Matthies die beiden Kinder ohne den erbetenen Friedrich ein- ireten sah, faßte er halb im Fieber den Entschluß, nun selbst zu Friedrich hinüberzugehen und ihn zu holen. Er dachte überhaupt nicht mehr an seinen Tod; er fühlte, er müsse es unter allen Umständen noch richten, daß Hans und Birge vor den Augen Friedrichs sich die Hand gäben und sich damit für das Leben versprächen. Das wollte er noch schaffen, und Friedrich sollte Zeuge sein. So zog er sich mühsam an, warf eine Pferdedecke über die Schultern und machte sich auf den Weg.
Aber Friedrich war wach geblieben. Als er sah, wie Birge sich unaufhaltsam von ihm löste, ging er in die Kammer und lauschte. Er hörte, wie die beiden Kinder im feindlichen Hause verschwanden. Er wartete weiter voll Zorn. Aber da hörte er wieder die Türe gehen und wußte sofort, wer jetzt kam.
Matthies stand keuchend in der Mitte seines Hofes. Er konnte nicht weiter, die Kälte überlief ihn wie körniges Eis. Er hörte, wie die beiden Kinder die Stalltür öffneten. Aber er wollte weiter und hob die Arme, um einen großen Schritt zu tun.
Plötzlich schrien alle drei auf. Die Uhr schlug Mitternacht, und im Hause Friedrichs begann es zu donnern. Sie wußten alle drei, von wannen dieser furchtbare Donner kam. Er rollte im Schritt, im Marsch, im knochenharten Takt gegen den Sterbenden an und schlug seine Arme wie gebrochen herab. Das war die Trommel. Friedrich schlug sie in seiner Kammer dem Feind entgegen.
Hans und Birge hatte schwere Mühe, den Kranken ins Haus zu tragen. Erst nach einer Stunde hatten sie ihn gebettet. Die Trommel rollte die ganze Nacht. Niemand sprach ein Wort. Erst gegen Mittag starb Matthies. Er war nicht mehr zum Wort gekommen mit seinem Wunsch. Als er den letzten Seufzer tat, schwieg die Trommel. Die Tränen in ihren Augen waren wie gefroren. Sie konnte dem lieber« lebenden kein einziges gutes Wort sagen und mußte sich abwenden, als Hans ihr sagte, er werde ihr diese Nacht nie vergessen.
Df), es graute Birge, den Vater zu sehen. Als sie heimkam, sah sie die Geschwister im Sonntagsstaat ängstlich in der Küche stehen. Niemand hatte sich getraut, das Haus zu verlassen und zur Kirche zu gehen; aber niemand ging auch in die Kammer und fiel dem Vater in den Arm, als er am heiligen Morgen noch den Schlägel schwang. Nur Birge ging zu >hm hinein, freilich nur ein Stück, indem sie die Kammertür vor sich auf« fticff, mehr aus Furcht, er könne auch in feinem Zorn gestorben fein, , l4,1?, *^m 3U helfen. Er faß leer, gelb und dürr auf dem Bettrand, ctn Lächeln auf den dünnen Lippen.
Als Matthies begraben wurde, ging Friedrich mit. Er war der letzte im Zuge.
Es dauerte Wochen, ehe der Vater wieder sprach. Birge aber wünschte, fr.,,roa.r,e IiebeT stumm geblieben, denn sein erstes Wort war Hott. Er teilte ihr von nun an den Inhalt aller feiner Briefe mit; Hott schien seine letzte große Hoffnung zu sein. Birge hörte ihn streng an und ging dann immer gemessen an ihre Arbeit. Jeder Gedanke an die Zukunft war ihr wie mit der Schere abgeschnitten.
Auch in der Stadt wurde voller Frühling. Bertolt), in seine Bücher oergraben bereitete sich mit aller Kraft auf die Prüfung vor. Er gebachte danach in die afrikanischen Kolonien zu gehen. Otto und Erich r Birge geschieden habe und daß daher sein
ganzes Unglück komme. Sie berieten oft, wie ihm zu Helsen sei; aber SÄ" wieder, als habe in Dingen der Liebe nur bas
Sie konnte sich bie jähe Berfrembung Prls ?,er.t,otbn’l$i im mmbeften erklären, wie sehr sie auch barüber 'TOcac ffpitii'n Wr.rttn f unb ging ihr überall aus bem
itpHUr .Briese kamen, auch wenn sie bie Anschrift mit ver-
aate fi* nnn ft ’ UnfleofW zurück. Sie wurde schwermütig unb be? m. h 3*9Un9, d 3um Unglück geboren sei. Je voller
9 ch'- "w so großer wurde ihre Scham, daß sie von renhShr! »gestoßen sei. Langsam begann sie zu erkranken. Und während ihre Leute zu Hause ihr ,ede Woche schrieben, wann sie denn nun ba« SchwermiU." “““ m’W nci$,fc f,e i" eine unheil-
Eines Tages kam ein Briefchen von Ihr aus der Nervenklinik. Sie bat Bertold auf einen Augenblick zu sich. Der arme Student erschrak heftig. Erich wurde ernst, als ihm Bertolt) von dem Brief erzählte, riet ihm aber hinzugehen.
„Alles bleibt in dir", sprach er, „mit bem du bich einmal, unb fei es nur in Gebauten, gemischt hast. Davon leben Schicksal und Schult)."
Er fanb Anna in einem großen Saale neben vielen Frauen. Sie lag zu Bett unb meinte, als sie ihn erblickte. Sie roanbte sich ab, als er näher kam, unb vergrub ihren Kopf in ben Kissen. Verlegen ftanb Bertolt) unter ben Neugierigen unb starrte in bie Luft wie ein ungebetener Bräutigam. Plötzlich warf sich bas Mäbchen herum unb fi ,ckte ihm beibe Arme entgegen. Sie streichelte feine Hand unb sagte, nun werbe alles roieber gut. Sie werbe entlassen, fobalb sie gefunb fei... Ihre Reben verwirrten sich, als sie weitersprach. Sie fuhr zusammen, wenn Bertolb auf bie Uhr sah. Er tröstete sie, so gut er konnte, aber bas Wort, auf bas sie wartete, konnte er ihr nicht sagen. Als es Zeit war zu gehen, warf sie sich um feinen Hals unb wollte ihn um keinen Preis lassen. Die Wärter mußten bie Arme ber laut Weinenben von Bertolb lösen.
Wie ein Irrsinniger streifte Bertolb durch die Nacht. Er begriff nicht, was ihm da von neuem widerfuhr. Zum ersten Male seit seiner Jugend meinte er hilflos in diesen Nächten.
Neuntes Kapitel.
Folgen.
Die drei Freunde roaren von ihrer Pfingstwanberung zurückgekom- men. Zum ersten Male hatte Bertolb in einer knospenden Nacht im Walde den beiden von Birge erzählt, und sie hatten mohl verstanden, daß er trotz aller Leugnung mit jeder Faser seines Herzens an ihr hänge. Er hatte die Geschichte nur stückweise unb leichthin so vorgetragen, als sei nun alles aus unb vorbei. Unb ba sich bie Jugenb gern in tragischen Bilbern gefällt, so hatte er geäußert, für ihn fei es besser in ein srem- bes Land zu gehen unb dort ungekannt zu sterben. Vielleicht rooUte Bertolb aus bem Leben gehen! Otto geriet in Angst. Unb obwohl Bertolb gleich nach seinem ©eftänbnis aufsprang und erklärte, er lasse sich von feinem Gram nicht aufzehren, unb überhaupt fei es unerhört, welche Rolle die jungen Mädchen im Leben des heutigen jungen Mannes spielten, als seien Staat und Kirche, Gesellschaft und Bildung keine Ausgaben mehr, nahm Otto jenen Ausbruch der Verzweiflung gewaltig ernst... Er fuhr zwei Tage später, indem er vorgab, feine Eltern zu besuchen, in Bertolds Heimat, um Birges wahren Zustand und ihre Meinung über Bertold zu erfahren.
Der offenherzige schöne Junge gewann sich sofort bas Herz von Bertolds Bater. Denn zu ihm war er zuerst gefahren, in ber klugen lleberlegung, es fei unmöglich, zu Birge vorzubringen, ohne einen Bun« besgenoffen zu haben. Der vergrämte alte Herr wurde warm, als ihm Dotto von Bertolds Erfolgen auf der Universität erzählte, und er fing Feuer, als er von Hotts dummen Streichen erfuhr. Es stellte sich heraus, daß auch er Birge gut leiden mochte, und es machte ihm diebische Freude, ihren Bater einmal mit Borbedacht zu überlisten. Es galt nur, an Birge heranzukommen, ohne daß Friedrich Verdacht schöpfte, Otto fei von Bertold geschickt, denn bann hätte ber Alte jebe Berhanblung sofort abgebrochen.
Es gab nun in jebem Bezirk einen Lehrerverein, besten Vorstand Bertolbs Bater war. Er war über bie Angelegenheiten bes Bereins genau unterrichtet unb stellte bemgemäß folgenben Plan auf: In bem Dorfe, zu bem auch ber Berghof gehörte, würbe ein zweiter Lehrer erwartet. Dieser hatte dem Borftanb bes Lehrervereins seine Ankunft für Sonntag über vierzehn Tage angefagt unb ihn kollegial gebeten, sich nach einer geeigneten Wohnung für ihn umzufehen. Bertolbs Bater war benn auch schon oft in jener ©emeinbe gewesen unb hatte für ben jungen Lehrer, ben noch niemanb im Dorfe gesehen hatte, ein Zimmer gefun« ben, bas als Wohnung gelten konnte. Es war bie gute Stube eines Bauern, ber mit ber ihm zugebachten ftänbigen Einquartierung burchaus nicht einuerftanben war. Er hatte, um feine Bosheit recht zu zeigen, in ber guten Stube eine wahrhaft babylonische Unorbnung angerichtet, hatte Bettbecken, Stühle und Töpfe auf einen Berg geschichtet und bem Borftanb bes Lehrervereins wie auch bem verlegen-verstockten Bürgermeister erklärt, wenn ber neue Lehrer Drbnung haben wollte, fo falle er sie sich selbst schaffen, er rühre keine Hand mehr. Das war vielleicht nicht fo bös gemeint. Bielleicht wäre jener Hausherr eine Stunbe vor Ankunft des neuen Lehrers doch in bie Dberftube hinaufgegangen und hätte mit ben Fingerspitzen unb etlichen Berwünschungen soviel Drbnung gemacht, baß sie zwar wie eine Beleibigung wirkte, aber durch den scheinbar aufgeroanbten guten Willen nicht weiter verfolgbar war.
Aber wie war es nun, wenn ber junge Lehrer acht Tage früher kam? War es bann nicht mehr als natürlich, baß er sich vor bem Chaos entsetzte und nachdrücklich nach einer weiblichen Hand verlangte, bie bas Zimmer sofort aufräume unb wohnlich mache? Kein Mensch würde etwas dahinter finden können, wenn Bertolbs Bater am nächsten Sonntag mit Otto — ber den jungen Lehrer spielen mußte — nach der Messe zu Friedrich ging unb ihn bat, er möge Birge für ein Stünbchen beurlauben, bamit sie das verwahrloste Zimmer richte. Auch Friedrich konnte das nicht weiter verwunderlich finden, daß gerade Birge zu diesem Amt herangezogen wurde. Er hatte im Gemeinderat bie Schaffung einer Zweiten Lehrstelle eifrig betrieben — politische Erregungen taten ihm wohl, indem sie ihn ablenkten — er war also gewissermaßen dem neuen Lehrer schon verpflichtet. Es mußte dem Alten Freude machen, daß Birge ben anberen Mäbchen auch hierin den Rang ablief. Nur ein Punkt blieb bedenklich. Was würden bie Bauern fagen, wenn vierzehn Tage später ber richtige, zweite Lehrer eintraf? Die beiden Berfchworer entschlossen sich, wegen dieser Verlegenheit Otto lieber als Kollegen des jungen Lehrers vorzustellen, ber für seinen Amtsbruder Quartier machen wolle.
(Fortsetzung folgt.)


