Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger

Jahrgang 1935

Montag, den 7. Oktober

Nummer 78

Liebesroman

GESCHICHTE EINER HOCHZEITSREISE

Von Walther von Holländer

Copyright 6y August Scherl S.m.b.tz., Berlin

5. Fortsetzung.

Und das ist gleich lange her. Denn nun fährt sie mit Alfreds Auto in die Kirche, fährt aus ihrem bisherigen Leben hinaus, und alles, was sie hatte, muß Zurückbleiben: das stille Zimmer hier, die Frühmorgen mit den Laubdüften und den Düften von Akazien und Spätlinden (von denen jetzt ein Hauch herüberweht), die Tage in den nickelhellen, glasdurch­sichtigen Operationssälen, mit Gerüchen von Karbol und Aether, Chloro­form und Tupfern, mit den weißen Aerzten und Wärtern, den gelb­weißen Kranken, die mit weit aufgerissenen oder ergebenen Augen an- kommen und, ausgeschnitten, vernäht, mit geschlossenen Augen wachsweih absahren. Und sie muß zurücklassen den Vater, der sich schon nut seinem ganzen Leben den Schatten zuwendet, mit denen er zuweilen nachts redet. (Karla!" rief er neulich, und Barbara spürt jetzt, daß em freudiges Erschrecken in seiner Stimme war, weil er fühlte, daß er der Mutter schon wieder näher gewandert ist.) Und darum läßt sie auch diesen Rauthammer zurück, einen fremden Herrn in einem unbekannten Hotel, einen Mann, der nach einer eingebildeten, imaginären Barbara lagt. Nach einer Barbara, die nicht ein Hochzeitskleid trägt, sondern Schwe­sterntracht, die kein Lebensgesicht hat wie diese Barbara, sondern das Gesicht des Gegenprinzips, ein Todesgesicht. Und läßt zuruck ihre Freum bin Sophie, das teerosenfarbene zarte Geschöpf, Sophie, die unerschöpflich ist in ihrer Liebessähigkeit, groß in ihren Gedanken, stark in ihrer Treue und trotzdem niemals einen Mann sinket ... Zuruck ... zurück. Alles

^Unb^opliie in Barbaras Armen, in das unoergeßbare Spiegelbild lächelnd, Sophie denkt: Ich werde dich gegen diesen Rauthammer ver­teidigen. Ich werde diesem Mann nicht helfen. Kann sein, er ist nicht böse, sondern unglücklich. Wie er eben wieder herrisch m meinem Zimmer saßi Unglaublich! Ging nicht fort. Verlangte, mit herzugehen. W,e er sich das wohl denkt? Vielleicht ist es aber bod) sehr schon, von lemam bein so geliebt zu werden. Sehr schon. Aber es macht wahrscheinlich nicht glücklich. Und laut:Ich will dich aber glücklich haben Barbara

Endlich kommt der Vater herein und sagt:Essind jetzt alle ort- aefabren Kommen Sie, Fräulein Wahnke, letzt sind wir dran. Uno du, Barbara, brauchst alle erst in der Kirche zu begruben. Unten J nur noch Brettwitz, die ja zu Hause bleibt ... und A ^reb natürlich ..^ Barbara steht eine Minute allein und hort Alfred d,e. Treppe lang herauffteiaen. Er pfeift:Nicht mehr zu dir zu gehn, beschloß >cy. Er steht in der Tür. Jetzt im Frack natürlich, mit dem kleinen- My^en- strauß im Knopfloch, den die Brettwitz ihm ebenangeheslet hat^ hätte das vergessen. Er sagt:Na, guten Abend, Chausseur, und ob die gnädige Frau vielleicht heiraten wollten^

Barbara nickt ernst und sagt: Vielen Dank und ager. S.^ doch Herrn Meimberg Sie kommen doch von Herrn Meimberg.

Ä* Sw." ** «*

Hemd nicht zerknittert, qt es kolossales 9 (| b roenn nicht

Menschen auf der Straße, die auf die ivrinat ins Haus, um lachen. Meimberg fetzt seine n bcm Brautstrauß

seinen Zylinder zu holen. Die Brettwiß etrnuE,on La-France- angelaufen (an alles muß man denken), e langstielig sein), und

Rosen (gehört sich auch nicht, Brautrosen müssen langMellg^^ h^,, 1° gehn sie zu ihrem Wagen, und die Leute sag Lichter­undReizend", wie es sem muß. Sie bumm 9 L.' 6ie sprechen

s.e>de. Denn sie haben noch 3roetunb5roan3ig nu <5 der,

über den Onkel Stallmann, über Sophie, uver einen u m

mit dem Spazierstock fuchtelnd, vor dem Auto hin und her tanzt. Sie sprechen darüber, wie weich der Motor schnurrt, wie heiß die Polster sind. Sie sprechen über Monteur Krause II, und so biegen sie in die Joa- chimsthaler Straße ein.

Da hören sie die Kirchenglocken läuten. Barbara bekommt ein irr- finniges Herzklopfen. Es schlägt ihr ein wenig Fieber ins Gesicht. Der Wagen schnurrt schon vm die Kirche. Ein Riesenkinoplakat: Mein Himmel, es ist noch dieselbe Divi, die sie damals vor langer Zeit ... die sie wann? ... die sie gestern durch einen Tränenschleier sah.

Der Wagen steht. Barbara steigt an Alfreds Hand aus. Eine Menge Menschen stehen Spalier, meist neugierige Frauen, aber auch ein paar Männer und ein Dutzend Kinder. Die Brautleute gehn ziemlich langsam die Stufen hinaus. Da heben alle Kinder die Hände auf und werfen Blumen auf die Braut, Tuberosen. Und Barbara sieht erschreckt auf. Tuberosen? Tuberosen liebte ... da ... steht da nicht der merkwürdige Panamahut ... steht da nicht ein hagerer, langer Mann, auf einen Stock gestützt? Sie wendet sich ein wenig um. Aber der Schleier hindert den Blick wie eine Scheuklappe. Dann geht auch schon der erste Sanbstein- pfeiler an ihrem Gesicht vorüber. Die Kirchenkllhle empfangt sie, die feierliche Dämmerung, das Orgelspiel.

Barbara sitzt mit Alfred Meimberg allein ein ganzes Stück vor den anderen Sie sieht die bunten Fenster an, die ein kaltes Ostlicht haben, den großen Christus im langen Gewand, sie sieht den Pastor. Sie hort Gesang, sie hört eine Predigt. Was spricht der Geislliche? Sie weiß es nicht. Sie kann es nicht recht aufnehmen. Sie fleht ihren Mann an, Alfred Meimberg. Er ist ernst und hübsch. Sie sagt leiseJa , und er sagt sehr laut und kräftigJa". Der Trauring geht etwas zu leicht über ihren Finger. Man wird ihn enger machen müssen.

Wieder Orgelspiel. Gemeinsamer Gesang:So nimm denn meine Hände" Es war das Lieblingslied der Mutter. Barbara hat viel in ihrem Leben bei diesem Lied geweint. Heute mag sie es nicht mehr hören. Es ist zuviel. Man kann nicht immerfort gerührt werden. Amen. Amen. Die Trauung ist beendet. Ein paar Gratulanten kommen. Die Kusinen küssen sie, Frau Meimberg küßt sie, Tante Anna küßt, der Onkel Stall­mann küßt (aber er sieht dabei ins Kirchenschiff an Barbara vorbei, als meinte er nicht sie), Dr. Kleesand und Dr. Weppen küssen der gnädigen Frau die Hand. Der Bräutigam, der Mann Alfred Meimberg, küßt nicht.

Endlich kann man gehn. Draußen scheint die Sonne. Die Kinder, tue Blumen geworfen haben, sind nicht mehr da. Die Tuberosen liegen am Boden, verwelkt, zertreten, austzelaugt von der Asphalthitze. Dw Frauen haben ausgeharrt, und es sind ein paar dazugekommen.Süß , Jagt em Mädchen und meint Alfred Meimberg, der in den Wagen steigt, zwei Kusinen als Fracht hinten einlädt und seine Braut wieder nach vorne

Der Tag geht nun schnell. Das Essen marschiert in den Saal. Die Teller klappern. Die Gläser klingen. Dr. Weppen spricht. Sehr juristisch. Sehr komisch. Der Professor spricht. Ganz schnell ein wenig heiser. Professor Stallmann, der Sinologe, der Bruder der Mutter, spricht, mit trockener Stimme. Er spricht von dem chinesischen Geheimnis der gol­denen Blüte, von der Ewigkeit jeden Lebens, das man in sich erlangen Cann und in seinen Kindern. Eine schöne Rede. Aber Barbara fröstelt. Sie denkt: Mandschukuo und das Gegenprinzip des Lebens und daß Rauthammer auf der Jagd nach dem Tode nach ihr jagt.

Sie wird unruhig. Sie spürt, daß Rauthammer unterwegs ist, daß er sich dem Haus nähert. Alle Gäste lachen. Onkel Otto Schreiner spricht, der Nadelfabrikant. Er bringt den Damentoast aus und wünscht sich, vast die Damen doch wenigstens teilweise wieder lange Haare fragen möchten, wodurch sich sein Geschäft in Haarnadeln heben wurde, und daß man überhaupt recht bald in eine gemächlichere Zeit zuruckkehren möge Und es spricht ein Vetter von Alfred Meimberg über die neue Zech und daß es noch nie so schön war zu leben wie jetzt. Man solle nur nicht er­schrecken weil die neue Zeit andere Formen habe als alle anderen. Reden Reden. Man trinkt. Man ißt. Endlich wird das Eis herem- gebracht. Knochenhart. Wohlgeformt, trotz der Hitze kerne Soß^ wie die Brettwitz gefürchtet hat. Der Käse wandert durch den Saab Der Sech Eine kleine Kapelle ist erschienen. Der Tanz fangt an. Und m diesem Augenblick klingelt also Rauthammer draußen. Er fte&t tn seinem Hellen ginwg an der" Pforte. Er wünscht bas Fraulein Barbara M sprechen der ebenso gut die junge Frau Meimberg oder den Professor. Nest, - er wird sich auf keinen Fall abweisen lassen. Er wird nicht

9<%ner Lobndiener, der geöffnet hat, läßt ihn in die Pforte hinein.

Er steht vorn im Garten, regungslos. Er besieht sich prüfend das <äaus ein Haus das sich von den andern, die in lener Zeit m Lidster- Mbe 'erbaut (mb, nicht unterscheibet mit seinen roten Steinen unb bem Balkenwerk bazwischen. Er besieht bie Birke am Eingang, ben Jasmin- buirfi mit ben kleinen grünen Früchten, ben ausgebluhten Flieber mit ben vertrockneten braunen Dolben, Er hört bie Kapelle im Haus, ein