Kleiner Aachigesarig.
Von Ruth Schaumann.
Und da der Tag verglommen. Der erste Stern geschah.
Aus Lieb' sind mir gekommen, Zu lieben sind wir da.
Mond läßt in Wolkenherden Die Welt vorüber drehn. Zu Lieb' sind wir auf Erden, Aus Liebe zu vergehn.
Nacht löscht mit leisem Munde Das Licht der Stunden aus. Lieb' hebt uns aus dem Grund Und führt zur Lieb' nach Hous.
Das Wirtshaus im Spessart.
Von Heinrich Hauser.
An einem dieser grauen Tage, wo die Straßen der Stadt krank aus- schen, wo die Turmspitzen im Himmel verschwinden, wo die Mauern ihre Körperlichkeit verlieren und die Seele der Menschen sich wie mit Spinnenweben umzieht, fuhr der Wagen aus der Stadt heraus.
Wir kamen zuerst durch eine weite Ebene, gerade Landstraßen teilten sie in große Rechtecke. An den Wegrändern wucherten ganze Wälle schwammiger Pilze. Die grauen seidigen Stämme der Buchenwälder sahen aus wie verdichteter Nebel, als hätten die weißen, strähnig ziehenden Schwaden sie kristallisiert und abgesetzt. Aus einem Teppich von rotbraunem Laub wuchsen sie empor; es knisterte im Laub von fallenden Tropfen. Ich stellte mir vor, wie es den Hasen wohl zumute sei, die in den Wäldern lagen, dicht an das wärmende Laub gedrückt, dem erregend-ruhelosen Fall der Regentropfen lauschend, die Dämmerung erwartend.
Dann kamen wir in Berge. Sie hingen schwer unter dem niedrigen Himmel wie Gondeln unter dem Leib eines Luftschiffes. Große, kahle Wälder sogen uns ein; an den Berghängen aufwärts schraubte sich der Wagen, höher und höher, als gäbe es kein Ende. Indes wir fliegen, sank die Dämmerung, Krähenschwärme ruderten über unseren Weg, Häher kreischten tief im Holz, daß die Echos von den Stämmen prallten. Es wurde Nacht. '
Ich kannte nicht das Ziel der Fahrt, ich wußte nur, daß wir im Spessart waren und daß wir das Dorf „Zeitlos" suchten, ein seltsamer Name.
Manchmal prallten die Schweinwerser gegen Fachwerkwände von Bauernhäusern, manchmal blendeten sie in die rötlichen Augen falber Kühe, die man heimtrieb, oder in die grünen Augen einer Katze auf der Mäusejagd. Zuweilen sah man die Höfe am Berghang, dann wieder Schieferdächer beinahe senkrecht unten; in der Tiefe rauschten unsichtbare Bäche.
lieber Holzwege fuhren wir, deren Schlamm an die Scheiben spritzte, in ausgefahrenen Radspuren schwang der Wagen hin und her, dann tastete er vorsichtig über ein Brückchen — ein kleiner Junge lief voran und zeigte den Weg: wir hielten vor einer steinernen Treppe, über uns schwang ein schmiedeeisernes Wirtshausschild, es zeigte einen grünen Ochsen.
Jetzt erschollen laute Rufe, und Schritte dröhnten im Haus und um das Haus herum: eine ganze Schar von Männern in dunkelgrüner Jägertracht brach ein ins Licht der Scheinwerfer.
Ein alter Graubart, dessen Gesicht aber so rot und glänzend war wie ein polierter Jonathan-Apfel, fiel dem Freund um den Hals und küßte ihn auf beide Backen. Es war der Vater, den zu besuchen wir gekommen waren, denn er feierte an diesem Tag den siebzigsten Geburtstag und das vierzigjährige Jubiläum als Förster im Dienst des Grafen F.
Rechts und links untergehakt wurden wir über di« Steinfliesen der Diele in die gute Stube gezogen. Nein, in die Küche durften wir nicht, da wehrte die Wirtin und die beiden hübfchen Töchter mit erhobenen Händen. — Nein, in den Feftfaal durften wir auch nicht, obwohl die herrlichsten Düfte ihm entströmten; das ganze Haus war in die erregendste Geheimniskrämerei gehüllt. . ......
Der kleine Eisenofen der guten Stube glühte, zwei Dackel bellten scharf und giftig als wir eindrangen, aber gleich wurde ein freudiges Gewinsel daraus. Mit ihren beweglichen, langen Leibern, mit ihren tappenden dicken Pfoten kollerten sie um unsere Füße, sprangen an unseren Beinen heraus, streckten die feuchten Nasen in unsere Handteller und fingen freudevoll an unseren Schnürsenkeln zu zerren und zu nagen an. „ . _
Dreißig große, schwere Männer füllten den kleinen Raum zum Bersten an. Niedrig hing die Decke über ihren Köpfen. Die hängende Petroleumlampe schien milde in all die breiten, gesund geröteten Gesichter, mit den lachenden Mündern und den stachlichen Schnurrbärten. Nur sekundenlang lief Ruck um Ruck über jedes Gesicht ein Schatten von Ernst, fast von Verlegenheit — bei der Vorstellung. Dann dröhnten wieder Stimmen und Lachen, daß die Milchglasglocke klirrte.
Da tat die Tür sich einen Spalt weit auf, herein schaute ein faltiges, altes Männergesicht mit listigen, zwickernden Augen unter einem Zylinderhut. Das Männchen stellte sich vor als Ordner der festlichen Veranstaltung, es lüftete höflich den üppig geschweiften Chapeau-Claque und lud zum Essen ein.
In der Gaststube standen die Bänke an den Wänden entlang, wie sich das gehört, und die Tische in Hufeisenform, wie sich das ebenfalls
gehört. Met vem tun Wänden war nichts zu sehen, so dicht umhNkte sie der ganze bunte Rock des Herbstes mit Eichen- und Buchenlaub. Wik stockten in der Tür, es war ein schöner, feierlidjer Anblick. Vor jedem Platz brannte eine Kerze, ihre Flammen machten das Laub schimmern, und die aufsteigende Wärme machte es duften, und der Waldduft vermischte sich mit dem der Speisen. Es war wie Weihnachten.
An der Spitze der Tafel thronte der Jubilar, zu [einer Linken der Festordner und der Sohn, zu seiner Rechten der Patron der Gegend, der Herr der großen Wälder, der Graf mit seiner jungen Frau. Dann folgten die anderen in bunter Reihe, es zeigte sich, daß die alten Jägersleute junge Töchter hatten, sogar mitgebracht hatten in der malerischen Tracht der Gegend.
Die Mägde trugen die Wildsuppe auf; sie war dunkel-rotbraun, klar unter einer schimmelnden Haut von kleinen Augen, stark, um Tote zu beleben; es hatte mehr als ein Reh sein Leben für sie lassen müssen. Sie stimmte ganz andächtig. Dazu gab es ein Bier, wie ich es nie im Leben getrunken habe. Es stammte aus der gräflichen Brauerei und war besonders für diesen großen Tag gebraut, seit Monaten hatte es ihn in feinem Faß erwartet. Es hatte die Farbe von ganz dunklem Honig und einen Schaum wie Elfenbein. Stark war es wie drei Männer, schwer wie eine Sommernacht, bitter und süß zugleich, kalt und frisch wie ein Gebirgsquell — ein unbeschreiblich schönes Bier.
Und nun geschah etwas, was mir als der Beginn einer neuen Sitte in Deutschland erschien: der Bürgermeister des Dörfchens stand auf und sagte mit ein paar Worten, man solle doch bei einem so schönen Fest der Armen gedenken, die keinen Teil hätten an dieser Fröhlichkeit. Kaum hatte er ausgesprochen, da griff schon eines der jungen Mädchen nach dem Zylinderhut, es wanderte reihum und endete beim Ortsgendarm; der bekam den Auftrag, das Ergebnis der Winterhilfe zu übermitteln. Es geschah dies alles ohne Aufhebens, wie selbstverständlich.
Jetzt erst, als der Rehrücken von den Mädchen stolz erhobenen Hauptes aufgetragen wurde, begann das eigentliche Fest.
Der Rehrücken — ja, wer den beschreiben könnte! Das Rehwild oft sich groß und stark in diesen Bergwäldern, es wandert weit, die Böcke erreichen vierzig, fünfzig Pfund Gewicht, die Gehörne sind prachtvoll, stark gekrönt, fast schwarz mit langen, weißen Ecken. Aus diesem Geschlecht also stammten die Rücken, von einer Wirtin mundgerecht gemacht, der sieben Förstereien der Umgebung mit Verehrung anhingen.
Es wurden Reden gehalten. Natürlich wurden Reden gehalten, aber von einer Art, die dem Menschen der Stadt fremd geworden ist. Dem alten Herrn, der feierlich entschlossen den Zylinder auf dem Kopf behielt, als er seines Freundes, des Siebzigjährigen, gedachte, dem zitterte die Stimme und die Tränen liefen ihm die Backen hinunter. Es war unmöglich, sich dem Eindruck zu entziehen, wie die beiden Alten sich in den Armen lagen. Und wie könnte man den Reiz der Szene beschreiben, als drei junge Mädchen in die Höhlung des Hufeisens traten, hochrot vor Lampenfieber ein Gedicht auffagten und bann keck einen Seelenwärmer hervorholten, den sie selbander dem Jubilar gestrickt hatten. Da half gar nichts, er mußte sich des Festrocks entledigen und das Werk gleich anprobieren.
Die Kerzen begannen zu flackern, als die Gäste im Chor und Rund- gefang die Jägerlieder anstimmten, von denen mir nicht viel in der Erinnerung geblieben ist, als ein schneller Rhythmus, eine bewegte Melodie: „Halli-Hallo, wenn's Hüfthorn durch die Büsche schallt, frisch auf zur Jagd im dunkelgrünen Wald — dann Weidmannsheil für mich und meine Freunde."
Der ganz kleine Saal begann zu mögen wie eine Luftschaukel, so kam höher und höher die Stimmung in Schwung. Es kamen die bauchigen Boxbeutelflaschen auf den Tisch und die dicken Bouteillen des Zwetschen- fdjnapfes. Die junge Gräfin hatte ein Schifserklavier hervorgeholt, und nun tanzte man. Lauter wurde die Fröhlichkeit, man sprach von den guten und bösen Zeiten, die man zusammen verlebt hatte, von Jagd und Hund und Wild, von Pacht und Holzpreis und vom Krieg. Cs war tatsächlich unter all diesen so verschiedenen Menschen eine Gemeinschaft da. Das war nichts Neugeschaffenes, sondern die Gemeinschaft bestand von altersher; da hatte an hohen Festen schon immer der Gras neben dem Förster gesessen und der Schultheiß unter feinen Bauern, Orts- genbarmen neben bem Jagbgast.
Der Jubelgreis ergriff mit jeher Hanb eine Flasche unb begann bamit auf ber Tischplatte einen wilden Trommelwirbel; bas steckte an, halb sprangen bie Gläser im Tanz, bie Mädchen schrien; es war wie in den flandrischen Schenken zur Zeit Till Eulenspiegels: „T'is Tied to beewen den Klinkard". Aber das war nur ein kurzer Ausbruch von Urnatur, ein kleiner Vulkan, der sich legte, sobald der Kaffee unb bie Butterbrote kamen.
Zum ersten Male fah ich nach ber Zeit: es war 5 Uhr früh! Ich ging in bie Küche. Da tobte bie Arbeit wie eine Schlacht. Unaufhörlich wurden Gläser gespült; Korken sprangen knallend aus Flaschenhälsen, Geschirr mußte gewaschen werden, immer neue Kannen Kaffee wurden gekocht, Brote geschnittten, geschmiert, belegt unb Aschenbecher geleert und wieder auf den Tisch gebracht. Ohne Pause schafften bie Frauen, wie Mütter umsorgten sie bie Männer, bie doch fast alle älter waren, nur eine ganz leise Ironie lag in ihren Blicken. „Wann sie schlafen gingen?" — Gar nicht; sie arbeiteten durch.
Ob wohl bie Jäger jemals schlafen gingen? — Heimlich, ganz heimlich würben bie ersten nicht ohne Hilfe zu Bett gebracht. Das schafften bie jungen Mädchen, die noch ganz frisch unb munter waren. Sie for- berten einfach ben roeinmüben Vatersfreund zum Tanz — wie hätte er nein sagen können —, unb bann walzten sie ihn sanft, aber resolut zur Tür hinaus. Und ehe er wußte, wie ihm geschah, ba lag er auch schon fest verstaut im Bett. Selten habe ich weibliche List so triumphie- renb siegen sehen.
Es lichteten sich bie Reihen. Da lag mancher auf ber schmalen Bank, von forgenben Freunden mit einer Burg von Stühlen umstellt, damit er nicht herunterfiele. Andere taumelten Arm in Arm zum Kuhstall, wo es warm war, denn nicht für alle waren Betten ba. Eine nach ber


